„Das, worauf es ankommt, können wir nicht vorausberechnen. Die schönste Freude erlebt man immer da, wo man sie am wenigsten erwartet.“
(Antoine de Saint-Exupéry in „Wind, Sand und Sterne“)

Der nachfolgende Beitrag befasst sich mit dem Thema Synästhesie, denn nach meinem Posting „Spaß mit RTL“ haben mich dann doch wieder etliche Anfragen erreicht. Ich hoffe, die mit diesem Beitrag hinreichend beantworten zu können. Synästhesie ist … ganz natürlich und so urnormal wie rote Haare oder grüne Augen, bloß seltener. Synästheten nehmen qualitativ anders als die breite Masse wahr, sehen bspw. Töne, schmecken Berührungen, hören Farben oder erkennen Farben in Buchstaben, Begriffen und Zahlen. Darüber hinaus existieren noch zahlreiche weitere Sinnesverknüpfungen. Die ASA (American Synesthesia Association) verzeichnet über 70 wissenschaftlich anerkannte Synästhesieformen. Synästhesie tritt, wie ich irgendwo mal gelesen habe, bei rund 4% aller Menschen auf. Das hört sich zwar nicht nach besonders viel an, bedeutet aber, dass einer von 25 Menschen Synästhet ist. Eine Lehrkraft in einer Schulklasse bspw. hat folglich rein statistisch gesehen davon auszugehen, dass einer der Schüler in jeder Klasse über eine synästhetische Begabung verfügt.

Ich zähle definitiv zu dieser Minderheit, wie anhand von fMRI-Untersuchungen am 31.10.2009 in der MH Hannover zweifelsfrei nachgewiesen worden ist. D. h. wenn ich im völlig abgedunkelten (schwarzen!) Raum liege, zudem meine Augen abgedeckt sind und ein Geräusch höre, dann detektiert der Kernspintomograf deutliche, überdurchschnittlich hohe Aktivität in den Arealen meines Gehirns, die für die Verarbeitung von Bildern zuständig sind, ergo in den visuellen Arealen. Davon gibt’s sogar „Beweis“-Fotos. Man nennt diese sehr häufige Synästhesieform „Coloured Hearing“ oder „Audition colorée“. Die dadurch in meinem Gehirn entstehenden Bilder sind genauso real wie das, was mir meine Augen liefern. Synästhesie ist also nicht irgendeine „zusätzliche“ oder „verzichtbare“ Wahrnehmung, sondern voll integriert. Darauf zu verzichten wäre für einen Synästheten genauso als wolle ein Nichtsynästhet auf Augen oder Ohren verzichten.

Leider aber ist das den meisten Nichtsynästheten nur sehr schwer verständlich zu machen und ganz speziell hier in Deutschland trifft man bei diesem Thema auch heute noch (bzw. nach dem Rechtsruck in diesem Lande wieder – es lebe die Blödheit) auf eine schier unüberwindliche Mauer aus längst überholten und widerlegten Vorurteilen, die auf früherem braunen Gedankengut fußen. Einer meiner Vorfahren ist aufgrund der synästhetischen Wahrnehmung im KZ ermordet worden: Scheiß-Nazigesindel! Immerhin war Deutschland im Jahr 1962 das letzte Land der Welt, welches die hirnlose und widernatürliche Betrachtung der Synästhesie als „unheilbare psychische Erkrankung“ (widerwillig) abgeschafft hat. Alle anderen waren da schon wesentlich früher wesentlich fortschrittlicher. Aber der typische Deutsche kultiviert eben sein Unwissen nebst unbegründeten Vorurteilen und lässt nichts darauf kommen.

