„Tupperdosen sind dazu da, Essensreste erst nach zwei Wochen wegschmeißen zu müssen!“
(Moderne Volksweisheit)

Aus aktuellem Anlass – nämlich nach dem Ausmisten des Kühlschranks meiner pflegebedürftigen Schwiegereltern (natürlich gegen deren Willen) – gibt es heute mal eine Wiederveröffentlichung, erstmals erschienen auf „Quergedacht! v3.0“ am 27.07.2016 und dennoch ganz offensichtlich zeitlos aktuell. Der Beitrag beschäftigt sich nämlich mit einer im Rahmen permanenter Neuschöpfung immer wieder ganz von selbst entstehenden Lebensform, die wohl jeder kennt – und zwar mit der Tuppernudel. Streng genommen handelt es sich dabei sogar um eine eigenständige – wenngleich auch wenig beachtete – Spezies, die immer für unerwartete Überraschungen (vor allem am Körperausgang) gut ist.

Tupperware – hierzulande kurz als „Tupper“ bezeichnet – dürfte wohl jeder Hausfrau ein Begriff sein, denn die betreffenden Behälter sind einerseits luftdicht und andererseits sozusagen „unkaputtbar“ (was daran liegt, dass Niederdruck-PE – PE-LD, PE-LLD – verwendet wird; zwar teuer, aber haltbar). Tupperdosen haben Kultstatus und avancieren nicht selten zum Heiligtum. Ich jedenfalls erinnere mich noch sehr genau an die Reaktion meiner Frau, als ich so eine Dose mal zwecks Verwendung als Gerätegehäuse mit Bohrungen für Kabel und Stecker versah. Damals drohte fast schon die Scheidung! Es wäre weitaus ungefährlicher gewesen, in Indien und in aller Öffentlichkeit eine heilige Kuh zu schlachten! Darüber hinaus gibt es heute wohl kaum einen Haushalt, in dem nicht irgendeine Schublade, irgendein Fach im Küchenschrank oder irgendein Regal vor mehr oder weniger unbenutzter Tupperware überquillt. Schade nur, dass man nie den passenden Deckel zu so einer Dose findet. Das muss wohl irgendwie mit Murphy’s Gesetz zusammenhängen.

Aber genug von den Dosen, obgleich die beim folgenden Ökosystem selbstverständlich auch eine tragende Rolle spielen. Kommen wir jetzt mal zur Tuppernudel. Die existiert etwa seit dem Zweiten Weltkrieg, als Tupperware durch Militäraufträge groß geworden ist. Sie gehört heute zu Tupper genauso wie die Dose; beides ist untrennbar miteinander verbunden! Worum handelt es sich dabei? Zunächst ist die Tuppernudel eine ganz normale Nudel von mitunter ungeklärter Herkunft. Beim Nudelkochen ist was übrig geblieben. Für ’ne ganze Mahlzeit reicht das zwar nicht mehr, aber zum Wegwerfen ist es irgendwo auch viel zu schade. Folglich wandert dieser Nudelrest in eine an sich sich viel zu große Tupperdose. Nach intensiver, langer, langer Deckelsuche wird die luftdicht verschlossen und nimmt anschließend viel zuviel Platz im Kühlschrank weg. Da steht das nun und harrt der weiteren Verwendung. Die allerdings bleibt aus, weil’s ja für ’ne komplette Mahlzeit nicht ausreicht. Folglich wandert die platzverschwendende Tupperdose immer weiter nach hinten. Ich bin mir da nicht ganz sicher, aber es spricht einiges dafür, dass in den besagten Dosen ein verborgener Bewegungsmechanismus eingebaut ist.

