Machen wir uns nichts vor: Zur Weihnachtszeit verfällt der gesamte westliche Kulturkreis in so eine Art von Kollektivpanik! Das beginnt immer schon ein paar Tage vorher. Wer nicht rechtzeitig für Geschenke gesorgt hat, der besorgt auf die Schnelle noch irgendwelchen teuren Ramsch zum Weiterverschenken und steht sich dafür an den Kassen der Geschäfte stundenlang die Beine in den Bauch. Ein Ausfall der Kartenzahlung just in diesem Zeitraum sorgt für die nötige Auflockerung und Paniksteigerung. Der Weihnachtsbaum wird besorgt – wie immer ist er entweder zu teuer oder zu klein oder nicht gerade genug gewachsen oder … – und aufgestellt und irgendwie sieht er dann hinterher doch ganz passabel aus. Währenddessen dudeln im Radio ohne Unterlass nervige Weihnachtslieder, „Last Christmas“ inklusive – letzteres bevorzugt von den Moderatoren gespielt, die offensichtlich eine schwere Kindheit hatten. Zwischenzeitlich bruzzelt der Weihnachtsbraten in der Bratröhre, wobei die Aktion mit einem Schreckensschrei a la „Mein Gott – der ist ja viel zu dunkel geworden!“ im letzten Augenblick beendet wird. Der verschärfte Stresstest ist in vollem Gange!

Auf diese Weise kommt der Nachmittag des Heiligabends. Alle Geschäfte sind geschlossen: Watt nu‘? Haben wir wirklich alles eingekauft? Reicht die Batallionsverpflegung eines Jahres tatsächlich für zweieinhalb Tage und fünf Leute aus oder werden wir das rationieren müssen? Besuch trifft ein; die Familie versammelt sich. Es wird ruhiger – scheinbar. Denn urplötzlich melden sich die demenzkranken Pflegefälle aus dem Erdgeschoss. Sie haben im Radio gehört, dass heute Weihnachten ist. Obwohl sie zuvor keinen Weihnachtsbaum haben wollten muss der jetzt auf die Schnelle doch noch her, und zwar unbedingt und irgendwie! Also rauf auf den Dachboden und da nach so einem antiken Plastikgerecke gesucht. Das wird, nachdem Legionen von Spinnen obdachlos gemacht worden sind, auch gefunden und in der Wohnung der Kaputten aufgestellt – jetzt sind sie zufrieden: Prima! Kaum ist man wieder in der eigenen Wohnung – der Besuch ist immer noch zugegen – wird man wieder runter zitiert, weil sich der Fernseher der Pflegefälle nicht umschalten lässt. Stimmt – denn um den umzuschalten muss man ihn zunächst erstmal einschalten. Aber das ist denen zu hoch.

Später sitzt man dann in der eigenen Wohnung. Die Bescherung ist gelaufen und der Hausherr hat sogar ein Weihnachtsgedicht rezitiert, welches sehr gut angekommen ist („Lieber guter Weihnachtsmann, kleb‘ den Bart dir wieder an, und beschenk‘ mich nicht zu knapp, sonst reiß‘ ich dir den nochmal ab!“). Man spricht miteinanander; das Essen wird verdaut und der Blick wandert über die zwangsläufig zu entsorgenden Berge von Verpackungsmüll. Jedes Jahr das gleiche: Malochen, Fressen, Müllentsorgung. Periodisch, über drei Tage hinweg. Plötzlich hängt da so ein merkwürdiger Geruch in der Luft, ein Brandgeruch – und der wird stärker. Der kommt von den Kaputten! Alle stürzen in deren Wohnung und schaffen es gerade so noch, dort eine Fettexplosion zu verhindern. Die haben nämlich mal wieder vergessen, dass sie da auf dem Herd was warm machen wollten, sitzen seelenruhig inmitten der atemberaubenden Rauchschwaden und stören sich nicht im mindesten daran – geschweige denn, dass die mal reagieren. Die Reaktion erfolgt erst beim sich anschließenden Lüften der durch und durch verqualmten Wohnung, denn das führt zu massivem Widerstand, weil: „Dann zieht es ja!“ Aber man kann das auch positiv sehen: Der Brandgeruch überdeckt zumindest zeitweise deren Körpergeruch, weil mein Schwiegervater mir ja erst einen Tag zuvor unmissverständlich klar gemacht hat, dass einmal Duschen pro Halbjahr dicke ausreicht und er alles andere bloß als unerwünschte Einmischung betrachtet.

