In den 1920er Jahren nahm die Verwendung von Asbest so richtig Fahrt auf. Seit 1990 ist das Zeug in der EU verboten. Geblieben sind Krebs, Asbestose, ein Umweltproblem und ein Entsorgungsproblem. In den 1940er Jahren wurde das Insektizid DDT entwickelt und in Folge weltweit reichlich eingesetzt. In Westdeutschland wurde es 1977 verboten. Geblieben sind Krebs, Missbildungen, Reproduktionsstörungen und Umweltschäden. Seit den 1960er Jahren wurde im Baubereich standardmäßig Pentachlorphenol, kurz PCP, welches herstellungsbedingt mit Dioxinen verunreinigt war, eingesetzt. Für die Anwendung in Innenräumen ist die Substanz in Deutschland im Jahr 1989 verboten worden. Geblieben sind SBS, MCS, Asthma, Intelligenzminderung, Allergien, Krebs und Autoimmunerkrankungen. Alle diese Mittel weisen eine Gemeinsamkeit auf. Sie wirken nämlich bei langfristiger Exposition mit kleinen Dosierungen unmittelbar auf den Menschen.

Aber was wäre die Menschheit ohne den Fortschritt? Seit Mitte der 1970er Jahre kommt weltweit Glyphosat als Herbizid zum Einsatz. Nach heutigem Kenntnisstand wirkt es nicht direkt auf den Menschen. Es vernichtet zuverlässig Wildpflanzen, die seitens der Nahrungsmittel- bzw. Agrarindustrie unter dem Oberbegriff „Unkäuter“ zusammengefasst werden. Was bei zunehmendem Einsatz des Mittels unweigerlich kommen musste war durchaus absehbar, aber der Mensch in seiner Verpflichtung dem wirtschaftlichen Gewinn gegenüber und in seiner Lernresistenz hat selbstverständlich weggesehen: Keine Wildkräuter, keine Insekten, keine Vögel – dafür aber die massenhafte Vermehrung von Schädlingen in den verbliebenen, gentechnisch veränderten Monokulturen, so dass nach ein paar Jahren des Gewinns künftig ein ganz massiver Verlust droht. Und zwar nicht nur hinsichtlich Ökonomie, sondern insbesondere (und unwiderbringlich) auch in Bezug auf die Ökologie. Glyphosat ist folglich insofern fortschrittlich, als dass es unsere Lebensgrundlage langfristig nicht mehr direkt, sondern „nur“ indirekt zerstört. Das unterscheidet es von den eingangs erwähnten Mitteln.

Wo es nicht solche Chemikalien sind, da kommen Rohstoffgewinnung, Brandrodung usw. zum Einsatz. Alles zusammen – auch das war durchaus absehbar – führt zur Zerstörung des Ökosystems, von dem wir alle abhängig sind. Darauf weist der aktuelle Biodiversitätsbericht der UN, genauer von der IPBES, in dem es um das Artensterben geht, hin. Dieser Bericht bezieht sich nicht auf ein bestimmtes Land, sondern vielmehr auf den gesamten Planeten. Um konsequenterweise etwas zu verändern, müsste folglich weltweit angefangen werden – und zwar umgehend. Weltweit deswegen, weil unsere Konzerne global agieren. Wenn sie hier keine Kohle scheffeln können, dann versuchen sie es woanders. Sie werden erst dann mit dem Umdenken beginnen, wenn ihnen woanders auch ein Riegel vorgeschoben wird. Das funktioniert nur durch weltweite Anstrengungen, durch weltweite Rahmenbedingungen. Solange das aber nicht der Fall ist, wird man weiterhin das Geld anbeten und die Menschen als beliebig verschleißbare, nachwachsende Rohstoffe betrachten – eben als „human ressources“.

