„Die Zeit, die du für deine Rose verloren hast, sie macht deine Rose so wichtig.“
„Die Zeit, die ich für meine Rose verloren habe …“, sagte der kleine Prinz, um es sich zu merken.
„Die Menschen haben diese Wahrheit vergessen“ sagte der Fuchs. „Aber du darfst sie nicht vergessen. Du bist zeitlebens für das verantwortlich, was du dir vertraut gemacht hast. Du bist für deine Rose verantwortlich …“
(Antoine de Saint-Exupéry in „Der Kleine Prinz“)

Zeit, um zum Ende zu kommen und daher geht es nun mit dem dritten und letzten Teil meines Synästhesiebeitrages weiter. Auch in diesem Falle werden wieder die typischen Fragen zahlreicher Interviewer und Journalisten, wie sie mir gestellt worden sind, beantwortet. Ach ja: Es glaube bloß keiner, dass ich das alles so Stück für Stück getippert habe! Nein, meine Mailablage reicht zurück bis ins Jahr 2004 und da ich das Gros der Anfragen per Mail beantwortet hatte, ist es selbstverständlich äußerst bequem, das Ganze nur rauszukopieren und noch einmal zu bearbeiten. Allerdings werden hier nur punktuell die Fragen, die in der einen oder anderen Form immer wieder auftreten, angeführt. Doch das sollte eigentlich ausreichen, um sich ein Bild von der Synästhesie machen zu können. Na, dann man los …


Geschmack scharfer Chilis (über eine Million Scoville Heat Units) in meiner synästhetischen Wahrnehmung.

Sind dir irgendwelche synästhetischen Beschreibungen aus dem normalen Alltagsleben bekannt?

Selbstverständlich, denn unsere Sprache ist in Form von Redewendungen voll davon. Ein paar Beispiele gefällig?
– brüllende Hitze (Paarung Sound und Temperaturempfinden),
– schreiende Farbe (Paarung Sound und visuelle Wahrnehmung),
– beißende Kälte (Paarung Schmerz und Temperaturempfinden),
– lastende Stille (Paarung Tastsinn und Sound),
– kränkliches Aussehen (Paarung Gefühl und visuelle Wahrnehmung),
– Klangfarbe (Paarung Sound und visuelle Wahrnehmung),
– klirrende Kälte (Paarung Sound und Temperaturempfinden),
– Musikgeschmack (Paarung Sound und Geschmacksempfinden),
– heller Klang (Paarung visuelle Wahrnehmung und Sound),
– fühlendes Auge (Paarung Tastsinn und visuelle Wahrnehmung),
– sehende Hand (Paarung visuelle Wahrnehmung und Tastsinn)
– knallrot (Paarung Sound und visuelle Wahrnehmung),
– quietschgrün (Paarung Sound und visuelle Wahrnehmung),
– stinksauer (Paarung Geruch und Geschmack).
Man kann diese jedermann geläufigen Redewendungen m. E. durchaus als Indiz dafür verstehen, dass die Synästhesie schon einmal häufiger, wenn nicht sogar Allgemeingut, gewesen ist.

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Was ist dir über die neurologischen Grundlagen der Synästhesie bekannt?

Da streiten sich die Gelehrten und nichts Genaues weiß man nicht. Als unstrittig gilt inzwischen, dass die Synästhesie mit einem qualitativ anderen Gehirnaufbau (in Bezug auf die Vernetzung) einher geht. Das ist eigentlich auch nur logisch, denn die mit Synästhesie assoziierten Gensequenzen sind überwiegend für die Entwicklung von Nervenzellen und deren Verschaltung untereinander zuständig. Prof. Jäncke von der ETH Zürich hat die stärkere Vernetzung per DTI-Verfahren bildlich nachgewiesen. Nun ist DTI aber eine Jäncke-Eigenentwicklung und somit sind dessen Belege kaum verifizierbar. Einige Forscher gehen von direkten, zusätzlichen Verbindungen zwischen den ansonsten modularisierten Hirnarealen aus. Andere machen eine veränderte Hirnchemie für die Synästhesie verantwortlich (Grossenbacher, Eagleman und Ramachandran vermuteten, dass die Modularisierung der Sinne enzymatisch gesteuert wird und dass bei Synnies die betreffende Enzymproduktion genetisch bedingt gehemmt ist, so dass die Quervernetzungen aus dem Säuglingsalter bestehen bleiben) und wieder andere wie der verstorbene Prof. Dr. Dr. Emrich gingen davon aus, das Synästhesie auf über das Limbische System laufende Querverbindungen zwischen ansonsten nicht verbundenen Hirnarealen beruht. Was davon zutrifft bzw. zutreffen könnte ist unklar und Gegenstand der Forschung.

