Schwiegervater, 86 Jahre alt, Pflegegrad 2. Hält Körperpflege für eine Zumutung (muss spätestens alle vier Wochen gegen seinen Willen zwangsgeduscht werden um die Verwendung einer Atemschutzmaske zu vermeiden), ist unselbständig wie ein Dreijähriger in seiner Trotzphase, schwer gehbehindert, mitunter inkontinent und kultiviert einen geradezu extremen Altersstarrsinn, so dass die Nachbarn ihn als (O-Ton) „Stinkstiefel“ bezeichnen. Ist aber ansonsten noch halbwegs klar im Kopf, gleicht das jedoch durch seine unaussprechliche Sturheit wieder mehr als aus. Eigentlich müsste es ein höherer Pflegegrad sein, aber er sträubt sich mit Händen Füßen gegen die MDK-Begutachtung bzw. sträubte sich gegen den Widerspruch gegen die m. E. ganz offensichtlich aus Kostengründen beabsichtigt zu niedrig vorgenommene Einstufung: „Die sollen mich alle in Ruhe lassen!“ Er ist der gesetzliche Vormund seiner geistig behinderten Tochter, welche noch zwei gesunde Schwestern hat. Eine davon ist meine Frau.

Schwiegermutter, 80 Jahre alt, schwer dement, Pflegegrad 3. Keinerlei örtliche oder zeitliche Orientierung mehr. Steht irgendwann im Tagesverlauf auf, trägt immer ihre seit vier Wochen schon vollgekleckerten Klamotten, pendelt nur noch zwischen Sofa, Küche und Bett, verlässt die Wohnung so gut wie gar nicht mehr, ernährt sich vorwiegend von Wassersuppe und Brot und wiegt mangels Bewegung zwei Zentner. Seit gut vier Jahren macht sie das jetzt so. Was man ihr sagt hat sie nach allerspätestens drei Minuten schon wieder komplett vergessen. Was man ihr hilft auch. Hingegen schafft sie es, das, was vor zwanzig oder dreißig Jahren passiert ist, total und völlig glaubhaft als „gerade gestern erst“ rüber zu bringen. Wer sie nicht kennt fällt darauf rein. Sie zeichnet sich durch eine ausgesprochene verbale Aggressivität aus und ihre „Urschreitherapie“ hört man auch auf der Straße. Immer dann, wenn sie ihren Willen nicht sofort bekommt, brüllt sie umgehend lautstark rum.

Die geistig schwerst behinderte Schwägerin, lt. Attest grenzdebil und selbst lebensunfähig, Pflegegrad 4, aufgrund von bleibendem Hirnschaden durch Masern im Kleinkindalter. Sie ist jetzt 58 Jahre alt, wiegt auch knapp zwei Zentner, ist unsauber bis zum Abwinken, wehrt sich massiv-aggressiv gegen jegliche Körperpflege und zeichnet sich durch ein sich immer wiederholendes, periodisches Verhalten aus: Zuerst ist ein paar Tage lang Ruhe und es staut sich etwas in ihr auf. Das kompensiert sie tagelang mit völlig irrationalen Handlungen (Müll und Kot verteilen bzw. verschmieren, Essenreste auf’s Bett schütten, Kühlschrankinhalte im Haus verteilen usw., wobei die Folgenbeseitigung sehr viel zeitintensive Arbeit macht) und Unsauberkeit (Koten und Einpinkeln!). Die irrationalen Handlungen nehmen zu und werden immer mehr von Drohgebärden gegen alles und jeden begleitet. Zuletzt kommt es zu einem oder mehreren, übergangs- und anlasslosen Aggro-Anfällen gegen diejenigen, die sich gerade in ihrer Nähe befinden. Das bedeutet: Kratzen (gerne auf die Pulsadern abzielend), Beißen, Treten, Schlagen (gerne mit den Fäusten und gerne mit voller Kraft), Kneifen (was eigentlich der falsche Ausdruck ist, denn sie versucht, einem Fleischstücke aus dem Körper zu reißen – schwarze Gewebsnekrosen garantiert und Thrombosen vorprogrammiert) und Stechen (mit allem was gerade greifbar ist, also Messer, Schere, Gabel, Mistforke, Grabegabel usw.). Man könnte sie medikamentös ruhig stellen, doch das wird seitens ihres Vormunds (Schwiegervater, vgl. oben) vehement boykottiert. Sie verlässt das Haus ebensowenig wie ihre Eltern.

