Da ist man nichts Böses ahnend mit dem Auto unterwegs und plötzlich berichtet der Sender im Radio über einen neuen Vorstoß in Richtung auf die „Rente mit 69+“ – was nichts anderes als die Rente mit 70 bedeutet. Im Kommentar zu der Meldung wird das befürwortet und auch andere Medien sind voll des Lobes über diesen vermeintlich „volkswirtschaftlich überaus sinnvollen Vorschlag“. Der Vorschlag kommt in diesem Fall allerdings nicht von der ReGIERung, sondern von den Bundesbankstern. Nicht, dass das eine gesetzgebende Institution wäre – jedenfalls nicht offiziell, aber wir leben ja im Neoliberalismus und da gilt „wer das Geld hat macht die Regeln“ – und folglich hat deren Meinung auch Gewicht. Rente mit 70, was bedeutet das?

Du wirst geboren. Du absolvierst die Schule und anschließend machst du eine Ausbildung. Mit sehr viel Glück findest du auch einen Job. Jetzt bist du etwas über 20 Jahre alt. Alles steht dir offen! Karrieregeil bist du dir für nichts zu schade, ganz egal ob bei Wind und Wetter mit Messgeräten behängt am höchsten Fabrikschornstein hoch oder angetan mit Rüsseltüte in die dunkelsten, gasverseuchtesten Schächte runter. Du machst deinen Job und du bist gut darin! Was soll dir schon passieren? Vielleicht hörst du sogar auf die (selbsternannten) Experten, die dir eine ständige Qualifizierung nahelegen und lernst noch weitere Berufe dazu – denn schaden kann das bestimmt nicht! Sicher? Irgendwann hast du die 40 überschritten. Schlechtes Alter. Da machen sich die vergangenen Jahre schon bemerkbar. Im Rücken, in den Knien usw. Oder, anders ausgedrückt: Deine Gesundheit ist nicht mehr die von vor zwanzig Jahren.

Im Alter von eben diesen 40 Jahren triffst du auf irgendeinen neureichen Schnösel, der nicht den Eindruck erweckt, als ob schon jemals in seinem Leben körperlich gearbeitet hätte und besagter Schnösel pampt dich mit folgenden Worten an: „Mensch, sie sehen ja aus wie 60! Wohl zuviel rumgesumpft in der Jugend?!?“ „Nein du Arsch“, denkst du zwar, sagst es aber nicht, denn das Arschloch kann sich mit Sicherheit die besseren Anwälte erlauben. Zeitgleich fällt es dir schwer, deine Faust zu beruhigen, die ihm zentriert ins Antlitz fahren möchte. Er sitzt am längeren Hebel: Wer das Geld hat macht die Regeln! Jünger wird keiner und irgendwann bist du 45 oder 46.

Erfahrene, qualifizierte Fachkraft hin oder her – jetzt taucht ein anderer gutsituierter Schnösel, der Arbeit und körperlichen Einsatz bestenfalls vom Hörensagen kennt, in (ab)gehobener Position auf. Erfahrung und Qualifikation zählen für den nicht und deswegen beschließt er, „den Personalbestand zu verjüngen“. Er bedient sich dazu der Methoden des „kreativen Personalmanagements“ und hat extra dafür einen zwar schweineteuren, aber steuerlich absetzbaren Kursus gemacht (für den u. a. du selbst die Steuern bezahlt hast). Jüngere Leute sind nämlich billiger. Von denen kann man sich auch viel leichter trennen. Die kann man auch zu deutlich schlechteren Konditionen einstellen.

Was nichts anderes bedeutet, als dass alle diejenigen, welche älter als 40 sind, ohne Rücksicht auf Verluste gnadenlos rausgemobbt werden. Ein halbes Jahr später schreit der verantwortliche Schnösel dann zwar lautstark nach den so genannten „fehlenden Fachkräften“ und bejammert einen vermeintlichen „Fachkräftemangel“, aber das betrifft dich dann ja nicht mehr. Denn du bist raus. Mit Ü40 findest du nämlich entgegen aller Qualifikationen keinen Job mehr. Die Bundesagentur für Arbeit guckt nur auf dein Alter und auf deine bisherigen beruflichen Leistungen, stuft das als „zu alt“ und „überqualifiziert“ ein und verpasst dir aufgrund dieser Einstufung den Stempel „unvermittelbar“. Im Klartext: Sieh‘ doch zu, wie du klar kommst!

Unweigerlich folgen binnen kurzer Frist Hartz-IV inklusive der Abqualizierungsrutsche, bei der dir alles aberkannt wird. Was dir bleibt ist der Versuch des Überlebens. Zur Erinnerung: Du bist jetzt irgendwo zwischen 45 und 50 Jahren alt. Bei einer Rente mit 70 musst du dich nun noch mindestens 20 Jahre lang irgendwie durchschlagen. Ein Minijob hier, einer da. Häufig bei Arbeitgebern, die „vergessen“, dich bei der Knappschaft anzumelden. Das sind dann fehlende Jahre bei der Rentenaufrechnung. Es sind Jahre, in denen du für ein paar lausige Kröten um dein Überleben kämpfen musst, oft und gerne auch zulasten deiner Gesundheit. Die durchschnittliche Lebenserwartung bei Männern in Deutschland beläuft sich auf 78,4 Jahre. Allerdings nicht in deiner sozialen Schicht. Da ist sie wesentlich geringer. Da liegt sie nur bei 70,1 Jahren. Und das bedeutet: „Hopp, hopp – vom Fließband direkt ab in die Kiste!“ Die Bestattungsindustrie – immerhin ein ernstzunehmender Wirtschaftszweig – will ja auch leben und die Wirtschaft dient uns doch schließlich allen, nicht wahr?

