Oh, was für eine besinnliche Vorweihnachtszeit! Zum alltäglichen Wahnsinn gesellt sich nach Feierabend noch die Festvorbereitung hinzu. Was essen wir über Weihnachten? Kommt drauf an wie viele Leute da sind. Heiligabend gibt’s traditionell Kaninchen und ebenso traditionell werde ich das wieder selbst zubereiten. Das Tierchen ruht sich bereits in der Tiefkühltruhe aus. So wie schon seit 33 Jahren. Das wäre das. Und was gibt’s an den beiden Feiertagen? Tja … – im vergangenen Jahr hatte meine demenzkranke Schwiegermutter viele Gäste eingeladen. Sie wollte Puter machen. Den besorgten wir. Plötzlich aber hatte sie den Puter vergessen. Ihre Gäste auch. Und Weihnachten erst recht. Sie musste sich noch plötzlicher das ganze Fest über „erstmal hinlegen“. Die Arbeit hatten wir. Der Heiligabend stand ganz im Zeichen der Zubereitung des Riesenvogels: Äußerst besinnlich! Dauerte bis nach Mitternacht und ich habe mir dabei ’ne tierische Verbrennung geholt.

Dieses Jahr nun soll das anders laufen. Zum Puter habe ich schonmal lautstark und sehr energisch „NEIN!!!“ gesagt. Stattdessen irgendwas anderes. Ohne viel Knochen, von mir aus aus dem Discounter. Aber für wieviele Leute? Die Kinder kommen nach Hause. Unsere Jüngste bringt ihren Freund mit. Macht fünf Personen. Das ist schonmal ’ne Hausnummer, nach der man sich richten kann. Und unsere drei Pflegefälle? Keine Ahnung! Heute heißt es „Wir machen selber was!“. Morgen heißt es „Ihr müsst für uns was machen!“ Übermorgen wieder umgekehrt usw. Dazwischen dann noch „Wieso Weihnachten? Es ist doch gerade erst Herbst!“ Oder: „Welches Jahr haben wir denn eigentlich?“ „2018!“ „Oh, oh, oh – du spinnst ja! Was soll das, mich zu verarschen? Wir haben 1996 – so verkalkt bin ich noch nicht, dass ich mich von dir anlügen lassen muss!“ Es ist mitunter zum Ins-Türblatt-Beißen! Guckt man nach dem Weihnachtsbraten dann ist vieles bereits ausverkauft. Anderes könnte vielleicht noch bestellt werden, aber es ist nicht sicher, ob das noch besorgt werden kann. Mein restlos abgenervter Vorschlag, ein Glas Würstchen aufzumachen, wurde entrüstet verworfen. Lassen wir das Großkampf-Kochspektakel also erst einmal Großkampf-Kochspektakel sein.

Der Weihnachtsbaum muss besorgt werden, denn so ein Platikgerecke kommt mir nicht ins Haus. Läuft in diesem Jahr etwas anders, weil uns der Heizungsfritze (bei dem wir ja mehr als genug Geld gelassen haben) einen Gutschein für einen Weihnachtsbaum zukommen ließ. Ergo kommt der Baum auch nicht von unserem Haus-und-Hof-Händler. Ergo bin ich zu dem zuständigen Bauerhof gefahren. Da gab’s viele Weihnachtsbäume. Schöne Weihnachtsbäume. Bloß: Kaum einer unter drei Metern, eher höher. Um sowas ins Wohnzimmer zu kriegen müssten wir ein Türmchen anbauen! Habe daher den größten der drei kleinsten Bäume genommen. Ist allerdings immer noch ziemlich klein. Egal, dann muss das auch mal so gehen!

