„Der kluge Mann baut vor!“
(Altes Sprichwort)

Weitsicht bedeutet u. a., sich für Eventualitäten zu wappnen. Welche Eventualitäten? Wenn ich mit dem Auto unterwegs bin, dann kann es passieren, dass ich die Geschwindigkeit des Fahrzeugs mitunter ziemlich abrupt vermindern muss. Deswegen hat das Ding eine Bremse. Wenn man (wie ich) mit Stromausfällen aufgewachsen ist, dann verlässt man sich nicht nur auf die Zentralheizung, sondern hat für Notfälle immer noch einen Holz-Kohle-Herd nebst Brennmaterial in petto. Wissen, auf das man zugreifen muss, wird nicht nur in digitalisierter, sondern auch in gedruckter Form (u. d. h. in Form von Büchern) vorgehalten. Zudem hat man gewisse Vorräte im Keller. Solche Sachen eben, die der Unabhängigkeit und somit auch der Risikominimierung dienen. Den Risiken, die man kennt, wird vorgebaut. Dennoch existieren durchaus bekannte und sogar relativ wahrscheinliche Risiken, welche mitunter einfach verdrängt werden – weil hier eine entsprechende Vorbereitung als überflüssiger und somit vermeidbarer Kostenfaktor betrachtet wird. Überflüssig und vermeidbar deswegen, weil so etwas immer anderen woanders und ganz weit weg passiert. Bis es dann schließlich doch vor der eigenen Haustür geschieht. Dann ist das Geschrei und Gejammere groß. Um so ein zwar verdrängtes, aber absolut nicht unwahrscheinliches Risiko soll es nachfolgend gehen.

Ohne die Sonne gäbe es auf der Erde kein Leben. Die Sonne sendet stetig Strahlung aus, nämlich den sg. Sonnenwind. Der sorgt hier für Licht und Wärme. Daneben gibt es aber noch die Sonneneruptionen. Sie entstehen, wenn die magnetischen Feldlinien, welche die Korona quasi zusammenhalten, aufbrechen. Dann werden große Massen geladener (ionisierter) Teilchen abgestrahlt, pro Ausbruch etwa i. d. Größenordnung des Harzer Brockenmassivs und man spricht von einem Sonnensturm oder magnetischem Sturm. Das geschieht vorzugsweise im Rahmen eines Sonnenfleckenmaximums, welches als grobe Faustregel einem elfjährigen Zyklus folgt. Die Abstrahlung erfolgt, da die Teilchen gleiche Ladungen aufweisen, in gegensätzlicher Richtung u. d. h. ein Teil davon gelangt in den Weltraum und ein Teil zurück zur Sonne. Der Teil, der zurück zur Sonne fällt, löst dort einen Röntgenblitz, auch Flare genannt, aus. Der Röntgenblitz oder Flare – er breitet sich mit Lichtgeschwindigkeit aus und benötigt daher nur 8 Minuten bis zur Erde – ist das erste Anzeichen eines Sonnensturms, also quasi die Vorwarnung.

Der eigentliche Sonnensturm besteht neben dem Flare noch aus aus zwei weiteren Komponenten, nämlich aus hochenergetischen Teilchen (insbesondere Protonen), die mit 10-20% LG unterwegs sind. Sie erreichen die Erde binnen rund einer Stunde. Die andere Komponente ist die Plasmawolke, koronaler Massenausstoß oder kurz CME genannt, welche mit maximal 1.000-2.000km/Sek. unterwegs ist (typisch sind 1.000km/Sek.) und die Erde binnen 1-2 Tagen erreicht. Da derartige Sonneneruptionen eine gewisse Zeit lang anhalten, dauert so ein Sonnensturm mehrere Stunden bis hin zu einigen Tagen u. d. h., aufgrund der Erdrotation von 24 Stunden ist davon im ungünstigen Fall die gesamte Erde betroffen.

Sonnenstürme treten häufig auf, grob geschätzt alle paar Wochen mal. Sie sind es, die uns die atemberaubenden Nordlichter (Aurora Borealis) bescheren. Sehr starke Sonnenstürme sind deutlich seltener; ihre Zahl liegt bei etwa einem Sturm alle 2-5 Jahre. Da die Sonne zweihundertmal größer als die Erde ist und derartige Eruptionen überall auf ihrer Oberfläche vorkommen, sich die Erde aber zudem noch in acht Lichtminuten Entfernung befindet, ist die Chance, dass die Erde von einem besonders starken Sonnensturm („Super-Sonnensturm“) getroffen wird, nicht sonderlich groß, denn die Erde füllt aus der Sicht der Sonne nur einen ziemlich kleinen Raumwinkel aus: Das Meiste fliegt einfach irgendwo vorbei.

