Gestern, ’ne … – ich hatte gerade den Müll rausgebracht und komme aus dem Keller wieder hoch. Schwiegervater steht unschlüssig mit seinem Rollator im Hausflur. Vor der Haustür zeichnet sich die Silhouette einer Person ab. Da die Sozialstation erwartet wurde, meine Schwiegereltern aber oftmals niemandem öffnen, machte ich die Haustür auf. Draußen stand eine mir unbekannte Frau, die definitiv nicht von der Sozialstation kam. Sie schleppte einen ziemlich lädiert aussehenden Trolley mit sich, aus dem textiles Material rausguckte. Ich fragte sie, zu wem sie wollte, wer sie sei und worum es gehe. Sie weigerte sich zunächst, ihren Namen zu nennen und gab erst auf massive Nachfrage hin nebulös an, sie sei eine „Frau B. vom Zirkus“. Ferner gab sie an, das „ältere Ehepaar mit der behinderten Tochter“ besuchen zu wollen, denn sie sei eine gute Bekannte von denen und habe die schon häufiger besucht – kannte aber als angeblich „gute Bekannte“ deren Namen nicht mal!

War ich zuvor schon misstrauisch gewesen, so wurde ich jetzt erst richtig stutzig und fragte nochmals nach, was sie denn eigentlich wolle. Daraufhin kam sie mir pampig: „Wer sind Sie denn eigentlich? Ich habe Sie hier noch nie gesehen!“ Mittlerweile bereits leicht verärgert entgegnete ich sarkastisch: „Das mag durchaus sein, denn ich wohne hier ja auch noch nicht so lange. Erst seit gut 25 Jahren!“ Mit einem gemurmelten „Oh, Entschuldigung!“ drängte sie sich draufhin echt dreist an mir vorbei und stand im Hausflur: Vor Schwiegervater mit seinem Rollator und kam nicht weiter. Meinen Schwiegervater erkannte sie nicht, die „gute Bekannte“. Meiner geistig behinderten Schwägerin wollte sie „etwas zeigen“ und verlangte nochmals, zu meiner unzurechnungsfähigen – da schwerst dementen – Schwiegermutter (die absolut nicht dazu in der Lage war, irgendwelchen Besuch zu empfangen, da sie schon seit einem Vierteljahr nur noch mit Nachthemd bekleidet im Bett rumliegt) vorgelassen zu werden. Äh… – NEIN! Ich komplimentierte die Dame hinaus, woraufhin sie zuletzt noch ein „Dann brauche ich also nicht mehr wieder zu kommen?“ absonderte. Das anschließende Gespräch mit meinen Schwiegereltern ergab, dass die Dame ebenso wie eine „Frau B. vom Zirkus“ denen völlig unbekannt war.

Meine Frau war zu der Zeit zur Arbeit. Irgendwann rief sie mich wegen mehrerer Kleinigkeiten an und ich informierte sie auch über den Besuchsversuch der vermeintlichen „Frau B. vom Zirkus“. Meine bessere Hälfte erinnerte sich daran, dass meine Schwiegereltern in der Vergangenheit demenzbedingt schon mehrfach auf Trickbetrüger reingefallen waren – so u. a. einmal auf eine „Frau vom Zirkus“, die denen schweineteure „handgefertigte Decken“ unterjubelte, bei denen es sich in Wahrheit um Aldi-Angebotsware (nur eben gut zehnmal teurer) gehandelt hatte. Na gut, die Tante war weg und das Thema durch – dachte ich. Meine Frau sah das etwas anders und informierte umgehend die Polizei. Die rief sofort bei mir zurück, verlangte eine Personenbeschreibung und setzte einen Streifenwagen in Bewegung. Was daraus geworden ist weiß ich nicht.

Es scheint mir aber so, als ob Trickbetrug derzeit wieder Hochkonjuntur hat. Egal ob Enkeltrick, falsche Polizisten, falsche Handwerker, falsche Ableser oder eben solche „fliegenden Händler“ – am wichtigsten scheint es immer zu sein, Zutritt zur Wohnung zu erlangen. Mitunter wird dabei auch echt dreist vorgegangen. Und nach dem, was ich gestern diesbezüglich selbst erlebt habe, scheinen insbesondere alte und demenzkranke Menschen zu den bevorzugten Opfern zu zählen – nämlich zu Opfern, die man durchaus auch ein weiteres Mal „beglücken“ kann. Was da gestern geschehen ist, das ist etwas, was die Angehörigen von alten und demenzkranken Menschen durchaus mit berücksichtigen sollten – denn was hätte wohl passieren können wenn keine Pflegeperson anwesend gewesen wäre?

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