„Also was wir bei den Synästhetikern möglicherweise als störend oder überflüssig empfinden, hat für sie häufig eine Wahrnehmungsfunktion, die uns versagt bleibt. Deshalb kann ich es verstehen, dass viele Synästhetiker ihre Welt als reicher empfinden und da müssen wir als Nichtsynästhetiker konstatieren: Das ist uns versagt.“
(Zitat Prof. Klaus-Ernst Behne in der TV-Doku „Synästhesie“)

Hier kommt jetzt die Fortsetzung meines Synästhesiebeitrags. Ich habe den geteilt, damit die Leserschaft nicht überfordert wird – aber das Thema ist einfach viel zu umfangreich und zu komplex, um es in Form von Blogbeiträgern detailliert darlegen zu können. Diese Blogbeiträge komprimieren die Thematik bereits extrem, wobei aber (das muss ich betonen!) alle angeführten Fragen tatsächlich durchgeführten Erhebungen entnommen worden sind. Doch nochmal zur Erinnerung: Das ist ein persönlicher Erfahrungsbericht eines Synästheten und KEINE wissenschaftliche Abhandlung! Machen wir also mit den Fragen weiter, die immer wieder auf mich zukommen.


Das Rasseln einer Klapperschlange in meiner synästhetischen Wahrnehmung.

Welche Synästhesieformen hast du?

Am stärksten ausgeprägt ist das Coloured Hearing, also das Sehen von Tönen bzw. Geräuschen, was aber nicht immer so war. An zweiter Stelle steht die Graphemische Synästhesie, also die farbigen Zahlen, Buchstaben und Begriffe. Das war früher sehr viel stärker. Daneben gibt es da noch punktuell die als farbige Formen empfundenen Schmerzreize, eine Art von Olfaktorischer Synästhesie (Gerüche weisen farbige Formen auf), Geschmackssynästhesie (wie vor, aber auf den Geschmack bezogen), sehr selten das Hören von Farben, etwas häufiger die sg. Mitempfindung (oder: Man kratzt sich am Bauch und dadurch piekst es im Nacken – hier tun sich Parallelen zur Akupunktur auf.) und – eigentlich immer schon – etwas, was ich als „Formelsehen“ bezeichnen möchte und was den synästhetischen Schilderungen von dem verstorbenen Physik-Nobelpreisträger Richard Feynman ziemlich nahe kommt. D. h. wenn ich eine Formel – egal ob chemisch oder mathematisch – betrachte, dann weiß ich instinktiv, wo das anwendbar ist und wo nicht, ob das zusammenpasst oder nicht usw., ohne die Formel als solche begriffen haben zu müssen. Sie erscheint mir vielmehr wie eine Art von fraktalem Gebilde. Feynman ging seinerzeit wohl recht ähnlich vor. Mir hat das i. d. 1980er Jahren geholfen, die Wissenschaft der Chemometrik mit aus der Taufe zu heben. An meinen damals veröffentlichten Papers sind allerdings selbst gestandene Akademiker mitunter beinahe verzweifelt, denn das Nachvollziehen bereitete ihnen Schwierigkeiten. Das lief immer wieder auf das alte Problem raus: Wie erklärt man einem Blinden was Farbe ist? Nicht zu vergessen ist letztlich noch die sexuelle Synästhesie.

