„Die Kinder sind nicht hier um etwas zu lernen, sondern um beaufsichtigt zu werden!“
(Aussage einer Schulleiterin mir gegenüber)

Vielleicht bin ich altmodisch. Weil ich allerneueste pädagogische Erkenntnisse hinterfrage. Warum tue ich das? Kids heute glänzen m. E. nicht selten durch hochnäsige Dämlichkeit, obgleich sie lt. ihrer Eltern alle kleine Albert Einsteins oder Stephen Hawkings sind. Nur sage ich mir, dass doch wohl etwas grundsätzlich falsch laufen muss, wenn so ein Möchtegern-Einstein in der achten Klasse noch nicht flüssig lesen kann oder wenn der Möchtegern-Hawking zum Abitur die Bruchrechnung nicht beherrscht. Früher war das nämlich anders! Und dennoch haben wir auch früher u. d. h. eben nicht gemäß den allerneuesten, pädagogischen Erkenntnissen, auch etwas gelernt. Vielleicht sogar (viel) mehr als heute. Im Kindergarten wurden uns Buchstaben, Wörter, der Zahlenraum von null bis neun sowie einfache Plusminus-Rechnung nahe gebracht. Anschließend ging’s in die Schule. Über die damaligen Schulfächer geben meine Zeugnisse Auskunft. Da gab es:

Klasse 1: Verhalten in der Schule, Beteiligung am Unterricht, fachliche Mitarbeit
Klasse 2: Lesen & Vortrag, Rechtschreibung, Rechnen, Musik & Kunst, Schreiben
Klasse 3: Lesen & Vortrag, Rechtschreibung, Rechnen, Musik & Kunst, Schreiben, Heimatkunde, Sport
Klasse 4: Lesen & Vortrag, Rechtschreibung, Rechnen, Musik & Kunst, Schreiben, Heimatkunde, Sport, Aufsatz

Das war die Grundschule. Zum Eintritt in die Grundschule lagen die seitens des Kindergartens gelegten Grundlagen bereits vor, so dass gleich mit den m. E. wesentlichen Sachen begonnen werden konnte, nämlich korrekter Rechtschreibung, flüssigem Lesen sowie dem Umgang mit den vier Grundrechenarten. Besondere Aufmerksamkeit kommt dabei den Fächern Musik & Kunst, Heimatkunde sowie Sport zu. Denn besagte Fächer waren oftmals mit Aktivitäten außerhalb des Klassenraumes verbunden, also mit Ausflügen, Wanderungen usw. Sport bspw. bedeutete eben nicht nur Hallenfußball oder schnöden Völkerball, sondern eben auch Klettern, Wandern, einmal sogar Schießen usw. Bei den Außenaktivitäten war Nachdenken gefragt und das Nachdenken fördert das Verstehen. So vorbereitet folgten dann die u. U. weiterführenden Schulen. In Realschule und Gymnasium waren das:

Klasse 5: Deutsch, Erdkunde, Englisch, Mathematik, Musik, Kunst, Werken, Sport
Klasse 6: Deutsch, Erdkunde, Englisch, Mathematik, Musik, Kunst, Werken, Sport, Biologie, Geschichte
Klasse 7: Deutsch, Erdkunde, Englisch, Mathematik, Musik, Kunst, Sport, Biologie, Geschichte, Französisch
Klasse 8: Deutsch, Erdkunde, Englisch, Mathematik, Musik, Sport, Biologie, Geschichte, Französisch, Physik, Chemie
Klasse 9: Deutsch, Erdkunde, Englisch, Mathematik, Musik, Sport, Biologie, Geschichte, Französisch, Physik, Chemie, Kunst
Klasse 10: Deutsch, Erdkunde, Englisch, Mathematik, Musik, Sport, Biologie, Geschichte, Französisch, Physik, Chemie, Kunst, Politik & Gemeinschaftskunde

