Gestern in Bad Nenndorf, also gleich hier um die Ecke … – 18.000 Leute besuchten die NDR-Sommertour 2019. Mit sehr viel Überredung war es uns wider Erwarten gelungen, die Schwiegereltern in Rollstühle zu verfrachten und meine geistig behinderte Schwägerin an der Hand zu nehmen, damit die dort mal ein paar andere Eindrücke sammeln konnten. Nachdem die drei Stunden später wieder abgesetzt worden waren fuhren meine Frau und ich nochmal alleine für die Abendveranstaltung hin, denn da sollte Boney M. live auftreten. Nicht wirklich „meine“ Musik, aber … Für meine Frau als eingefleischten Fan ein absolutes Muss und ich war mit eher gemischten Gefühlen dabei. Ich meine, ich versuchte, ihr klarzumachen, dass sie auf meine Gesundheit Rücksicht nehmen sollte und sagte deswegen: „Wenn ich aber Blasen an den Ohren kriege, dann setzen wir uns ins Auto und fahren nach Wacken, OK?“ Da allerdings ließ sie sich nicht drauf ein …

Warten auf das Einlösen der Stadtwette …

Als wir zur Abendshow ankamen war schon alles rappelvoll. Irgendwo ganz weit hinten in der Ferne, in mehr als ’nem halben Kilometer Entfernung, stand die Bühne vom NDR. Ab 19:30 Uhr sollte im Fernsehen live übertragen werden. Anfangs lief da noch so von Kerstin Werner und Arne-Torben Voigts (NDR1) moderiertes Stimmungs-Party-Schlagerzeugs aus der Konserve (einschließlich Helene Fischer, welch‘ ein Graus!). Das hörte ich mir viel zu lange an und meinte ungefähr so eine Minute nach unserer Ankunft: „Ich habe jetzt Blasen an den Ohren! Fahren wir nun nach Wacken?“ Aber meine bessere Hälfte blieb geradezu unmenschlich hart. Dann ging’s für Bad Nenndorf an die Einlösung der Stadtwette. Gesehen haben wir davon kaum was – viel zuviele Menschen davor. Immerhin aber hatten wir es zwischenzeitlich bereits geschafft, uns so ungefähr bis auf 200m vor die Bühne vorzuarbeiten – nämlich immer dann, wenn irgendwo eine Lücke entstand, ein kleines Stückchen vorpreschend. D. h. aktiv nach Helene-Fischer-Opfern o. ä. Gebeutelten Ausschau halten und umgehend den Platz der Geschädigten einnehmend sobald die aufgaben.

Während der Live-Übertragung …

Der Ex-Trainer von Hannover 96 soll lt. Moderatoren da auch rumgesprungen sein, und zwar in Verkleidung, weil die Stadtwette das gefordert hat. Ich für meinen Teil vermute allerdings eher, dass dessen Verkleidung weniger mit der Wette zu tun hatte als vielleicht doch vielmehr mit dem Selbstschutz. Ich meine, 96er-Fans sind zwar leidensfähig, aber so leidensfähig dann doch nun auch wieder nicht. Mit Beginn der Live-Musik lagen zwischen der Bühne und uns nur geschätzte dreißig Meter. Den Anfang der Live-Show machten als Vorgruppe „The Smashing Piccadillys„, kurz TSP, aus Wilhelmshaven und schon nach den ersten paar Takten war mir sonnenklar: Hat was! Gegen die würde Boney M. es im Hauptprogramm verdammt schwer haben! Weiteres Vorarbeiten bis etwa zehn Meter vor die Bühne – hier konnte man den Rockabillysound schon verflucht gut spüren – und dann wusste ich mehr so genau, wo ich hingucken sollte. Also ob zur Bühne oder zu der Oma im Alter 80+ neben mir, die zu „Shake Rattle And Roll“ verdammt gut Rock’n Roll tanzte. Ich meine, ich habe das vor Urzeiten selbst mal gemacht, sogar in einer Showtanzgruppe (heute kann ich’s nicht mehr). Aber die Oma nötigte mir Respekt ohne Ende ab!

Die „Smashing Piccadillys“ in Aktion …

Die Stimmung erreichte ihren Höhepunkt, als anschließend Boney M. auftrat. Genauer gesagt: Liz Mitchell als frühere Leadsängerin und dazu drei neue Bandmitglieder. Da die Dame kürzlich ihren 67. Geburtstag feiern konnte, musste sie sich ein „Happy-Birthday-To-You“-Ständchen vom Publikum anhören. Während des etwa einstündigen Auftritts wurde so ziemlich die gesammte Palette der Boney M. Hits gespielt, angefangen bei „Sunny“ über „Daddy Cool“, „Rasputin“, „Ma Baker“, „Brown Girl In The Ring“ usw. Eigentlich fehlten bloß noch die Boney M. Weihnachtslieder. Allerdings: Wer den Sound der 70er erwartet hatte, der wurde dann doch ziemlich enttäuscht. Also entweder hat Liz Mitchell den Zeitpunkt zum rechtzeitigen Aufhören verpasst oder aber sich den Tontechniker spinnefeind gemacht – so rein vom Gesang her, meine ich. Der Stimmung tat das aber keinen Abbruch. Meine dagegen sank kontinuierlich, als hinter mir so ein Typ aus vollem Halse, keinen einzigen Ton treffend und absolut textallergen irgendwas zu „By The Rivers Of Babylon“ mitgröhlte. „Ich bringe ihn um!“, dachte ich nur und schrie meiner Frau ins Ohr: „Den ersäufe ich gleich im River Of Babylon!“ Fand sie lustig. Na ja … Hinterher kam der zweite Auftritt von TSP und da machten wir uns dann angesichts der fortgeschrittenen Stunde so langsam aber sicher vom Acker. Zuhause wartete ja noch Pflegearbeit auf uns. Fazit: Zwar geile Stimmung, aber Wacken wäre sicherlich kulturell wertvoller gewesen!

Boney M. bildeten den Höhepunkt des Abends …