Wie im vorangegangenen Beitrag bereits anklang hat mich im Verlauf der vergangenen Woche die Pflege von Alzheimer-kranken Angehörigen über Gebühr beansprucht. Wenn man zum Thema Alzheimer-Krankheit im Web recherchiert, dann findet man viele – sehr viele! – Informationen. Was man aber nicht findet, ist quasi eine Timeline des ganz konkreten Krankheitsverlaufs – und zwar einfach schon aus dem Grunde, weil der bei jedem Patienten (nachfolgend mit „P.“ abgekürzt) individuell anders sein kann. Diese Lücke will ich mit dem nun folgenden Beitrag einmal schließen. Er beinhaltet meine ganz persönlichen Erfahrungen mit einem an Alzheimer erkrankten Angehörigen. Mir ist dabei selbstverständlich bewusst, dass diese Timeline der Krankheit allen Interessierten nur eine ganz grobe Richtschnur liefern kann, denn es wird – wie schon gesagt – von Fall zu Fall vielleicht auch gänzlich anders aussehen, weil es ganz große Unterschiede gibt.

Andererseits aber zeigt die Aufstellung, womit pflegende Angehörige zu rechnen haben, denn eine prinzipielle Behandlungsmöglichkeit existiert nicht. Immerhin aber demonstriert die „Nonnenstudie“ eindringlich, dass es nicht so weit wie unten geschildert kommen muss, wenn die Erkrankung frühzeitig erkannt und durch Maßnahmen wie z. B. Aktivierung gegengesteuert wird. Im vorliegenden Fall war dies nicht realisierbar, denn aufgrund einer ärztlichen Fehldiagnose (O-Ton: „Ganz normale altersbedingte Vergesslichkeit!“) im zweiten Jahr – die aufmerksamen Angehörigen sind ja bekanntlich medizinische Laien – wurde der wertvollste und effektivste Zeitraum für ein mögliches Gegensteuern ungenutzt verschenkt und die Erkrankung wurde als (O-Ton) „Alzheimer im fortgeschrittenen Stadium“ erst im fünften Jahr korrekt diagnostiziert. Dann nämlich, als es für effektive Gegenmaßnahmen bereits zu spät war. Hier ist also die (stichwortartige) Timeline eines ganz konkreten Alzheimer-Verlaufs.

Jahr 1:
– Häufige Verwechslungen von ähnlich klingenden Begriffen bzw. Wörtern treten auf, wodurch die Kommunikation erschwert wird.

Jahr 2:
– Erste psychische Veränderungen werden für aufmerksame Angehörige bemerkbar.
– Der Rückzug von den täglichen Hausarbeiten beginnt.
– Gegenüber Dritten werden mit vollster Überzeugung Falschauskünfte getätigt.
– P. verhält sich hinsichtlich der Richtigstellung absolut ignorant.
– P. zeigt darüber hinaus deutliche Anzeichen von Vergesslichkeit bei üblichen Verrichtungen des Alltags.
– P. weist Hilfeleistungen als nicht notwendig zurück, wird naiv-gutgläubig & u. U. Opfer v. Trickbetrügern.

Jahr 3:
– Die Fähigkeit zur Führung des eigenen Haushalts geht verloren & ohne Hilfe funktioniert es nicht mehr.
– Zahllose Dinge des Alltags (inklusive Papiere & Geld) werden unauffindbar verlegt, so dass teure Neubeschaffungen erforderlich werden.
– Die Alltagkompetenz ist merklich bis stark eingeschränkt.
– Situationen werden nicht mehr korrekt erfasst und beurteilt.
– P. beginnt seine Wohnung verkommen zu lassen.
– P. fängt an, einen ausgegeprägten Egoismus zu kultivieren.
– P. ist unfähig, anderen in Notsituationen Hilfe zukommen zu lassen und verspottet hilfebedürftige Personen.
– P. entwickelt unbewusst einen ausgeprägten und durch Vergesslichkeit verursachten Zerstörungsdrang.
– Soziale Kontakte und Bewegung werden über Gebühr vermindert.
– Orts- und Zeitgedächtnis sind löcherig geworden.
– P. beginnt in seiner eigenen Scheinwelt zu leben und erzählt Dritten in Folge Lügen und Unwahrheiten, auch Partner & Hilfskräfte betreffend.
– P. ist sich des eigenen Fehlverhaltens nicht bewusst & weist das entrüstet von sich.