Doch das blödsinnige Vorurteil ist geblieben und scheint unausrottbar zu sein. Deswegen habe ich schon vor etlichen Jahren versucht, Aufklärung zu betreiben. Dabei entstanden seit 2004 u. a. ein paar Bücher, so bspw. in Printform die Synästhesietrilogie (bestehend aus „Vernetzte Sinne“ als psychologischem Fachbuch – NICHT meine Einstufung! – sowie „Böse Hexen gibt es nicht“ als populärwissenschaftlichem Werk über die Volksmedizin mit Querverbindungen zur Synästhesie und „Norgast„, einem synästhetischen Fantasyroman; alles noch im Handel erhältlich). Daneben habe ich noch ein paar E-Books verfasst, die sich z. T. auch mit der Thematik befassen. Ergänzt wurde das durch Interviews in verschieden Zeitschriften sowie durch Auftritte in Funk und Fernsehen – etwas davon ist noch auf meinem YouTube-Kanal zu finden.

Nicht zuletzt deswegen erreichen mich auch immer wieder Anfragen zum Thema – allerdings kaum noch aus Deutschland, obgleich Deutschland hier mal für rund ein Jahrzehnt hinsichtlich der Forschung Weltspitze war. Aber das ist Vergangenheit. Ich will mit diesem Beitrag einmal versuchen, die Synästhesie zu beschreiben, um diese Art der Wahrnehmung verständlicher zu machen, denn ich bin zu der Überzeugung gelangt, dass das wichtiger denn je ist. Man sehe mir nach, dass ich dabei weitestgehend auf die Angabe von wissenschaftlichen Quellen verzichte, denn ich habe heute, nachdem ich nicht mehr im Hochschulbetrieb tätig bin, keinen Zugriff mehr auf das betreffende Material. Einige Quellen listet jedoch die Synästhesie-Gesellschaft auf. Mit anderen Worten: Dieser Beitrag ist ein sehr persönlicher Erfahrungsbericht eines Synästheten und KEINE wissenschaftliche Ausarbeitung; insofern stelle ich auch keinerlei Anspruch auf Wissenschaftlichkeit.

Stattdessen werde ich versuchen, mit möglichst einfachen Worten darzulegen, was es mit der Synästhesie und mit der synästhetisch geprägten Wahrnehmung auf sich hat, ergänzt durch einige Bilder und durch die im Grunde genommen ewig gleichen Fragen, die mir im Rahmen wissenschaftlicher Arbeiten sowie schulischer oder universitärer Facharbeiten und auch in Interviews immer und immer wieder gestellt wurden und noch gestellt werden – denn die Tätigkeit als Meerschweinchen bzw. Laborratte im Rahmen der Synästhesieforschung habe ich niemals aufgegeben. Auf die Art und Weise kann man nämlich wenigstens etwas am Ball bleiben. Der Beitrag mag dadurch unstrukturiert wirken, doch das ist durchaus beabsichtigt. Das ermöglicht es nämlich den Interessierten, sich selbst ein Bild zu machen, indem sie gezwungen werden, über das Gelesene nachzudenken. Aufgrund des Umfangs – man kann über die Synästhesie dicke (Fach)Bücher schreiben und einige davon gibt es schon – habe ich den Beitrag dreigeteilt.


Motorengeräusch des uralten, luftgekühlten VW-Käfer-Motors in meiner synästhetischen Wahrnehmung.

Was weißt du über die Synästhesie und über die Synästhesieforschung?

