Der heutige Tag ist bislang überwiegend irgendwie chaotisch verlaufen, wobei ein gewisser Fahrstuhl auch eine gewisse Rolle spielte – aber es gibt ja solche Tage. Das alles erinnerte mich an ein Erlebnis von früher, genauer gesagt vom 10.07.2012 und in meinem alten Blog „Quergedacht! v2.0“ hatte ich darüber unter dem Titel „Beim Kommerzfernsehen (RTL)“ seinerzeit schon einmal berichtet. Aber da die Geschichte mir irgendwie zeitlos erscheint, will ich sie hier noch einmal zur allgemeinen Erbauung in Form einer Wiederveröffentlichung bringen. Es begann damals alles mit einem Anruf von RTL in Bezug auf eine Kurzdoku über Synästhesie im Regionalprogramm von RTL Nord. Was dann folgte war ein bühnenreifer Auftritt eines gewissen Herrn Murphy! Hier ist die (überarbeitete) Story von damals.
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„Alles, was schiefgehen kann, wird auch schiefgehen.“
(Art. I von Murphy’s Gesetz)
„Wenn etwas schiegeht, dann wird es so schiefgehen, dass dabei ein größtmöglicher Schaden entsteht.“
(Erste Ableitung von Murphy’s Gesetz.)

Ich hatte ja schon früher einmal an anderer Stelle darauf hingewiesen, dass RTL Nord mich zu einer Kurzdoku zum Thema Synästhesie überreden konnte. Bei RTL, RTL II und Super RTL hätte ich das rundheraus abgelehnt. Die haben einfach nur Sonderschulniveau. RTL Nord als Regionalsender hat da (etwas) mehr zu bieten. Ich sagte vor allem aus einem Grunde zu, denn: Woher sollen denn die Infos zur Synästhesie kommen wenn nicht von uns Synästheten selbst?

Dabei feierte ein gewisser Herr Murphy wahre Triumphe. Doch dazu weiter unten mehr. Hochinteressant fand ich die Einblicke in die internen Strukturen eines Bertelsmann/INSM-Senders. Und die will ich euch nicht vorenthalten. Die Producerin (Produzentin; man liebt dort „Denglisch“), die das Ganze mit zwei Wochen Vorlauf angerührt hatte (ich nenne sie mal S. D.) hätte eigentlich den Regisseur (abgekürzt M. T.) frühzeitig in Kenntnis setzen können. Hätte. Wollte sie aber wohl nicht. Im Sender ist es niemals gut, wenn einer zuviel weiß.

M. T. jedenfalls erfuhr einen Tag vorher abends gegen 19:30 Uhr vom Dreh am Folgetag. Keine Ahnung vom Thema, keine Vorbereitung – aber das war wohl beabsichtigt. Er ist freier Mitarbeiter und gewissermaßen an RTL gebunden, denn (sein O-Ton): „Wenn du dich heute als Regisseur in Deutschland irgendwo bewirbst und als vorherigen Arbeitgeber RTL angibst, dann kannst du genauso gut gleich Hartz-IV beantragen!“ Die Aufträge bekommt er Fließband-mäßig. Ihn interessierte brennend eine Frage: „Sind die RTL-Zuschauer von Natur aus doof oder erst durch RTL so doof geworden?“ Ich vertrat mit Hinblick auf lange zurück liegende, gute Formate wie z. B. „Wie bitte?!?“ oder „RTL Samstag Nacht“ die letztere Meinung, was ihn sichtlich nachdenklich stimmte. Doch ich will nicht abschweifen. In einem jedenfalls waren wir uns von vornherein einig: RTL ist Doofen-Fernsehen!

