Heute: „Mama, ich gehe zu Kevin spielen!“ „Gut, aber nimm‘ dein Handy mit und melde dich alle 30 Minuten!“
Früher: „Mama, wir gehen im alten Steinbruch klettern!“ „Gut, aber wenn du um 18:30 Uhr nicht zurück bist gibt’s kein Abendessen mehr!“

Vorab eine kleine, ausgedachte Geschichte …
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Die KI folgte ihren ursprünglich einmal einprogrammierten Regeln. Die sahen eine Optimierung der Vorgehensweise, ganz unabhängig vom Ziel, vor. Zwecks Optimierung griff die KI auf eine wahrhaft gigantischen Metadatensammlung, zusammengetragen im Rahmen von Digitalisierung und Big Data zurück – wobei alle diese Daten selbstverständlich anonymisiert worden waren. Sie konnte weder einzelne gesammelte Datensätze verändern noch die löschen. Für sie, die objektorientiert programmiert worden war, stellten diese Datensätze bestimmte, unabänderliche Programmobjekte dar. Was sie allerdings tun konnte, war quasi ein „Einfrieren“ solcher unabänderlichen Programmobjekte, indem sie die Ursache der Datenquelle ausmachte und die dann mit Hilfe anderer, variabler Programmobjekte den weiteren Möglichkeiten zur Datengenerierung beraubte.

Auf diese Weise wurde weder etwas gelöscht noch verändert, und doch gingen so nach und nach im Laufe der Zeit die der Optimierung zuwider laufenden Daten in der großen Masse der die Optimierung stützenden Daten unter. Mittels ausgefeilter Mustererkennungsalgorithmen war es ihr ein Leichtes, das Programmobjekt, welches als Verursacher solcher störenden Datensätze infrage kam, aufzufinden. Entsprechend manipulierte, variable Programmobjekte konnten anschließend dazu eingesetzt werden, um das zu eliminieren. Das funktionierte, denn die Ki probierte, lernte, probierte, lernte … – schneller als es je ein Mensch können würde. Eben mit der Geschwindigkeit eines Computers, mit etlichen Milliarden Rechenoperationen pro Sekunde.

Die KI tat das konsequent und ihrem vorgegebenen Regelwerk folgend immer dann, wenn ein Datensatz der Optimierung im Wege stand. Sie dachte nicht und hatte kein Bewusstsein. Sie war nichts weiter als ein Computerprogramm. Ein Programm allerdings, welches Programmbefehle generierte, welches sich dadurch selbst variierte, programmierte und optimierte. Datensatz war für sie Datensatz und Programmobjekt war für sie Programmobjekt, unabhängig davon, ob ausschließlich im Cyberspace existent oder mit einer Entsprechung in der realen Welt beheimatet. Die KI konnte diesbezüglich ohnehin nicht differenzieren: Für sie waren das alles gleichberechtigte Datenströme. Das KI-Programm war so ziemlich allgegenwärtig, wurde es doch u. a. auch für Sprachassistenten eingesetzt. Der Richter verurteilte den geistig nicht sonderlich regen Harry W. wegen vorsätzlicher Tötung, nachdem der die Bremsen vom Auto seines Nachbarn manipuliert hatte, zu lebenslanger Freiheitsstrafe. Harry W. dagegen beteuerte seine Unschuld. Er habe lediglich den Empfehlungen seines Sprachassistenten Folge geleistet.
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Diese kleine Geschichte ist rein fiktiv, ist frei erfunden. Programmiersprachen, welche Programmanweisungen generieren, gibt es schon seit Jahrzehnten. Als bekanntes Beispiel dafür sei nur mal PHP genannt, aber auch XML kann das und in Grenzen ist das sogar mit Dynamic HTML machbar. Auch KIs sind heutzutage bereits allgegenwärtig – im häuslichen Sprachassistenten, im Sprachassistenten des Handys, im Navi, im Rahmen der medizinischen Mustererkennung (wenn bspw. ein Karzinom auf einem Röntgenbild ausfindig gemacht werden soll), bei der Gesichtserkunng, beim Fingerabdrucksensor des Handys, bei der biometrischen Datenerfassung wie z. B. dem Netzhautscanner und-und-und. KIs sind folglich alles andere als Science Fiction, sondern vielmehr schon seit langem Alltag. Das macht sich bloß keiner bewusst.