Bei dem, was die Bundesbankster da vorgeschlagen haben, muss ich ganz unwillkührlich an einen früheren deutschen Staat denken, in dem die „Vernichtung durch Arbeit“ praktiziert worden ist. Die traf unerwünschte Bevölkerungsgruppen, seinerzeit insbesondere die jüdischen Mitbürger. Heute würde sie die Habenichtse treffen. Darin sehe ich eigentlich den gravierendsten Unterschied. Aber sonst … – ich mein‘ ja nur! Und nur mal so als kleiner Einwurf bzw. zur Erinnerung: VOR den SPD-geführten Hartz-Reformen und den Minijobs gab es weder Altersarmut noch war die Rente unsicher. Woran das wohl liegen mag? Doch zurück zum Thema. Kommen wir mal auf den eingangs erwähnten und den die Rente mit 70 befürwortenden Kommentar zurück. In dem heißt es (Zitat): „Bereits jetzt pumpt die Bundesregierung pro Jahr rund 100 Milliarden Euro aus Steuergeldern zusätzlich in die Rentenkasse.“ Mag sein. Ich kann diese Zahl nicht kontrollieren. Ich kann sie weder bestätigen noch widerlegen. Nehmen wir die also einfach mal als gegeben hin. Bloß: Pumpt die ReGIERung da wirklich Geld rein oder handelt es sich nicht vielleicht doch nur um eine dringend notwendige Rückzahlung von in der Vergangenheit geklauten Rentenbeträgen? Davon spricht besagter Kommentar allerdings nicht. So etwas wird vornehm verschwiegen.

Doch es gab in dem Kommentar noch etwas, was mir gallebitter aufgestoßen ist – Zitat: „Für meine Generation ist die Rente mit 67 Jahren bereits beschlossen. Für die Generationen danach muss das Eintrittsalter schrittweise maßvoll angehoben werden. Andernfalls droht unser gesetzliches Rentensystem zu kollabieren.“ Äh… – nein! Der Sinn eines Rentensystems besteht doch darin, den Menschen einen lebenswerten Lebensabend zu gewähren. Was der Kommentator nun fordert ist allerdings genau die Umkehrung, nämlich den Menschen an das System anzupassen. D. h. das System wird über den Menschen gestellt. Kann das wirklich der Sinn der Übung sein?

Wenn also im neoliberalen System – in dem, wenn es nach den Bundesbankstern ginge, nur die Reichen bis zur Rente überleben sollen – das bisherige Rentensystem nicht mehr funktioniert, dann wäre es im Sinne aller Bevölkerungsschichten doch nur recht und billig, etwas am System zu verändern! Vorschläge dafür hat es in der Vergangenheit bereits gegeben. Allen diesen Vorschlägen ist gemeinsam, dass die künftigen Rentner gefälligst selbst für ihre Rente sorgen sollen (Stichwort Riester). Wer hat, dem fällt das nicht schwer. Wem es nicht schwer fällt, der ist aber auch oftmals gar nicht auf eine staatliche Rente angewiesen. Die anderen … – na ja, da gibt’s doch noch die Betriebsrenten. Bietet ja jedes Unternehmen ausnahmslos an – Ausnahmen bestätigen die Regel. Und Unternehmen bestehen ewig, bis zum Sankt-Nimmerleins-Tag. Hat man ja kürzlich erst wieder bei Thomas Cook gesehen. Dann verbleibt aber immer noch ein (verdammt großer) Bodensatz von Habenichtsen. Die sollen, wie eine gewisse A. Nahles von der SPD vor Jahren mal wunderschön verklausuliert ausführte, von dem Nichts, dass sie haben, ganz viel für’s Alter zurücklegen, getreu der mathematischen Beziehung „Minus mal Minus gleich Plus“.

Um den Rest des Beitrages jetzt kurz zu machen: Unser Rentensystem ist am Arsch. Sicher ist dabei nur die Armut. Bisherige „Verschlimmbesserungsmaßnahmen“ sind allesamt mit Elan in die Hose gegangen. Weil sie einzig dazu dienten, ein marodes System aufrecht zu erhalten. Der jetzige Vorschlag der Bundesbankster zielt in die gleiche Richtung und trägt ganz unverblümte Züge eines beabsichtigten Genozids an der Unterschicht, bei dem ausschließlich Wohlhabende überleben. Wenn man wirklich etwas verbessern wollte, dann müsste man das System umbauen. Dann müssten ausnahmslos ALLE daran beteiligt werden – gerade auch hinsichtlich der Einzahlungen. Das aber würde eine Umverteilung von oben nach unten in Gang setzen und die will im neoliberalen Raubtierkapitalismus doch wirklich keiner, nicht wahr? Man könnte auch mal einen Blick in Richtung Niederlande oder Österreich werfen und gucken, warum da die Rentensysteme funktionieren. Braucht man aber nicht, denn am deutschen Wesen soll die Welt genesen. Also liebe Leute: Wenn ihr bis zum Umfallen malochen wollt, dann müsst ihr nur die Politspacken, die das angerührt und verbrochen haben, genauso weitermachen lassen wir bisher. Ganz einfache Geschichte. Oder, um Albert Einstein zu zitieren: „Die Definition von Wahnsinn ist, immer wieder das Gleiche zu tun und andere Ergebnisse zu erwarten.“ 😦