Außerdem haben wir jetzt ein ansprechendes Gesprächsthema und beschließen mehrheitlich, als erste Maßnahme den Herd der Pflegefälle außer Funktion zu setzen. Immerhin war das jetzt schon der dritte Versuch zum Abfackeln der Wohnung und irgendwann schaffen die das sonst tatsächlich mal. Kurz darauf schreien die Kaputten nach Essen – die Zubereitung des für die zuvor auf deren Wunsch hin besorgten Fleisches macht ja auch viel zuviel Arbeit. Ähem… – nein! Brummelnd und meckernd („Ihr tut ja nie was!“) schieben die sich anschließend Brotscheiben mit fingerdick Honig drauf zwischen die zahnlosen Kauleisten; der jeweilige Zahnersatz ist irgendwo in deren Dreckloch verschwunden. Irgendwann verabschiedet sich unser Besuch. Jetzt noch das nötigste aufräumen und der Heiligabend ist gelaufen. Erster Wahnsinnstag: Abgehakt!

Es folgt der erste Weihnachtsfeiertag. Noch vor dem Frühstück steht so eine Art von Hochzeitsabwasch an. Frühstücken, die Mülltonnen mit Verpackungsmaterial randvoll füllen und sich danach um die Kaputten kümmern. Heute aber! Heute will Schwiegermutter das Fleisch fertig machen! Doch ach … – das ist ja mit Arbeit verbunden! Nee, lieber nicht. Lieber nahezu ganztägig im Bett rumliegen – und bloß nicht mal lüften! Zum Brand- und Körpergeruch gesellt sich noch der Fäkalgeruch der zwischenzeitlich vollgepissten und vollgeschissenen Unterwäsche, die überall achtlos hingeworfen worden ist (Pants werden verweigert), weil die ja alle in jeder Hinsicht inkontinent sind (das aber nicht einsehen wollen). Mt. Scheißeschlüpfer wächst. Kurzum: Es ist wirklich atemberaubend – das perfekte Trainingsgelände für alle diejenigen, die mal austesten wollen, wie lange sie in einer Giftgasatmosphäre überleben können! Anschließend wieder das Übliche: Malochen, Kochen, Müllentsorgung, Fressen, Abwasch – um nur mal die wesentlichsten Punkte heraus zu stellen. Selbstverständlich muss dabei für die Kaputten mitgekocht werden, denn Schwiegermutter ist vom im Bett liegen völlig erschöpft und muss sich wieder hinlegen.

Es wird Nachmittag – „Sissi“-Zeit. Alle versammeln sich vor der Glotze. Nicht meine Welt und ich hacke spaßeshalber ein Bisschen. Plötzlich wackeln Fernseher und Computer! Aus dem Untergeschoss dröhnt in voller Lautstärke irgendwas mit „HALLELUJODELDIDÖDELDIDÖJA!!!“ Was ist passiert??? Die Kaputten haben irgendwelche antiken Weihnachtslieder auf volle Lautstärke aufgedreht. Ich schlage vor, mit zweimal 360 Watt Sinus und Doro umgehend einen akustischen Gegenangriff vorzunehmen, so quasi als Verteidigung, aber da spielt meine Familie nicht mit – passt angeblich nicht zu „Sissi“. Na gut, gehe ich eben schon wieder runter und suche nach den Hörgeräten der Kaputten. Ich finde die Dinger da, wo sie immer hingeworfen werden – nämlich im Altpapier. Es erfordert dann auch nicht mehr allzuviel Überredung, die dazu zu veranlassen, das unerträgliche Weihnachtsliedergedröhne auf Zimmerlautstärke zu drosseln – weil ich den Krach nämlich kurzerhand abschalte und der Bösewicht schlechthin bin. Es wird Abend – Malochen, Müllentsorgung, Fressen, Abwasch. Just als ich den Müll entsorge treffe ich im Keller auf Schwiegervater. Er torkelt da unten ohne jegliche Gehilfe (pampiger O-Ton: „BRAUCHICHNICH!!!“) wie ein sturzbesoffener Gorilla rum. Weil er Getränke holen wollte (O-Ton: „WIRHAMJANIX!!!“). Ich fange ihn auf als er stürzt, geleite ihn die Treppe hoch und stelle die Getränke zu den anderen vier vollen Flaschen, die da noch rumstehen. Zweiter Wahnsinnstag: Abgehakt!