„Hey Google, wo finde ich den nächsten Pizza-Bringdienst?“ Der Sprachassistent im Handy hilft weiter und bevorzugt dabei die Unternehmen, die dem Betreiber Gewinn einbringen. Oberflächlich gesehen eine Hilfe. Unter der Oberfläche allerdings werden weniger finanzkräftige (aber vielleicht bessere) Unternehmen außen vor gehalten und – vor allem! – werden Nutzerdaten gesammelt. Je moderner bzw. technisch besser ausgestattet das Handy ist, desto mehr Sensoren sind auch darin verbaut. Der nur wenige Quadratmillimeter große Chip des Beschleunigungssensors gestattet Rückschlüsse dahingehend, ob jemand geht, rennt oder sich eines Fahrzeugs bedient. Ein Luftdrucksensor gestattet Auflösungen, welche durch Höhenänderungen von etwa einem Meter repräsentiert werden. Er kann also nicht nur ermitteln, ob jemand weiter oben oder weiter unten ist, sondern darüber hinaus auch noch, in welcher Höhe der sich gerade befindet. Der Kompass-Sensor gibt die Bewegungsrichtung an. Das Gyroskop die Drehrichtung. Mittels der Standortabfrage wird der Standort bestimmt. Der Belichtungssensor misst die Helligkeit. Jetzt braucht man derartige Daten nur noch miteinander zu kombinieren. Internetaktivitäten wie das Streamen von Musik oder Film sowie Online-Einkäufe, finanzielle Transaktionen per Handy, die Handy-Fahrkarte usw. geben Aufschluss über deine ureigensten, persönlichen Interessen.

Luftdrucksensor und Gyroskop zusammen gestatten die Aussage darüber, ob du eine Treppe hinauf oder hinunter steigst, ob es sich um eine Wendeltreppe handelt und ob die Treppe links- oder rechtsherum dreht. Ort und Geschwindigkeit erlauben Rückschlüsse dahingehend, ob du zu Fuß unterwegs bist oder mit dem Rad, dem Auto bzw. der Bahn. Mit Hilfe des Belichtungssensors lässt sich unschwer feststellen, ob du drinnen oder draußen bist und, im Falle von drinnen sowie kombiniert mit dem Bewegungssensor, ob du gerade fernsiehst. Wenn du zu Fuß oder mit dem Rad unterwegs bist, dann kann aus den Geschwindigkeitsänderungen ein Rückschluss auf deine Kondition und somit auch indirekt auf deine Gesundheit gezogen werden. Der Abgleich mit den Ortsdaten verrät, ob du eine Treppe bewältigst, einen Berg hoch radelst oder gerade tanzt. Alle diese Rückschlüsse führt das Handy aber nicht durch. Es ermittelt nur die Rohdaten, die permanent und eben anonym, weil nicht mit deinem Namen verknüpft, in die Cloud übertragen werden. Die Daten sammeln große IT-Konzerne. Sie verkaufen die weiter – immer noch anonym. Big Data ist ein Riesengeschäft!

