Im Westdeutschland etwa der Jahre 1962 bis 1974 existierten gewaltige Standesunterschiede. Es gab Arbeiter, Angestellte, Beamte, Geschäftsleute und „Höhergestellte“. Jeder Stand blickte mehr oder weniger abfällig auf den Stand unter ihm herab und für Mitglieder eines niederen Standes gehörte es sich ganz und gar nicht, Kontakte zu einem höheren Stand zu pflegen. Ich habe diese Zeit noch aus erster Hand miterlebt. Beispiel gefällig? Ich war gerade von der Grundschule in Lutter am Barenberge auf’s Jacobsongymnasium in Seesen gewechselt, als sich ein so genannter (Deutsch-) „Pädagoge“ namens Dr. Brand vor der Klasse hinstellte und lauthals verkündete (Zitat): „Arbeiterkinder haben auf dem Gymnasium nichts zu suchen und ich werde dafür sorgen, dass das auch so bleibt!“ Nun … – ich entstammte der Arbeiterklasse. Und zwar deren Bodensatz! War nicht einfach damals …

Aus dieser Zeit stammt das den damaligen Zeitgeist sehr gut einfangende Lied, welches ich für heute rausgesucht habe. Genauer gesagt aus dem Jahr 1965. Ihr habt es vielleicht schon einmal gehört, denn es handelt sich um „Spiel nicht mit den Schmuddelkindern“ (hier in der Live-Aufnahme von 1978) von Franz Josef Degenhardt. Der Song war damals topaktuell. Dann änderte sich das gesellschaftliche Miteinander – nämlich zum Besseren hin. Doch es blieb leider nicht so. Spätestens seit Schröders vorsätzlicher Zerstörung eines funktionierenden Sozialstaates (SPD = Sozialstaat Partout Demontieren, später dann SPD = Sozialrassistisches Pack Deutschlands) wurden die althergebrachten, schlechten Verhältnisse wiederhergestellt, und zwar schlimmer denn je (Stichworte Umverteilung und H4). Deswegen ist das alte Lied heute auch wieder aktueller denn je.

Wäre vielleicht noch zu ergänzen, dass der Liedermacher sich sehr gut an die Realität gehalten hat, denn Kaninchenställe, Rattenteich, Oberstadt … – all das ist mir aus eigener Erfahrung immer noch sehr gut geläufig. Es beschreibt meine Kindheit. Wie dem auch sei: Das waren jetzt zehn „etwas andere Lieder“ – Lieder zum darüber nachdenken und Lieder, die den Zeitgeist einfangen – Lieder, die in Funk und Fernsehen gemieden werden, weil die herrschende Meinung immer die Meinung der Herrschenden ist. Damit beende ich diese kleine Serie vorerst. Sollte seitens der Leserschaft aber Interesse an weiteren Songs aus dieser Kategorie bestehen, dann teilt mir das mal unter Verwendung der Kommentarfunktion mit. Material gibt es nämlich noch reichlich!

Spiel nicht mit den Schmuddelkindern

Spiel nicht mit den Schmuddelkindern,
sing nicht ihre Lieder.
Geh doch in die Oberstadt,
machs wie deine Brüder!
So sprach die Mutter, sprach der Vater, lehrte der Pastor.
Er schlich aber immer wieder durch das Gartentor
und in die Kaninchenställe, wo sie Sechsundsechzig spielten
um Tabak und Rattenfelle –
Mädchen unter Röcke schielten –
wo auf alten Bretterkisten
Katzen in der Sonne dösten –
wo man, wenn der Regen rauschte,
Engelbert, dem Blöden, lauschte,
der auf einen Haarkamm biß,
Rattenfängerlieder blies.
Abends am Familientisch, nach dem Gebet zum Mahl,
hieß es dann: Schon wieder riechst du nach Kaninchenstall!
Spiel nicht mit den Schmuddelkindern,
sing nicht ihre Lieder.
Geh doch in die Oberstadt,
mach’s wie deine Brüder!
Sie trieben ihn in eine Schule in der Oberstadt,
kämmten ihm die Haare und die krause Sprache glatt.
Lernte Rumpf und Wörter beugen.
Und statt Rattenfängerweisen
mußte er das Largo geigen
und vor dürren Tantengreisen
unter roten Rattenwimpern
par cur Kinderszenen klimpern –
und, verklemmt in Viererreihen,
Knochen morsch und morscher schreien –
zwischen Fahnen aufgestellt
brüllen, daß man Freundschaft hält.
Schlich er manchmal abends zum Kaninchenstall davon,
hockten da die Schmuddelkinder, sangen voller Hohn
Spiel nicht mit den Schmuddelkindern …
Aus Rache ist er reich geworden. In der Oberstadt
hat er sich ein Haus gebaut. Nahm jeden Tag ein Bad.
Roch, wie bessre Leuten riechen.
Lachte fett, wenn alle Ratten
ängstlich in die Gullys wichen,
weil sie ihn gerochen hatten.
Und Kaninchenställe riss er
ab. An ihre Stelle ließ er
Gärten für die Kinder bauen.
Liebte hochgestellte Frauen,
schnelle Wagen und Musik,
blond und laut und honigdick.
Kam sein Sohn, der Nägelbeißer, abends spät zum Mahl,
roch er an ihm, schlug ihn, schrie: Stinkst nach Kaninchenstall.
Spiel nicht mit den Schmuddelkindern …
Und eines Tages hat er eine Kurve glatt verfehlt.
Man hat ihn aus einem Ei von Schrott herausgepellt.
Als er später durch die Straßen
hinkte, sah man ihn an Tagen
auf ’nem Haarkamm Lieder blasen,
Rattenfell am Kragen tragen.
Hinkte hüpfend hinter Kindern,
wollte sie am Schulgang hindern
und schlich um Kaninchenställe.
Eines Tags in aller Helle
hat er dann ein Kind betört
und in einen Stall gezerrt.
Seine Leiche fand man, die im Rattenteich rumschwamm.
Drumherum die Schmuddelkinder bliesen auf dem Kamm:
Spiel nicht mit den Schmuddelkindern …