Beim Menschen unterscheidet man fünf modulare Sinne: Riechen, Schmecken, Fühlen, Hören und Sehen. Für diese Sinne sind im Gehirn eines Erwachsenen unterschiedliche, abgegrenzte Areale zuständig. Säuglinge jedoch nehmen ihre Umwelt undifferenziert wahr. Von 1992 bis 1996 führte Simon Baron Cohen EEG-Reihenuntersuchungen an Säuglingen und Kleinkindern durch. Die an der University of Cambridge durchgeführten Untersuchen wurden in der Fachzeitschrift PSYCHE im Juni 1996 unter dem Titel „Is There a Normal Phase of Synaesthesia in Development?“ publiziert und belegen, dass im Gehirn eines Neugeborenen erst einmal alles mit allem verknüpft ist. So gesehen wird jeder Mensch als Synästhet geboren. Nach und nach werden die nicht mehr benötigten Verbindungen zwischen den Synapsen abgebaut. Die „Entmischung“ der fünf Sinne setzt ab etwa dem 4. Lebensmonat ein und ist bis ungefähr zum 24. Lebensmonat abgeschlossen. Erst danach sind die fünf einzelnen und zuvor vermischten Sinne vorhanden. Aber nicht bei allen Menschen. Eine geringe Minderheit verfügt über einen biologisch-organisch abweichenden Aufbau des Gehirns. Hier sind genetisch bedingt einige Verbindungen und daraus resultierend eine „Sinnesvermischung“ erhalten geblieben oder sogar (u. U. im Verlauf der Pubertät) neu gebildet worden. Diese Menschen sind die Synästhetiker oder Synästheten. Sie nehmen ihre Umwelt auf andere Weise wahr: Nonverbaler, farbiger und subtiler – da sie von Natur aus über eine Art von wissenschaftlich belegtem „6. Sinn“ verfügen.

Da sollen nach neuesten Forschungen und heutigem Wissensstand so um die 30-40 Gene dran beteiligt sein – eher seltene Gensequenzen – was dazu führen kann, dass die Synästhesie verschiedene Generationen überspringt. Welche Gene wann und warum aktiv – d. h. eingeschaltet – werden ist möglicherweise eine Frage der Epigenetik. Als gesichert gilt, dass verschiedene Regionen im Gehirn von Menschen mit Synästhesie ein wenig anders miteinander verknüpft zu sein scheinen. Die erhalten gebliebenen oder neuen „Querverdrahtungen“ erzwingen dann eine qualitativ von der Mehrheit abweichende, zugleich aber auch voll integrierte Wahrnehmung, also bspw. das Sehen von Tönen und Geräuschen o. ä. Da unsere Denkweise aber von der Wahrnehmung geprägt wird, bedeutet die zwar abweichende – nichtsdestotrotz aber zugleich auch völlig korrekte – Wahrnehmung zwangsläufig auch eine andere Denkweise. Das ist durchaus von philosophischem Interesse: Gibt es nur eine Realität oder existiert das, was wir als Realität betrachten, nur individuell verschieden in unseren Köpfen? Die andere Denkweise führt sehr häufig zu dem, was gemeinhin unter Kreativität verstanden wird und so ist die Liste kreativer Synästheten auch schier endlos lang. Angefangen bei Leonardo da Vinci über Nikola Tesla, Richard Feynman, Jimi Hendrix, Robert Cailliau, Hélène Grimaud, Eddie van Halen, Lady Gaga und-und-und. D. h. ohne die Kreativität von Synästheten gäbe es heute keine Wechselspannung, Elektromotoren, Rundfunk und Fernsehen, Internet usw. und die Musik wäre sehr viel ärmer.

Ferner ist wissenschaftlich festgestellt worden, dass Synästhetiker grundsätzlich besser darin sind, optische oder akustische Sequenzen wiederzuerkennen. Das könnte damit zusammenhängen, dass bei uns mehr Hirnareale in die Bewältigung einer Aufgabe involviert sind. Die sensorischen Areale im Gehirn von Synästheten sind besonders eng verknüpft. Hinzu kommen die Denkprozesse, die sich auf die synästhetische Wahrnehmung stützen. Die verlaufen zwangsläufig anders als bei Menschen, welche eine solche Wahrnehmung nicht haben. Oder, um Albert Einstein zu zitieren: „Probleme kann man niemals durch die gleiche Denkweise lösen, durch die sie entstanden sind.“ Da die Synästhesie mit einem vom Durchschnitt abweichenen Aufbau des Gehirns einher geht, ordnet man sie heute häufiger im weitesten Sinne dem nicht-pathologischen Bereich des autistischen Spektrums zu, zumal ein Synästhet – wenn er den Asperger-Test macht – oftmals auch als Aspi eingestuft werden könnte und überdurchschnittlich viele Autisten und Savants synästhetisch begabt sind (Beispiel Daniel Tammet). Daneben gibt es Indizien dafür, dass Synästheten psychisch stabiler als Nichtsynästheten sind. Untersuchung und Beweis dieser These stehen aber m. W. noch aus.