Binnen relativ kurzer Zeit hat die Tupperdose mit der Tuppernudel darin dann die Rückwand des Kühlschranks erreicht. Dort wird ihr natürlicher Bewegungsdrang gestoppt. Doch sie ist zumeist auch außer Sicht. D. h. die Nudeln darin haben alle Zeit der Welt um unter Luftabschluss in aller Ruhe ganz gemütlich vor sich hin zu gären. Zunächst kommt es zur rein optischen Veränderung: Die Tuppernudel schmückt sich mit weißlichen Kanten. Das aber ist ein reiner Selbstschutzmechanismus! Denn jetzt sieht sie nicht mehr sonderlich appetitlich aus. Wer nun leichtsinnigerweise die Dose aufmacht, der wird sie wahrscheinlich schnell wieder schließen und aufgrund des nicht wirklich appetitlichen Aussehens zurückstellen. Ist ja noch nicht verdorben, das Zeug! Hier zeigt sich der ausgefeilte Überlebenstrick der Tuppernudel! Denn auf diese Weise gelangt sie an genau die Portion frischen Sauerstoffs, die sie für ihre weitere Entwicklung unbedingt benötigt. Bis zu diesem Zeitpunkt sind i. d. R. drei bis vier Tage vergangen.

Aufgrund des Sauerstoff-Dopings tritt die Tuppernudel nun in die Phase der Metamorphose ein. Vielfältige, hormonell gesteuerte Vorgänge bewirken, dass sich zunächst punktuell ein feiner, weißer Pelz – mitunter mit grünlich gefärbtem Rand – bildet. Was eigentlich ja auch ganz logisch ist, denn im Kühlschrank ist es bekanntlich recht kühl. Der Pelz weitet sich aus bis er die ganze Nudel umgibt – endlich friert sie nicht mehr! – und legt dabei kräftig an grüner Farbe zu. Tatsächlich entstammt besagter Pelz aber nicht der Nudel selbst, sondern ist nur ein guter Bekannter von ihr, nämlich ein niedlicher, kleiner Pilz. Und ganz frisch obendrein, voll von bakterienkillenden Antibiotika! Zwischen Pilz und Nudel kommt es zur Symbiose: Er schützt sie vor Kälte und sie versorgt ihn dafür mit Nährstoffen! In der Tupperdose ist jetzt eine zwar kleine, aber doch auch völlig autarke Biosphäre entstanden – es lebe die Evolution!

Die Tuppernudel erweist sich als sehr dankbar dafür und versorgt den frischen Pilz – alles rein Bio, echt jetzt, und der Pilz ist voll vegan! – mit reichlich Nährstoffen, auf dass er weiterhin wachse und gedeihe. Der Pilz nimmt das Angebot gerne an und entwickelt sich über den kleinen Pelz hin zum Flaum und schließlich sogar beim Eintreten in die Hippiephase zu relativ langen Haaren. Je dichter er wuchert, desto besser ist die Tuppernudel vor Kälte geschützt! Nur leider gibt er dabei auch Gase ab. Kohlendioxid und Erdgas bilden die Hauptausscheidungsprodukte. Das stört weder den Pilz noch die Tuppernudel, aber dann eben doch irgendwann mal die Dose. Ihr Deckel wölbt sich nach außen. Ungefähr ab diesem Punkt wird die Tupperdose einer echt harten, mechanischen Belastungsprobe unterzogen, denn der Gasdruck steigt und steigt unaufhörlich.

Sofern der Mensch nicht zerstörend eingreift, vergehen etwa vier Wochen, bis sich der Deckel von der Tupperdose mit einem lautstarken „PLOPP!“ löst. Die Tuppernudel ist nun in die Vermehrungsphase eingetreten. Das „PLOPP“ bewirkt, dass sich die Sporen des Pilzes im gesamten Kühlschrank und beim Öffnen der Kühlschranktür auch in der gesamten Raumluft verteilen. Sie sind winzig klein, nicht mal bakteriengroß, und lassen sich überall nieder. Sie warten. Auf das nächste Nudelgericht. Die Sporen und die Nudeln verhalten sich nämlich wie die beiden Pole eines Magneten. Sie finden automatisch immer wieder zueinander. Was ja auch sinnvoll ist: Der nächste Lebenszyklus beginnt und die Tupperdose stellt den Katalysator! Daher ist Tupperware eine echte Bereicherung unseres Ökosystems – QED!