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Tritt Synästhesie eigentlich zusammen mit anderen Faktoren oder Eigenschaften auf?

Ich habe von Studien gehört, die das belegen sollen. Ich habe genauso von Studien gehört, nach denen das nicht der Fall ist. Lassen wir das mal beiseite und ich betrachte nur meine ureigenen Erfahrungen mit den schätzungsweise zweihundert Synnies, die ich im Laufe der Jahre bei den Treffen und Forschungen kennengelernt habe. Dann muss ich ganz klar sagen: Ja, zwar nicht immer, aber doch deutlich überdurchschnittlich häufig kommen Synästhesie und andere Faktoren bzw. Eigenschaften zusammen. Zu nennen wären in diesem Kontext an erster Stelle die Migräne, dann Hochbegabung (HB), Hochsensibilität (HSP), Asperger-Autismus, Linkshändigkeit, Wahrträume und nicht zuletzt ASW-Erlebnisse. Die Letzteren haben sogar schon Eingang in die psychologische Fachliteratur gefunden. Ich werde niemals den Fall der synästhetisch begabten Altenpflegerin vergessen, die ihre Kündigung erhielt, weil sie den Tod mancher Patienten voraussehen konnte und unvorsichtigerweise darüber sprach. Selbstverständlich wird sich kein ernstzunehmender Wissenschaftler mit ASW bzw. ESP befassen, denn dann müsste er um seine Reputation fürchten. Deswegen tut man diesbezüglich das, was immer getan wird, wenn etwas nicht ins Bild passt: Ignorieren, nicht darüber reden und so tun als gäbe es das nicht. Aber die Untersuchung derartiger Faktoren läuft bestenfalls mal am Rande unter „ferner liefen“ mit ab. Ich kann mich an eine fMRI-Studie erinnern, als mir in der Pause zwischen den Kernspin-Sessions ein Intelligenztest vorgelegt wurde. Den füllte ich zwischen Tür und Angel auf die Schnelle aus, gab ihn mit den Worten „Ich weiß, dass da zwei Fehler drin sind, habe aber kein‘ Bock zur Korrektur und gehe erstmal eine rauchen“ zurück. Der Test belegte – trotz der zwei Fehler – HB … Eine einzige Sache gilt inzwischen allerdings als definitiv widerlegt: Früher ging man davon aus, dass bei den Synästheten ein Verhältnis Männer zu Frauen von 1 zu 7 vorherrscht. Mittlerweile weiß man, dass die Synästhesie geschlechterunabhängig gleich häufig auftritt.

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Entwickeln sich neue synästhetische Wahrnehmungen beim Erlernen einer neuen Tätigkeit (Instrument, Sprache mit unbekannten Buchstaben) und erleichtern dir diese Wahrnehmungen das Lernen?

Synästhetische Wahrnehmungen entwickeln sich nicht. Sie da oder nicht. Bestenfalls kann man lernen bzw. trainieren, gezielter auf die ohnehin schon vorhandene Wahrnehmung zu achten. Vielleicht verändern sie sich manchmal im Verlauf des Lebens. Aber klar, natürlich erleichtern diese Wahrnehmungen das Lernen. Sie sind absolut unverzichtbar! Oder kann sich jemand ein Lernen ohne Augen oder Ohren irgendwie real vorstellen? Schwierig wird es allerdings immer dann, wenn Synästhesie und Bedeutung nicht zusammenpassen. Wenn also ein Klavierakkord vom Aussehen her einer Art von Kristall ähnelt, seine Notation aber nur aus schwarzen Klecksen auf weißem Papier besteht, deren synästhetisch wahrgenommene Töne einen gänzlich anderen Klang haben. Das ist eine Variante des so genannten „Falschfarbenproblems“, welches den Synästheten dazu zwingt, zwanzigmal um verschiedene Ecken denken zu müssen und was ihn zwangsläufig ausbremst.


