Man hört ja in den Medien häufiger, dass es mit der Gesundheitsversorgung in Deutschland auf dem flachen Land nicht so wirklich weit her sein soll. Böse Zungen behaupten sogar, dass man bei den Bush Doctors in Botswana mit mehr Versorgung zu rechnen hätte. Ich habe das immer für leicht übertrieben gehalten. Seit heute weiß ich aber, dass die bösen Zungen eher untertreiben! Betrachten wir mal das Schaumbuger Land – einen ziemlich aus der Mode gekommenen Landstrich in Norddeutschland, irgendwo zwischen der Landeshauptstadt und der Grenze zum fernen NRW gelegen. Als ich meine Frau vor nunmehr fast vierzig Jahren kennenlernte, da verfügte hier noch jede zweite Kleinstadt über ein eigenes, kleines Krankenhaus und zusätzlich existierten zwischen den Dörfern in zentraler Lage Notfallwachen. Jedes Dorf verfügte über einen eigenen Sozialdienst, der sich um krankheitsbedingt hilflos gewordene und um ältere Mitbürger kümmerte und der es auch verstand, kurzfristig und unbürokratisch im Bedarfsfalle eine Haushaltshilfe zu organisieren. Heute erschieinen mir diese Erinnerungen wie Ausschnitte des Lebens auf einem anderen Planeten.

Die kleinen Krankenhäuser gibt’s nicht mehr, sondern stattdessen das „Klinikum Schaumburg“. Da die kleinen Krankenhäuser auf staatliche Unterstützung angewiesen waren und sich mit den Kranken kein Gewinn erwirtschaften ließ mussten sie der neoliberalen Pseudoreligion von der unbedingten Anbetung des Geldes weichen. Gleiches betrifft die Notfallwachen, denn Kranken kann man es ja spielend zumuten, irgendwie zig Kilometer bis zum nächstgelegenen Großklinikum zurücklegen zu müssen – Zeit spielt keine Rolle, auch nicht im Notfall. Muss der Herzinfarkt oder der Schlaganfall eben mal etwas Geduld mitbringen! Aber um eine Notfallituation soll es hier auch gar nicht gehen. Die Sozialdienste der Dörfer existieren auch schon lange nicht mehr, denn deren Aufgaben haben überregional tätige Organisationen – die selbstverständlich gewinnorientiert arbeiten – übernommen. Wenn dann so ein „ortsnah“ gelegenes, niegelnagelneues, topmodernes Großklinikum eine Behandlung wirklich mal nicht durchführen kann (z. B. Fußchirurgie, Kinderbehandlung o. ä. – aber wann kommen so exotische Sachen schonmal vor?), dann muss der Patient eben in ein fernes Klinikum ausweichen. Zeit spielt dann erst recht keine Rolle!

Im vorliegenden Fall wäre besagtes, „ortnahes“ Großklinikum – erreichbar nach halbstündiger PKW-Fahrt über Land bei gutem Wetter, bei Schlechtwetter kann sich die Reisezeit erfahrungsgemäß schonmal locker vervierfachen und mit den Öffis ist es leichter, gleich vor Ort zu sterben – als erste Adresse infrage gekommen. Bloß machen die keine Fußchirurgie. Dazu wird auf die Landeshauptstadt verwiesen. Sind ja bis zum infrage kommenden Klinikum bloß schlappe 55 Kilometer (Luftlinie!). Mit dem PKW dauert die Fahrt etwa eine dreiviertel Stunde ohne Parkmöglichkeiten. Öffis sind da einfacher: Nur zwei Stunden Anreise inklusive viermal Umsteigen und etwa zwanzig Treppen. Für gesunde Beine und geduldige Menschen kein Problem. Für Menschen, die krankheitsbedingt nicht mehr laufen können eine schier unüberwindliche Hürde. Daneben wäre da noch das Taxi zu nennen. Einfache Fahrt 120€ und wenn man die per Transportschein von der Kasse erstattet bekommen will – ganz unbürokratisch, versteht sich – dann empfiehlt es sich dringend, mit dem ganzen Papierkram schon ein halbes Jahr vorher anzufangen. Obwohl man dann ja noch gar keinen OP- und Entlassungstermin hat und diesen Papierkram ergo auch gar nicht bewältigen kann. Da muss man sich halt mal was einfallen lassen! So funktioniert das eben, wenn es ganz bürgernah und unbürokratisch bei gleichzeitiger Kostenersparnis laufen soll. Was ich bis zu diesem Punkt beschrieben habe, ist der völlig problemlose Idealfall. Kommen Feiertage dazwischen, dann gestaltet sich der Ablauf „geringfügig“ komplizierter.