Ruf eines Buchfinken in meiner synästhetischen Wahrnehmung.

Wie ist eigentlich die Geschichte der Synästhesieforschung bisher verlaufen oder, anders gefragt, seit wann ist die Synästhesie überhaupt bekannt?

Bekannt ist die Synästhesie schon seit sehr, sehr langer Zeit. Tatsächlich geht die erste Erwähnung der Synästhesie beim Menschen auf die weit über 3.300 Jahre alte hebräische Fassung der Thora zurück: „When the Ten Commandments were given, all the people saw sounds, and heard images. (Exodus, 20,18; Übersetzung aus dem Hebräischen durch Zvi Rosenstein, Department of Physiology, Medical School, Hebrew University, Jerusalem, Israel).“ Die erste neuzeitliche Erwähnung der Synästhesie geht auf etwa 1690 und auf den englischen Philosophen John Locke (1632-1704) zurück. Er berichtete von einem blinden Mann, der nun wisse, was scharlachrot bedeute, denn es sei wie der Klang einer Trompete.

Für sehr lange Zeit wurde die Synästhesie danach nur als Kuriosum im Elfenbeinturm der Wissenschaften angesehen – nichts, was der genaueren Untersuchung wert gewesen wäre. Die Nazis betrachteten Synästhesie gar als Geisteskrankheit und dogmatisierten damit ein aus Unwissen und Unverständnis entstandenes, durch nichts zu begründendes Vorurteil, welches bei uninformierten Zeitgenossen leider auch heute noch Bestand hat und zur krassen Ablehnung von Synästheten mit beiträgt – ohne dass sich besagte Personen darüber im Klaren sind, überholtem, braunem Gedankengut anzuhängen. Erst in den 1960er Jahren des letzten Jahrhunderts machten danach international prominente Synästheten wie bspw. Richard Feynman (Quantenphysiker, Nobelpreisträger, Miterfinder der Atombombe, 1918-1988) oder Jimi Hendrix (Gitarrist, 1942-1970) oder Robert Cailliau (neben Tim Berners-Lee Miterfinder des WWW, oder, anders gesagt: Ohne Synästheten kein Internet) von sich Reden. Doch das führte lediglich dazu, dass die Synästhesie – gegen den erbitterten Widerstand Deutschlands – aus dem internationalen Verzeichnis von Krankheiten (ICD-10) heraus genommen wurde.

Nur in der Schweiz sah man die Synästhesie (seinerzeit noch als „Crossmodality“ bezeichnet) vereinzelt als Forschungsgegenstand von Außenseitern an. Das änderte sich beinahe schlagartig im Jahre 1989, als der US-Neurologe Dr. Richard E. Cytowic (Spitzname „Popeye“) von der George Washington University, Washington D.C., seinen Report „Synesthesia: A Union of the Senses“ und in Folge 1993 sein Buch „The Man Who Tasted Shapes“ heraus brachte. Cytowic hatte sich seit 1980 mehr oder weniger intensiv mit der Synästhesie befasst, doch erst die Begegnung mit einem Synästheten und die Idee, synästhetische Wahrnehmung einmal mit bildgebenden Verfahren wie PET (Positronen-Emissions-Tomografie) und später fMRI (funktionelle Kernspintomografie) zu untersuchen, brachten den Durchbruch. Es zeigte sich nämlich, dass bei der Synästhesie tatsächlich andere Hirnareale aktiviert werden und keinesfalls etwa Halluzinationen – wie von den Nazis früher angenommen – vorliegen. Das war der Beweis dafür, dass es sich bei Synästhesie nicht um eine Erkrankung handelt. Da jetzt auch Bilder aus dem lebenden Gehirn zur Verfügung standen, ging das Thema Synästhesie durch die Medien – allen voran durch das Fernsehen – und entfachte ein neues, reges Interesse, so dass es heute weltweit mehrere Forschungsgruppen zu dem Thema gibt.

