Sonntag! Vormittags nahm ich mir die Zeit, um all das parat zu legen, was ich morgen Vormittag für meine Termine brauche. D. h. eigentlich waren das ja alles schon Freitagstermine, aber die habe ich verschieben müssen, weil ich auf der Arbeit eingesprungen bin – trotz eigentlichem Urlaubstag. Egal, man will die Kollegen ja nicht hängen lassen. Ich bin heute mit dem Vorbereiten von dem ganzen Schreibkram also gerade auf Reihe, als meine Frau ankommt: „In Springe ist heute nachmittag Herbstmarkt! Fahren wir dahin?“ Darauf ich: „Ungern!“ Denn Sonntags fahre ich nicht gerne. Da sind all die Leute unterwegs, die ihre überteuerte, chromglänzende Rostlaube die ganze Woche über mit dem Q-Tip poliert haben und die sich dann am Wochenende fragen, wozu doch gleich diese drei merkwürdigen Pedale im Fußraum da waren und was man mit dem runden Ding vor dem Armaturenbrett wohl anstellt.

Na ja, jedenfalls habe ich mich überreden lassen. Und bin – weil es mit der Ortskenntnis meiner besseren Hälfte nicht wirklich weit her ist – auch selbst gefahren. Die ersten hundert Meter waren völlig OK. Dann kam die Kreuzung und ich komme von rechts. Mache ’ne Vollbremsung, weil Omma von links kommend auf dem Gas steht: Ach ja, stimmt ja – Sonntag … Da gilt bekanntlich links vor rechts! Ich bin noch nicht ganz aus dem Ort raus, da fällt mir schon auf, dass dieser kleine, versteckte Hebel links vom Lenkrad – ja, genau der, der draußen so gelbe Lämpchen als Fahrtrichtungsanzeiger aufleuchten lässt! – bei den meisten Autos offensichtlich zur Sonderausstattung gehören muss. Und diejenigen, die ihn entdeckt haben und damit rumspielen wissen nichts mit anzufangen: Blinken rechts und Abbiegen links! Na ja, es ist eben Sonntag.

Rauf auf die Bundesstraße. Jetzt kann ich hundert fahren. Denkste! Jede Menge entgegen kommendes, buntes Blech und Plastik und vor mir so ein Ausflügler mit sagenhaftem Tempo fünfzig. Neuwagen. Vermutlich auf Pump finanziert und deswegen darf der noch nicht alle Gänge benutzen. Manche Menschen werden nicht geblitzt; die werden gemalt! Hach, ist das Feld schön grün! Alle Köppe nach links. Hach, ist das andere Feld schön braun! Alle Köppe nach rechts! Hach, der kommt an mir nicht vorbei! Alle Köppe nach hinten! Da vorne kommt jetzt die Ampel. Ist grün und springt auf gelb. Mein Vordermann geht voll auf’s Gas! Vergiss es, du Trottel, das schaffst du nicht mal mit ’nem Tesla-Roadster! Sieht er schließlich auch ein, nämlich unmittelbar vor der Ampel und legt eine Vollbremsung mit blockierenden Rädern hin. Sieht echt total dekorativ aus, diese schwarzen Gummispuren auf der Straße!

Nach Rot kommt Gelb und dann Grün. Mein Vordermann bleibt stehen, hat so einen berauschenden Farbwechsel wohl noch nie in seinem Leben erlebt und ist voll von Bewunderung! „MÖÖÖÖÖHHH!!!“ macht meine Hupe. Huch, jetzt habe ich ihn erschreckt: Sein Auto macht einen Satz nach vorne und er hat den Motor abgewürgt! Er steht jetzt, wo die Ampel bereits wieder auf Rot gesprungen ist, als rollendes Verkehrshindernis mitten auf der Kreuzung. Manchmal wünsche ich mir einen Schneepflug vorne dran … Die Ampel wird wieder grün und ich will gerade weiterfahren, als ich feststelle, dass mein Lenkrad kaputt ist. Hab‘ reingebissen. Bin eben auch nur ein Mensch, Mensch!

Weiter in Richtung Springe. Pass‘ doch auf, du Spast da vorne, da ist ein Radfahrer! Zu dem hält man beim Überholen Abstand und drängt ihn nicht von der Straße! Und lass‘ gefälligst den Biker durch – der ist mit seinem heißen Ofen sowieso schneller als du mit deiner Nuckelpinne! So langsam leide ich unter genau dem Stress, der mir beim beruflichen Fahren unter der Woche erspart bleibt. Weil dann nämlich überwiegend diejenigen unterwegs sind, die auch fahren können. Die Bezeichnungen, mit denen ich meine Mitverkehrsteilnehmer belege, sind nicht öffentlichkeitstauglich. Außerdem kreisen meine Gedanken ständig um Maschinengewehre, Strahlenkanonen und Lenkraketen. Und immer wieder trifft man dazwischen auf die Spezialisten, die beim Fahren mit ihren Smartphones rumdaddeln, weil sie ohne den Gehirnverstärker nicht mehr lebensfähig sind. Hey – wenn ihr so dringend ’ne kommunikative Notdurftecke braucht, dann fahrt doch bitte rechts ran, OK?

Ich fahre an zig SUVs vorbei, die kurzerhand die Radwege zugeparkt haben. Endlich, kurz vor Springe, die Einmündung der L421 auf die B217. Schon von weitem sehe ich das Fehrzeugknäuel vor der Ampel und hektischen Richtungswechsel. Aha, Chaoten am Werk! Mal lieber Abstand halten. Wahrscheinlich haben sich bloß viele in die Abfahrt zur Siedlung Dahle eingeordnet, obwohl sie auf die Bundesstraße wollten. Genau so war’s dann auch: Mindestens jeder Zweite hatte sich links eingeordnet und zog dann unter lautem Hupen rücksichtslos rechts rüber. Äh, hallo – schon mal was von vorausschauendem Fahren gehört? Schonmal versucht ohne orientierungslos gewordenes Navi zurecht zu kommen?

Dann endlich in Springe und der Horror der Parkplatzsuche. Da vorne, das könnte vielleicht … – nee, doch nich‘. Omma, irgendwas zwischen 80 und scheintot, kann zwar kaum noch laufen, aber zum Fahren reicht’s allemal. Sie hat mit ihrem mit nur einer einzigen Person besetztem Hausfrauenpanzer gleich drei PKW-Parkplätze in Beschlag genommen. Also weitersuchen. Schließlich habe ich Glück und vor mir fährt einer raus. Rein in die Parklücke und nach mir die Sintflut! Bilde ich mir das eigentlich alles nur ein oder ist das am Wochenende wirklich so abartig schlimm – mit all den Sonntagsfahrern?!? Übrigens: Manche Sonntagsfahrer fahren auch schon samstags. Es wird immer dreister … Man weiß ja, dass sie Idioten sind. Trotzdem putzig, wie sie sich immer wieder bemühen, das andauernd auf’s Neue zu beweisen!