Das ist in etwa vergleichbar einer Schrotflinte, mit der man eine in zwanzig Meter Entfernung tanzende Mücke treffen will: Alle oder die meisten der Schrotkugeln werden an ihr vorbei fliegen. Interessant ist allerdings die eine Kugel, die vielleicht trifft. Man schätzt, dass das in Bezug auf Super-Sonnenstürme statistisch gesehen etwa alle 500 Jahre mal mit der Erde passieren dürfte. Sonnenstürme werden seit rund 150 Jahren registriert. Welche starken Sonnenstürme und Super-Sonnenstürme hat es bisher gegeben? Hier ist mal eine Auswahl, welche die stärksten Ereignisse auflistet:

– 1859 wurde mit dem sg. Carrington-Ereignis der stärkste magnetische Sturm registriert, der die Erde bislang getroffen hat. Es handelt sich dabei allerdings NICHT um den stärkstmöglichen Sturm! Er führte zum Ausfall von Telegrapheneinrichtungen und von den Geräten überspringende Funken entzündeten die zugehörigen Papierstreifen bzw. verletzten die Angestellten.
– 1921 wurden Überlandleitungen durch einen Sonnnsturm lahmgelegt.
– 1967 blendete ein magnetischer Sturm die Radaranlagen des US-amerikanischen Raketenfrühwarnsystems und löste beinahe einen Atomkrieg aus.
– 1989 bewirkte ein Sonnensturm einen neunstündigen Stromausfall in der Region Quebec-Montreal.
– 2003 führte ein Magnetsturm zum Ausfall des Funkverkehrs und zu einem Stromausfall in der Region Malmö.
– 2012 verfehlte ein Supersturm, mindestens so stark wie das Carrington-Ereignis (eher stärker), die Erde nur um Haaresbreite.

Das sind sechs solcher Ergeignisse in 150 Jahren u. d. h. im Mittel einmal pro Vierteljahrhundert ist mit wirklich ernsthaften Problemen aufgrund von Sonnenstürmen zu rechnen. Mit welchen Problemen? Betrachten wir dazu einmal die Auswirkungen eines Magnetsturms. Zuerst mal ist das was für’s Auge:
– Man kann Nordlichter bis in niedere (d. h. relativ äquatornahe) Breiten sehen (beim o. e. Carrington-Ereignis war das eine Linie Rom, Havanna und Hawaii).
Die negativen Auswirkungen überwiegen jedoch deutlich:

– Der Sturm induziert Spannungen von mehreren Volt pro Kilometer. Bei elektrischen Leitern (Überlandleitungen, Wasserleitungen, Pipelines usw.) können sich dadurch gefährliche Hochspannungen aufsummieren.
– Derartige Spannungen können Trafoanlagen zerstören und im Rahmen eines Domino-Effekts zu einem großflächigen Blackout der Stromversorgung führen.
– Überspringende elektrische Funken können Personen verletzen und Brände verursachen (Gasleitungen!).
– GPS-Satelliten werden funktionell beeinträchtigt, so dass ihre Signale zeitweise unbrauchbar sind, was Auswirkungen auf Schiffs-, Flug- und Straßenverkehr hat.
– Radaranlagen können geblendet werden und die Fehlinterpretation dieser Blendung zum Krieg führen.
– Die Atmosphäre heizt sich an den Stellen, an denen die Plasmawolke auftrifft, enorm auf und dehnt sich aus, so dass die Umlaufbahnen niedrig fliegender Satelliten (z. B. Wetter- und Navigationssatelliten) negativ beeinflusst werden können (schlimmstenfalls bis hin zum Absturz).
– Pipelines korrodieren verstärkt aufgrund von elektrochemischen Belastungen (d. h. Verringerung der Lebensdauer).
– Funkverbindungen können zusammenbrechen (d. h. Ausfall der Telekommunikation).

Das ist das, was heute über starke Sonnenstürme bekannt ist. Super-Sonnenstürme hingegen können durchaus verheerende Auswirkungen zeigen. Betrachten wir dazu mal die Technik. Als das Carrington-Ereignis eintrat (der einzige bislang registrierte Super-Sonnensturm, der die Erde voll getroffen hat), befand sich die Elektrifizierung noch in ihren Anfängen. Man kannte nur die robuste Analogtechnik, bei der Strom durch im Vergleich zu heute recht voluminöse (robuste) Leiter geschickt wurde. Dennoch kam es zu großflächigen Ausfällen der Telegraphenanlagen, wenngleich ohne deren dauerhafte Beeinträchtigung.