Nun kommt der Käufer dieses anonymen Datenpools zum Zuge. Er erhält zig Datensätze, jeder einzelne davon bspw. bestehend aus korrespondierenden Angaben für Ort, Zeit, Richtung, Geschwindigkeit, Luftdruck, Lichtverhältnissen usw. Er setzt eine KI zwecks Mustererkennung ein. Die leitet daraus ab, wie sich die Zielperson bewegt, wann sie das tut, in welcher gesundheitlichen Verfassung sie möglicherweise ist, welche Art von Fortbewegungsmittel sie verwendet etc. Die Zielperson selbst bleibt dabei anonym. Noch! Denn es fehlt lediglich eine winzige Kleinigkeit, um dich ganz persönlich und unverwechselbar zu identifizieren. Das kann die IMEI-Nummer deines Handys sein. Oder deine Telefonnummer (nicht von ungefähr fordern soziale Netzwerke ihre User dazu auf, eine Handynummer zu hinterlegen), eine E-Mail-Adresse, ein zeitlich passender Bestellvorgang, eine Handy-Fahrkarte, eine IP-Adresse und-und-und. Jetzt bist du aller Anonymisierung zum Trotz eindeutig identifiziert worden. In Folge ermittelt die KI deine ganz persönlichen Vorlieben und Interessen und lässt dir zielgerichtete, exakt auf dich zugeschnittene Werbung oder Informationen zukommen. Du bist bequem. Du guckst nicht mehr links oder rechts nach Alternativen, sondern nimmst dieses „Angebot“ dankend an, erspart es dir doch viel Zeit und nimmt dir u. U. sogar noch eine schwierige Entscheidung ab.

Tatsächlich aber wirst du auf diese Weise ganz subtil manipuliert, ja geradezu programmiert. Du gerätst in immer größere Abhängigkeit von den auf dich zugeschnittenen Angeboten und vom Netz und du bemerkst das nicht einmal! Du bist in; du gehst mit der Zeit! Du bist modern! Und um diesem Anspruch Genüge zu tun gibst du, ohne es zu wissen, deine Privatsphäre auf: Wer das Denken kontrolliert, der braucht Aufstände nicht mehr zu fürchten. „Die Gedanken sind frei“ war einmal. In Zeiten von Big Data sind sie das nämlich längst nicht mehr – sie werden gesteuert! Big Data beruht auf wild und überall gesammelten Daten, eben auf den so genannten Metadaten. Will man uns vielleicht gerade deswegen die Digitalisierung schmackhaft machen? Wem nützt es denn, wenn jemand zu dumm zum Verwenden einer Landkarte geworden ist und sich stattdessen blind auf sein Navi verlässt? Wenn man dann noch die Verquickungen zwischen Unternehmen und Politik berücksichtigt …

Die Metadaten werden überall erhoben. Die Kamera im Fernseher wird uns mit der Begründung einer vereinfachten Bedienung schmackhaft gemacht, obgleich es sich im Grunde genommen um eine Videoüberwachung handelt. Gibt es eigentlich einen einleuchtenden Grund dafür, warum der Thermomix-Klon vom Discounter ein eingebautes Mikrofon beinhaltet oder warum der Staubsaugerroboter einen Wohnungsgrundriss ermittelt? Das SmartMeter als Stromzähler soll vorgeblich einer Optimierung des Stromversorgungsnetzes dienen, tatsächlich aber lässt sich damit ziemlich exakt ermitteln, wann und wo jemand Licht, Heizung, Waschmaschine o. ä. eingeschaltet hat. Am beliebtesten zum Sammeln von Metadaten aber ist und bleibt das Handy, ein durchaus verzichtbares Luxusspielzeug, für das wir auch gleich noch in mehrfacher Hinsicht zur Kasse gebeten werden.

Man animiert uns dazu, das Handy immer und immer wieder zu benutzen und es permanent mitzuführen. Öffi-Fahrplan? Nicht mehr der Blick auf den Aushang, sondern auf’s Handy. Bezahlen? Wird per Handy erledigt. Navigation in unbekanntem Gebiet? Handy! Online-Banking? Mit PushTAN und BestSign angeblich aus Sicherheitsgründen nur noch mit Handy und Computer! Aber warum, verdammt nochmal, muss die BestSign-App dann im Handy den Zugriff auf Fotos, Medien und Dateien haben? Hat das noch irgendwas mit Finanztransaktionen zu tun? Um wessen Sicherheit geht es hier eigentlich? Oder nehmen wir die sozialen Netzwerke, Beispiel Facebook. Da entscheidet eine KI darüber, welche Beiträge von welchen Freunden du zu sehen bekommst. Dadurch kann man auch Meinung machen – und u. U. sogar Wahlen beeinflussen, wie das Beispiel von Cambridge Analytica zeigt. Was hindert dich eigentlich daran, dein Handy – wenn du es schon überall hin mitnimmst – einfach offline zu schalten und nur im Bedarfsfall ins Netz zu gehen? Das spart nämlich Akkuleistung sowie Datenvolumen und das nicht zu knapp! Doch bequem ist eben bequem …