Wegen unserer drei Pflegefälle hatte meine Frau ihre Fuß-OP aufgeschoben bis es nicht mehr ging. D. h. bis sie nicht mehr richtig laufen konnte. Im September nannte man ihr dann den nächstmöglichen OP-Termin. Das war der 18.12.19, also vergangenen Mittwoch: Vorgestern. Das war nicht im für uns zuständigen Großklinikum (weil man da halt mit Füßen nichts anzufangen weiß – vielleicht auch ganz gut so, denn dort ist ja hin und wieder auch schonmal rechts und links verwechselt worden), sondern in der Landeshautstadt. Ich brachte meine Frau am Morgen des Vortages hin. Die OP verlief zwar kompliziert (und dauerte daher), ging aber glatt über die Bühne. So weit, so gut. Gestern besuchte ich meine bessere Hälfte. Ich hatte zuvor recherchiert, dass man die Patienten nach so einem Eingriff i. d. R. binnen zwei oder drei Tagen wieder nach Hause schickt um Krankenhauskosten einzusparen. Hmm… – Rückweg? Taxi! Alles andere wäre absolut unzumutbar und hinsichtlich der Gesundheit auch unverantwortlich gewesen. Dafür wurde ein Transportschein bei der Krankenkasse beantragt. Gar nicht mal so einfach, den dort tätigen Mitarbeitern klarzumachen, warum Öffis in diesem Fall nicht infage kommen – Umsteigen, Treppen, Wohnung außerhalb der Großstadt usw., vgl. oben. Aber irgendwann, nachdem ich vor Verzweiflung über soviel abartig-ignorante Borniertheit schon mehrfach in die Tischplatte gebissen hatte, kapierten die es dann schließlich doch.

Schön, der Rücktransport aus dem Krankenhaus war also sichergestellt. Bloß wann? Gestern, anlässlich meines Besuchs, konnte mir noch niemand Auskuft darüber geben. Heute morgen nun rief meine Frau mich an: Sie wird morgen entlassen werden und, da es sich um einen Liegendtransport handeln wird, mit dem KTW nach Hause gebracht. Ich möchte mich doch bitte um die Organsisation der Nachsorge kümmern. Damit sie mobil ist, wird nach den Feiertagen irgendwann leihweise ein Rollstuhl geliefert. Nachsorge: Täglicher Verbandswechsel inklusive Beurteilung der Wunde. Macht bei uns der Sozialdienst. Kontrolle der Wunde und das Ziehen der Fäden. Macht bei uns der Hausarzt. Zeit des Anrufs: 09:30 Uhr. Am Freitag Morgen. Praxen noch bis 12:00 Uhr erreichbar: Das bedeutete verschärften Telefonterror! Zuerst die Arztpraxis. Da kam ich auch schon nach dem zehnten Versuch durch. Nein, am Wochenende machen wir nichts. Nein, über die Feiertage sind wir nicht erreichbar. Nein, also zwischen den Feiertagen gibt’s nur eine eingeschränkte Notversorgung. Nein, also Hausbesuche geht gar nicht – da müsste sie sich schon irgendwie in die Praxis begeben.

