Alles was anders ist stört. Was stört muss weg, u. U. auch vernichtet werden. So ging man in einem früheren Deutschland, welches sich das Dritte Reich nannte, vor. Da ermordete man Menschen kaltblütig-sadistisch in KZs. Nein, nicht nur jüdische Mitbürger. Nein, nicht nur Andersdenkende. Sondern auch Menschen, die nicht in die Norm passten. Dieses Schicksal traf auch Lieselotte Freuwörth, eine gar nicht mal so weit entfernte Vorfahrin von mir, die man aufgrund ihres „Andersseins“ im KZ ermordete, wie ich über die jüdische Sektion der „International Association Against Psychiatric Assault (IAAPA)“ in Tel Aviv in Erfahrung bringen konnte. Auch heute ist derart überholt-ignorantes, braunes Gedankengut leider noch längst nicht ausgestorben. Ganz im Gegenteil sogar: Es erhält entgegen allen wissenschaftlichen Erkenntnissen sogar wieder Auftrieb! Das aber macht mich rasend.

Worum geht es eigentlich? Lieselotte Freuwörth war Synästhetin. D. h. sie nahm ihre Umwelt etwas anders wahr als knapp 96% ihrer Mitmenschen. Synästhesie ist aller Wahrscheinlichkeit nach genetisch bedingt. Simon Baron-Cohen hat schon in den 1990er Jahren mit EEG-Reihenuntersuchungen an der University of Cambridge festgestellt, dass Neugeborene ihre Umwelt ganzheitlich (ergo synästhetisch) wahrnehmen. Die Modularisierung des Gehirns setzt erst ab etwa dem vierten Lebensmonat ein und ist bis ungefähr zum 24. Lebensmonat abgeschlossen. Erst danach sind die fünf einzelnen und zuvor vermischten Sinne (Geruch, Geschmack, Gefühl, Hören, Sehen) vorhanden und die zur Verarbeitung zuständigen Hirnareale spezialisiert. Aber nicht bei allen Menschen – die Ausnahmen sind die Synästhetiker.

Bei Synästheten – man schätzt ihren Anteil aktuell auf gut 4% der Bevölkerung – sind, genetisch bedingt, nicht alle zuvor vorhandenen Verbindungen zwischen den einzelnen Gehirnarealen abgebaut oder aber neue aufgebaut worden. D. h. sie nehmen ihre Umwelt auch etwas anders wahr. Sie denken dadurch auch anders. Sie nehmen Buchstaben und Ziffern farbig wahr (graphemische Synästhesie), Geräusche sowie Töne und Musik werden farblich erfasst (coloured hearing), Schmerzen gesehen usw. Als wissenschaftlich gesichert gelten heute rund 80 verschiedene Formen der Synästhesie, je nachdem, welche Verbindungen im Gehirn bis zum 24. Lebensmonat eben NICHT abgebaut worden sind.

Ein menschliches Gehirn verfügt über rund 86 Milliarden Nervenenden. Jedes davon könnte rein theoretisch mit jedem anderen gekoppelt werden. Dann aber hätten wir nur rein subjektiv empfindende Lebewesen, die vermutlich aufgrund ihrer Verschiedenheit zu keinerlei Kommunikation oder Sozialverhalten untereinander fähig wären. Das Separieren einzelner Hirnareale ist daher rein von der Natur her durchaus sinnvoll. Nur bleiben dennoch subjektiv in jedem Gehirn immer Verbindungen bestehen, denn das Gehirn kann nur als Ganzes funktionieren und nicht als ein Haufen von isolierten Zellen. Zuviel Separation und zu starke Modularisierung wären also auch kontraproduktiv.