„Stimmenfingerabdruck“ des Sängers Johnny Cash in meiner synästhetischen Wahrnehmung.

Was versteht man unter dem Falschfarbenproblem, wenn du also ein Zeichen in einer „falschen“ Farbe siehst oder wenn jemand behauptet das „A“ sei grün oder braun?

Problematisch. So etwas zwingt mich zum Umdenken um zwanzig Ecken, erfordert sehr viel Konzentration, macht langsam und ist ermüdend. Das Falschfarbenproblem besagt, dass etwas visuell Wahrgenommenes der synästhetischen Wahrnehmung komplett zuwider läuft. Man hat es dann also zunächst einmal mit zwei an sich völlig gleichberechtigten Wahrnehmungen zu tun, doch der gesellschaftliche Konsenz verlangt, dass nur eine davon korrekt sein kann. D. h. man muss quasi sortieren, was woher kommt, was gesellschaftlich anerkannt ist und per Bewertungsleistung eine Entscheidung fällen. Das nervt mitunter ungemein! Um einem Nichtsynästheten eine Vorstellung davon zu geben, wie irritierend so etwas sein kann, stelle man sich einfach eine Verkehrsampel vor. Aber eine, die verkehrt herum aufgehängt wurde – die grüne Lampe ist jetzt oben und die rote Lampe ist unten. Es gilt zwar weiterhin „bei Rot nicht über die Kreuzung“, aber wenn die untere Lampe aufleuchtet, da, wo man eigentlich grün erwartet, und wenn man man dann falsch reagiert … – BUMM! Situationen dieser und ähnlicher Art bleibe ich so gut es eben geht lieber fern.

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Glaubst du, dass deine synästhetische Wahrnehmung durch Klang, Zeichen oder Bedeutung bedingt wird?

Nein, denn der Reiz selbst macht es doch nicht aus! Der Reiz selbst sind physikalische Faktoren, sind Druckwellen oder elektromagnetische Wellen. Es ist eine Frage der Verarbeitung durch das Gehirn. Würde die synästhetische Wahrnehmung durch Bedeutung o. ä. bedingt werden, dann handelte es sich ja um Assoziationen und bspw. bei den Farben und Formen des Coloured Hearings um Halluzinationen. Das fMRI sagt aber ganz was anderes. Lt. Theorie von Dr. David Eagleman (University of Texas) u. a. kommt es beim Kleinkind zur Freisetzung eines oder mehrerer Enzyme, die die „Querverbindungen“ zwischen den Sinnen abbauen. Derartige enzymatische Einflüsse sind nicht gerade selten; man denke nur einmal an die unterschiedlichen Mengen von Alkoholdehydrogenase in den Körpern der Menschen bei westlichen und östlichen Kulturkreisen. Bei Synnies ist das Exprimieren des Enzyms vielleicht genetisch bedingt gehemmt, so dass dieses „Kindheitsüberbleibsel“ als vollständiger Sinneskanal erhalten bleibt – eben auch nebst der stärkeren Quervernetzung, die als Folge oftmals die Hochbegabung (HB) mit sich bringt.

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Verändert sich deine synästhetische Wahrnehmung unter dem Einfluss von Alkohol, Koffein oder Drogen?

Das kommt auf die Droge und auf deren Dosierung an. Koffein mindert die Synästhesie. Alkohol verstärkt sie. THC (Haschisch) in geringen Dosen verstärkt sehr stark, ebenso Cumarinderivate. Opiate und THC in hoher Dosierung verfälschen total. Lysergsäure- bzw. Ergotaminderivate verstärken und machen hochgradig kreativ. Dann gibt es da noch einige Medikamente, welche die Synästhesie enorm verstärken können. Das kann bis hin zum massiven Stören gehen, so weit, dass die synästhetische Wahrnehmung die optische Wahrnehmung in extrem störender Form überlagert. Oder, anders ausgedrückt: Ich bin in dem Moment praktisch blind und orientiere mich nur noch rein synästhetisch. Hat was von ’nem Trip und ist wirklich nicht ganz einfach. Deswegen mache ich um solche Sachen i. d. R. auch einen großen Bogen. Es handelt sich dabei zumeist um pflanzliche (rezeptfreie) Erkältungsmedikamente – solche, die bspw. Cumarine enthalten (Wilder Indigo, Waldmeister, Kleines Habichtskraut, Königskerze …).