Der deutsche TV-Journalist Volker Lange drehte 1989 in den USA eine Doku zum Thema Synästhesie. In Folge meldeten sich sich auch viele deutsche Zuschauer bei dem US-amerikanischen Sender, welcher die an Popeye verwies und der wiederum sagte den Zuschauern, sie möchten sich doch bitte an eine medizinische Hochschule in Deutschland wenden. Davon gab es seinerzeit aber nur eine in Deutschland und bei der handelte es sich um die MH Hannover, kurz MHH. Da dort niemand etwas mit derartigen Anfragen anzufangen wusste und es immer noch das blödige Vorzurteil aus Nazizeiten gab, leitete man besagte Anfragen kurzerhand an den Fachbereich der klinischen Psychiatrie weiter. Es erwies sich als Glückfall, dass es dort einen aufgeschlossenen, kompetenten und vorurteilsfreien Menschen in leitender Funktion gab. Das war der inzwischen leider verstorbene Prof. Dr. Dr. Hinderk M. Emrich. Er gründete zusammen mit Prof. Udo Schneider und Dr. Markus Zedler eine entsprechende Forschungsgruppe, um einerseits den Grundlagen der Synästhesie auf die Spur zu kommen und um andererseits neben den Nichtsynästheten eine weitere, psychisch unauffällige Referenzgruppe zu erhalten, damit psychische Erkrankungen im Vergleich zu gleich zwei gesunden Referenzgruppen untersucht werden konnten. Das geschah so um das Jahr 1992 herum.

Drei Jahre später suchte die Forschungsgruppe über den Rundfunk und in Tageszeitungen nach weiteren, synästhetisch begabten Probanden. Während die Printmedien auf der Höhe der Zeit zu sein schienen, wurde in den Rundfunkbeiträgen das uralte, unhaltbare Nazi-Vorurteil von wegen „unheilbare psychische Krankheit namens Synästhesie“ wieder auf fürchterlichste Weise aufgewärmt und so mancher Synästhet fragte sich, wo beim zuständigen Redakteur wohl der Unterschied zwischen IQ und Schuhgröße liegen mochte. Etwa um die Jahrtausendwende herum müssen es so um die knapp hundert Probanden gewesen sein und zu der Zeit fanden in der MHH zweimal jährlich die Synästhesie-Cafés statt – zwanglose Treffen zwischen Probanden und Forschungsleitern, bei denen die Probanden über bisherige Forschungsresultate informiert und Ausblicke auf neue Forschungsvorhaben in Aussicht gestellt wurden.

Inspiriert durch die bis dato einmaligen Forschungen in Hannover konstituierten sich etwa um diesen Zeitraum herum weitere Forschungsgruppen weltweit an verschiedenen, renommierten Universitäten (Edinburgh, Birmingham, Houston, San Diego usw.). Man versuchte herauszufinden, was die Synästhesie eigentlich auf neurologischer Ebene ausmacht, wie diese Fähigkeit die Probanden beeinflusst, welche Vor- und Nachteile sich daraus ergeben, wie sie sich auf das Lernen auswirkt u. v. a. m. Prof. Emrich beschrieb es in der TV-Doku „Synästhesie“ einmal so (Zitat): „Das heißt, es mag durchaus sein, dass in einem bestimmten evolutionsbiologischen Bereich Synästhesie schon einmal eine Rolle gespielt hat. Sie wurde dann verlassen, weil es wichtiger war, erstmal die Sinneskanäle zu trennen und nun in einer höheren Stufe, wo diese Trennungen erfolgt sind, können wiederum Zusammenfügungen – man nennt das in der Neurobiologie intermodale Integration – zusätzliche neue mentale Räume erschließen.“