Alle haben die gleiche Kranken- und Pflegekasse. Die sind nachweislich mehrfach schriftlich über diese Zustände in Kenntnis gesetzt worden, ignorieren das aber geflissentlich, vermutlich aus Kostengründen. Für diese drei Pflegefälle stehen zwei berufstätige Personen zur Verfügung: Meine Frau und ich. Tag für Tag und Nacht für Nacht. Meine Frau wäscht und putzt und putz und wäscht und ist mittlerweile schon viermal zusammengeklappt, weil sie sich aufopfert. Aber es handelt sich ja um ihre Eltern und um ihre Schwester und deswegen … Und ich hab’s einfach nur noch satt, und zwar sowas von … Letztes Weihnachten und Silvester waren der absolute Hit. Am Heiligabend Essen für deren eingeladene Gäste zubereiten und deren Dreckloch bis spät in die Nacht hinein auf Hochglanz polieren. Silvester stundenlang die von Schlafzimmer über Flur und Küche bis ins Bad verteilte Scheiße von Schwiegervater beseitigen, weil er Pants mit der Begründung, dass so etwas nur was für Babys wäre, ablehnt. Bis in die frühen Morgenstunden hinein.

Draußen kann schönster Sonnenschein und bestes Frühlingswetter sein. Die drei Figuren sitzen nur den ganzen Tag über bei runtergelassenen Jalousien in ihrem selbstverursachten, nachtschwarzen Dreckloch rum und warten darauf, dass der Tag zu Ende geht. Nachts kann man dann ganz selbstverständlich Erste Hilfe leisten, weil sich Schwiegermutter oder Schwiegervater mal wieder auf die Fresse gelegt haben oder von ihrer geistig behinderten Tochter angegriffen worden sind. Bei der Erste-Hilfe-Leistung muss man selbst dann auch noch die Angriffe besagter Person abwehren und das Verbandsmaterial selbst mitbringen, weil denen dazu bestenfalls ein versiffter Wischlappen quasi als Letzte Hilfe (da Infektion vorprogrammiert) einfällt. Und wenn man von außen nichts sehen kann, dann kann es ja auch nicht so schlimm sein; der sich ständig wiederholende Knochenbruch ist sicherlich nur eingebildet und die Pflegepersonen haben ja nun wirklich den ganzen Tag über nichts besseres zu tun, als von Arzt zu Krankenhaus zu Wohnung zu Reha usw. zu kutschen. Liegt ja alles gleich um die Ecke, auch wenn das Krankenhaus 30km und die Reha 200km entfernt sind: Zum Kotzen, einfach nur noch zum Kotzen!

Da sind die Tabletten, die Schwiegervater regelmäßig dreimal täglich einzunehmen hat: Wegen seines arrythmischen Herzens, die Blutverdünner, das Mittel gegen Altersdiabetes und das Mittel für seine Probleme mit dem Urogenitaltrakt. Immer muss man dahinter stehen und ihn in den Ar… treten, damit er das einnimmt – was er selbstverständlich nicht will. Denn (O-Ton): „Die Tabletten sind ja nicht rot. Nur die Roten helfen!“ Der Hausarzt macht sich die Sache einfach: „Messen Sie jeden zweiten Tag bei Ihrem Schwiegervater den Blutdruck, kontrollieren Sie sein Gewicht und bereiten Sie das grafisch auf, so dass ich es mir ansehen kann!“ Nein, verflucht nochmal. Ich habe keinen Bock mehr auf den Scheiß, zumal Schwiegervater das sowieso torpediert und es jedes einzelne Mal in eine absolut sinnlose Diskussion ausartet. Das tue ich mir bestenfalls noch einmal wöchentlich an! Ich helfe gerne. Aber die Hilfe muss auch akzeptiert werden. Man kann Leuten nicht gegen ihren Willen helfen!