Die „Freien“ (gemeint sind freie Mitarbeiter wie M. T.) bekommen von der Produktionsleitung das Thema kurzfristig vorgegeben. Aber auch die Zielrichtung, d. h. die Aussage, die der Beitrag enthalten soll. Die Aussage bestimmt Bertelsmann/INSM über die Leitung des Senders. Der Freie liefert nur die Ware. Liefert er nicht oder nicht wie gewünscht, dann gibt’s auch kein Geld. Sein Risiko und nicht das des Senders. Es obliegt auch dem Freien, für den Kameramann zu sorgen. Der ist gleichfalls ein Freier und arbeitet auf eigene Rechnung. Die muss der Regisseur vorab begleichen und stellt sie später dem Sender (RTL) in Rechnung. Ein verdammt perfides System! M. T. jedenfalls „organisierte“ mit dem Deutschrussen W. M. (ein echter Könner – besser als die Leute, die ich bei arte, YONS oder dem NDR erlebt habe!) kurzfristig einen Kameramann und verbrachte die Nacht vor dem Dreh damit, per Google ein paar Infos zum Thema zu finden. Soviel zum Drum und Dran.

Der Termin war am 10.07.2012 um 10:00 Uhr und ich war ’ne Viertelstunde früher da. Telefonisch hatte S. D. mir mitgeteilt, dass es um einen drei bis vier minütigen Kurzbeitrag gehen würde und das bedeutete erfahrungsgemäß auch drei bis vier Stunden an reinen Dreharbeiten (das Kürzen wird später im Schneideraum erledigt). OK, ich war also vor Ort. M. T. traf auch unverzüglich ein. So weit, so gut. Das kurze Vorgespräch diente eigentlich nur dazu, ihm ein paar Infos zu geben, damit er später im Schneideraum aus dem Puzzle an Filmmaterial einen halbwegs brauchbaren Beitrag zusammenzimmern konnte. Sein Zeitfenster war eng, denn um 15:00 Uhr hatte er schon wieder einen anderen Termin.

Ein Interview, in dem ich die synästhetischen Eindrücke beim Hören von Musik beschreibe, sollte im Sender stattfinden. Dazu war eigens für eine halbe Stunde ein (von der technischen Ausstattung her) geeignetes Studio im Sender reserviert worden. M. T. telefonierte mit seinem Kameramann: Der war schon unterwegs, schob den Wagen mit Akkus, Megakamera, Stativen und dem ganzen, umfangreichen Profizubehör gerade in den Fahrstuhl (der Sender „sitzt“ im vierten Stockwerk im Medienzentrum Hannovers, ein ziemlich großer Gebäudekomplex hinter der Goseriede). Der Fahrstuhl blieb stecken. Herr Murphy lachte sich ’nen Ast!

Bis der Kameramann W. M. jedenfalls aus dem Fahrstuhl befreit werden konnte und mit seinem ganzen Geraffel oben war, war das reservierte Studio nicht mehr verfügbar. M. T. „organisierte“ daraufhin den Schneideraum als Location, weil der gleichfalls über eine vernünftige technische Ausstattung verfügte. Das ging nicht ganz ohne Reibereien ab, denn es war 11:30 Uhr und dort wurde gerade ein um 12:00 Uhr zu sendender Beitrag „endabgenommen“. Aber egal; es klappte – irgendwie jedenfalls. Kameramann W. M. vertrat allerdings die Ansicht, er brauche „mehr Licht“ (hat der olle Goethe auch schon mal gesagt) und packte ein paar mördermäßige Halogenbrenner aus. Ich schielte (in Gedanken die Homestory von Reinhard Mey erklingen lassend – „… von der ersten, die er fand, zeugte nur ein schwarzes Loch …“) zu den Brennern hinüber und meinte: „Hoffentlich halten die Leitungen das aus.“ „Ooch, das geht schon – da ist noch nie was passiert“, war die restlos überzeugte Antwort. Na gut, sein Wort in Herrn Murphys Gehörgang.