Und er fügte hinzu (Zitat): „Wir verständigen uns über Objekte in einer Weise, in der wir so tun, als seien sie so wie sie uns erscheinen wirklich vorhanden und seien für jeden anderen genauso vorhanden. Durch die Synästhesiediskussion wird uns sofort klar, dass das überhaupt nicht stimmen kann, weil der Synästhetiker in gewissem Sinne völlig hermetisch ist. Er hat Erfahrungen, die er mit uns nicht teilen kann und seine Subjektivität ist genauso wahr wie unsere. Und insofern lernen wir voneinander und wir Nichtsynästhetiker von den Synästhetikern sehr viel über die Struktur von Subjektivität und damit eigentlich darüber, was es heißt, ein Mensch zu sein.“

Nach 2010 wurde Prof. Emrich emeritiert und die MHH setzte neue Schwerpunkte. D. h. die dortige Synästhesieforschung fand nur noch in einigen wenigen Fällen statt. Aus der einst weltführenden Forschungsgruppe war eine doch eher als privat zu bezeichnende Initiative, aus der die „Synästhesie-Gesellschaft eV“ hervorging, geworden. Der wesentliche Teil der Forschung spielt sich seitdem anderswo ab – Deutschland kann sich’s ja offensichtlich leisten, Schlusslicht zu werden. Eins aber war bei allen Forschungen deutlich geworden: Die Anzahl der Synästheten hatte im Vergleich zu den vorausgegangen Jahrhunderten offensichtlich merklich zugenommen. Der US-amerikanische Psychologe Peter Grossenbacher (Naropa University Boulder Cal.) sieht in der Synästhesie einen evolutionären Sprung, eine natürliche Reaktion der Spezies Homo sapiens auf immens zunehmende Umweltreize. Sein Landsmann Richard E. Cytowic (Neurologe und Pionier der modernen Synästhesieforschung) vertritt eine genau gegenteilige Ansicht. Er hält die Synästhesie für ein entwicklungsgeschichtliches Überbleibsel aus Urzeiten und spricht von Synästhetikern als „kognitiven Fossilien“.


Kammerton A auf einer Geige gespielt in meiner synästhetischen Wahrnehmung.

Wie sieht deine eigene Geschichte der Synästhesie aus und wann hast du zum ersten Mal bemerkt, dass du eine Gabe hast, die andere nicht haben?

Das war im Kindergarten. Wir Kinder spielten im Sandkasten, als ein Spatz tschilpte. Ich sah das Geräusch als silbrig-metallische, röhrenartig und in sich gebogene Form vorbeischweben. Es sah sehr ästhetisch aus. Ich fragte die anderen, ob sie das genau so schön fanden. Die aber glotzten mich nur völlig entgeistert an, bemerkten „Ich seie wohl nicht ganz normal“ und ich hielt daraufhin die Klappe. Eigentlich stellte ich damals aber nicht fest, dass ich eine bestimmte Gabe habe, sondern vielmehr, dass etwas für mich selbstverständliches bei anderen fehlte. Jedenfalls bestand die Reaktion in massiver, diffamierender Ablehnung. Damals war ich vier Jahre alt. In Folge hielt ich mich hinsichtlich meiner von der Mehrheit abweichenden Wahrnehmung sehr bedeckt. D. h., gewissermaßen versteckte ich mich: Nur nicht auffallen! Unter den Blinden ist der Einäugige eben nicht König, sondern nur anders. Das führt zur Ablehnung. Lediglich in der Schule nutzte ich die Synästhesie für Mogelzettel, denn den Code konnte kein Nichtsynästhet knacken.

