Ergänzend zu meinem letzten Beitrag muss ich doch noch was loswerden. Betrachtet es einfach mal als Gedankenspiel, als Anregung: Energiewende, was ist das? Das ist die Abkehr von fossiler und nuklearer Energie. Abkehr bedeutet dabei NICHT, das Problem einfach nur nach dem Schema „aus den Augen aus dem Sinn“ zu verlagern, indem bspw. vermeintlich „saubere“ Elektroautos mit Strom aus den dreckigsten Kohlekraftwerken der Welt beschickt werden oder indem man energieaufwändige Produktionsverfahren einfach in Schwellenländer auslagert. Damit sind schon die drei wesentlichen Knackpunkte einer echten Energiewende erwähnt worden, nämlich: Verkehr, Energieerzeugung und Länder.

Betrachten wir zunächst die Länder. Manche sind mit Sonne im Übermaß gesegnet, andere verfügen über viel Wasser in den unterschiedlichsten Formen und in wieder anderen bläst der Wind recht kräftig. Daneben gibt’s noch welche, in denen der Untergrund ziemlich heiß ist. Das sind dann schon die wichtigsten regnerativen Energiequellen: Sonne, Wasser, Wind und Geothermie. Aus jeder dieser Energiequellen lässt sich Strom erzeugen – mal mehr, mal weniger, auf jeden Fall aber nicht konstant. Das bedeutet, dass dieser Strom einerseits zur Vermeidung von Versorgungslücken perfekt verteilt und andererseits im Falle von Überschüssen zwischengespeichert werden muss. Die Verteilung könnte durch ein intelligentes Stromnetz, nennen wir es mal „Smart Net“, gewährleistet sein. Für die Zwischenspeicherung bieten sich gleich zwei Verfahren an, nämlich die Direktspeicherung in Elektrofahrzeugen und per Elektrolyse die Wasserstofferzeugung mit Wasserstoffspeicherung zumindest in Teilen des Erdgasnetzes. Hier müssten also Autoindustrie und Energiewirtschaft engstens zusammenarbeiten – und zwar länderübergreifend, was aber angesichts global agierender Konzerne nun wirklich keine Unmöglichkeit darstellen sollte.

Kommen wir jetzt mal zur Energieerzeugung. Es müssen nicht immer medienwirksame und publicityträchtige Großkraftanlagen sein, denn viel Kleinvieh macht auch ’ne Menge Mist. Solardächer auf jedem Haus, dazu Kleinst-Windkraftanlagen (ich denke dabei insbesondere an Vertikalrotoren u. ä.) – nicht nur auf Dächern, sondern auch in Gärten, auf städtischen Grünstreifen entlang der Straßen usw. – dürften zumindest einen maßgeblichen Anteil des privaten Energieverbrauchs decken können. Zur Stromspeicherung beim Individualverbrauch könnten Geräte nach dem Vorbild der Tesla-Wall (Powerwall) dienen. Derartiges Equipment wäre zuerst einmal prinzipiell NICHT vom Hauseigentümer zu finanzieren, sondern bliebe im Besitz des Stromkonzerns.

Bleiben noch der Strombedarf der Industrie und der des Verkehrs. Die dazu erforderliche Energie kann Wasserstoff liefern (bei dessen Verbrennung bekanntlich Wasser als Abgas entsteht). Mit Solarkraftwerken in Wüstengebieten ließe sich Strom erzeugen, der zur Küste geleitet wird. Dort gibt es Wasser, aus dem per Elektrolyse Wasserstoff gewonnen und in alle Welt verschickt werden kann. Durchaus denkbar wäre auch ein hinreichend großes und auf dem Meer schwimmendes Solarfloß zur Wasserstofferzeugung. Das gäbe Arbeitsplätze in der Schiffbauindustrie. Regenerative Energie existiert überreichlich – man muss sie nur nutzen, und zwar unabhängig von Konzerninteressen und Ländergrenzen!

Sprechen wir jetzt mal über den Verkehr. Muss denn wirklich jeder ein Auto haben oder tut es nicht vielleicht manchmal auch ein Car Sharing oder ein vollverkleidetes E-Bike? Auch von dem Vorbild des türkischen Dolmus könnten wir hierzulande sehr viel lernen. Kostenloser Nahverkehr in den Städten – dass das machbar ist, sieht man an den Beispielen Estland und Luxemburg – würde den privaten Verkehr draußen halten und die Luft in den Innenstädten verbessern. Dann müssten nur noch die ländlichen Flächen vernünftig angebunden werden. Auf die Bahn braucht dabei niemand zu hoffen, denn die letzten paar Kilometer vom Bahnhof bis zum Ziel verursachen oftmals das größte Problem, ganz einfach schon deswegen, weil das für die Bahn unrentabel ist. Da kämen dann Dolmus und Car Sharing zum Einsatz.

Das ist so ungefähr und grob skizziert das, was m. E. eine echte Energiewende ausmachen würde. Machbar ist das alles, denn die dazu erforderlichen Techniken existieren bereits und sind durchweg alltagstauglich. Warum wird es dann nicht umgesetzt? Weil es dabei ein ganz großes Problem gibt. Das ist von rein organisatorischer Natur. Das sind nämlich die historisch gewachsenen Strukturen von Wirtschaft, Politik und Machtpoker. Die skizzierte Energiewende, die ich für durchaus realisierbar halte, geht mit diesen alten Strukturen nämlich in keinster Weise konform. D. h. sie geht auch mit dem Geldscheffeln großer Konzerne nicht konform. Und eben deswegen wird das wohl auch leider ein reines Gedankenspiel bleiben …