Der zweite Weihnachtsfeiertag ist gerade mal eine Stunde alt, als wir durch laute Hilfeschreie aus den Betten geschmissen werden. Schwiegervater war im Dunkeln – Gehhilfe brauchte er wie üblich nicht – schwer gestürzt und hat sich die Rübe angeschlagen. Gehirnerschütterung konnte es allerdings nicht sein, denn wo nichts (mehr) ist, da kann auch nichts (mehr) erschüttert werden. Jedenfalls meinte ich zu ihm, dass er beim Aufstehen schon mitmachen müsse und sich nicht wie ein Kartoffelsack verhalten dürfe, denn im letztgenannten Fall wäre ich gezwungen, einen Krankenwagen zu rufen. Das Zauberwort „Krankenwagen“ brachte ihn umgehend wieder auf die Beine. Morgens, nachdem ich einen völlig unmotivierten und anlasslosen Angriff seitens meiner geistig behinderten Aggroschwägerin abgewehrt hatte, sah er dann im Gesicht und am Kopf schön bunt aus. Ich meine, andere Leute zahlen viel Geld für ein derartiges Schminken und der schafft das ganz alleine! Watt für ’ne Einsparung!

Schwiegermutter verbringt den Tag wie üblich mit Nachthemd im Bett – weil Essen und Toilettengang ja so unendlich anstrengend sind und sie damit schon viel zuviel gearbeitet hat – und stört sich nicht im Mindesten daran, dass bald die ihrerseits eingeladenen Gäste eintreffen. Mich stört das auch nicht – sind ja nicht meine Gäste. Dennoch versuche ich, sie zum Aufstehen zu animieren. D. h. ich nehme ihr die Bettdecke weg und reiße das Fenster auf. Mein Rauswurf erfolgt prompt. Schließlich kann meine Frau das unerträgliche Verhalten der Kaputten auch nicht mehr ertragen, humpelt mit ihren Gehhilfen die Treppe runter und bläst denen kräftig und deutlich den Marsch – woraufhin die eingeschnappt sind, denn Einsicht darf man von denen nicht erwarten. Meine Älteste und ich setzen erstmal deren Herd außer Funktion. Anschließend wird aufgeräumt. Welch‘ Wunder: Schwiegermutter zieht sich endlich mal an! Dabei trug sie ihr Nachthemd doch erst seit dem 19.12.2019 24/7! Auch meine Aggroschwägerin soll umgezogen werden und das will meine Älteste übernehmen. Dank meiner Warnung kann sie den Angriff abwehren und nach nur ’ner halben Stunde an Kampf ist das Thema durch! Nachmittags kommen die Gäste der Pflegefälle, die unsererseits bewirtet werden, während die Kaputten nur mehr oder weniger verständnislos daneben sitzen: Small Talk bis zum Abend. Dritter Wahnsinnstag: Abgehakt!

Jetzt hat die Kollektivpanik wieder ein Ende. Bis zum nächsten Jahr, wenn der ganze Wahnsinn von vorne anfängt. Zwischen Weihnachten und Sylvester muss ich arbeiten. Das ist eigentlich gar nicht so schlimm. Zwischen Sylvester und Weihnachten arbeiten zu müssen ist viel schlimmer! Jedenfalls: Bewältige ich die Treppe zwischen OG und EG wegen der Kaputten sonst etwa 80 mal täglich, so sind es über Weihnachten 200 mal. Das beugt der Gewichtszunahme vor – die Straße zum Übergewicht ist bekanntlich mit Dominosteinen gepflastert – und nach Weihnachten ist man ziemlich fertig. Watt’n Glück, dass es endlich wieder vorbei ist!