12.12.2018, 07:00 Uhr morgens, die Nachrichten auf dem NDR: So mancher Schüler aus der gymnasialen Oberstufe dürfte heute gejubelt haben. Da wurde nämlich gemeldet, dass noch in diesem Schuljahr Tablets und Computer als Hilfsmittel bei Klausuren und erstmals 2019 auch im niedersächsischen Abitur zugelassen werden sollen. Im Gespräch war das ja schon lange. Ich halte diese Entscheidung für falsch.

Ich sehe darin eine Entwertung des Abiturs und eine Benachteiligung derer, die nicht aus einem finanzkräftigen Elternhaus kommen. Mehr noch – ich betrachte das als Kotau vor der „Generation Doof“: Man passt nicht mehr die Lösung an das Problem an, sondern umgekehrt. Sinn und Zweck eines Abiturs ist es doch, erworbene Kompetenzen zu belegen, um so eine allgemeine Hochschulreife nachzuweisen. Mit der Verwendung eines Computers kann aber (auch wenn das in diesem Falle verboten ist) grundsätzlich auf die Kompetenzen anderer zugegriffen und das dann als eigene Kompetenz ausgegeben werden. Was bleibt dann noch von der vermeintlichen Hochschulreife übrig? Der Taschenrechner ist ein Werkzeug auf dem Weg zur Lösungsfindung. Der Computer präsentiert bereits von anderen erarbeitete Lösungen!

Damit das nicht geschieht, existiert eine Prämisse: Die Geräte müssen so blockiert werden, dass nur zugelassene Programme darauf laufen und dass das Internet nicht zugänglich ist. Das ist der so genannte „Klausurmodus“: Eine durchaus sinnvolle Forderung! Allerdings auch eine, die mit „Man muss Autos so bauen, dass Verkehrsunfälle ausgeschlossen sind!“ gleichzusetzen ist. Will sagen: Geht doch gar nicht! Man könnte dazu vielleicht die Schulen mit entsprechenden Geräten einheitlich ausstatten. Besagte Geräte (kein Internet, keine USB-Ports, kein WLAN, keine Installationsmöglichkeit für Fremdprogramme, kein Bluetooth, keine Möglichkeit zum Ablegen eigener Notizen – aber was kann man dann mit denen noch anfangen?) müssten daraufhin aber nach der jeweiligen Klausur wieder eingesammelt und hinsichtlich etwaiger Manipulationen überprüft werden, also so eine Art von Mogelkontrolle und Werksreset nach jedem einzelnen Einsatz. Wer soll das machen? Wer hat die Zeit und die Fachkompetenz dazu? Wie schnell sind solche Geräte veraltet oder defekt und müssen folglich ausgetauscht werden? Finanziell und vom Aufwand her wird das ein Fass ohne Boden!

Die andere Variante besteht darin, dass die Schüler eigene Geräte verwenden, also Geräte, die sich in ihrem Besitz befinden bzw. die als Dauerleihgabe für einen Teil der Schulzeit in ihrem Besitz verbleiben. Und dann? Dann ist es im Falle der Leihgabe eine reine Zeitfrage, bis so ein Gerät gehackt wird. Wenn das aber erst einmal bei einem Gerät funktioniert hat, dann funktioniert es auch bei allen baugleichen anderen: Der auf dem Pausenhof unter der Hand angebotene Hack zur Aufbesserung der eigenen Finanzen! Bleiben noch die Geräte, die sich die Schüler selbst kaufen. Darauf einen sicheren Klausurmodus zu installieren dürfte praktisch unmöglich sein. Klar, man könnte bspw. unter Windows die Winsock-API sperren, damit der Rechner nicht mehr ins Internet kann. Und dann? Dann führt der Schüler einen USB-Stick mit einem Linux-Live-System mit, bootet darüber und hat wieder Zugang.

Klar, man könnte dafür sorgen, dass ein in die Schule mitgebrachter Rechner nicht in das schuleigene WLAN kommt. Und dann? Dann nimmt der Schüler irgendein Billig-Handy von Aldi oder Penny – Hauptsache großes Datenvolumen – geht auf „Einstellungen“ und „mobiler Hotspot“ und ist wieder im Netz. Und wenn es tatsächlich gelingen sollte, den betreffenden Rechner sicher vom Netz auszuschließen – bspw. indem Klausuren oder Abis nur noch in Faradayschen Käfigen, d. h. z. B. in einem kupferummmantelten Raum geschrieben werden – dann bleibt immer noch das Problem von offline vorgehaltenen Programmen. Die so zu verstecken, dass sie keiner findet, schafft schon ein Siebtklässler! Während meiner Zeit als Lehrkraft an einer IGS hatte ich einen Hauptschüler – auch Siebtklässler – der so ziemlich jeder Lehrkraft an so ziemlich jedem Computer einen Bären aufbinden konnte und das war KEIN Einzelfall.

Zurück zum Abitur: Im vergangenen Jahr sind aufgrund des sinkenden Bildungsniveaus Abiturienten bereits an der simplen Bruchrechnung gescheitert und an den Universitäten wird eine Noteninflation beklagt. Anstatt das System zu reformieren kuriert man jetzt im Zuge des Digitalisierungswahns an den Symptomen herum! Besser wird dadurch aber gar nichts, ganz im Gegenteil. Es erweckt vielleicht den Anschein, besser zu werden, doch tatsächlich erhöht man bei den Schülern die Abhängigkeit von der Technik anstatt deren eigenes Denken zu schulen. Aber vielleicht ist ja gerade das erwünscht … Albert Einstein hatte vollkommen recht als er sagte (Zitat): „Ich fürchte mich vor dem Tag, an dem die Technologie unsere Menschlichkeit übertrifft. Auf der Welt wird es nur noch eine Generation aus Idioten geben.“