Heute sind im Zuge der Digitaltechnik die Bauelemente sehr viel kleiner. SMD-Bauteile passen unter den Fingernagel und so manche Leiterbahn ist so winzig, dass man ein Mikroskop benötigt, um sie zu sehen. Entsprechend empfindlich sind derartige Komponenten auch: Wer so etwas reparieren will, der tut gut daran, sich ein Erdungsarmband um das Handgelenk zu wickeln, um nicht unwissentlich noch mehr Bauteile durch eine winzige, unbeabsichtigte elektrostatische Entladung ins Nirwana zu schicken (man kennt das ja, wenn man über einen Teppich gelaufen ist, eine Türklinke berührt und es einen leichten Schlag gibt). Man stelle sich nun vor, dass Ströme wie beim Carrington-Ereignis auf solche Bauteile treffen: Die brennen ausnahmslos rettungslos und irreparabel durch! Ein (durchaus wahrscheinliches und auch zu erwartendes) Carrington-Ereignis heute würde einem magnetohydrodynamischen EMP entsprechen. Was wäre bei einem solchen EMP zu erwarten? Hier mal eine kleine Auswahl dazu:

– Irreparable Schädigung von allem, was mit Strom zu tun hat.
– Liegengebliebene Fahrzeuge (Autos, Züge) und dadurch verstopfte Verkehrswege, u. U. auch abstürzende Flugzeuge.
– Irgendwo im Nirgendwo gestrandete Reisende, die allein schon mit dem Öffnen der Türen ihre liebe Not haben werden und die sich auf eigene Faust durchschlagen müssen.
– Ausgefallene Pumpen, so dass es auf nicht absehbare Zeit weder Frischwasser noch Treibstoff gibt (womit Wohnungen, da sich die Badezimmer binnen Rekordzeit in Kloaken verwandeln, schnell unbewohnbar werden).
– Fehlende Versorgung mit Grundnahrungsmitteln (in Folge Zusammenbruch der öffentlichen Ordnung und Plünderungen).
– Umweltzerstörung durch mangels funktionierender Steuergeräte durchgehende Industrieanlagen (u. U. sind auch AKWs davon betroffen).
– Zusammenbruch der Telekommunikation.
– Ausbruch von Krankheiten mangels medizinischer Versorgung.
– Verlust sämtlichen Wissens, das auf magnetischen und optischen Datenträgern gespeichert ist.
– Überlebenskampf, Bandenbildung, Warlords, Anarchie.

Das ist langfristig gesehen die Kehrseite einer allumfassenden Digitalisierung. Einen Atomkrieg benötigen wir dazu nicht; wir müssen nur den nächsten und unweigerlich kommenden magnetohydrodynamischen EMP abwarten. Der katapultiert unsere unsere ach so fortschrittliche Zivilisation von heute auf morgen in vorindustrielle Zeiten zurück. Was kann man dagegen unternehmen? Gegen den Sonnensturm gar nichts. Gegen seine Folgen hingegen durchaus etwas, wenn nämlich die Möglichkeit besteht, von „Keimzellen“ ausgehend alles wieder aufzubauen. Hinsichtlich besagter „Keimzellen“ sind wir dann aber wieder bei robuster Uralt-Technik. Sicher, die wird auch beeinträchtigt. Aber sie wird ganz im Gegensatz zur superminiatursisierten Digitaltechnik nicht rettungslos zerstört. Sie kann repariert werden. Das ein kleiner, aber feiner – und auch der wichtigste – Unterschied!

Welche Uralt-Technik ist gemeint? Ein wohlhabendes Industrieland sollte es sich durchaus leisten können, für Notfälle ein analoges Telefonnetz in Reserve zu haben, auch wenn dessen Pflege vermeintlich überflüssige Kosten verursacht. Gleiches gilt für im Normalfall abgeschaltete Braunkohlekraftwerke, so dass im Fall der Fälle zumindest ein Minimum an Strom erzeugt werden kann. Der Bahn stünde es gut zu Gesicht, ein paar alte Dieselloks zu pflegen, die bei Bedarf liegengebliebene ICEs abschleppen und so das Streckennetz wieder frei machen könnten. Auch Rettungs- und Sicherheitsdienste sollten immer noch ein paar zwar alte, aber robuste Analogfunkgeräte aufheben. Selbstverständlich reicht das Material alleine nicht aus; auch die Schulung des Personals hinsichtlich der Bedienung und Wartung solcher Gerätschaften ist unerlässlich. Für Otto Normalverbraucher hingegen empfiehlt es sich unbedingt, schon von kleinauf all die Fertigkeiten (wieder) zu erlernen, die für unsere Vorfahren noch den Alltag darstellten, also Lebensmittelanbau, die Zubereitung von Lebensmitteln auf offener Feuerstelle, sinnvolle Vorratshaltung u. ä. Vielleicht würde ja auch genau das die Menschen, die sich heute fast schon hoffnungslos von der Natur entfremdet haben, wieder zur Natur zurück führen und deren Verständnis wecken. Aber all das ist natürlich nur meine ganz persönliche Meinung und es gibt sicherlich „Experten“, die mir da in vielerlei Hinsicht widersprechen werden …

Quellen:

Magnetischer Sturm
Sonnensturminfos
Sonnensturmauswirkungen
Carrington-Event Info I
Carrington-Event Info II
Carrington-Event Info III
Strahlungseinfluss auf Mikroelektronik Info I
Strahlungseinfluss auf Mikroelektronik Info II
Strahlungseinfluss auf Mikroelektronik Info III
Strahlungseinfluss auf Mikroelektronik Info IV