Fotografie ist ein Massenmedium unserer Zeit und viele Fortschritte in den Naturwissenschaften wären ohne die Möglichkeit der bildlichen Dokumentation gar nicht möglich gewesen. Aber warum Fotos oder, besser: Warum fotografiert man eigentlich? Für den Berufsfotografen ist der Fall klar. Der verdient nämlich sein täglich Brot damit. Für den Hobbyfotografen hingegen (dessen Aufnahmen qualitativ u. U. durchaus mit denen des Berufsfotografen mithalten können) sieht es etwas anders aus, denn da gibt es viele Gründe. Wobei allerdings zwischen dem Gelegenheitsknipser und dem ambitionierten Hobbyfotografen zu differenzieren ist. Der Gelegenheitsknipser will lediglich etwas festhalten, was ihm gerade aus einem Impuls heraus gefällt. Er beachtet keine Grundlagen hinsichtlich des Bildaufbaus o. ä., sondern betätigt nur eher zufällig und sich dabei auf die Automatik verlassend den Auslöser. Er nimmt das Bild anschließend so, wie die Kamera es ihm geliefert hat – inklusive aller Fehler und inklusive alles fotografischen Unvermögens.

Anders der ambitionierte Hobbyfotograf. Der stellt (teils sehr hohe und sogar professionelle) Ansprüche – an sich selbst, an die Bildqualität, an das Motiv und opfert mitunter sehr viel Zeit, um eine Rohaufnahme so zu bearbeiten, dass sie optimal ausfällt. Die Kamera spielt dabei eher eine untergeordnete Rolle: Die beste Kamera ist nämlich immer die, die man gerade dabei hat! So gibt es Gelegenheitsknipser, die mit einer sündhaft teuren High-Tech-DSLR Murks produzieren (sich aber aufgrund ihrer Ausrüstung für den Profi schlechthin halten) und semiprofessionell vorgehende Amateure, die mit einer billigen Digiknipse fantastische Fotos zustande bringen und aufgrund ihrer mikrigen Ausrüstung von gewissen Möchtegernprofis mitleidig (und überheblich) belächelt werden. Merke: Die fotografische Ausrüstung hat nichts – aber auch rein gar nichts! – mit dem fotografischen Können zu tun. NICHT DIE KAMERA MACHT DAS BILD – DU MACHST DAS BILD! Die Kamera bildet nur ab, was du für interessant hältst. Fotografie heißt nicht umsonst „mit Licht malen“.

Hinsichtlich des fotografischen Könnens gilt unabhängig von der eingesetzten Technik der alte Satz der Schriftstellerin Anais Nin: „Wir sehen die Dinge nicht wie sie sind, sondern wie wir sind.“ Fotografieren zu lernen bedeutet nämlich insbesondere auch sehen zu lernen. Hier macht sich der Unterschied zwischen der Analog- und der Digitalfotografie unübersehbar bemerkbar. Bei der Analogfotografie war das Bild fertig, wenn man den Auslöser losgelassen hat und bei der Digitalfotografie fängt danach die eigentliche Arbeit erst an. Der überhebliche Gelegenheitsknipser, der teure Ausrüstung mit qualitativ guten Fotos gleichsetzt (was schon einige Rückschlüsse auf dessen Geisteshaltung zulässt), bildete zu Zeiten der Analogfotografie die große Ausnahme, da seinerzeit die Fotos noch richtig Geld kosteten.

Das änderte sich mit dem Aufkommen der Digitalfotografie in den 1990er Jahren und mit dem Preisrutsch des Equipments nach der Jahrtausendwende. Fotos kosteten jetzt nichts und es kam zur Bilderflut, bei der ambitionierte und nicht selten semiprofessionell arbeitende Hobbyfotografen praktisch in der Masse des unteren Mittelmaßes untergingen. War es zuvor noch möglich gewesen, wenigstens einen Teil der Kosten des Hobbys über einen seltenen Bildverkauf zu finanzieren, so rangieren in der Bilderflut auch qualitativ hervorragende Aufnahmen bloß noch unter einem kostenlosen „Fernerliefen“. Dennoch gibt es sie, nämlich die ambitionierten Hobbyfotografen, noch immer.