Belassen wir es bei dem Sekundarabschluss I, auch Realschulabschluss oder Mittlere Reife genannt, denn die weitere Schullaufbahn tut nichts mehr zur Sache. Ganz im Gegensatz zur vorausgegangenen Grundschule war diese Art des Unterrichts durch Fachlehrkräfte und Theorie geprägt, was das Verstehen des Lehrstoffes in den Hintergrund drängte und den Schwerpunkt auf das bloße (stupide) Auswendiglernen von Fakten legte. Sicher, es gab dabei vereinzelt auch rühmliche Ausnahmen wie bspw. die Kombinationen aus Physik und Englisch, Erdkunde und Geschichte oder Deutsch und Biologie. Aber diesbezüglich blieb es bei den Ausnahmen. Nicht, weil die dem Lernverständnis entgegen gestanden hätten (ganz im Gegenteil sogar, wie ich vermute), sondern weil es offensichtlich derbe Probleme bei der Benotung gab. So konnte bspw. ein chemischer Versuch perfekt schriftlich beschrieben werden, so eine Beschreibung rein fachlich aber den größten Murks beinhalten – und für ein und die gleiche Arbeit in Deutsch ’ne 1 und in Chemie ’ne 6 zu vergeben machte sich nicht wirklich gut, denn so etwas erforderte immer Begründungen seitens der beteiligten (Fach-) Lehrkräfte – vor allem aber zwang es die, eng zusammen arbeiten zu müssen. Was natürlich nicht läuft, wenn jeder sein eigenes Ding durchziehen will.

Dennoch: Man lernte etwas dabei! Spätestens in der sechsten oder siebten Klasse „saß“ die korrekte Rechtschreibung. Nach der siebten Klasse wusste man mit Bruchrechnung umzugehen und am Ende von Klasse zehn hatte man zumindest eine rudimentäre Vorstellung von Logarithmen, Wurzelrechnung, Exponentialfunktionen und zwei Gleichungen mit zwei Unbekannten. Man erahnte zumindest die Zusammenhänge zwischen Mathematik und Physik und in der Chemie wusste man, was es mit allgemeiner und anorganischer Chemie, organischer Chemie sowie dem Periodensystem der Elemente auf sich hat, auch waren erste Schritte in Bezug auf Mathematik und Chemie (Stichwort chemisches Fachrechnen) unternommen worden. Woran es allerdings deutlich mangelte, war das Verständnis für Zusammenhänge, also bspw. der Überschneidungsbereich zwischen Geschichte, Politik & Gemeinschaftskunde sowie Biologie im weitesten Sinne. Dem stand das bevorzugte Fachidiotentum gegenüber.

Wenn ich mir heute ansehe, was davon übrig geblieben ist, dann graust es mich! Am Ende der Realschulausbildung haben die Kids bestenfalls mal vage was von chemischen Elementen gehört und im allergünstigsten Falle eine doch eher sehr nebulöse Vorstellung davon. Grundlegende Schaltungen der Elektrotechnik (Reihen- und Parallelschaltung) überfordern die meisten Schüler. Musik und Kunst interessieren keinen mehr – bestenfalls noch in Form von verblödenden Castingshows – und die Schreibweise der deutschen Sprache ist schlichtweg verkommen, so frei nach dem Motto „ich weiß ja was es bedeuten soll„. Muss das wirklich so sein? Bin ich altmodisch, wenn ich mir das alte Bildungssystem zumindest teilweise zurückwünsche, damit die Kids wirklich was lernen können? Teilweise deswegen, weil auf Teufel komm‘ raus durchgezogener Frontalunterricht ebensowenig wie hemmungslose Digitalisierung der Weisheit letzter Schluss sein können.

