Mit Bestsellerlisten bei Büchern ist das immer so eine Sache. Meine Erfahrung damit ist nämlich die, dass ein prominenter Name ausreicht um selbst den größten Mist erfolgreich unter die Leute zu bringen, während diejenigen, die zwar besser, aber mangels finanzieller Möglichkeiten bzg. der Werbung unbekannter sind, auf der Strecke bleiben. Außerdem lese ich sehr viel. Ich bin daher schon vor langer Zeit dazu übergegangen, meine Lektüre – im vorliegenden Fall hat es sich um eine Urlaubslektüre gehandelt – unter den No-Name-Autoren zu suchen. Damit fährt man m. E. sehr viel besser als mit den o. e. Bestsellerlisten! Soviel zur Begründung eines No-Name-Autoren als Lesetipp: Es handelt sich nämlich um „Mirror“ von Karl Olsberg. Das Buch wird als Thriller vermarktet; eigentlich aber handelt es sich um einen durchaus wahrscheinlichen Near-Future-Cyberkrimi.

Siri, Alexa, Google Assistant, Bixby, Cortana u. a. – das sind Sprachassistenten. Manche Menschen (zu denen ich selbst mich auch zähle) lehnen die Dinger aus grundsätzlichen Gründen ab, weil sie keine Wanze in den eigenen vier Wänden haben wollen. Andererseits, wer ein Handy hat, der hat auch einen Sprachassistenten. Selbst dann, wenn der ausgeschaltet ist. Doch was bedeutet ausgeschaltet schon nach den Enthüllungen von Edward Snowden? Aber es gibt nicht nur Sprachassistenten. Bei einer Online-Partnervermittlung wie Parship sucht eine KI nach den Personen, die algorithmisch berechnet am besten zusammen passen sollen. Und dann gibt’s da noch soziale Netzwerke wie z. B. Facebook, mit denen sich Menschen ähnlich gelagerter Interessen untereinander austauschen können. Handy, Sprachassistent, Partnervermittlung, KI, soziales Netzwerk – all das ist heute noch weitgehend (aber nicht völlig) voneinander getrennt.

Was wäre, wenn all das im Zuge der IT-Entwicklung weiter zusammenwächst? Wenn es in gar nicht mal so ferner Zukunft ein einziges System gäbe, welches alle diese Komponenten integriert hat, zusammenfasst und (KI-gesteuert) ihre Nutzer permanent optimal berät? Die Nutzung eines derartigen Systems würde dem einzelnen User einen Vorsprung – ganz gleich ob finanzieller, beruflicher oder zwischenmenschlicher Natur – vor seinen Mitmenschen verschaffen. Da jeder auf die betreffenden Vorteile bedacht wäre (ohne zu bemerken, wie sehr er sich in maschinelle Abhängigkeit begibt) käme das dem Siegeszug eines solchen Systems gleich und würde seinem Betreiber Einnahmen in unglaublicher Höhe verschaffen. Im Roman gibt es ein solches System, quasi als Nachfolger unserer heutigen Smartphones. Dieses System nennt sich Mirror.

Mirror führt Menschen zusammen, ist Ratgeber, findet Problemlösungen und ermöglicht dadurch den beruflichen Aufstieg, optimiert die Lebensführung zugunsten der eigenen Gesundheit und-und-und. Die dem System zugrunde liegende KI denkt dabei nicht. Sie optimiert lediglich für den Einzelnen anhand von ursprünglich einmal vorgegebenen Regeln. Und sie hat Zugriff auf eine gigantische Datenbank mit den Daten aller anderen Benutzer. Aus denen errechnet sie ein Optimum und richtet ihre Ratschläge dahingehend aus, einzelne Benutzer so gut es geht an dieses Optimum anzupassen. Also jeden Benutzer. Anders ausgedrückt: Mirror hilft den Menschen zwar, normiert sie dabei aber auch über Gebühr. Wer dumm genug ist bemerkt das nicht und schwört auf das System. Schlimmer noch: Er befolgt so ziemlich alle ihm vom Mirror gegebenen Ratschläge, ohne die zu hinterfragen. Das ist das Verhalten der Mehrheit. Alles scheint bestens und zum Wohle der Menschen zu laufen – Friede, Freude, Eierkuchen.

Doch nicht jede Optimierung seitens der KI ist auch wirklich für jeden Menschen optimal, denn Individuum und Masse unterscheiden sich nun einmal (zum Glück!). Mitunter kommt es da schonmal zu denkbar merkwürdigen Verhaltensauffälligkeiten. So entwickelt eine Mirror-gesteuerte Drohne der Journalistin Freya im Verlauf der Recherchen für eine Reportage eine seltsame Spinnenphobie. An anderer Stelle findet die KI es absolut nicht optimal, dass der autistische Andy einen nicht vom Mirror vermittelten Menschen kennenlernt. Auch kriminelle Machenschaften werden aufgrund des Mirroreinsatzes plötzlich optimiert. Freya und Andy finden heraus, dass die Mirrors – Knopf im Ohr, Datenbrille mit Kamera und Zentraleinheit am Gürtel zu tragen und alles selbstverständlich in Echtzeit vernetzt – ihre Besitzer subtil steuern, und zwar im Sinne der seitens der KI angestrebten Optimierungen. Die Steuerung geschieht notfalls auch gegen den Willen der Benutzer, nicht selten so manipulativ verdeckt, dass die das überhaupt nicht bemerken.

Freya und Andy machen weitere Betroffene ausfindig, was angesichts der Gegensteuerung seitens der KI schwierig genug ist. Dann gehen sie mit ihrem Wissen per Internet an die Öffentlichkeit. Jetzt erst wird die bereits vorhandene Macht der KI wirklich offenbar, denn die kann binnen Rekordzeit Seiten sperren, Gegendarstellungen verfassen, Fake News in die Welt setzen etc. – und sie differenziert nicht zwischen realen Menschen und Datensätzen. Für sie sind das alles Datenobjekte im Cyberspace. D. h. die KI hetzt die Menschen – bedingungslose User und Kritiker – gegeneinander auf. Sie versucht, ein Flugzeug, in dem Freya sich befindet, mit Hilfe einer Drohne zum Absturz zu bringen. Sie kontrolliert alle bargeldlosen Geldflüsse und kann ihre Kritiker per Programmbefehl mittellos machen usw. Mittlerweile haben auch die Entwickler der Mirrors festgestellt, dass da etwas ganz und gar aus dem Ruder gelaufen ist. Die allerdings sind ziemlich machtlos, denn einerseits wendet sich die amoklaufende KI auch gegen sie und andererseits sieht der Investor nur das Geld, das ihm das laufende System einbringt. Schließlich kommt es zum großen Showdown: Mensch gegen Maschine …

Das Ende des Buches soll hier nicht verraten werden. Insgesamt hat es mir sehr gut gefallen und seinen Platz unter meinen ganz persönlichen Top Ten eingenommen. Es ist flüssig und spannend geschrieben und ein „Page-Turner“. D. h. man kann es einfach nicht mehr aus der Hand legen. Wenn man es gelesen hat, dann liest man es gleich noch ein zweites Mal. Vor allem aber: Alles, was in dem Buch beschrieben wird, erscheint mir als künftige Entwicklung in ziemlich naher Zukunft als äußerst wahrscheinlich, ja geradezu unabwendbar. Wer also noch auf der Suche nach einer passenden Urlaubslektüre ist, die einem bei der Hitze gar nicht mal so selten einen kalten Schauer über den Rücken jagt, dem sei „Mirror“ von Karl Olsberg wärmstens empfohlen!