Nach heutigem Kenntnisstand sind es 37 Gene, die mit der Verknüpfung von Nervenenden in Verbindung gebracht werden. Welches Gen dabei wann aktiv wird, bestimmt die Epigenetik. Die wiederum wird von den äußeren Lebensumständen beeinflusst. Und welches Gen gerade wann aktiv ist definiert, was da miteinander verknüpft wird bzw. verknüpft bleibt. Sechs von diesen 37 Genen sorgen für die Bildung von Querverbindungen zwischen den einzelnen Hirnarealen. Als Resultat davon ist zwar einerseits jeder Mensch mit den gleichen Wahrnehmungsorganen ausgestattet, denkt andererseits aber (glücklicherweise!) individuell sehr unterschiedlich – und da das Bild unserer Welt im Grunde genommen auf eine reine Gehirnleistung zurückzuführen ist nimmt jeder seine Umwelt auch etwas unterschiedlich wahr. Der eine mit seinen fünf Sinnen – und der Synästhet eben vielschichtiger, weil die Reize von verschiedenen Hirnarealen simultan verarbeitet werden und erst zusammen sein Bild der Welt ergeben. Synästhesie ist folglich nichts „Krankhaftes“, „Zusätzliches“ oder „Aufgedrücktes“, sondern eine vollintegrierte Form der Wahrnehmung, genauso urnormal wie rote Haare oder grüne Augen – nur seltener. Damit gibt es keine Schwierigkeiten.

Schwierigkeiten machen nur die ewig unbelehrbaren, gestrigen Volltrottel, die unfähig sind, so etwas zu begreifen. Synästhesie ist für Synästheten genauso selbstverständlich wie Sehen oder Hören für Nichtsynästheten: Problematisch wird es für den Synästeten immer dann, wenn er aus welchem Grunde auch immer plötzlich auf so einen Wahrnehmungskanal verzichten muss. All das ist Faktenwissen, welches schon lange (teils bereits seit Jahrzehnten) bekannt ist und welches sich unschwer der einschlägigen Fachliteratur entnehmen lässt – wenn man nur will. Die o. e., ewig gestrigen Volltrottel scheinen aber gerade das nicht zu wollen. Sie gefallen sich darin, längst überholtes und unwissenschaftliches Gedankengut aus der Nazi-Zeit zu verbreiten. So lange die nur im kleinen Kreise ihr unqualifiziertes Maul aufreißen, um ihren Stuss abzusondern, habe ich kein Problem damit. Sollen sie das doch machen – und eben dadurch ihre eigene Inkompetenz zur Schau stellen!

Wenn derartiger Dreck allerdings in den Medien erscheint, dann muss ich immer an Lieselotte Freuwörth zurück denken und sehe rot. So wie neulich, als da dieser haarsträubende Beitrag in den Verblödungsmedien publiziert worden ist. Die „Gala“ spricht in Bezug auf Synästhesie von „Krankheit“ und von „Gendefekt“ und auch der Rest von dem Machwerk entbehrt jeglicher Grundlage. Äh, hallo? Das ist längst überholtes Nazi-Gedankengut! Nun handelt es sich bei dem Blatt nicht gerade um ein Medium, welches inhaltlich ernst zu nehmen ist. Aber es wird gelesen. Und es macht dadurch Meinung – und zwar eine Meinung, wie es sie vor knapp 80 Jahren schon einmal gab. Eine Meinung, die zum Tode unschuldiger Menschen führte. Vielleicht sollte man so etwas auch mal im Hinterkopf behalten, wenn man beim nächsten Mal auf die Verblödungsmedien trifft.

Nun vielleicht noch eine abschließende Anmerkung. Es liegt jetzt 15 Jahre zurück, als Deutschland in Bezug auf die Synästhesieforschung mal weltführend war. Damals und in den Folgejahren konnte man ganz ungeniert über Synästhesie sprechen. Das war die Zeit, als ich in Printform meine Synästhesie-Trilogie veröffentlichte (bestehend aus „Vernetzte Sinne: Über Synästhestie und Verhalten„, „Böse Hexen gibt es nicht: Versuch einer interdisziplinären Betrachtung des Hexenwesens“ und „Norgast: Ein synästhetischer Fantasy-Roman“ – drei eigenständigen und inhaltlich voneinander unabhängigen Büchern) und das E-Book „Lebensfarben – Kurzgeschichten über synästhetisches Erleben“ schrieb. Ist lange her. Heute rangiert die Synästhesieforschung in Deutschland unter „ferner liefen“. Heute empfiehlt es sich nach meiner Erfahrung auch nicht mehr wirklich, offen mit der Synästhesie umzugehen. Sondern sich stattdessen besser bedeckt zu halten. Das zeigt, wie weit wir es mit dem Rückschritt inzwischen schon wieder gebracht haben – nicht zuletzt dank der Verblödungsmedien!