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Kannst du deine Synästhesie steuern und ist sie für dich eine Erweiterung des Bewusstseins?

Eine Erweiterung des Bewusstseins ist die Synästhesie ganz sicher nicht! Synästhesie ist ein weiterer, gleichberechtigter Wahrnehmungskanal, genauso wie Sehen, Riechen, Hören, Fühlen und Schmecken welche sind. Nur ist dieser Wahrnehmungskanal eben dadurch, dass er von vornherein komplett integriert ist, auch absolut unverzichtbar. Sollte ein Synästhet darauf verzichten, dann wäre das gleichbedeutend mit dem Verzicht eines Nichtsynnies auf Augen oder Ohren. Steuern lässt die Synästhesie sich im Grunde genommen nicht, bestenfalls mal verstärken oder abschwächen oder ein- bzw. ausblenden. Ist schwer zu erklären. Ich versuch’s trotzdem mal. Ob ich das verständlich machen kann, weiß ich allerdings nicht.

Synästhesie ist keine Konstante. Genauso, wie man manchmal schlechter hört, weil man Druck auf den Ohren hat, oder schlechter sieht, weil die Augen angegriffen sind, variiert die synästhetische Wahrnehmung auch mit der Tagesform. Es gibt Tage, an denen ich daneben bin und nichts auf die Reihe kriege und dann ist Syn auch nur schwach wahrnehmbar. Aber was ist da Ursache und was Wirkung? Es ist nicht auseinander zu halten. Zumeist aber tritt die Synästhesie innerhalb eines eher gleichbleibenden Levels auf. Dann ist sie eben eine ganz normale Wahrnehmung. Und genauso, wie sich jemand auf’s Hören oder auf’s Sehen konzentrieren kann, kann ich mich natürlich auch auf die Synästhesie oder auf die anderen Wahrnehmungskanäle konzentrieren. Manchmal (wenn bspw. ein bestimmtes Auto gesucht wird, aber nicht zu sehen ist und alle Motoren rein akustisch ziemlich gleich klingen) ist das von Vorteil (ich kann das Auto dann anhand der Synästhesie identifizieren). Dann gibt es noch einige Medikamente, die Synn enorm verstärken können. Das kann bis hin zum Stören gehen, soweit, dass die synästhetische Wahrnehmung die optische Wahrnehmung in extrem störender Form überlagert. Man stelle sich eine Fliege auf der Fensterscheibe vor: Wenn ich den Blick auf die Fliege fokussiere, dann ist die scharf und alles dahinter unscharf. Wenn ich den Blick dagegen auf die Ferne fokussiere, dann ist die scharf und die Fliege unscharf. Mit der Synästhesie verhält es sich so ähnlich.

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Wie geht deine Umwelt mit Ihrem Phänomen um bzw. gab es irgendwelche speziellen Reaktionen?

Ja, die gab es durchaus. Die reichten von „Boa ey, wie geil ist das denn …“ bis hin zu „sowas gehört in die Klapse“. Wie reagiert wird hängt vom sozialen Umfeld und von der Intelligenz der Reagierenden ab. Menschen mit viel Ego und zum Ausgleich wenig Grips (m. E. leider die Mehrheit) beharren dabei auf dem uralten, widerlegten Nazi-Vorurteil. Deswegen waren auch – weil für mental limitierte Presonen nicht sein kann was nicht sein darf – ablehnende Reaktion deutlich in der Mehrzahl. Einige Beispiele:
– „Wenn schon bekloppt, dann wenigstens synästhetisch bekloppt, damit man sogar unter den Bekloppten noch was Besonderes ist.“ (Ein Betriebsarzt)
– „Das ist so grausam bescheuert, dass es verboten werden müsste. Anzeigen sollte man sowas!“ (Aus einer E-Mail)
– „Das ist doch krank. Die Hirnpartien für sowas müsste man wegschneiden. Das sollte vom Gesetz vorgeschrieben werden!“ (Ein Vorgesetzter)
– „Früher hätte man solche Spinner ins Arbeitslager gesteckt, damit sie auf andere Gedanken gekommen und wieder normal geworden wären!“ (Ein bestens informierter BLÖD-Leser)
– „Wer so behämmert ist, der ist sicher auch gemeingefährlich; sowas gehört weggeschlossen und zwar dauerhaft!“ (Ein Kirchenvorstand)
– „Welche Sinne der Mensch hat, bestimme ich und vielleicht noch das Kultusministerium!“ (Reaktion einer gymnasialen Biologielehrkraft auf das Infoangebot)
– „Für einen Vortrag zum Thema Synästhesie besteht kein Bedarf, weil wir uns nicht mit esoterischen Themen befassen.“ (Antwort einer VHS auf das Angebot eines Synästhesievortrages)
Jede dieser Reaktionen ist authentisch. Diese Reaktionen sind vielleicht nicht repräsentativ (denn es gibt vereinzelt auch andere) aber doch typisch und deutlich in der Überzahl. Wen wundert es da noch, dass Synnies sich versteckt halten (müssen)?!? Ernsthaft an der Thematik interessiert zeigen sich eigentlich nur gebildetere und für Neues offene Menschen.


