Eine beiläufige Meldung im Radio … Eine, welche besagt, dass die Pflegekammer Niedersachsen erstmals eine Statistik zur Lage der Pflegeberufe veröffentlicht hat. Deren Kurzfassung wurde in Form einer Pressemitteilung publiziert: Zahlen im Vorbeigehen, zum einen Ohr rein und zum anderen wieder raus. Oder vielleicht auch nicht, wenn man derartige Meldungen einmal kritisch hinterfragt und über die Konsequenzen nachdenkt. Die Lage der Pflegeberufe wird von der Kammer als „dramatisch“ beschrieben. Ich sehe das etwas anders. Nach meinem Dafürhalten ist es nämlich längst schon nicht mehr dramatisch, sondern noch sehr viel schlimmer als erwartet!

Denn: Rechnen wir mal! Im o. e. Bericht heißt es: „Hochgerechnet kommen im Durchschnitt 11,3 Pflegefachpersonen auf 1.000 Einwohner.“ Und: „Bis 2033 werden voraussichtlich 35 bis 43 Prozent der heute in Niedersachsen tätigen Pflegefachpersonen nicht mehr in ihrem Pflegeberuf tätig sein.“ Letzteres geht auf die altersbedingte Personalfluktuation zurück. Vereinfacht ausgedrückt gehen wir mal davon aus, dass ein Pflegefall 24h-rund-um-die-Uhr-Betreuung benötigt. Täglich sind das „24 h * 60 Minuten = 1.440 Minuten“. Die Pflegefachkraft arbeitet i. R. (ohne Überstunden) 8h pro Tag, ergo täglich „8 Stunden * 60 Minuten = 480 Minuten“. 1.000 Einwohner beanspruchen „1.440 Minuten * 1.000 Einwohner = 1.440.000 Minuten“ – zugegeben, 1.000 Einwohner sind längst nicht alle pflegebedürftig, aber das korrigieren wir weiter unten. So rechnet rechnet sich das erstmal wesentlich einfacher. 11,3 Pflegefachkräfte können täglich „480 Minuten * 11,3 Fachkräfte = 5.424 Minuten“ leisten. D. h. zwischen Bedarf und Leistung liegen schonmal knapp 3 Zehnerpotenzen.

Jetzt wird es etwas komplizierter: Welcher Prozentsatz von diesen 1.000 Einwohnern ist tatsächlich pflegebedürftig? Verlässliche Zahlen dazu sind kaum zu finden (warum wohl?), lediglich „Die Zeit“ hatte dazu im April diesen Jahres mal was veröffentlicht. Demzufolge kommt man in Deutschland auf mindestens 3,4 Millionen pflegebedürftige Menschen. Bei 82 Millionen Einwohnern sind folglich 3,4 Millionen Menschen pflegebedürftig, das entspricht per Dreisatz gut 4%. Von 1.000 Einwohnern sind folglich 4% pflegebedürftig. Bei 1.440.000 Minuten für alle Einwohner ist das ein Bedarf von „1.440.000 Minuten * 0,04 = 57.600 Minuten“ an täglich erforderlichen Pflegeleistungen.

Geleistet werden aber real (vgl. oben) 5.424 Minuten. Daraus folgt „5.424 Minuten Leistung / 57.600 Minuten Bedarf = 0,09 Minuten pro Patient = 5,4 Sekunden pro Patient und Tag“. Bei einem altersbedingten Ausscheiden von rund 40% der Pflegefachkräfte bleiben dann künftig noch 2,2 Sekunden pro Tag und Patient übrig. In der Realität sieht es etwas anders aus. Danach werden über den ganz breiten Daumen rund zwei Drittel der Pflegefälle zuhause – u. d. h. seitens der Angehörigen – versorgt. Das gibt der Pflegefachkraft täglich ein paar Sekunden mehr pro Patient und spart unserem vermeintlichen „Sozialstaat“ zig Milliarden, weil er die Angehörigen so ganz elegant ausbeuten kann.

Nun kümmert sich die Pflegefachkraft natürlich nicht etwa nur ein paar Sekunden lang täglich um den Pflegefall, sondern schon etwas länger – sagen wir mal erfahrungsgemäß so rund 20 Minuten. Das ist selbstverständlich immer noch eine eklatante Unterversorgung. Auf alle Pflegefälle gesehen bedeutet es, dass einem Pflegefall eine rudimentäre Grundversorgung zuteil wird, während über 200 gleichfalls versorgungsbedürftige Pflegefälle komplett leer ausgehen. Um die haben sich eben die o. e. Angehörigen zu kümmern. So einfach macht sich das unsere vielgepriesene Sozialpolitik! Nur können die Angehörigen das, wie bereits ausgeführt, auch nur in rund zwei Dritteln der Fälle leisten. Und dann kommt es wie es zwangsläufig kommen muss: Einige fallen durch das Raster. Dann bleiben Senioren unbetreut in ihrem eigenen Kot und Urin liegen oder müssen nach Sturz mit Oberschenkelfraktur stundenlang liegen bleiben und auf zufällige Hilfe hoffen! Das grenzt schon an zugunsten des Profites bewusst in Kauf genommene Quälerei!