Das oben angeführte, alte Bildungssystem war alles andere als ideal. Ich habe es gehasst! Aber ich halte es für (wesentlich) effektiver als heute. Warum also traut sich kein einziger Bildungspolitiker, mal wieder in früheren Zeiten anzusetzen und da was Neues draus zu machen? Wie könnte das Neue aussehen? In der Biologie wird sich mit dem Brutverhalten von Vögeln befasst. In der Mathematik werden die Holzteile berechnet. Im Werkunterricht baut man die Nistkästen zusammen. Und der Sportunterricht wird dazu genutzt, die Dinger draußen im Gelände aufzuhängen. Das wäre fachübergreifender Unterricht, aber nach altem Muster. D. h. der fördert nicht nur das Lernen an sich, sondern gerade auch das Begreifen von Zusammenhängen. Könnte man ja machen. Wenn man nur wollte. Wenn man mitdenkende Bürger haben will. Wenn man stattdessen aber nur blödiges, leicht lenk- und manipulierbares Stimmvieh braucht, dann ist eine Bildung, die das Begreifen von Zusammenhängen fördert, selbstverständlich reines Gift für gewisse Herrschaften ganz oben. Gift, welches es unbedingt zu vermeiden gilt und weswegen man auch in dem Kontext gleich noch das Homeschooling unter Strafe stellt. Wäre ja noch schöner und nicht auszudenken, wenn dabei plötzlich hinterfragende und mitdenkende Untertanen bei rauskämen: Geht gar nicht, denn solche Menschen wären ja keine Untertanen mehr! Die könnten einer selbsternannten Herkunfts-„Elite“, die gerne doof wie hundert Meter Feldweg sein kann, ja mit ihrem Wissen gefährlich werden.

Aber lassen wir diesen Hauptgrund, der gegen Bildung spricht, mal beiseite. Wie könnte eine Schule, in der unser Nachwuchs wirklich etwas lernt, sonst noch aussehen? Auf die interdisziplinäre Zusammenarbeit im Unterricht wurde bereits hingewiesen. In Bezug auf die Grundschule halte ich das alte, o. e. Muster für durchaus bewährt und somit brauchbar. Und danach? Wie geht’s dann weiter? Nicht jeder Schüler bringt die gleichen intellektuellen Voraussetzungen für jede Art von Bildung mit. Einige sind Spätentwickler oder Legastheniker; die gilt es frühzeitig zu fördern. Andere sind hochbegabt; die haben im regulären Schulbetrieb nichts zu suchen, weil der sie nur zu Tode langweilt. An die Grundschule müsste sich also eine Art von altersangepasstem Intelligenztest anschließen (der NICHT seitens der Lehrkräfte durchzuführen wäre), um herauszufinden, wer das Zeug für welche Form von weitergehender Bildung bzw. Förderung hat.

Ich stelle mir das dann so vor, dass bis etwa zur achten Klasse allen die Möglichkeit geboten wird, ergänzend zu einem gewissen Basisunterricht noch weiterführende Kurse zu belegen, in denen u. a. Teamwork u. d. h. soziale Kompetenz gefragt ist (bspw. in Form von Arbeitsgruppen). Die Strukturierung solcher Kurse sowie die dort erbrachten Leistungen könnten den Weg zu weitergehender Bildung öffnen, also bspw. keine Kurse und Ende der neunten Klasse entspricht Hauptschulabschluss, Kurse mit mäßigem Erfolg und Ende der zehnten Klasse entspricht Realschulabschluss und Kurse mit gutem Erfolg sowie Abitur entspricht dem gymnasialen Abschluss. Dann hätte man nämlich einerseits das Verstehen fördernden fachübergreifenden Unterricht, andererseits echte Chancengleichheit und nicht zuletzt verständige Menschen, denen ein Miteinander durchaus geläufig ist. Könnte man machen – die Kombination von Altbewährtem mit erfolgversprechendem Neuem. Aber wer will das schon? BTW: Das sagt einer, der selbst lange genug die Schulbank drückte, bei zwei Kindern die gröbsten Schnitzer unseres Schulsystems erfolgreich zuhause auabügeln musste, der Dozent gewesen ist und der selbst neun Jahre lang als Aushilfslehrer tätig war – bis er angesichts des grottigen Bildungsstandes unseres Nachwuchses resigniert das Handtuch geworfen hat!