M. T. fragte mich nach synästhetisch besonders geeigneter Musik. Ich zählte zig Titel auf. KEINER davon ließ sich im RTL-Archiv finden, weil die nur Mainstream-Einheitsbrei hatten. Meine eigene Marke-Eigenbau-Musikdatenbank ist ergiebiger und vor allem schneller! Letztlich einigten wir uns nach langer Suche auf ein paar Ersatztitel. Und wir drehten. Ich beschrieb, was ich beim Hören der Musik wahrnahm. Jedenfalls eine zeitlang. Plötzlich war der Strom weg. Schuld war die Fotoleuchte, der Halogenbrenner. Der zog zuviel Leistung. Blackout. Am gleichen Stromkreis hingen aber noch ein paar andere Sachen, und so hatte RTL Nord plötzlich eine Sendeunterbrechung. Herr Murphy kugelte sich.

Ich fand es bemerkenswert, wie schnell sich der Raum mit den Leuten von der Sendeleitung – den „Kopfgesteuerten“, die sonst dem „Fußvolk“ aus dem Weg gehen – füllte. Producerin S. D. wies unseren Regisseur M. T. ausdrücklich darauf hin, dass dessen Berufshaftpflichtversicherung wohl einen Schaden von (O-Ton) „ein paar tausend Euro“ zu übernehmen hätte, hervorgerufen durch den Sendeausfall – denn es konnte in dieser Zeit ja keine (fest gebuchte) Werbung gebracht werden. Schließlich standen alle draußen auf dem Flur um den Sicherungsschrank herum und kamen nach intensiver Beratung und nach ausgiebigem Diskutieren der Sachlage zu dem überraschenden Ergebnis, dass wohl ’ne Sicherung rausgeflogen sein müsste. Unglaublich, soviel geballter, technischer Sachverstand! Schön, dann drückt man die eben wieder rein und gut is‘.

Aber was bei unsereins so einfach funktioniert, funktioniert bei einem so großen Sender etwas anders. Der Sicherungsschrank war nämlich abgeschlossen und den Schlüssel besaß nur der Hausmeister, der irgendwo in den Katakomben des Medienzentrums rumturnte. Besagten Hausmeister musste man erstmal finden. Wie gut, dass es Handys gibt! Zwischenzeitlich hatte man meine Wenigkeit und den Kameramann W. M. allein im stromlosen Schneideraum zurückgelassen. „Euch läuft die Zeit weg“, bemerkte ich nach einem Blick auf meine Armbanduhr. W. M. zuckte nur mit den Achseln. Und ich für meinen Teil verspürte kein Bedürfnis, nochmal diesen Chaotensender aufsuchen zu müssen. Herrn Murphy kullerten vor Lachen die Tränen aus den Augen.

Technisch interessiert – wie ich es nunmal bin – sah ich mir die Kamera genauer an und erkannte, dass es sich um ein professionelles 16:9-Kinoformat-Modell, sowohl für den Stativ- wie auch für den portablen Einsatz, handelte. Portabler Einsatz aber bedeutete auch Akkubetrieb … Ich wies auf die Kamera und fragte W. M., ob der Sensor verschiedene ISO-Einstellungen hat. Der Kameramann begriff sofort, worauf ich hinaus wollte, meinte „Gute Idee!“ und ich reichte ihm einen der Akkus vom Zubehörwagen. Ich wies auf eine Ecke des Raumes und sagte: „Von da aus sieht man die toten Bildschirme nicht.“ Er nickte nur und wir drehten. Ohne zusätzliches Licht, aber mit empfindlicher eingestelltem Sensor.