Wir haben keinen Pflegenotstand. Was wir jetzt schon haben ist eine ausgewachsene Pflegekatastrophe, die kleingeredet wird! Wenn ich mir meine Erfahrungen aus sechsjähriger, häuslicher Pflege so anschaue, dann ackert man etwa ein Viertel des 24h-Tages für den Pflegefall. Bei 3,4 Millionen Pflegefällen entspricht das „3,4 Millionen / 4 = 850.000 Pflegefachkräften“ als Bedarf für eine Vollversorgung. Um unserer derzeitigen Pflegekatastrophe Herr zu werden, müssten folglich umgehend erstmal zehntausende von Pflegekräften da sein, um das dann im Verlauf nur weniger Jahre auf das Sollmaß des tatsächlichen Bedarfs aufzustocken. Was tut unsere Regierung dagegen? Sie verspricht, 8.000 neue Stellen zu schaffen – das ist nicht mal ein Promille des tatsächlichen Bedarfs! – und unserer aktueller Gesundheitsministerdarsteller empfiehlt dem vorhandenen Pflegepersonal, einfach mal Überstunden zu machen, ungeachtet der Tatsache, dass die das längst schon tun, um die Folgen der Katastrophe abzumildern! Da frage ich mich doch unwillkürlich, wer denn eigentlich der bedürftigere Pflegefall ist: Der Senior, der nichts mehr auf die Reihe kriegt, oder der Politiker, der so weltfremd-ignorant-abgehoben ist, dass es einen graust?!?

Jetzt kommt aber noch ein gänzlich anderes Problem hinzu. Der Beruf der Pflegefachkraft ist nämlich denkbar unattraktiv. Warum? Mit Menschen umgehen kann nicht jeder. Seinen Ekel überwinden, wenn Kot, Urin oder Erbrochenes zu beseitigen sind, kann nicht jeder. Schwere körperliche Arbeit verrichten, wenn eine Zwei- oder Drei-Zentner-Person umgesetzt oder befördert werden muss, kann nicht jeder. Mit nicht selten unkooperativen, mitunter sogar aggressiven, Kranken zurecht kommen kann nicht jeder. Die Ausbildungsvergütung für die Pflegefachkraft liegt im Mittel bei rund 1.100€. Später im Beruf werden in Vollzeit gut 2.300€ verdient, also rund das Doppelte der Ausbildungsvergütung. Nur, wie schon gesagt: In Vollzeit! Schlägt man nun aber die Stellenanzeigen in einer x-beliebigen Zeitung auf, dann werden da die Stellen für die Pflegefachkräfte überwiegend in Teilzeit (Halbtagsstellen) und oftmals sogar in Form von 450€-Minijobs angeboten!

D. h. wenn jemand seine drei Jahre an Ausbildung als Pflegefachkraft hinter sich gebracht hat, dann hat er allerbeste Chancen, im Beruf keinen Cent mehr oder sogar noch wesentlich weniger als in der Ausbildung zu verdienen: Attraktive Berufe sehen anders aus – und zwar ganz anders! Für diejenigen, die heute Pflegefachkraft lernen, sind ein Leben an der Armutsgrenze inklusive späterer Altersarmut unweigerlich vorprogrammiert! Deswegen fehlt es bereits heute gravierend an Pflegekräften und eine Verbesserung ist nicht in Sicht. Die heutige Pflegekatastrophe haben unsere so genannten „Volksvertreter“ sehenden Auges auf sich zukommen lassen – und das schon seit Jahrzehnten! Spätestens mit dem Ende der Ära Rita Süssmuth kam mit Horst Seehofer, Ulla Schmidt, Philipp Rösler, Daniel Bahr, Jens Spahn und wie sie alle heißen bloß noch das, von dem Helmut Schmidt sagte (Zitat): „Die heutige politische Klasse in Deutschland ist gekennzeichnet durch ein Übermaß an Karrierestreben und Wichtigtuerei und durch ein Übermaß an Geilheit, in Talkshows aufzutreten.“

Hinsichtlich der Pflege ist es in Deutschland schon lange nicht mehr nur fünf vor Zwölf, sondern bestenfalls fünf Sekunden vor Zwölf. Eine dramatische Verschärfung der Pflegekatastrophe ist absehbar, wenn binnen der nächsten 15 Jahre knapp die Hälfte des heutigen, bereits um knapp drei Zehnerpotenzen zu geringen Pflegepersonals aus Altersgründen abtritt. Es ergibt einfach keinen Sinn, das mit Scheinpolitik übertünchen zu wollen und lauthals nach ausländischen Fachkräften zu schreien! Es muss hier und heute – jetzt! – etwas getan werden! Getan werden bedeutet, die Pflegeberufe attraktiver zu machen – bspw. durch ansprechende Gehälter, durch soziale Sicherung, durch SV-pflichtige Festanstellungen ohne Minijobs. Es bedeutet auch, die häuslich Pflegenden zumindest ansatzweise den Pflegefachkräften anzunähern (Kranken- und Rentversicherung, Zuschusszahlung, Arbeitgeberverpflichtungen u. a.), anstatt sie auszubeuten und sie, wenn sie aufgrund der Pflege sogar ihren Job aufgeben müssen, ins finanzielle Nichts zu stoßen. Das alles aber setzt Politiker, denen ihre Bevölkerung am Herzen liegt, voraus – und nicht die seitens Helmut Schmidt beschriebenen Wichtigtuer! Liebe Leute: Wie lange wollt ihr eigentlich noch auf karrieregeile Wichtigtuer reinfallen? Bis euch die Pflegekatastrophe selbst kalt erwischt? Dann ist es zu spät!