Ich habe gefragt, wie das funktionieren soll, wenn kein geeignetes Fahrzeug verfügbar ist, ein Kilometer bis zur Praxis zurückgelegt werden muss, kein Rollstuhl zur Verfügung steht usw. Und inwieweit man den Sozialdienst einspannen kann. Der darf erst dann tätig werden, wenn ein Arzt die Wunde begutachtet und eine Verschreibung ausgestellt hat, braucht dann aber ein paar Tage Vorlauf, um das einplanen zu können. Wenn meine Frau also am Samstag entlassen wird, dann kann sie frühestens Montag zur Begutachtung kommen, auf welche Weise auch immer – das ist dann halt mein Problem. Ja, OK – und der Sonntag dazwischen? Antwort aus der Praxis (O-Ton): „Sie sind doch in medizinischen Dingen recht versiert; können Sie das nicht selber machen?“ Ja, könnte ich. Wird wohl auch darauf hinauslaufen. Wir sind dann so verblieben: Das Krankenhaus sollte bis spätestens 11:30 Uhr per Fax eine detaillierte Verordnung an die Arztpraxis schicken. Die würde dann bis 12:00 Uhr eine ärztliche Verordnung an den Sozialdienst faxen, damit das alles noch vor dem Wochenende verwaltungstechnisch über die Bühne geht. Denn ohne Verwaltung läuft hier gar nichts; da können die Leute eher verrecken.

Alternativ wurde mir angeboten, dass ich meine Frau ja auch ins Taxis setzen und mit ihr zur Klinik in der Landeshauptstadt fahren könne. Das wäre aus Sicht des Hausarztes ohnehin der bessere Weg, denn die Klinik wüsste ja über alle Details Bescheid. Ich habe denen daraufhin vorgerechnet: Transportkosten täglich 240€, nach gut ’ner Woche könnte ich stattdessen die verfluchte Klinik wahrscheinlich gleich kaufen weil das billiger käme und wollte wissen, was die sich in der Praxis für Medikamente einpfeifen. Es wurde aufgelegt. Die hinzu gekommenen Biss-Spuren in meiner Tischplatte begannen so langsam auszufransen. OK, den Sozialdient angerufen. So rund zwanzigmal. Nahm keiner ab. Fahrzeug organisiert und hingefahren: Außerplanmäßig geschlossen wegen akuten Personalmangels! Aber eine Mitarbeiterein traf ich. Die schaute mich schon merkwürdig an, von wegen des Schaumes vor meinem Maul und so. Sie gab mir „unter der Hand“ eine nicht öffentliche „Geheimnummer“. Da angerufen und auch jemanden erreicht, damit die Wundversorgung eingeplant werden kann. Allerdings: Alle verwaltungstechnischen Hürden (vgl. oben) müssen unbedingt zuvor ausgeräumt werden und das Krankenhaus muss meiner Frau zumindest für Sonntag sämtliches Verbandsmaterial mitgeben. Meine Frau angerufen, der das mitgeteilt und erfahren, dass das Krankenhaus in verwaltungstechnischer Hinsicht eigentlich fast schon im Weihnachtsurlaub ist.

Das bedeutet im Endeffekt: Morgen kommt meine Frau aus dem Krankenhaus zurück, wird bettlägerig sein und hat kein Transportmittel. Die Wundversorgung – da bin ich ziemlich sicher – werde ich selbst durchführen müssen, so gut es eben geht. Na ja, genug Übung bei sowas habe ich ja: Hilf dir selbst dann hilft dir Gott! Mit etwas Glück werde ich vielleicht auch das dazu notwendige Verbandsmaterial da haben. Am Montag muss ich sie dann irgendwie zum Arzt schaffen (wir haben da ja im Stall noch irgendwo die alte Sack-Karre rumstehen). Falls irgendwas schiefläuft, dann rufen wir den RTW und der fährt sie zurück in irgendeine weit, weit entfernte Klinik, in der gerade ein Bett frei geworden ist und in der die Füße nicht zu den exotischen Körperteilen zählen. Und ich brauche ’ne neue Tischplatte. Die alte ist, der deutschen Gesundheitsversorgung sei Dank, zerbissen worden. So sieht die Realität der deutschen Gesundheitsversorgung auf dem Land aus – und ein früherer Pharmalobbyist und heutiger Gesundheitsminsterdarsteller will das der Profitmaximierung zuliebe noch weiter zurückfahren.

Herr Spahn, ich wünsche Ihnen aus tiefstem Herzen beide Arme in Gips und dazu eine äußerst eklige Ganzkörperkrätze!!!