Jahr 4:
– P. lässt den eigenen Haushalt komplett verkommen und es wird dort gar nichts mehr getan.
– P. zeichnet sich durch extreme Bequemlichkeit und Antriebsschwäche aus.
– P. zeigt beginnende Teilnahmslosigkeit.
– Die Zerstörungen durch das Fehlverhalten nehmen dramatisch zu, so dass Fremdhilfe (z. B. Handwerker) zur Schadensbeseitigung vonnöten ist.
– Die Desorientierung erreicht einen Höhepunkt & das Orts- sowie Zeitgedächtnis sind verschwunden.
– Selbständige Benutzung von Verkehrsmitteln (z. B. Öffis) ist nicht mehr möglich.
– Die eigene Körperpflege wird massiv vernachlässigt.
– P. verlässt die eigene Wohnung kaum noch.
– Das Kurzzeitgedächtnis schrumpft auf maximal zwei bis drei Minuten.
– Normale Kommunikation mit dem P. ist daher nicht mehr möglich.
– P. wird abweisend und unkooperativ.
– Pflegepersonen werden beschimpt und beleidigt.
– P. wähnt sich in einer Zeit, die ein oder zwei Jahrzehnte vor der Gegenwart liegt.
– Alltagskompetenz ist de facto nicht mehr vorhanden.
– P. hat mangels Bewegung u. U. stark zugenommen und kann somit kaum noch laufen, so dass eine Gehhilfe nötig wird.
– P. stürzt häufiger und kann sich aus eigener Kraft nicht mehr erheben.
– P. verhält sich den Pflegepersonen gegenüber zunehmend aggressiv.
– P. hält es für selbstverständlich, dass die Pflegepersonen ihr gesamtes Leben auf ihn ausrichten.
– P. ist nicht mehr geschäftsfähig.
– P. hält Termine nicht ein und will in Ruhe gelassen werden.
– P. reagiert nicht mehr auf Schreiben, Rechnungen, Mahnungen, Ämterbescheide usw.
– P. verwandelt seine Wohnung in ein Dreckloch.
– P. verwechselt inzwischen in Einzelfällen die Dusche mit der Toilette.
– Jahreszeiten und Jahresfeste können nicht mehr zugeordnet werden.

Jahr 5:
– Die unkooperativ-ablehnende Verweigerungshaltung wird zum Normalfall.
– Die Aggressivität gegenüber den Pflegepersonen erfährt eine bedenkliche Steigerung.
– Die Zerstörungsorgie hält immer noch unvermindert an.
– Ärztliche Termine werden massiv verweigert.
– P. setzt alles daran, Dritte von seiner Scheinwelt zu überzeugen und ignoriert offensichtliche Tatsachen.
– P. kauft nichts mehr selbst ein.
– Wäschewaschen gibt es nicht mehr.
– P. erachtet es als Selbstverständlichkeit, dass Dritte für ihn und seine Bedürfnisse die Kosten tragen.
– P. lehnt jede Neuerung, welche die Situation erleichtern könnte, vehement ab.
– P. beginnt damit, vorwiegend zu liegen und sich nicht mehr zu bewegen.
– Einher damit geht eine weitere, immense Gewichtszunahme nebst Gelenkbelastung.
– P. lässt seinen gesamten Haushalt und auch die Essenszubereitung durch Pflegepersonen erledigen und hält das für selbstverständlich.
– P. fühlt sich als Mittelpunkt seines geschrumpften Universums und alle haben nur noch für ihn da zu sein.
– P. verweigert Fremdhilfe (Arzt, Sozialdienst usw.).
– In kommunikativer Hinsicht hat sich der P. ein verbal-aggressives, ordinäres Gebrüll angewöhnt.
– P. verweigert die Medikation.
– Kot und Urin werden manchmal irgendwo in der Wohnung abgesetzt.
– P. stellt an Pflegepersonen unerfüllbare Forderungen und reagiert aggressiv, wenn diesen Forderungen nicht nachgekommen werden kann.
– P. lässt an ihn gerichtete, amtliche Post verschwinden.
– Vereinzelt kommt es bereits zu nächtlichen Ruhestörungen.
– P. ignoriert die Hilfeleistungen seitens der Pflegepersonen und unterstellt denen in beschimpfender Form Untätigkeit.
– P. lädt Gäste ein, vergisst das, verhält sich absolut untätig & versorgt so die Pflegepersonen mit noch mehr Arbeit.
– P. ist völlig unzurechnungsfähig geworden.