Aber bleiben wir bei meinen stärksten Synästhesieformen, nämlich dem Coloured Hearing und den Graphemen. Über die Jahre hat sich das nämlich verändert bzw. umgekehrt. In meiner Kindheit stand eindeutig die graphemische Synästhesie im Vordergrund und das Coloured Hearing nur an zweiter Stelle. Früher in der Schule verzierte ich alles (Hefte, Bücher, Federmappe etc.) mit kleinen, bunten und abstrakten Mandalas und Zeichnungen. Für die anderen war das sinnlose Schmiererei. Sie begriffen nie, dass das für mich Mnemonics waren, ein Code, deutlicher und umfangreicher als jeder Mogelzettel es jemals hätte sein können. Heute benutze ich zum Lernen primär die IT, und da bspw. Wikis für den Eigenbedarf oder Zettelkasten-Programme. Es ist nicht wichtig, alles zu wissen. Aber man sollte unbedingt wissen, wo es steht und wie damit umzugehen ist. Jedenfalls ermöglichte mir die Graphemische Synästhesie, mich durch etliche Mathearbeiten zu mogeln, weil die abstrakten, farbigen Zeichnungen auf meinen Schulsachen nichts weiter als aufgeschriebene Formeln und Gedächtnishilfen waren – bloß eben nicht für Nichtsynästheten erkennbar.

Die Veränderung meiner Synästhesie geschah während der Pubertät, also in der Phase, in der das Gehirn umstrukturiert wird. Während der Pubertät verminderte sich die graphemische Synästhesie ziemlich stark, während das Coloured Hearing beinahe gleich blieb. Als Ausgleich für die Verminderung der Graphemie tauchten dann Geschmacks- und Geruchssynästhesien und die bereits genannten anderen Sachen auf. Das Nachlassen der Grapheme erforderte meinerseits eine gewaltige Umstellung, die mir – nachdem ich zuvor eine Klasse überspringen konnte – letztlich zwei „Ehrenrunden“ einbrachte. Inwieweit das synästhetische Formelsehen betroffen war, vermag ich in der Rückschau leider nicht mehr klar zu differenzieren. Als ich das Formelsehen dann wirklich im Beruf nutzen und gebrauchen konnte, hatte es sich im Laufe der Zeit „aufgebaut“ (gemeint im Sinne von Training einer bereits vorhandenen Eigenschaft).


Eine kleine Nachtmusik“ von W. A. Mozart in meiner synästetischen Wahrnehmung.

Konntest du basierend auf der Synästhesie eigene Lerntechniken entwickeln, die Synästhesie positiv für das Lernen nutzen oder hat sie dich behindert?

Im Grunde genommen von allem etwas. Mir fiel mir das Lernen leichter, wenn es von Formen und Farben begleitet wurde. Im Klartext: Am besten konnte ich lernen, wenn ich dabei Musik hörte. Was mir aber leider nur allzu oft seitens meiner Eltern verboten wurde, denn die vertraten die Auffassung, dass man „leise lernen“ muss. Das „leise lernen“ brachte überhaupt nichts. Meine Lerntechnik bestand hinterher darin, dass mich Farben und Formen respektive Töne an die Lerninhalte erinnerten. Gab es das nicht, dann wurden Arbeiten auch mit schöner Regelmäßigkeit in den Sand gesetzt – es fehlte am richtigen Stimulus. Nur in einem einzigen Fall erwies sich die Synästhesie beim Lernen als wirklich hinderlich und das war der Musikunterricht, obgleich ich die Musik liebe.

Die Noten im Musikunterricht sind für mich zeitlebens schwarzer Fliegendreck auf weißem Papier geblieben. Sprich: Das Notenlesen habe ich nie erlernt und obgleich ich die Musik liebe, waren meine Zensuren in Musik immer grausam. Den Höhepunkt dabei bildete einmal eine Arbeit über eine Freejazz-Version der Marseillaise, die ich als „kakophonisches Klanggeklotze“ bezeichnete. Die Arbeit wurde schlechtestmöglich mit einer „6“ benotet, denn die Musiklehrerin wollte etwas anderes hören. Ich dagegen war mir und meiner Synästhesie treu und damit auch provozierend offen geblieben: Musik beurteile ich primär nach ihrem ästhetischen Aussehen. Auch im Kunstunterricht gab es hin und wieder Schwierigkeiten, denn ich interpretierte Synästhesie-bedingt so manches Gemälde völlig anders als man es gemeinhin gewohnt ist. Und da die Schule zumindest in Deutschland der radikalen Normierung dient … Um es auf einen Nenner zu bringen: Synästhesie kann das Lernen vereinfachen und fördern, wenn sie berücksichtigt wird. Wird sie das aber nicht, dann kann sie das Lernen auch massiv behindern!