Womit wir wieder beim eigentlichen Thema wären: Warum fotografiert man eigentlich? Da kann ich selbstverständlich nur für mich selbst sprechen. Für mich ist das Lernen ein lebenslanger und ein die persönliche Neugier befriedigender Prozess, vor allem dann, wenn es sich um interdisziplinäres Lernen handelt. Die Fotografie ist ein – wie ich finde – hervorragender Weg dazu. Ich fotografiere bevorzugt draußen und so gesehen bedeutet jede Fototour auch zugleich sportliche Betätgigung – und zwar ohne Sportgeräte, ohne Leistungsdruck und ohne teure Muckibude. Sportliche Betätigung kommt der eigenen Gesundheit zugute und man lernt seine Grenzen kennen. Nicht alles, was man zum Fotografieren benötigt, lässt sich käuflich erwerben. Einiges muss man selbst basteln. Das erfordert handwerkliches Geschick und mitunter auch, dreimal um die Ecke denken zu müssen. Mir erscheint das sinnvoller als Sudokus zu lösen. Es erhält geistig fit.

Wenn man auch unter kritischen Lichtbedingungen einigermaßen brauchbare Aufnahmen erzielen will, dann kommt man nicht umhin, sich mit der Physik des Lichts und mit der Technik der Aufzeichnungsverfahren auseinander zu setzen. Denn erst dann, wenn man derartige Grundlagen verinnerlicht hat, muss man sich nicht mehr auf die Vollautomatik verlassen. Die aber abschalten zu können eröffnet ganz neue Wege hinsichtlich ungewöhnlicher Bilder. Will man eine Sonnen- oder Mondfinsternis oder Polarlichter bzw. Blitze dokumentieren – einfach weil’s geil aussieht und weil das eben nicht jeder kann (schon gar nicht der überhebliche Gelegenheitsknipser mit seiner High-Tech-Ausrüstung) – dann erweist es sich als absolut unverzichtbar, sich intensiver (u. d. h. bspw. auch mathematisch-theoretisch) mit dem Wetter- und dem Weltraumwettergeschehen auseinander zu setzen.

Fotografie ist folglich gerade auch ein Erkennen und Verstehenlernen von der Natur und von Zusammenhängen. Das belebt den Forschergeist. Das fördert das Denkvermögen. Das führt zum Hinterfragen. Und wer hinterfragt, der lässt sich kein X mehr für ein U vormachen. Damit aber noch nicht genug. Manche Motive – insbesondere Kinder und Tiere – verlangen eine ganz eigene, individuell auf das Motiv zugeschnittene Vorgehensweise. Das wiederum bedeutet die Auseinandersetzung mit den Verhaltensmustern des Motivs und sich darauf einstellen zu müssen: Fotografie ist eine Form von gelebter Kreativität!

Doch es geht noch weiter – viel weiter sogar. Im Zuge der Bildbearbeitung wird die IT eingesetzt. Das aber bedeutet, sich intensiv in die Funktionsweise von Rechnern, Betriebssystemen und Software – teils experimentell – einarbeiten zu müssen: Übung macht den Meister! Fast schon überflüssig zu erwähnen, dass gerade bei der Bildbearbeitung auch Mathematik, Goldener Schnitt, Höhen-Breiten-Seitenverhältnis zwecks Wiedergabe usw. eine wichtige Rolle spielen und daher ebenso zu beherrschen sind. Schließlich ist auch noch möglich, dass Fotos nur Mittel zum Zweck sind, wenn man nämlich bspw. historische Gegebenheiten rekonstruieren oder etwas vermessen will, was in bewegter Form unmöglich ist. Ergo: Fotografie ist wesentlich mehr als nur auf den Auslöser zu drücken!

Genau dieser letztgenannte Punkt ist es aber auch, der das Wesen eines guten Bildes ausmacht! Das erfordert z. B. einen geschulten Blick. Eine simple Übung dazu ist die Reduktion: Geh‘ einfach mal morgens raus und fotografiere bspw. den Tau auf dem Gras in Makro. Einige Bilder werden dir gefallen – sie haben das gewisse Etwas – und andere nicht. Warum haben diese Bilder das gewisse Etwas? Denke darüber nach! Und dann versuche mal, derartige Fotosituationen ganz gezielt zu wiederholen! Deine Bilder werden danach im Laufe der Zeit automatisch besser. Alles in allem ist somit die Fotografie ein Weg, um bewusster mit seiner Umwelt umzugehen. Um genauer hinzusehen, um sich eine eigene Meinung zu bilden und um Zusammenhänge zu erkennen. Was will man mehr?