Mein alter Drahtesel wird verschrottet – jetzt aber endgültig! Nach 21 Jahren und rund 80.000km sind die Kugeln im Tretlager eckig geworden und knacken mit meinen Knien um die Wette. Die Schaltung (7-Gang-Sachs-Nabebschaltung) hat sich der Evolution angeschlossen und äußerst kreative Züge entwickelt – d. h. sie schaltet (wenn überhaupt) irgendwo hin, bloß nicht dahin, wohin sie soll. Na ja, und ein paar gebrochene Schweißpunkte hatte ich ohnehin schon dauerprovisorisch repariert. In letzter Zeit ist mir dann aber immer häufiger meine Organverschiebung in die Quere gekommen: Meine Knie sind im Arsch, wahrscheinlich, weil ich in früheren Jobs zu oft mit Messgeräten behängt bei jedem Wetter auf Fabrikschornsteine oder Dächer hoch- bzw. in tiefe Schächte runtergeklettert bin. Irgendwann macht das dann eben doch bemerkbar.

Angesichts der o. e. Organverschiebung war die Entscheidung schon frühzeitig für ein E-Bike gefallen. Da aber bekanntlich derjenige, der billig kauft, auch mindestens zweimal kauft, schied so ein Discounter-Teil aus und es kam von vornherein nur ein Markenrad infrage. Jahrelanges Sparen war für die Neuanschaffung angesagt. In der Zwischenzeit informierte ich mich gründlich über E-Bikes – bei Händlern, auf Messen und in Gesprächen mit E-Bike-Nutzern. Gestern sagte ich mir dann: Die Kohle muss reichen – jetzt oder nie! Um der leidigen Gartenarbeit zu entgehen (Übrigens: Satz mit X – war wohl nix) fuhr ich vormittags auf Empfehlung meiner Jüngsten zu Rusack nach Wunstorf. Allerdings ohne große Hoffnung auf Erfolg, denn ich hatte mir das zuvor im Internet angesehen und das, was ich eigentlich suchte, nicht gefunden. Aber vielleicht gab’s da ja noch irgendein Einzelstück …

Gab es! Kompetente Beratung und prompte Bedienung, gefolgt von einer Probefahrt. Ich muss dazu aber auch sagen, dass ich eine Liste mit den Features, die das Bike aufweisen sollte, zuvor ausgearbeitet und mitgenommen hatte. Die wurde seitens des Verkäufers erst einmal gründlich studiert und ich wurde auf die Abstriche, die ich machen musste, hingewiesen. Viele waren das aber nicht – Akku 500Wh anstelle von 750Wh (weil Bosch – und Bosch sollte es unbedingt sein) nun einmal keine 750Wh-Akkus baut. Wave-Rahmen anstelle vom Trapezrahmen, aber damit kann ich gut leben. Letztlich kamen zwei Einzelstücke in Frage und für das in „Gibt’s-ja-gar-nicht!“ 😉 (d. h. in Bielefeld) gebaute E-Bike entschied ich mich dann.

Das wurde noch am gleichen Tag prompt kostenlos geliefert und bis zum Abend bastelte ich dranrum. Weil: Die Halterung für meine Lichtkanone (LED-Lenser) und meine irrsinnig praktischen, 40 Jahre alten und heute nicht mehr erhältlichen Klappkörbe sowie die eine oder andere Tasche mussten unbedingt dran. Heute morgen habe ich das Rad dann mal so richtig in der Praxis ausprobiert, also Asphalt, Feldwege, grüner Trampelpfad, steiler Bergaufstieg und hirnlose Downhill-Raserei, sowohl mit wie auch ohne Motor. Ich bin echt begeistert! E-Bikes machen süchtig!

Das Bike hat all das ganz souverän gemeistert. Wo ich früher bergauf schieben musste, da konnte ich jetzt ganz bequem mit 16km/h hochfahren. Bergrunter läuft das Teil auch noch bei 50km/h auffallend ruhig (mehr habe ich mich noch nicht getraut, denn dazu kenne ich das Rad noch nicht gut genug). Einzig das Pfeifen hat mich etwas irritiert, denn es kommt zu deutlich vernehmbaren Windgeräuschen. Und im Bedarfsfall ist das nicht so wirklich legale Tuning offensichtlich auch möglich … Übrigens läuft das neue Bike auch ohne Motorunterstützung sehr viel leichter als mein alter Drahtesel; das ist wohl dem Zahnriemenantrieb geschuldet.

Passend zur Neuanschaffung habe ich mal etwas schottisches Kulturgut rausgesucht, nämlich von Nazareth. Die haben im Jahr 1974 den Song „My White Bicycle“ (Original 1967 von Tomorrow) gecovert. Mir gefallen beide Versionen, ungeachtet des mittlerweile doch bereits beträchtlichen Alters. Was aber letztlich nur zeigt: Qualität ist zeitlos! Ich hoffe dann mal, dass die Neuanschaffung auch viele Jahre durchhält. BTW: Etwas unpassend zum Song ist mein neues Rad übrigens schwarz-blau und nicht weiß.

My White Bicycle

My white bicycle, my white bicycle

Riding all around the street
Four o’clock and they’re all asleep
I’m not tired and it’s so late
Moving fast everything looks great.

My white bicycle, my white bicycle

See that man, he’s all alone
Looks so happy but he’s far from home
Ring my bell, smile at him
Better kick over his garbage bin

My white bicycle, my white bicycle

The rain comes down but I don’t care
The wind is blowing in my hair
Seagulls flying in the air

My white bicycle

Policeman shouts but I don’t see him
They’re one thing I don’t believe in
Find some judge, but it’s not leavin‘

Lift both hands, his head in disgrace
Shines no light upon my face
Through the darkness, we still speed
My white bicycle and me

My white bicycle