Stimmlicher „Fingerabdruck“ des Sängers Achim Reichel in meiner synästhetischen Wahrnehmung.

Wie kann die Schule oder die Lehrkraft auf synästhetisch begabte Schüler eingehen bzw. deren Synästhesie überhaupt erkennen?

Da ich selbst lange Jahre die Schulbank drücken musste und später neun Jahre lang als Aushilfs-Lehrkraft tätig war sind mir beide Positionen – nämlich die von Schülern und Lehrern – ganz gut geläufig, so dass ich glaube, hierzu ein paar durchaus praxisbezogene Angaben machen zu können. Die Mehrzahl der uninformierten Nichtsynästhetiker (Schüler wie Lehrer) ignoriert die Synästhesie, ja lehnt sie sogar ab. In Kindergarten und Schule kommt es in Folge davon zur Synästhesieunterdrückung mit z. T. gravierenden Nachteilen für die betreffenden Kinder. Eine Synästhetikerin beschrieb das mir gegenüber einmal so: „Insgesamt war alles nicht richtig und ich war ständig unsicher. Ich glaube, dass mit der Unterdrückung der Synästhesie meine ganze visuelle Verarbeitung kaputt gegangen ist. Ich erinnere mich, dass ich im ersten Schuljahr noch zeichnen konnte; danach war nichts mehr. Heute kann ich mich an Bilder, Gesichter etc. sehr schwer erinnern; ich muss alles mehrmals gesehen haben. Wenn ich zum ersten Mal irgendwo hinfahre, dann erscheint mir die Gegend auf dem Rückweg völlig unbekannt.“

Diese Aussage zeigt eindringlich, was der auf Nichtsynnies ausgerichtete „Fließbandunterricht“ bei Synästhetikern bewirkt. Nicht etwa ihr Potential wird gefördert, sondern stattdessen sogar kaputt gemacht – Verunsicherung, Gedächtnisprobleme, Wegfallen des kreativen Vermögens, gestörter Orientierungssinn. Wie lässt sich das mit dem Lehrauftrag der Schule vereinbaren? Gar nicht! Synästhetisch begabte Kinder bedürfen daher einer speziellen Förderung. Doch dazu müssen die Synästhetiker erst einmal erkannt werden. Naheliegendster Gedanke: Auf dem Wege eines Tests. Doch das halte ich gleich aus mehreren Gründen für einen Irrweg und somit für wenig zweckmässig – jedenfalls, was einen Massentest betrifft.

Wenn es schon für erwachsene Synästhetiker (die „Synesthesia Battery“ von David Eagleman vielleicht einmal ausgenommen) kaum einen allgemein anerkannten Synästhesietest gibt, wie sollte es den dann erst für Kinder geben? Wer sollte ihn entwickeln – etwa Nichtsynästheten, welchen diese Art der Wahrnehmung versagt bleiben muss? Und wenn sich tatsächlich hinreichend viele pädagogisch ausgebildete Synästheten für die Entwicklung eines derartigen Tests finden würden, woher sollten dann genügend begabte Kinder zu seiner Verifizierung kommen? Und schließlich: Wie würde der Nichtsynnie-Lehrkörper, der noch nie etwas mit Synästhesie zu tun gehabt hat und sich das folglich gar nicht konkret vorstellen kann, darauf reagieren? Die Pädagogen haben jetzt schon mehr als genug am Hals und zu beachten. Ein hypothetischer Synästhesie-Test wäre daher nur „ein weiterer unwichtiger Test unter vielen anderen unwichtigen Tests“. Es ist absolut hoffnungslos, unter diesen Umständen durchsetzen zu wollen, dass standardmäßig auf Synästhesie geachtet wird. Soweit, so gut – bzw. gar nicht gut. Welche Nachteile – außer den oben erwähnten – haben synästhetisch begabte Kinder denn eigentlich in „normalen“ Kindergärten und Schulen? Eine ganze Reihe. Hier ist mal eine (ganz) kleine Auflistung ohne jeglichen Anspruch auf Vollständigkeit.