Irgendwann öffnete sich die Tür und Regisseur M. T. kam hereingeplatzt. Er blieb wie vom Donner gerührt stehen: „Was macht ihr denn hier?“ „Drehen!“ lautete die Antwort im Chor und zwei Mundwinkel reichten von Ohrläppchen zu Ohrläppchen. Als der Hausmeister dann endlich auftauchte und den Strom wieder einschaltete, da war alles schon im Kasten. Aber es war auch bereits 13:15 Uhr und es standen noch zwei Außenaufnahmen an unterschiedlichen Orten an. Alles ins Auto gepackt (Fahrstuhl ist NICHT steckengeblieben) und zur Eilenriede gefahren. Dort im Wald die erste Einstellung. Lief gut, nur einmal blickte ich versehentlich in die Kamera. Mist! Wiederholen! Weil: Man muss immer einen Punkt so rund einen halben Meter neben der Kamera anpeilen, sonst gibt’s aufgrund der Reflektionen Alienaugen.

OK, wiederholt. Einstellung fast fertig, als zwei Tantchen laut schnatternd mit Hundchen (kläff-kläff-kläff!) an der Leine ganz ungeniert durch’s Bild latschten. Also nochmal … Einstellung fast fertig, als mit lautstarkem „Möööwohouuwww…“ ein zur Landung in Langenhagen ansetzender Flieger ordentlich Gegenschub gab: Tonspur im Ar… Also nochmal … Herr Murphy lag am Boden und schnappte nach Luft.

Nächste Einstellung in der Eilenriede. Ein Stückchen weiter und Interview. Fast im Kasten, als ein Schmetterling angeflattert kommt und sich mitten auf die Linse der Kamera setzte. Nochmal … Fast fertig, als ein Radfahrer vorbei kommt und in Aufnahmerichtung stehen bleibt, um zu gucken, was da abgeht. Er war natürlich mit auf dem Bild und musste auch noch Tante Frieda oder wem auch immer zuwinken. War wohl ein typischer RTL-Zuschauer. Nochmal … Herr Murphy zuckte nur noch und gab undefinierbare Geräusche von sich.

Dann ein Dreh in der Hannoverschen Innenstadt. „Wir drehen am Kröpcke“, entschied Regisseur M. T. Darauf meine Frage: „Wo? Unmittelbar am Bauzaun oder gleich in der Baugrube?“ „Scheiße, da habe ich ja gar nicht dran gedacht …“ Ich schlug dann vor, die Straße von der Goseriede zum Kröpcke hin zu nehmen und so machten wir das auch. Wegen des Lichts brauchten wir eine halbschattige Bank, und da sollte keiner draufsitzen. Gar nicht so leicht zu finden … Aber irgendwie klappte das. Gedreht. Plötzlich meinte Kameramann W. M. „Aus!“ und wies auf irgendwas hinter mir. Da war ein Passant stehen geblieben und glotzte mit offenem Mund in die Kamera. Gibt wohl viele RTL-Zuschauer in Hannover! Was Herr Murphy in diesem Moment machte, weiß ich nicht mehr. Möglicherweise hatte der sich schon ins Koma gekichert. Jedenfalls war um 14:45 Uhr alles im Kasten und die Beiden düsten total hektisch zu ihrem nächsten Termin.

Ich dagegen dackelte quer durch die Stadt zum Domizil unserer Ältesten, um deren Computer zu reparieren und ihre Internetanbindung vernünftig aufzubauen. Bis ich wieder zuhause war, war es Abend geworden. Ach ja, und wer sich die Kurzdoku zu Gemüte führen möchte kann das durchaus tun. Ich habe mir die nämlich (viel) später mal runtergeladen, in ein anständiges Format konvertiert und bei YouTube eingestellt. Sie ist seither Teil meines YouTube-Kanals. Allerdings muss ich dazu unbedingt noch anmerken, dass die Doku ein paar teils ziemlich grobe Fehler enthält. Wer mit der Thematik nicht vertraut ist wird die aber u. U. gar nicht mal bemerken. Die Fehler resultieren aus der allgemein geübten Praxis, dass man glaubt, für die Endabnahme kein fachkundiges Personal mehr zu benötigen und die von fachlich unbeleckten Personen durchführen lässt. Ich wage allerdings ernsthaft zu bezweifeln, dass es diese Praxis nur beim Doofen-Fernsehen gibt …