Der Schmerz eines Muskelkrampfs in meiner synästhetischen Wahrnehmung.

Nutzt du deine Fähigkeit bzw. hatte die Einfluss auf deine Berufswahl?

Synästhesie kommt nach meiner Erfahrung sehr häufig im Bundle mit Hochbegabung (HB) und besonderer Sensibilität (HSP) vor. Das ist verhaltensbestimmend. Synästheten sind im allgemeinen Einzelgänger, weil sie dann nicht dem auf sie einströmenden Gefühlschaos vieler anderer ausgesetzt sind (angeblich soll dabei ein „Mehr“ an Spiegelneuronen beteiligt sein). Und sie bevorzugen HB-typisch komplexe Problemstellungen, also etwas, bei dem Nachdenken gefordert ist. Hinzu kommt noch, dass gerade synästhetisch „gesehene“ Querverbindungen zu neuartigen Assoziationen führen – zu etwas, woran andere noch nicht gedacht haben. Das nennt man dann Kreativität. All das fällt bei der Berufswahl ins Gewicht. Für mich bedeutete es, zuerst einmal einen Chemieabschluss zu machen (Chemotechniker) und zu versuchen, in die Forschung zu kommen – was auch klappte. Die nachfolgenden fünf Berufe erlernte ich im Laufe der Jahre berufsbegleitend nach Feierabend bzw. an den Wochenenden – aus Neugier und Wissensdurst heraus. Routine ist tödlich. Die stumpft ab. Sachen, die Kreativität verlangen, mache ich hingegen gerne. Dabei ist der Weg wichtiger als das Ziel. Wenn was funktioniert, ist’s für mich uninteressant geworden.

Heute bin ich in einem Minijob tätig, da ich als überqualifiziert und zu alt gelte und vielen Vorgesetzten etwas vormachen konnte. So etwas ist gefährlich und bestätigt nur die alte Volksweisheit, dass drittklassige Vorgesetzte nur fünftklassige Untergebene einstellen, um ihre eigene Position zu sichern. Insofern hat die Synästhesie nicht nur meine Berufswahl, sondern indirekt auch meine soziale Position mitbestimmt. Nützlich ist die Synästhesie im Beruf nur dann, wenn ein gutes Vertrauensverhältnis zur vorgesetzten Stelle besteht. Das gab’s natürlich auch schon. So sagte einmal ein Vorgesetzter zu mir: „Ich habe zwar keine Ahnung, was du da machst, aber ich weiß ja, dass was Vernünftiges dabei rauskommt – also mach‘ ruhig weiter!“ Das Problem bei der Nutzung der Synästhesie im beruflichen Umfeld liegt wieder darin, dass man eine solche Wahrnehmung den Nichtsynästheten kaum verständlich machen kann. Simples Beispiel dazu: Wer kann sich schon die Geruchswelt vorstellen, in der ein Hund lebt?

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Kannst du dir bestimmte Dinge aufgrund der synästhetischen Wahrnehmung besser merken?