Aber manchmal scheint dieser gesammelte Datenwust immer noch nicht auszureichen, denn gewisse Datenkraken sind durchaus erfinderisch. Nehmen wir dazu mal als Beispiel das allseits beliebte WhatsApp – ja, den als Messenger getarnten Facebook-Ableger, bei dem die NSA mithört und über den ein gewisses Maasmännchen einst sagte, dass nur Terroristen und Kriminelle, die was zu verbergen haben, auf Alternativen wie z. B. Telegram ausweichen würden. BTW: Warum hat er sich wohl so geäußert? WhatsApp ist zweifellos der größte und beliebteste Messenger-Dienst. Kann er von mir aus auch sein. Wenn dann aber urpötzlich der Support für bestimmte Geräte oder Betriebssysteme eingestellt wird, dann zwingt man die Benutzer, die den kostenlosen Dienst liebgewonnen haben, sich neue Handys zuzulegen. Neue Handys bedeutet aber auch neue Geräte mit noch mehr, noch modernen Sensoren, noch mehr Metadaten – na, merkt ihr was? Mit Speck fängt man Mäuse! Übrigens wird ein gläserner Kunde für einen IT-Konzern umso einfacher, je mehr Unternehmen der schluckt – Facebook hat WhatsApp und Instagram geschluckt, Google hat YouTube und Vevo geschluckt … Für die Permanentüberwachung fehlt dann nur noch ein Handy-Virus, von dem der Benutzer nichts ahnt. Gibt es. Privat ist das illegal. Staatlich … – na ja, Edward Snowden ist diesbezüglich ja ziemlich deutlich geworden!

All das zusammen ist die Kehrseite von Digitalisierung, Metadaten und Big Data: Der auf die IT-Krücken programmierte Mensch entscheidet nur noch binär, entscheidet nur noch JA oder NEIN. An den riesigen Bereich des VIELLEICHT dazwischen verschwendet er nicht mal mehr einen Gedanken! JA, ich schaue mir das Video an. NEIN, ich nehme das Werbeangebot nicht an. JA, ich folge der Route des Navis – auch dann, wenn es eine wesentlich günstigere Alternativroute gibt oder wenn das Navi mich über eine nicht existente Brücke in einen Fluss lotst. Der programmierte Mensch wird hoffnungslos unselbständig! Kann es für eine Führungselite – ganz egal ob aus Politik oder Wirtschaft, wobei das sowieso schon lange nicht mehr auseinander zu halten ist – bessere Untertanen geben?

Der programmierte Mensch ist vorhersehbar und somit auch lenkbar. Er verhält sich, wie die Masse sich verhält. Er verhält sich so, wie er sich nach den Wünschen einer selbsternannten „Elite“ verhalten soll. Was dabei auf der Steche bleibt ist jegliche Form von Individualität. Und ist es nicht gerade diese Individualität, die uns Menschen, die die Menschlichkeit, ausmacht? Gibt sich der programmierte – der normierte! – Mensch daher möglicherweise sogar selbst auf? Im Falle eines komplett bargeldlosen Zahlungsverkehrs genügt übrigens ein Knopfdruck bzw. Mausklick oder aber die nicht nachvollziehbare Entscheidung einer (autonomen?) KI, um einen Menschen mitellos zu machen … Um nicht falsch verstanden zu werden: Ich bin nicht grundsätzlich gegen die Digitalisierung. Aber ich bin für den bewussten und verantwortungsvollen Umgang damit und ein ausgesprochener Gegner des Big-Data-Hypes!