Drei Pflegefälle: Das wären zusammengerechnet Pflegeleistungen i. H. v. beinahe 3.600€ monatlich. Wenn man denn bereit wäre, Pflegeleistungen in Anspruch zu nehmen. Ist man aber nicht. Stattdessen kommen Monat für Monat knapp 1.600€ an Pflegegeld. Davon könnte man spielend eine Haushaltshilfe auf Minijob-Basis finanzieren. Will man aber nicht – O-Ton Schwiegervater: „Die schicken uns Polen – die klauen! Oder sogar Schwarze. Die wollen wir hier im Haus nicht haben!“ Es lebe das vernagelte, rassistische Vorurteil! Stattdessen können sich die Pflegepersonen tagein, tagaus den Arsch aufreißen. Danke wird dabei nie gesagt. Bloß gefordert und gemeckert, wenn’s mal nicht gleich-sofort-umgehend-AufDerStelleAberPronto erledigt wird: „Ihr macht ja nie was!“ Die sehen die Arbeit nicht, wollen die auch gar nicht sehen. Die wollen bloß ’ne 24h-Rundumversorgung haben und wie man das bewerkstelligt überschreitet deren geistigen Horizont.

Meiner anderen Schwägerin war etwas gelungen, woran ich selbst gescheitert bin, nämlich einen Betreuungsplatz für die behinderte Schwägerin zu finden. Eigentlich war das alles schon unter Dach und Fach … – eigentlich! Doch dann stellte sich Schwiegervater in seiner Funktion als Vormund quer. Meine das Ganze anleiernde Schwägerin zog daraufhin die einzig sinnvolle Konsequenz aus der Sache: „Es reicht, wenn ich mich einmal zum Vollhorst gemacht habe – ich bin raus aus dem Spiel!“ Kann ich ihr nicht verübeln. Ich hab’s auch absolut satt. Erst viel später stellte sich raus, warum Schwiegervater das abgelehnt hat. Nämlich aus Angst vor seiner behinderten Tochter. Die müsste morgens angezogen und zur Behinderteneinrichtung gefahren werden. Mit dem Anziehen geht’s aber schon los: Aggroanfälle pur! Und da er es vehement ablehnt, sie medikamentös ruhig stellen zu lassen … Anders ausgedrückt: Weil er als gehbehindeter Strich in der Landschaft den zwei Zentnern irrem Kampfgewicht nichts entgegen zu setzen hat, lässt er sich lieber von ihr tyrannisieren. Das betrachtet er als kleineres Übel. Übrigens war ich beim Anziehen von ihr auch schon häufiger beteiligt: Ihren Kopf zwischen meine Unterschenkel geklemmt und darauf achtend, dass sie mich nicht ins Bein beißt, dabei ihre Hände mit aller Kraft festhaltend, während eine zweite Person ihr die Kleidung anlegt. Irre entwickeln ungeahnte Kräfte. Die verspüren auch keinen Schmerz.

Ein Dauerstreitpunkt ist das Essen. Spricht man mit denen ab, dass man für die mitkocht, dann hat Schwiegermutter das umgehend vergessen. Bringt man denen das Essen, dann sitzt sie schon am Tisch und ernährt sich von Wassersuppe mit Brot und weist vernünftiges Essen zurück. Dann hat man Berge, die man nach drei Tagen draufrummümmeln lieber wegschmeißt; kostet ja auch alles kein Geld nicht wahr? Oder sie bestellt sich Essen auf Rädern. Vergisst das aber und bestellt nochmal. Dann werden bei denen Unmengen Alufraß angeliefert – der sowieso ungenießbar ist – und der Plunder wandert letztlich in den Müll. Oder man kocht für die eben nicht. Dann wird so gegen zwölf Uhr mittags Sturm geklingelt: „Habt ihr was zu Essen?“ Nein – und es sind wieder Wassersuppe mit Brot angesagt. Bevor man aber selbst essen kann, muss die Klingel repariert werden. Weil kein Klingeltaster es aushält, regelmäßig von zwei Zentnern Lebendgewicht ins Mauerwerk gequetscht zu werden. Aber das sehen die Pflegefälle nicht.

