Rund zehn Jahre liegt die letzte Weltwirtschaftskrise jetzt zurück. Offiziell haben wir deren Folgen hervorragend gemeistert. Die halbe Welt bestaunt das deutsche Beschäftigungswunder. Wenn man den Statistiken der BA Glauben schenken will (wer tut das schon?), dann befinden wir uns ganz unzweifelhaft auf dem direkten Weg in die Vollbeschäftigung. Unsere Politiker freuen sich über solche Zahlen, können sie damit doch glänzen und fühlen sie sich doch eben dadurch in ihrem Handeln bestätigt. Doch wie sieht es mit den Menschen aus, die die Arbeit wirklich erledigen? Haben die auch ihr Auskommen?

Kratzt man mal etwas an der Hochglanzoberfläche der hübschen Zahlen, dann erweist sich das so genannte Beschäftigungswunder als ein Täuschungsmanöver allerersten Ranges. Ja, die Menschen haben Arbeit. Das ist korrekt. Aber können sie von ihrer Arbeit auch leben? Das nämlich fällt immer schwerer – Zitat Gerhard Schröder: „Wir haben einen der besten Niedriglohnsektoren aufgebaut, den es in Europa gibt.“ Seit rund zwei Jahrzehnten stagniert der Reallohn, während die Preise nur eine einzige Richtung kennen. D. h. die Kaufkraft sinkt. Die Menschen verarmen: Arm durch Arbeit!

Beschäftigung ja – Auskommen nein. In offiziellen Medien wird nur eine Seite davon beleuchtet und den Abbau von im Verlauf sehr langer Jahre mühsam erkämpften Arbeitnehmerrechten berücksichtigt keiner. Die Massenmedien stilisieren das dann noch zum Nonplusultra hoch. So manipuliert man die öffentliche Meinung. Tatsächlich jedoch sieht es etwas anders aus. Tatsächlich jedoch hört keiner auf diejenigen, die das vermeintliche „Wunder“ auszubaden haben. Weil die für oberen Zehntausend nicht nur beliebig austauschbar sind, sondern vielleicht sogar als verzichtbar angesehen werden.

OK, betrachten wir das jetzt mal in Zahlen. Von 1991 bis heute sind 7,5 Millionen Vollzeitstellen abgebaut worden. Wenn man als Arbeitgeber einen Full-Time-Job in drei Minijobs zerhackt, dann spart man sich einen Haufen Abgaben für die Krankenversicherung des Arbeitnehmers. Außerdem kann man den Kündigungsschutz ganz legal unterlaufen, tarifliche Lohnbindungen ebenso. Und nicht zuletzt braucht man im Personalwesen dann auch viel weniger (teures) Fachpersonal. Seit 1991 sind 6,7 Millionen Minijobs hinzu gekommen. Das entspricht rund 2,2 Millionen Vollzeitstellen.

Wenn man als Arbeitgeber einen Full-Time-Job in zwei Teilzeitstellen zerhackt, dann kann man das Personal viel flexibler einsetzen und zudem gleichzeitig noch ganz elegant Lohndumping betreiben. Möglicherweise wird man für dieses so genannte „Schaffen von Arbeitsplätzen“ auch noch seitens des Staates hier und da gefördert. Seit 1991 sind 9 Millionen Teilzeitstellen hinzu gekommen. Das entspricht ungefähr 4,5 Millionen Vollzeitstellen.

Wir haben also 2,2 Millionen Vollzeitstellen in Form von Minijobs zuzüglich 4,5 Millionen Vollzeitstellen in Form von Teilzeitstellen. Macht zusammen 6,7 Millionen Vollzeitstellen. Die Zeit- und Leiharbeit ist dabei noch nicht einmal berücksicht worden. Nochmal zum Vergleich: Seit 1991 sind bis heute 7,5 Millionen Vollzeitstellen abgebaut worden. Merkt hier eigentlich keiner, auf welche Weise wir uns „auf dem Weg zur Vollbeschäftigung“ befinden? Das ist nur eine reine Umverlagerung von Vollzeit auf Teilzeit und auf Minijobs! Die Zeche dafür zahlen einzig die Arbeitnehmer!

Setzen wir diesen Trend mal in die Zukunft fort, Stichworte „Flexibilisierung der Arbeitszeit“ sowie „Digitalisierung 4.0“. Solche Schlagworte klingen gut; sie symbolisieren Fortschritt. Doch wie dürfte der, gemessen an den traurigen Erfahrungen von gut einem Vierteljahrhundert, aussehen? Ich stelle mir das so vor: Geregelte Arbeitszeiten wird es nicht mehr geben. Feste Jobs auch nicht mehr und damit auch keine Lebensperspektive mehr. Der Arbeitnehmer hat rund um die Uhr für „sein“ Unternehmen zur Verfügung zu stehen. Er wird nach geleisteter Arbeit bezahlt und damit de facto wieder zum Tagelöhner werden. Ist keine Arbeit da oder ist er krank, dann bleibt er zuhause und verdient nichts.

Er hat seine Krankenversicherung selbst zu zahlen. Er wird heute hier und morgen da eingesetzt werden und wie er dorthin kommt ist sein Problem und geht auch zu seinen Lasten. Kündigungsschutz wird es nicht mehr geben. Urlaubsansprüche werden mit Zeiten der Nichtbeschäftigung verrechnet werden. Zeiten der Krankheit ebenfalls, so die nicht sowieso zur umgehenden Kündigung führen. Und der Arbeitgeber wird im allgemeinen ein Zeitarbeitsunternehmen sein, um unternehmensinterne Betriebsräte und Mitbestimmung schwächen zu können. Womit wir im Prinzip wieder bei den Beschäftigungsverhältnissen vom Anfang der Industriegesellschaft angelangt wären: „Die Wirtschaft dient uns allen!“ (Zitat Merkel).

Während die Wirtschaft davon profitiert, sieht es in sozialer Hinsicht etwas anders aus. Bereits heute geht annähernd jeder zweite Euro des Staates in den sozialen Sektor. D. h. der Staat stockt gewissermaßen den fehlenden Lohn auf. Das wird zunehmen und die Arbeitgeber können fest mit dieser Form von indirekter Subventionierung rechnen – selbst dann, wenn ihr Geschäftsmodell nicht tragfähig ist. So bleiben die oberen Zehntausend nämlich unter sich. Damit aber begibt sich der Arbeitnehmer zwangsläufig in eine weitere Abhängigkeit, nämlich in die Abhängigkeit vom Staat. Wie der eine solche Abhängigkeit des bewusst erzeugten Prekariats auszunutzen weiß, wird jeder, der schon einmal mit einem Jobcenter zu tun hatte, zu berichten wissen: Knechtung, Zwang, Entrechtung, Beleidigung, Bevormundung. Aus dem vermeintlich „mündigen Bürger“ wird ein Leibeigener – ein Leibeigner von Staat und Wirtschaft. Wo liegt eigentlich der Unterschied zwischen den Beiden? Und ist so eine Abhängigkeit wirklich wünschenswert?