Die Geschenke für die Mitglieder des Blutlinien-Brutclubs sind zum Glück in weiser Voraussicht rechtzeitig beschafft worden. Die müssen nur noch eingepackt werden. Leichter gesagt als getan, denn das verdammte Papier wird von Jahr zu Jahr dünner und reißt schon beim Angucken. Kommen die Termine hinzu. Alles das, wozu das ganze Jahr über hinreichend viel Zeit gewesen ist, muss in den letzten zwei Wochen vor Weihnachten unbedingt-superdringend noch erledigt werden – eine Reparatur hier, ein Einkauf da, Arzttermine für unsere Pflegefälle, Pflichtbesuche von Weihnachtsmärkten (dem Wacken der Bürofachangestellten), dazwischen etliche Weihnachtsfeiern. Und alles möglichst zu gleichen Terminen, bei denen simulierte Barmherzigkeit geheuchelt wird – und dann noch das Vereinsleben mit Vorsstandssitzungen außer der Reihe und der Vorbereitung der Jahreshauptversammlung zum Anfang von 2019. Dazwischen klingelt ständig das Telefon und exakt diejenigen, deren störende Existenz man das ganze Jahr über erfolgreich verdrängt hat, texten einen stundenlang mit Nichtigkeiten, die man gar nicht hören will, voll.

Unmittelbar vor dem Fest wird wie immer traditionell die Panik des ungehemmten Kaufrausches und Konsumterrors ausbrechen, weil ja ganz offensichtlich die Lebensmittelversorgung in Deutschland auf noch nicht absehbare Zeit komplett eingestellt werden wird. Ungeachtet der Tatsache, dass jetzt ohnehin zuviel zum Essen da ist – weil ein Teil der Gäste sich das plötzlich anders überlegt hat oder weil denen „was dazwischen gekommen“ ist – wird Wampenfüllstoff bis zum Abwinken gehamstert. Davon lässt sich dann bis Ostern zehren. Zwischendurch steht daneben kurz vor dem Fest noch das Baumschmücken an, wobei jedes zweite Teil in irgendeiner Form geklebt werden muss. Außerdem ist die ganze Wohnung weihnachtlich zu dekorieren – jedes Jahr das gleiche Theater! Mein Vorschlag, Osternest und Krippe zu kombinieren und das, was gerade nicht benötigt wird, durch irgendwelchen Nippes abzudecken – weil der Plunder dann gleich das ganze Jahr über stehen bleiben könnte – ist abgelehnt worden. Wäre aber wirklich effizienter und würde viel kostbare Zeit sparen!

Zum Heiligabend muss meine Frau bis zum Nachmittag arbeiten, denn die Telekom-Geschäfts-Kunden könnten ja noch Last-Minute-Wünsche äußern und so ein Geschäft darf sich kein notleidender Konzern entgehen lassen. Sie wird dann nach Hause hetzen, damit wir zusammen in die Kirche hetzen können. Darauf freue ich mich jetzt schon! Wirklich! Ein gemütlicher Platz hinter einem Pfeiler, dazu das alljährliche Ritual des stoisch-einschläfernden Pfeilergottesdienstes: Endlich mal ’ne Stunde in Ruhe, endlich mal ’ne Stunde des erholsamen Schlafes! Meine bessere Hälfte hat allerdings bereits angekündigt, dass sie mich wecken wird, wenn ich zu laut schnarchen sollte. Wieso eigentlich? Machen die anderen doch auch! Und die bösartigen Schnarchsäcke, die das ganze Jahr über ihre Mitmenschen wie Dreck behandeln und die da jetzt laut und falsch mitgrölen, bloß um den vermeintlich gutherzigen Christen raushängen zu lassen, will ich doch ohnehin weder sehen noch hören!

Die so genannte „besinnliche Weihnachszeit“ – und da ganz besonders die Vorweihnachtszeit – ist Stress pur. Würde mich mal ernsthaft interessieren, um wieviel Prozent die notfallmäßig zu versorgenden Herz-Kreislauf-Zusammenbrüche in diesem Zeitraum zunehmen, von den Nervenzusammenbrüchen ganz zu schweigen. Weil: Viele Leute mit unterschiedlichen Ansichten, von denen ausgerechnet diejenigen, die sich in Abwendung eigener Arbeitsleistung auf den letzten Drücker auch noch selbst eingeladen haben, immer Recht behalten müssen – das geht nur selten gut! Ich kann die Zeit nach dem Fest kaum erwarten. Klar, dann muss ich wieder arbeiten. Aber das ist dann wirklich ruhiger; dass ist dann wirklich nur noch der alltägliche Wahnsinn alleine. Echt jetzt!