Aber was könnte man eigentlich wie verändern? Unser Wirtschaftssystem basiert auf unbegrenztem Wachstum im begrenzten System. So etwas kann dauerhaft nicht funktionieren und das dürfte – Politiker und Konzernlenker einmal ausgenommen – auch jeder einsehen. Wenn aber aus dem unbegrenzten Wachstum eine unbegrenzte Nachhaltigkeit gemacht werden würde, dann hätten wir zumindest eine Chance – wobei auch die Nachhaltigkeit durchaus zu wirtschaftlichen Gewinnen führen kann. Woran es mangelt ist die Weichenstellung dafür. Wir haben viele Gesetze – zu viele Gesetze, scheißeviele Gesetze! Und dennoch wird so eine Weichenstellung ohne gesetzlichen Rahmen nicht möglich sein.

Wie könnte so ein gesetzlicher Rahmen aussehen? Nun, wir haben bereits ein Kreislaufwirtschaftsgesetz. Nur leider werden davon echte Stoffkreisläufe kaum gefördert; die Schwerpunkte liegen auf Verbrennen („thermische Verwertung“) und Verbuddeln („Endlagerung“). Umweltverträglichkeit sieht anders aus. Besagtes Gesetz müsste daher entsprechend novelliert werden. Ein Weg zur Umweltverträglichkeit wäre das Recycling – und warum soll man dazu nicht den Hersteller eines Produktes in die Pflicht nehmen? Warum sollte man den nicht verpflichten, passend zu einem Produkt ein geeignetes Recyclingverfahren zu entwickeln? Die Erlaubnis zur Markteinführung eines Produktes würde dann von der Existenz eines funktionellen Recyclingverfahrens abhängig gemacht werden. Dazu ein paar Beispiele.

Samsung will ein neues Handy auf den Markt bringen? VW, Audi, Daimler wollen ein neues Fahrzeug auf den Markt werfen? Sony will einen neuen Fernseher unter die Leute bringen? OK – aber nur dann, wenn die Altgeräterücknahme und das stoffliche Recycling definitiv sicher gewährleistet sind. RWE will einen neuen Atomreaktor bauen? OK – aber nur dann, wenn unahängig von den Sicherheitsstandards sowohl die dauerhaft sichere Endlagerung von Brennstäben wie auch des abgewrackten Altreaktors gewährleistet sind. Bayer will ein neues Herbizid oder Insektizid verkaufen? OK – aber nur dann, wenn sichergestellt ist, dass man für alle etwaigen Folgeschäden inklusive medizinischer Betreuung, Bodensanierungen u. ä. sowohl das Geld wie auch die Technik hat. Die Lebensmittelindustrie will weiterhin auf Plastikverpackungen setzen? OK – doch das setzt mindestens voraus, dass die bereits seit Jahren existenten Verfahren zur Umwandlung von Kunststoffen in Rohöl-ähnliche Rohstoffe standardmäßig bei dem Verpackungsmüll zur Anwendung kommen.

So in der Art könnte das laufen und anhand dieser Beispiele wird auch schon unschwer erkennbar, warum ich weiter oben von einem weltweiten Ansatz gesprochen habe. Denn nur ein solcher weltweiter Ansatz könnte verhindern, das der betreffende Konzern sich irgendwo irgendeine Nische sucht, um den gesetzlichen Rahmen zu umgehen. Allerdings – und das sehe ich ganz realistisch – wird diese Möglichkeit niemals funktionieren. Das beste Beispiel für das Scheitern von weltweiten Ansätzen liefern ja bereits die UN-Klimakonferenzen, die durch Verzögerungen, Verschleppungen und ein Nichterreichen der gesteckten Ziele geprägt sind. Mit der Nachhaltigkeit wird das kein Stück anders laufen. Der heutige Mensch ist einfach nicht intelligent genug, um sinnvolles Handeln über seinen Urtrieb der Gier zu stellen und so eine Folgenabschätzung vornehmen zu können. Deswegen dürfte die Menschheit langfristig auch aussterben. Garantiert!