Jahr 6:
– Das unflätige Gebrüll vom P. ist zum normalen Umgangston geworden, von dem auch die Nachbarn genug mitbekommen.
– P. liegt die überwiegende Zeit und lässt sich nach Strich und Faden bedienen.
– Einfachste Fertigkeiten wie z B. das Einschalten von Radio oder Fernseher sind völlig verloren gegangen.
– P. begeht in zunehmendem Maße gefährliche Fehler (z. B. mit Brandgefahr, Wasserschäden, Stromschlag etc.).
– Deutliche Verwahrlosungstendenzen sind nicht mehr zu übersehen.
– Essensreste und Getränke werden überall fallen gelassen und breitgetreten; Abflüsse werden als Müllschlucker missbraucht.
– Verordnete Medikamente werden weggeworfen.
– Lebensmittelvergiftungen sind an der Tagesordnung, weil restlos vergammeltes Zeug in sich reingeschaufelt wird.
– Alle Verhaltensweisen aus den Vorjahren sind potenziert worden.
– Nächtliche Ruhestörungen erfolgen häufig bzw. regelmäßig.
– Gebrauchtes Geschirr wandert vollkommen verschmutzt wieder zurück in die Schränke als Nahrungsquelle für Maden.
– Jegliche Hilfeleistung wird gefordert und nahezu zeitgleich zurückgewiesen.
– Jegliches Verlassen der Wohnung wird verweigert.
– Müll wird überall verteilt.
– Die Wohnung bleibt auch tagsüber wegen geschlossener Jalousien stockdunkel.
– Den Aversionen gegen einzelne Pflegepersonen wird freier Lauf gelassen (z. B. durch Rauswurf).
– Hilfeleistungen in Notfällen (gerade auch bei Dritten) werden bis hin zur Körperverletzung durch den P. massiv behindert.
– Beliebige, nicht verordnete Medikamente werden zeitweise völlig wahllos eingeworfen (mit entsprechenden Nebenwirkungen).
– Aufgrund von mangelnder Bewegung sind die Gelenkprobleme jetzt so massiv geworden, dass sie ihrerseits Bewegung verhindern.
– Der Aufenthalt im Rollstuhl rückt dadurch in Reichweite.
– Die Wohnung stinkt permanent penetrant, weil nicht mehr gelüftet wird.
– Durch die Pflegepersonen gekochtes Essen wird regelmäßig unbegründet zurückgewiesen.
– Ärztliche Versorgung ist nur noch auf dem Wege des Hausbesuchs möglich.
– P. legt alles daran, die Pflegepersonen mit einem sinnlosen Tätigkeitstaumel dauerhaft zu beschäftigen.
– P. schließt sich regelmäßig lange ein.
– P. ist unfähig geworden, Wünsche verständlich und nachvollziehbar zu äußern.
– P. hat jegliches Augenmaß verloren.
– Lebensmittel wie z. B. Wurst- oder Käsescheiben werden zwischen Zeitungen gepackt u. ä.
– Dritten (inklusive Arzt) ist der Zutritt zur Wohnung nur noch möglich, wenn die Pflegepersonen dies ermöglichen.
– Auf Haustür- oder Telefonklingel wird nicht mehr reagiert.

Jahr 7:
– Zur verbalen, hochgradigen Aggressivität gesellt sich jetzt noch vereinzelt physische Aggressivität (d. h. Angriff der Pflegepersonen).
– P. liegt praktisch nur noch und jammert permanent lautstark.
– P. verweigert den Wechsel der Kleidung.
– P. verzichtet weitestgehend auf Körperhygiene (und stinkt entsprechend).
– P. ist dauerhaft harn- und stuhlinkontinent geworden.
– P. erkennt mitunter im Einzelfall tägliche Kontaktpersonen nicht mehr.
– P. verlässt das Bett praktisch nur noch zum Essen oder zum Toilettengang.
– P. benötigt permanent Gehhilfe (Rollator bzw. Rollstuhl).
– P. zeichnet sich durch ein permanentes, ausgesprochen kindisches Trotzverhalten aus.
– P. lebt in einer Zeit von vor 50 oder 60 Jahren.
– P. blendet alles aus was jüngeren Datums ist.
– P. kann nicht mehr selbstständig telefonieren.
– P. zeigt mehrmals wöchentlich selbstschädigendes Verhalten ohne sich dessen bewusst zu sein.
– P. kultiviert Teilnahmslosigkeit und handelt, wenn überhaupt, völlig irrational.

Abschließend sei vielleicht noch kurz angemerkt, mit welchem zeitlichen Aufwand die Angehörigen bei der Pflege eines Alzheimer-Patienten zu rechnen haben. Für die Jahre 1 bis 4 kann ich leider keine Angaben machen, denn dazu fehlt es mir an Aufzeichnungen – mein detailliertes Pflegetagebuch setzt erst ab dem fünften Jahr ein. Erfahrungsgemäß ist im fünften Jahr von durchschnittlich mindestens 130 Stunden monatlich auszugehen. Im sechsten Jahr erhöht sich der Aufwand um etwa 20%, um im siebten Jahr auf gut 200 Stunden monatlich (Minimum!) anzusteigen – das sind fast sieben Stunden pro Tag und ein eigenes Leben hat die Pflegeperson dann definitiv nicht mehr. Da das die Wochenenden natürlich mit einschließt ist es im Endeffekt deutlich mehr als ein Full-Time-Job. Wäre es da nicht nur gerecht, wenn der Gesetzgeber sich endlich mal dazu entschließen könnte, die Pflege von Angehörigen auf die Lebensarbeitszeit anzurechnen?!? Macht er aber nicht und das spart ihm Unsummen von Geld. Der Leidtragende ist wie immer der kleine Mann und somit das blöde Stimmvieh … Vielleicht sollte man sich vor diesem Hintergrund immer dann, wenn einmal mehr Wahlen anstehen, einfach mal fragen: Was hat der Staat für dich getan und wo hat er dich skrupellos ausgenutzt?