Manchmal schon, aber da muss ich differenzieren, und zwar wieder zwischen vor und nach der Pubertät. Vor der Pubertät habe ich mit den Farben – weil die ja unveränderlich bestimmte Ziffern repräsentierten – wirklich gerechnet. D. h. mein Stifte-Etui in der Schule war zum absoluten Unverständnis aller anderen über und über mit Farben verziert worden. Das es sich dabei um Mogelzettel in synästhetischer Notation handelte wusste außer mir ja keiner. Nach der Pubertät: Das Coloured Hearing ist durchaus von Nutzen. Ich kann mir bspw. keinerlei Gesichter merken, aber Stimmen sind wie Fingerabdrücke. D. h. ich erkenne eine Person am synästhetischen Aussehen ihrer Stimme sofort wieder. Auch dann, wenn sie sich optisch komplett verändert hat. Das ist schon mehrfach vorgekommen. Und Musik hilft beim Lernen – aber ob das nun unbedingt mit der Synästhesie zusammen hängt, vermag ich nicht zu sagen. Bestimmte Geräusche bzw. ihr Aussehen rufen Erinnerungen bis hinein in das allerkleinste Detail (d. h. z. B. inklusive damaliger Gerüche) als absolut lebendige Szene ins Gedächtnis zurück. Solches Erinnerungsvermögen (ist bei mir aber nicht der Standard) verblüfft meine Mitmenschen. Aber Eidetiker (auch davon gibt’s m. E. unter den Synästheten überdurchschnittlich viele) sind mir diesbezüglich natürlich haushoch überlegen.

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Wie kreativ schätzt du dich im Vergleich zu Nichtsynästhetikern ein?

Na ja, auf jeden Fall wohl offensichtlich etwas kreativer. Ich habe unzählige Messverfahren und zig chemische Produkte entwickelt, reichlich Software (auch kommerziell) programmiert und galt mal als einer der „Väter der Chemometrik“. Kommen noch zahlreiche wissenschaftliche Papers sowie meine bescheidenen Arbeiten als Buchautor hinzu. Ich gehe etlichen Hobbys nach, wobei mir die Fotografie (inklusive der 3D-Fotografie) Gelegenheit gibt, meine künstlerische Ausdrucksfähigkeit zu schulen und zu verbessern. Hinzu kommen noch manchmal Soundexperimente und solche Sachen. Das kann auf meinem Youtube-Kanal vielleicht etwas nachvollzogen werden. Beim Heimwerken und Reparieren gelte ich als „Improvisationskönig“, weil ich das immer auf ein Maximum an Lebensdauer anlege. Solche Sachen haben sogar bei unserem Bau vor rund fünfundzwanzig Jahren gestandene Handwerksmeister verblüfft, die immer noch darüber den Kopf schütteln, dass das hält: Geht nicht gibt’s nicht! Kreativer als Nichtsynästheten? Muss wohl so sein …

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Hat man bei dir wegen der Synästhesie neurologische Untersuchungen durchgeführt?

Ja, oder zumindest war ich doch Versuchsperson bei mehreren Synästhesieuntersuchungen. Das umfasste u. a.
– fMRI zum zweifelsfreien Nachweis des Coloured Hearings,
– eine Pilotstudie zur sexuellen Synästhesie,
– zig Testverfahren nach dem Schema der „Synesthesia Battery“ zur Ermittlung meiner verschiedenen Synästhesieformen,
– EEG- und fMRI-Untersuchungen zur Ermittlung der Reizverarbeitung im Gehirn,
– fMRI-Untersuchungen zur Gedächtnisfunktionen,
– Untersuchungen zur Wahrtraum-Wahrnehmung,
– ASW-Tests
– und unabhängig von der Synästhesie bin ich zigmal hinsichtlich der Migräne neurologisch untersucht worden (grob geschätzt sind gut zwei Drittel der Synästheten auch Migräniker).
Das ist mal so ein kleiner Querschnitt ohne Anspruch auf Vollständigkeit. Immer dann, wenn die Chance besteht, Rückmeldungen aus solchen Untersuchungen bzw. Studien zu erhalten und somit etwas mehr über mich selbst zu erfahren (und wenn es mich nichts kostet) habe ich mich dafür zur Verfügung gestellt. Abgelehnt habe ich bisher nur zweimal weil es mir zu riskant erschien.


Brandungsrauschen in meiner synästhetischen Wahrnehmung.

Wenn du an einem Ort mit vielen Menschen bist, wie empfindest du das Stimmengewirr und was siehst du?