Im Jahr 1984 – das Internet existierte noch längst nicht – stolperte ich bei beruflichen, chemischen Recherchen im ARPA-Net über den Begriff „crossmodality“. Wer etwas aus einem Netzwerk brauchte, der musste dafür bezahlen. Wer hackte, der bekam es gratis. Ich hackte, denn Gesetze dagegen gab es noch nicht. U. a. hackte ich eine medizinische Datenbank. Ich kopierte mir die Berichte, die mich in diesem Zusammenhang interessierten und ging sie später durch. Ja, das war genau meine Form von Wahrnehmung, die da beschrieben wurde. Man bezeichnete die als sehr selten. Und sie war nicht krankhaft. Einerseits beruhigte mich das. Andererseits stachelte es meine Neugier an und in Folge suchte ich gezielt (und selbstverständlich unbefugt) nach solchen Veröffentlichungen. In beruflicher Hinsicht u. d. h. in der chemischen Forschung bot mir die Synästhesie zudem Möglichkeiten, die andere nicht hatten und das nutzte ich selbstverständlich.

Ein Jahrzehnt später war das ARPA-Net zum Schnee von gestern geworden. In Deutschland hatte das Internet Einzug gehalten und eröffnete gänzlich neue Möglichkeiten der legalen Suche. Ich wurde sowohl bei „crossmodality“ wie auch bei dem aktuelleren Begriff „Synästhesie“ fündig und erfuhr, dass meine deutlichste Form der „anderen“ Wahrnehmung als „Coloured Hearing“ bezeichnet wird. Auch erfuhr ich, dass es daneben noch eine ganze Reihe von anderen Synästhesiearten geben sollte und dass die keinesfalls krankhaft waren. Mir wurde klar, dass ich wohl auch noch über ein paar der anderen Synn-Formen verfügen musste, wenngleich deren Ausprägung auch nur schwach war. Heute bezeichnet man Menschen mit mehreren Synästhesieformen als Multisynästheten.

Etwa ab 1996 wurde mein Wunsch, das elende – da psychisch belastende – Versteckspiel endlich aufgeben zu können, dominierend. Ich wollte mich endlich mal mit anderen Menschen, deren Wahrnehmung wie meine war, ganz offen austauschen können. Die einzige Möglichkeit dazu bot mir die Forschungsgruppe in der MH Hannover. Der schloss ich mich im Jahr 2003 an und später trat ich auch der Synästhesie-Gesellschaft bei: Entscheidungen, die ich niemals bereut habe! Einerseits wurde durch die Probandentätigkeit aus der Ungewissheit, ob es sich nun wirklich um Synästhesie oder doch nur um Halluzinationen handelte die Gewissheit, dass es die Gabe der Synästhesie ist. Das war nach Jahrzehnte währendem Versteckspiel wie ein Befreiungsschlag. Andererseits hatte ich – endlich! – mit Menschen zu tun, die wie ich empfanden und die mich deswegen nicht als Einzelänger (vornehm ausgedrückt – andere sprachen ganz unverblümt von „Arschloch“), sondern als einen der Ihren betrachteten und akzeptierten. Ich meine, man eckt als Synnie bei Nichtsynästheten sehr schnell an. Im Interview mit einem mediziniscen Fachblatt wurde mir deswegen vor etlichen Jahren schonmal eine „provozierende Offenheit“ bescheinigt. Provozierende Offenheit ist, wenn man als Laborleiter einen fachlich unbeleckten Kollegen, der den Vorgesetzten raushängen lässt, mit den Worten „Unbeschriftete Flaschen haben haben im Labor nichts zu suchen – also raus!!!“ loswird.


Der Anfang von „Silver Machine“ der Gruppe „Hawkwind“ in meiner synästhetischen Wahrnehmung.

(Fortsetzung folgt …)