– Dem Kind wird fälschlicherweise Unaufmerksamkeit oder eine Aufmerksamkeitsstörung wie AD(H)S oder Legasthenie diagnostiziert.
– Das Kind wird mit „mangelnden Fähigkeiten“ falsch beurteilt und ganz bequem in eine andere Schulform „abgeschoben“ (z. B. Sonderschule). Welcher Pädagoge überlegt sich eigentlich, was das für die Zukunft des betreffenden Kindes für Folgen hat?
– Das Kind wird immer wieder gerügt, weil es Buchseiten oder Bänke mit Zeichnungen, Ornamenten und Mandalas „verziert“, welche für es selbst eine Wahrnehmungs-Notation und somit eine echte Lernhilfe darstellen. Dem Nichtsynnie ist das völlig fremd. In Folge lernt das Kind nur eines: Nämlich sich zu verstecken!
– Das Kind bedarf insbesondere beim Lernen einer von Nichtsynnies abweichenden Vorgehensweise, was der Nichtsynnie nie versteht. In Folge wird das Kind als „trotzig, eigensinnig, unkooperativ“ beschrieben oder es wird schlichtweg gesagt „Das Kind will nicht“.
– Dem unverstandenen Kind wird ein psychischer Schaden unterstellt mit allen negativen Folgen für sein Selbstwertgefühl. Im Rahmen eines Automatismus wird dabei dem Kind auch gleichzeitig noch jede Möglichkeit zur Richtigstellung verwehrt, denn wer nimmt schon jemanden ernst, der auch nur im Verdacht steht, psychisch geschädigt zu sein?
– Das Kind wird wegen „lauten Rechnens“ gerügt. Inzwischen wurde wissenschaftlich belegt, dass beim Rechnen entgegen der landläufigen Meinung nicht die Hirnbereiche für das logisch-analytische Denken am stärksten beansprucht werden, sondern vielmehr die für das räumlich-visuelle Denken zuständigen Areale. Ergo: Gerechnet wird in erster Linie mit Farben und Formen. Gerade für Coloured-Hearing-begabte Kinder kann es daher essentiell sein, die Zahlen laut auszusprechen. Aber: „Man rechnet leise.“ In Folge werden diese Kinder zu Minderleistungen gezwungen!
– Graphemische Synästhesie kann zu Problemen beim Diktat (das Kind wird sehr langsam), in der Chemie (falsche Formeln) oder in der Grammatik (falsch eingefärbte Nomen, Verben etc.) führen, denn die „Farben der Buchstaben stimmen nicht“. Für das betreffende Kind bedeutet das, dass es mit dem so genannten „Falschfarbenproblem“ konfrontiert wird und erst alles auf intellektueller Ebene zu korrigieren (d. h. quasi zu übersetzen) hat, bevor der eigentliche Lernprozess einsetzt. Die Folge davon: Das Kind wird langsamer; der Pädagoge ordnet es u. U. in die Kategorie „weniger begabt“ ein. Er bemerkt nicht, dass das betreffende Kind intellektuell sogar das Doppelte leistet!
– Die Reizüberflutung lenkt ab; Coloured-Hearing-Synästhetiker sehen Semantik im wahrsten Sinne des Wortes und müssen den visuellen Eindruck erst in einen Akustischen umsetzen. Dies erfordert ein Höchstmaß an Konzentration, wodurch das Kind langsamer wird.
– Doch auch das genaue Gegenteil ist möglich. Da Synästhesie sehr häufig (vielleicht aufgrund von einer stärkeren Hirn-internen Vernetzung sogar immer) mit einer erhöhten Intelligenz bzw. Begabung einhergeht, kann das Kind derart unterfordert sein, dass es superschnell lernt und dann den Unterricht stört, was gleichfalls zu Ermahnung und Ablehnung führt.