PANIK! Bloß weg! Das überfordert mich und ich bekomme die einzelnen Wahrnehmungen nicht mehr hinreichend differenziert. Dann verwischt sich alles; die Farben werden zu dem, was entsteht, wenn ein Kleinkind nach Herzenslust im Tuschkasten rumgematscht hat. Bezogen auf ganz konkrete Alltagssituationen: Beispiel Schwimmen – alleine im offenen Meer ja, aber nicht im Trubel eines Freibades. D. h. ich nehme lieber Haie und Quallen in Kauf als das Geschnattere zahlloser Menschen. Beim Einkaufen gehe ich mit Einkaufsliste widerwillig in den Laden, arbeite den Zettel so schnell es geht ab und kann es gar nicht erwarten, wieder draußen zu sein. Party, Shopping-Marathon u. ä. Events sind nichts für mich. Anders hingegen bei Konzerten: Da dominiert die Musik und das ermöglicht wieder differenzierte Wahrnehmungen. Der Sound bei einem Heavy Metal Konzert ist in ungefähr anderthalb Metern Entfernung vom Lautsprecherturm am ausgewogensten. Es lebe Wacken!

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Welche Musik hörst Du gerne?

Es gibt Künstler, die ich bevorzuge: Mike Oldfield, Jean Michel Jarre, Runrig, Molly Hatchet, Deep Purple, Black Tartan Clan, Doro, Grave Digger, The Road Hammers u. a. Aber ich bin nicht darauf festgelegt und mein Spektrum an musikalischen Interessen beginnt bei Klassik und reicht über Electronic, Heavy Metal und Folk bis hin zur Weltmusik. Ich beurteile Musik primär nach dem synästhetischen Aussehen, sekundär nach dem Text und erst zuletzt nach der Rhythmik. Mainstream fällt meist durch dieses Raster und meine Bekannten bezeichnen daher meinen individuellen Musikgeschmack als „furchtbar“. Na und?!?

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Nimmst du wahr, wenn Menschen unehrlich zu Dir sind?

Ja, in den allermeisten Fällen. Aufgesetzte Freundlichkeit durchschaue ich recht schnell und betrachte die betreffende Person dann als falsch, Blender, unehrlich usw. Lügen erkenne ich i. d. R. umgehend – mag sein, dass hier winzige Veränderungen in der Stimmlage, in der Körpersprache etc. eine Rolle spielen. Bei Preisverhandlungen weiß ich ganz genau wann der Verhandlungspartner sein Limit erreicht hat. Ich bezweifle allerdings ganz stark, dass das nmittelbar etwas mit der Synästhesie zu tun hat und schiebe es mehr der HSP-Schiene zu.

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Ist die Synästhesie eine Art der Orientierung für dich?

Sie war in kritischen Phasen schon häufiger eine Art von „Anker“, der mich vor dem Zerbrechen bewahrt hat. Daneben verfüge ich über einen recht guten Orientierungssinn – bislang habe ich auch nachts im unbekannten Wald, im Watt 20km vor der Küste, in der Wüste oder unter Tage immer meinen richtigen Weg gefunden. Aber ob das unmittelbar mit der Synästhesie in Verbindung zu bringen ist, kann ich nicht sagen. Mittelbar hingegen sicherlich. Unter großer psychischer Anspannung klammere ich mich an die Synästhesie – das ist meine ureigene Wahrnehmung. Und dann „höre“ ich nur auf den Bauch und gehe den Weg, den ich selbst für richtig halte. Das entspannt dann wieder. Leichter wird das Leben dadurch allerdings nicht. Eher im Gegenteil, denn wer gegen den Strom schwimmt eckt an …

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So, das war’s jetzt mit dem Thema „Über Synästhesie“. Das waren auch im großen und ganzen die Fragen, die mir dazu immer wieder untergekommen sind – sei es im Interview, für die Matura-Arbeit oder für die eine oder andere Diplom- bzw. Masterarbeit, wobei die Spanne dabei bisher von der Psychologie über die Kunst bis hin zur Architektur gereicht hat. Synästhesie ist bunt und sie ist Leben! Sie bewirkt aber auch eine vielleicht etwas andere Denkweise, doch lt. der Spieltheorie aus der Mathematik wirkt so etwas ja stabilisierend auf eine Gesellschaft. Und noch einmal zur Erinnerung: Synästhesie ist so natürlich und urnormal wie rote Haare und grüne Augen – bloß seltener …


Aussehen einer komplexen, mathematischen Formel in meiner synästhetischen Wahrnehmung.