Früher in meiner Kindheit – das waren die 1960er Jahre. Das Kaugummi wurde unverpackt aus dem restlos versifften Automaten gezogen, der sich unmittelbar über dem Hundeklo befand. Wenn mal ’ne Kugel runtergefallen ist, dann hob man sie auf, wischte sie ab und steckte die in den Mund. Im Kindergarten haben wir im Sandkasten nicht nur Sandkuchen gebacken, sondern den auch obendrein noch gegessen. Meinungsverschiedenheiten wurden zu der Zeit ganz basisdemokratisch mit Schaufel auf’n Kopp ausgetragen. Morgens ging es raus zum Spielen und abends, wieder zurück aus Wald, Moor oder Watt wurde man in den Waschzuber gestopft, dessen Wasser immer zu kalt oder zu heiß war und das Waschen der Haare empfand man angesichts der scharfen Seifen als wahre Tortur.

Wenn Muttern die Hosentaschen kontrollierte und einen Anfall bekam, als sie unvermittelt ’ne Blindschleiche oder Ringelnatter in der Hand hielt, dann gab’s ’ne Arschreise. Eingekauft wurde bei Frau Scheibe gleich um die Ecke. In ihrem Krämerladen, vollgestellt vom Boden bis zur Decke, gab’s alles. Die Bonbons wurden noch unverpackt in großen Gläsern aufbewahrt und man angelte sich mit bloßen Fingern da raus, was man gerade haben wollte. Das Brausepulver kostete fünf Pfennige und wurde gleich direkt aus der Tüte auf die Zunge geschüttet; sauer macht lustig. Frau Scheibe hatte alles, angefangen vom Hundefutter in Form von blutigen Schlachtabfällen bis hin zum Käse, der selbstverständlich auch unverpackt rumlag und beim Kauf in Papier eingeschlagen wurde. Fisch wickelte sie in alte Bildzeitungen, denn da der der sowieso saubergemacht werden musste störte die Druckerschwärze nicht. Milch wurde als Rohmilch direkt aus der Kuh und vom örtlichen Bauern aus einer großen, metallenen Milchkanne rausgeschöpft und abgefüllt. Die musste vor dem Verzehr abgekocht werden.

Sicherheitsgurte im Auto gab es noch nicht. Als die aufkamen, da musste man anfangs noch die beiden losen Enden zusammenknoten. Die Hunde wurden immer unangeschnallt mitgenommen und turnten während der gesamten Fahrt überall im Auto rum. Ärgerlich war es nur wenn sie kotzten. Später in der Schule wurde man in den Sommermonaten ins Zeltlager an der Ostsee abgeschoben. An die Stelle der Schaufel auf’n Kopp waren die Kloppereien mit Stöckern getreten und allzuviele Augen haben wir damit auch nicht ausgestochen. Bei denen, die sich gar nicht zu benehmen wussten, wurde ganz pragmatisch nach dem Schema des „vier Leute – vier Griffe“ verfahren und der Übeltöter landete entweder in den Brennnesseln oder im Wasser – im letztgenannten Fall nicht ohne zuvor sicher zu stellen, dass auch ein möglichst großer Quallenschwarm zugegen war. Die 15km zur Schule legte man bei Wind und Wetter mit dem Fahrrad zurück. Ausgenommen der Winter, denn dann traten häufiger Langlaufski an die Stelle des Fahrrades. Man hatte bei Einbruch der Dunkelheit zuhause zu sein und falls nicht gab’s Dresche. Oder der Dorfsheriff griff einen auf und derartige Ablieferungen bei den Eltern vermied man nach Möglichkeit im eigenen Interesse und aus guten Gründen.

Mit Schwefel aus der einen und Schwefelkohlenstoff aus der anderen Apotheke ließen sich auch auf den ordinärsten Wackersteinen wunderschöne Schwefelkristalle zaubern, die dann an nichtsahnende Touristen als „echte Harzmineralien“ zum Aufbessern des kargen Taschengeldes vertickert wurden. Oder, andernorts, wurden eben im Büsumer Hafenbecken – wenn man reinfiel dann stank man wie ’ne Mischung aus Fischfabrik und Altöllager – Seesterne gesammelt, die anschließend in den großen Eimer mit Formaldehyd (Formalin), auch aus der Apotheke, wanderten und nach der Trocknung auf dem Garagendach an Touris verhökert wurden. Selbstverständlich ohne zuvor die Saugnäpfe rauszukratzen – denn das hätte zuviel Arbeit gemacht – und das langfristig daraus resultierende Geruchserlebnis genossen eben die Käufer. Keiner störte sich an etwaigen Nebenwirkungen wie bspw. Krebs bei den genannten Chemikalien. Und zum Zeitvertreib bastelten wir manchmal so genannte „Knaller“ aus frei verkäuflichen Chemikalien.

Das war früher und wir haben all das überlebt. Heute sieht es anders aus. Die erwähnten Chemikalien gelten als umweltschädlich und hochgefährlich und sind nicht mehr frei verkäuflich. Die „Knaller“ würden heute als Rohrbomben bezeichnet und deswegen in die Nähe zum Terrorismus gerückt werden. Wenn heute ein Kind anstatt 15km auch nur 800m weit zur Schule muss, dann ist das für Helikopter-Mama und Helikopter-Papa ein Grund, den Zögling mit dem SUV direkt vor die Eingangstür zu fahren. Und wenn heute ein Kind den selbstgebackenen Sandkuchen isst, dann wird es umgehend zum Internisten geschleift. Wo früher Papier oder Bildzeitung als Verpackungsmittel ausreichten, da ist heute nach dem Auspacken der Zutaten für eine Mahlzeit der Verpackungsmülleimer randvoll. Wo man früher bei einem etwas älteren Nahrungsmittel sagte „müsste eigentlich noch gehen“, da wird heute das Überschreiten eines Mindesthaltbarkeitsdatums mit „absolut tödlich ab“ gleichgesetzt.

Nein, früher war nicht alles besser. Aber wenn ich mir den Wahnsinn so ansehe, der heute allenthalben so um sich gegriffen hat, dann bin ich mir ganz sicher: Früher gab’s noch wesentlich mehr gesunden Menschenverstand als heute! Was eigentlich nur beweist, dass die Masse der aufgrund von Dummheit beliebig lenkbaren Untertanen enorm zugenommen hat. Leute, das muss doch nicht sein! Jedem stehen so ziemlich alle Informationsmöglichkeiten offen, also informiert euch gefälligst auch mal. Dann werdet ihr nämlich feststellen, dass nur allzu oft Mücken zu Elefanten hochstilisiert werden. Das folglich Scheinpolitik ganz groß geschrieben wird, um von den wesentlichen Sachen abzulenken. Denn letztere erfordern Handlungen. Aussitzen und Ablenken ist dagegen aber sehr viel bequemer. Was ist wichtiger: Dieselfahrverbote oder Altersarmut? Vor allem aber: Lasst doch mal wieder Augenmaß walten! All das trainiert nämlich den gesunden Menschenverstand. Sicher, den anschließend obendrein noch gebrauchen zu müssen, ist natürlich anstrengender als sich alles vorkauen zu lassen um sich einer Modeströmung anzuschließen, aber auch das hat mit Freiheit zu tun. Merke: Wer sich lenken lässt, der hat nur die Illusion von Freiheit! Und gegen die Lenkung hilft die Information! Es gibt zwei Sorten von Menschen: Diejenigen, die denken, dass andere etwas für sie und zu ihrem Wohl tun. Und diejenigen, die denken. Zu welcher Sorte gehörst du?