Ein Kind, welches alle diese ablehnenden Erfahrungen ständig macht bzw. machen muss, erfährt permanentes Unverständnis. Wie wird sich so etwas auf seinen weiteren Lebensweg auswirken? Kann es jemals sein ureigenstes Potential zum Nutzen der Gesellschaft einsetzen? Und falls ja – wird es das auch noch tun wollen nach all der Ablehnung? Oder wird es immer gezwungen sein, seine Kraft für das Synnie-typische „Duck-And-Cover“-Verhalten zu verschwenden? Warum versteckt sich denn die Mehrheit von uns Synästheten? Könnte die Ablehnung im Extremfall die fatalen Folgen haben, die der (zwar sehenswerte, aber auch anspruchsvolle) Thriller „Desperate Measures“ beschreibt? Und kann es sich eine Gesellschaft wie die Heutige überhaupt noch leisten, kreativem Potential ignorant gegenüber zu stehen?

Deshalb sollte man dieses Problem auf verschiedene Weise angehen. Man sollte schon mit dem Kindergarten anfangen und in der Schule, später in der Ausbildung, weitermachen. Die Kindergärtnerinnen, Lehrer und Ausbilder müssen über Synästhesie schon im Rahmen ihrer Aus- und Fortbildung informiert werden. Leider ist dies Wunschdenken. Ich kann daher nur an alle diejenigen, welche diese Seite lesen und gleichzeitig in Ausbildungsfragen involviert sind, appellieren: Wenn ihr euren Beruf ernst nehmt und wenn euch die Kinder wirklich am Herzen liegen, dann achtet auf bestimmte Auffälligkeiten! Es geht bei den Auffälligkeiten nicht um zeitlich begrenzte Einzelfälle, sondern um mehrere simultane, ständige Verhaltensauffälligkeiten. Hier sind einige davon:

– Zählweise „1, 2, 3, 4, Blau“ o. ä.
– Weglassen spezifischer Buchstaben (z. B. großes „A“) oder Ersetzen des Buchstabens durch eine Farbe.
– Langsamkeit aufgrund des Falschfarbenproblems, möglicherweise Dyskalkulie, speziell aber bei Diktaten.
– Unfähigkeit zum Erlernen von Notenzeichen.
– Meiden von Großveranstaltungen (Partys, Fasching etc.).
– Bemerkungen wie „blaue 8“, „rechteckiges Geräusch“, „Farbe gehört“ u. ä.
– Beim Schildern von Musikeindrücken Bemerkungen wie „gelbe Linie“, „silberne Ringe“, „blaue Röhre“, „kurze Welle“ o. ä.
– Übermässige Schwierigkeiten mit dem Erlernen von Fremdsprachen bei ansonsten akzeptablen Zensuren.
– Sehr ruhig, introvertiert, in sich zurückgezogen, aber dennoch immer hilfsbereit und freundlich.
– Häufige Vermittlung des Eindrucks vom Leben in einer Traumwelt.
– Wenn die Frage „Wie brummt eine Hummel?“ mit „Braun“ oder einer Farb- bzw. Formdarstellung beantwortet wird.
– Wenn ein sonst unauffälliges Kind ein Einzelgänger oder aber zu durchschnittlich ist („Timothy-Paul-Effekt“ *) ).
– Häufige Nachfragen bei Dingen, welche einem selbst völlig klar erscheinen.
– Wenn ein Kind immer mit den Gedanken woanders zu sein scheint.
– „Musiksüchtige“ Kinder (auch Erwachsene!), auch bei den Hausaufgaben.
– Das Meiden greller Lichter (Neonreklame, Bildschirmspiele u. ä.).
– Herausragend bei Kreativität erfordernden Aufgaben.
– Anstelle von langsam besonders schnelle Auffassung mit Unterforderung.
– Ornamentreiche Gestaltungen von Schulbuchseiten oder/und Bänken.
– Vorgegebene Heftumschlag- oder Mappenfarben werden nicht akzeptiert bzw. eigenmächtig verändert.
– Ständig richtige Rechenwege, aber falsche Ergebnisse.
– Lesebegeisterung mit heimlichem Lesen unter der Schulbank während des Unterrichts.
*) Wer sich diesbezüglich näher informieren will, dem sei der preisgekrönte Roman „Kinder des Atoms“ von Wilmar Shiras empfohlen!