Überhaupt, das leidige Hinterherreparieren: Es vergeht keine Woche, in der das nicht mindestens einmal der Fall ist. Da hat ’ne Schrankschublade blockiert, weil irgendwas darin sich quergestellt hat. Dann wird eben mit aller Kraft so lange an der Schublade rumgerissen, bis der Griff oder die Blende oder beides abgerissen ist bzw. sind. Da wird so lange vollkommen hirnlos an der Jalousie rumgezerrt, bis gar nichts mehr geht und der Tischler ran muss. Da wird die Küchenspüle durch den Versuch, Kartoffelschalen und vergammelte Nudeln darin runter zu spülen, total verstopft und man hat hinterher seine liebe Mühe mit der künstlerisch sicherlich wertvollen 1.000-Teile-Puzzle-Verrohrung darunter. Oder beim Fernseher sind sämtliche Sender ganz „von alleine“ verstellt worden und man hat die Scheißkiste neu zu programmieren. So vergehen Stunden, immer und immer wieder. Stunden zwischen der Früh- und der Spätschicht. Im Fahrdienst mache ich zwangsläufig beide. Wenn ich von der Frühschicht komme, dann stehen die gerade erst auf. Wenn ich zur Spätschicht gehe, ann haben die sich gerade für ihr stundenlanges Nachmittagsnickerchen hingelegt. Wieder zurück muss man sich von den ignorantn Spacken dann sagen lassen: „Du arbeitest ja gar nicht! Du tust ja so als ob du im Urlaub wärst!“

Überhaupt, Uraub: Einmal jährlich für wenigstens eine Woche müssen meine Frau und ich aus dem Kindergarten im Affenhaus raus. Sonst drehen wir ab! Dieses Jahr sieht’s damit allerdings schlecht aus. Denn ohne Betreuung geht bei den Pflegefällen nicht. Dann finden wir mit einer Fifty-Fifty-Chance bei der Rückkehr Tote oder Verletzte vor. Wir haben es in den letzten Jahren schon immer so gehandhabt, dass wir notfalls im Fall der Fälle binnen weniger Stunden wieder zuhause sein konnten und uns ganz an den Pflegefällen ausgerichtet. Da gab’s auch immer mal jemanden, der sich um die gekümmert hat. Doch alle, die dafür infrage kommen, sind so nach und nach von denen mehr oder weniger vergrault worden und jetzt ist keiner mehr bereit dazu. Es dürfte wohl darauf hinauslaufen, dass wir wieder superkurzfristig irgendwas hier in der relativen Nähe buchen und dass wir die dann diesesmal ihrem Schicksal werden überlassen müssen!

Heute war auch wieder extrem nervig – wie an jedem Freitag, wie jedesmal, wenn es um die Wocheneinkäufe geht. Ich wartete extra bis nach 10:00 Uhr, bis die Pflegefälle sich wirklich mal dazu bequemten, endlich aufzustehen. Auf meine Frage hin, was die brauchen, erhielt ich als Antwort: „Nein …, weiß nicht … – wir brauchen nichts!“ Ergo erledigte ich die Einkäufe für unseren Haushalt. Die Pflegefälle guckten zu, wie ich die Sachen aus dem Auto auslud. Wie ich das Auto in die Garage fuhr und die verschloss. Wieder im Haus folgte dann, dass ich (O-Ton) „umgehend sofort nochmal losfahren und denen Getränke holen muss, damit die nicht verdursten“. Dabei hatten die noch jede Menge davon im Keller. Als ich das mit Hinweis auf unseren eigenen Haushalt ablehnte und auf den Nachmittag verschob, da wurde deren Erwiderung schon richtig lautstark-beleidigend. Es reicht wirklich! Nachmittags bin ich dann nochmal stundenlang für die losgegurkt.

Ich bin’s leid, echt jetzt! Ich habe meine Pflegeleistungen bei denen auf mittlerweile nur noch zwei bis drei Stunden täglich runtergefahren und dabei wird’s auch bleiben – und wenn die im eigenen Dreck ersticken! Vielleicht haben die ja vorher einen lichten Moment und lenken ein, so von wegen Haushaltshilfe und so. Einmal hat das mit dem Einlenken schon funktioniert. Da habe ich Schwiegermutter drei Tage hintereinander weg lang ganz bewusst hängen lassen. Danach sah sie ein, dass sie allein so nicht weiter kommt. Vielleicht klappt das ja nochmal. Übrigens: Entmündigung ist absolut keine Option. Ich weiß aus sehr zuverlässiger Quelle, wie lange sich so etwas per Gericht hinziehen kann und dass man von der Seite keinerlei Hilfe zu erwarten hat. Beim Alter der Pflegefälle könnte da Mutter Natur durchaus schneller sein. Traurig aber wahr … So, das musste mal raus!