Er hört auf den Namen Sascha. Er sieht zwar niedlich aus, ist aber ein Raubtier. Er ist ein Fischotter im Wisentgehege in Springe-Alvesrode. Sascha versteckt sich gerne und beobachtet dann seinerseits die Besucher des Tierparks. Wenn man ihn entdecken will, dann muss man schon einiges an Geduld mitbringen. Ein interessantes Tier ist er aber allemal! Nur, wie schon gesagt: Auch ein Raubtier! Deswegen ist um sein Gehege ein Gitter gezogen worden, Maschenweite des etwa fünf Millimeter breiten Drahtes fünf Zentimeter. Das Gitter ist nach innen gebogen und innen verhindert dann noch zusätzlich ein Elektrozaun, dass sich Sascha selbständig macht. Die Besucher werden in regelmäßigen Abständen mit unübersehbaren Schildern etwa im Format 50*30cm darauf hingewiesen, dass so Raubtier auch mal zubeißen könnte. Soviel zur Situation.

Im Herbst 2017 steckte ein siebenjähriger Bengel ungeachtet aller Vorsichtsmaßnahmen und seitens der Eltern unbemerkt seinen Finger durch den Zaun. Na ja, nicht gänzlich unbemerkt. Sascha bemerkte es – und biss, wie es sich für ein Raubtier gehört, zu, weil der Finger in sein Beuteschema fiel. Der Finger blieb dran, aber es gab großes Geschrei. Ich weiß genau, wie sich so etwas in meiner eigenen Jugend entwickelt hätte: Zuerst ’ne saftige Tracht Prügel wegen himmelschreiender Blödheit, anschließend ein Pflaster auf den Finger und gut wär’s gewesen. Außerdem: Sieben Jahre alt – das bedeutet zweite Klasse Grundschule. Da konnte man in meiner Jugend die Fähigkeit des Lesens (wenigstens rudimentär) – und auch das Beachten von Warnschildern – bereits voraussetzen.

Heute läuft das anders, nämlich echt bescheuert. Heute regiert bei überbehüteten Kindern mit Helikopter-Eltern die Erwachsenen-Version von „Das sag‘ ich meiner Mama!“ – nämlich: „Sie hören von meinem Anwalt!“ Die Eltern des Jungen gingen daher vor Gericht und forderten 5.000€ Schmerzensgeld. Das Amtsgericht Springe verurteilte das Wisentgehege zu 500€ Schmerzensgeld. Die Eltern gehen jetzt in die Berufung. Ich finde so ein Verhalten wirklich echt bescheuert!

Mit der ursprünglichen, gerichtlichen Entscheidung bin ich allerdings auch nicht wirklich einverstanden. Ich hätte nämlich gänzlich anders geurteilt. Ich hätte das Wisengehege dazu verdonnert, der betroffenen Familie ’ne Familien-Jahreskarte zu schenken und die Familie dazu zu verpflichten, die auch reichlich zu nutzen, so dass es zu einem Lerneffekt kommt. Landeier wissen oftmals, wie man mit den Viechern umgeht – die meisten Stadtschinken aber leider nicht. Verpflichtende Besuche hätten da für Abhilfe sorgen können. Aber das ist selbstverständlich nur meine ganz persönliche Meinung und ich bin kein Jurist …