Es kommt dabei nicht auf eine einzelne, temporär begrenzte Auffälligkeit an. Wenn aber ein Kind beständig etwa 30% (Erfahrungswert!) der o. a. Eigenheiten zeigt, dann spricht einiges für eine synästhetische Begabung. Und erst dann lohnt sich ein wie auch immer gearteter, dem Alter des Kindes angepasster Test, um Gewissheit zu bekommen. Dabei sollten generell Schulpsychologen eingebunden werden. Ein solcher Test kann bspw. zwischen dem Ende der Kindergartenzeit und etwa der Mitte der zweiten Klasse in spielerischer Weise durchgeführt werden. Man fragt einige Buchstaben und Zahlen ab und fordert das Kind auf, dazu jeweils eine passende Farbe oder Form zu nennen, welche notiert wird (oder man lässt das Kind – sofern es schon des Lesens und Schreibens mächtig ist – diese Zuordnung selbst niederschreiben). Bestimmte Schlüsselwörter wie die Farbattribute „rauh“, „gemasert“, „schimmernd“, „nass“, „metallisch“ u. ä. oder Mischfarbangaben wie „gelb-rosa“, „grün-rot“ sowie „Ringe“, „Wellen“, „Linien“, „Bögen“, „Röhren“, „Kreise“, „Zapfen“, „Kringel“ etc. liefern erste Indizien für Synästhesie. Um sicher zu gehen, kann der Test nach einiger Zeit (nach vielleicht zwei bis vier Wochen) wiederholt werden, möglicherweise auch unter umgekehrten Vorzeichen (d. h. das Kind muss nun den bzw. die zur Farbe/Form passenden Buchstaben oder Zahl benennen). Übereinstimmungen von mehr als 50% weisen jetzt eindeutig in Richtung auf die Synästhesiebegabung.

In Folge wäre ein aufklärendes Vier-Augen-Gespräch mit dem Kind erforderlich, um letzte Gewissheit zu erhalten. Große gedankliche Sprünge und ein scheinbar (nur für Nichtsynnies) unmotiviertes Lachen sind Synnie-typische Eigenschaften. Lehrer und Eltern wären dann dahingehend zu informieren, dass das Kind eine natürliche Begabung besitzt, welche keinwegs in irgendeiner Form krankhaft ist, auf welche Rücksicht genommen werden muss und welche es zum Wohle des Kindes zu fördern gilt. So könnten sich Lehrer und Eltern besser auf das Kind einstellen und den „Ablehnungsdruck“ deutlich vermindern – was dem Kind die Chance einräumt, seine Fähigkeiten zu entfalten. Dies darf allerdings keinesfalls zu einer Erwartungshaltung seitens des Pädagogen oder der Eltern führen! Das Kind kann u. U. (abhängig von den bereits gemachten „schlechten“ Erfahrungen) sehr lange brauchen, bis es seine Fähigkeiten entwickelt. Die Mitschüler sollten zunächst nicht informiert werden, um ein Outing zu vermeiden. Diese Informationsentscheidung muss der Lehrkörper dem betreffenden Kind immer selbst überlassen. So sind z. B. in den höheren Klassen Projektwochen denkbar, in welchen die Kinder über ihnen eigene, herausragende Fähigkeiten referieren: Der eine spielt Schach, ein anderer betreibt Judo und vielleicht berichtet ein Kind auch mal über Synästhesie. Daneben gibt es aber auch noch ganz konkrete Folgerungen für den Unterricht:

– Dem synästhetisch begabten Kind muss die Zeit zugestanden werden, die es aufgrund seiner speziellen Wahrnehmung auch tatsächlich benötigt, z. B. bei Diktaten oder bei dem Erlernen von Fremdsprachen bzw. Formeln; notfalls indem es eine Einzelarbeit „nachschreibt“.
– Wenn es eine überdurchschnittlich rasche Auffassungsgabe besitzt, dann will es mit anderen, interessanteren Aufgaben beschäftigt werden (wobei es diese Aufgaben nicht als Strafe, sondern vielmehr als Belohnung ansehen muss). Oder, mit anderen Worten: Es will gefordert werden.
– Synästhetiker bevorzugen kreative Aufgabenstellungen. Wenn sich eine Rechenaufgabe auf mehrere Arten lösen lässt (was sehr häufig der Fall ist), dann sollte der Lösungsweg freigestellt werden und das Bearbeiten mehrerer Lösungswege auch zu einem Punktebonus führen.
– Ornamente, (abstrakte) Zeichnungen und Mandalas sind für das synästhetisch begabte Kind i. d. R. echte, individuelle Lernhilfen (auch wenn Nichtsynnies das nicht als solche erkennen können). Sie sollten dem Kind daher grundsätzlich erlaubt sein, bspw. durch in die Bücher gelegte oder mit Büroklammern befestigte Zettel.
– Im Kunst- und Musikunterricht sollte nicht dogmatisch an einer Interpretation als alleinig korrekt festgehalten werden. Synästhetiker erfahren Kunst- bzw. Musikobjekte oftmals gänzlich anders als Nichtsynästhetiker und haben ihre eigene Interpretation. Warum soll eine Nichtsynnie-Interpretation dann richtig sein? Nur weil die Nichtsynnies die Mehrheit stellen?
– Das Kind sollte die Farben für Hefte und Mappen selbst wählen dürfen, wenn es darauf besteht. Nur auf diese Weise lassen sich Irritationen ausschließen.
– Das Kind darf unter keinen Umständen zur Teilnahme an Massenveranstaltungen gezwungen werden, denn andernfalls kann es sehr schnell zur Reizüberflutung (welche sich im Extremfall durch eine Ohnmacht oder aber durch Unansprechbarkeit bemerkbar macht) kommen. Ein Meiden solcher Veranstaltungen hat bei Synästhetikern nichts mit sozialem Unvermögen zu tun, sondern dient dem reinen Selbstschutz, damit es nicht zur sensorischen Überforderung kommt!
– Wenn das Kind bei den Hausaufgaben Musik hört oder noch drei andere Sachen gleichzeitig macht, dann darf ihm das nicht verboten werden, denn das simultane Bearbeiten mehrerer Aufgaben ist eine Synnie-typische Eigenheit.

Nur, um das nochmal klarzustellen und um Missverständnissen vorzubeugen: Es geht nicht darum, synästhetisch begabte Kinder überproportional zu fördern. Es geht vielmehr um die Wahrung der Chancengleichheit – und damit auch der Chancengerechtigkeit – denn aus schulischen Leistungen abgeleitete Schulempfehlungen sind bezeichnend für den gesamten sich anschließenden Lebensweg. Die Folgen einer Falscheinstufung wären für das betroffene Kind auf Jahrzehnte hinaus fatal und daher lohnt es sich, einmal über das Gesagte nachzudenken. Ich meine, dass dies noch das Mindeste dessen ist, was man von jedem erwarten kann, der Verantwortung für Kinder trägt bzw. übernommen hat.


Kreissägensound in meiner synästhetischen Wahrnehmung.

(Schluss folgt …)