Wir schreiben das Jahr 2020. Ein neues Jahrzehnt ist angebrochen. Ich habe mich mehrfach mit den vergangenen Jahrzehnten beschäftigt. Einerseits ganz aktuell im Zuge der Anfertigung einer Chronik für die Siedlergemeinschaft Lauenau anlässlich des 80jährigen Bestehens und andererseits bereits im Herbst 2017 schon einmal im Rahmen einer kleinen Beitragsserie in meinem alten Blog „Quergedacht! v3.0“. Jetzt kommt ein neues Jahrzehnt – Grund genug, das beides noch einmal für dieses Blog zu überarbeiten und Erinnerungen wieder wach zu rufen. Da ich zumindest die Zeit seit den 1960er Jahren bewusst miterlebt habe, will ich quasi als Zeitzeuge dazu auch mal ein paar Erinnerungen beisteuern, denn vieles von dem, was uns heute als selbstverständlich gilt, war damals undenkbar oder Science Fiction. Das Leben lief komplett anders ab. Mit sehr viel weniger Komfort, aber auch teils mit mehr Freiheiten. Es geht mir bei all diesen Erinnerungen auch nicht um die großen Ereignisse – obwohl die selbstverständlich auch eine Rolle spielen – sondern vielmehr um das Leben von Otto Normalverbraucher, um die alltäglichen Kleinigkeiten, die sich heute vielleicht kaum noch jemand vorstellen kann. Geschichte von unten: Dokumentation der Veränderung einer Gesellschaft – und zwar NICHT zum Guten hin!

Das betrifft – da der Eiserne Vorhang noch existierte und der Kalte Krieg jederzeit in einen heißen Superknall umschlagen konnte – auch ausschließlich Westdeutschland und dort den nördlichen Harzrand im so genannten „Zonenrandgebiet“. Das Zonenrandgebiet, also die Gegend nahe des DDR-Grenzzaunes, war von der Bundesregierung mehr oder weniger abgeschrieben worden. Es galt als strukturschwächstes Gebiet Westdeutschlands und was andernorts längst gang und gäbe war, kam dort mindestens zehn Jahre später, wenn überhaupt. Das war die Gegend meiner Kindheit. Einer 1960er-Jahre-Kindheit, die vermutlich nicht repräsentativ ist, denn es herrschten doch recht ärmliche Verhältnisse vor.

Zu der Zeit war es noch üblich, dass eine Schwangere mit dem Kindsvater zwangsverheiratet werden musste. Dieses Schicksal traf auch meine Mutter und in Folge verging eigentlich kein einziger Tag, an dem ich mir nicht von meinem Erzeuger anhören musste, was aus ihm doch alles hätte werden können, wenn ich ihm nicht in die Quere gekommen wäre. Das Verhältnis zu meinem Vater ist folglich immer sehr angespannt geblieben, um es mal ganz supervorsichtig auszudrücken. Ich will hier auch nichts weiter zu diesen doch sehr persönlichen Fakten sagen (je weniger ihr darüber wisst, desto besser), nur ist das zum besseren Verständnis wahrscheinlich für später noch von Interesse. Eine schöne Kindheit war es jedenfalls nicht. Manche Sachen – wie bspw. die Hamburger Sturmflut oder den Höhepunkt des Kalten Krieges, sprich die Kubakrise – konnte ich auch noch gar nicht verstehen, weil ich schlicht zu klein dazu war.

Ich lebte damals „opt Dörpe“, also auf dem Dorf (übrigens ganz unten in der sozialen Hackordnung). Unsere Sprache war Plattdeutsch, so ein Mischdialekt aus Harzer Platt, Hannöversch‘ Platt und Braunschweiger Platt mit starken Einflüssen aus dem heutigen Sachsen-Anhalt (denn wo in Deutschland, außer im Osten und im nördlichen Vorharz, nennt man viertel Drei, dreiviertel Vier usw. schon als Zeitangaben?). Ich kam in einen DRK-Kindergarten, wo uns „Dorftrotteln“ zumindest soweit Hochdeutsch beigebracht worden ist, dass wir später in der Grundschule damit bestehen konnten, zumal dort einige Lehrkräfte aus der Stadt kamen und unser „Schnack“ für die wie Chinesisch klang.

Im Dorf selbst gab es eine einzige asphaltierte Straße. Das war die B248, die Verbindung zwischen Seesen und Braunschweig. Alle anderen Straßen bestanden aus Kopfsteinpflaster oder Matschpisten und Pferdefuhrwerke waren an der Tagesordnung. Autos waren so selten, dass wir Kinder noch hinterher guckten, wenn mal eins vorbei fuhr – zumeist waren das Bürgermeister, Arzt, Apotheker oder Dorfpolizist. So ziemlich auf diese Klientel war auch die Telefonversorgung begrenzt. Asphalt kam erst zur Mitte des Jahrzehnts auf die Fahrbahnen. Das war dann auch die Zeit, in der selbst Schlechtverdiener – zu denen mein Erzeuger zählte – sich ein Auto zulegten. Bei uns war das ein zuerst ein weit über zehn Jahre alter Leukoplastbomber (Lloyd 300) – mit dem wir hinter Seesen auf der Straße zum Sternplatz hoch liegen geblieben sind, weil der 10PS-Motor im mit vier Personen besetzten Auto die Steigung nicht mehr schaffte – und später ein nicht ganz so alter DKW-Faltenrock (DKW F93 mit sagenhaften 38PS – boah ey, watt‘ für ’ne Rennmaschine „töff-töff-töff-töff…“). Das Auto diente primär dazu, in der nahe gelegenen Stadt Einkäufe zu tätigen, denn bei uns auf dem Land gab’s nur zwei Tante-Emma-Läden für den täglichen Bedarf.

Eine Zentralheizung konnten sich nur Großverdiener erlauben, denn die galt als unerschwinglicher Luxus. Heißwasser gab’s Samstags, wenn der Badeofen angeheizt wurde. Bei Überhitzung explodierten die Dinger auch ganz gerne mal (ist bei uns nur einmal passiert). Warmwasser unter der Woche (bspw. für den Abwasch o. ä.) wurde in Töpfen auf dem Herd erzeugt. Die „Spüle“ bestand aus einem Tischuntergestell mit Emailleschalen darin. Geheizt wurde mit Holz und Kohle: Braunkohle-Brikett-Anlieferung auf dem Bürgersteig und anschließend war alles in den Kohlenkeller zu schaffen und dort aufzustapeln. In Handarbeit, versteht sich.

Öfen standen in den meisten Zimmern. Das Brennholz lieferten die umliegenden Wälder und immer zum Winter hin – weil dann der Boden gefroren und tragfähig ist – ging’s bei Eiseskälte zum „Holzmachen“. Mit Hammer, Spaltkeil und Handsäge. Das Holz wurde dann mit Muskelkraft soweit zerkleinert, bis es transportfähig war und mittels Trecker nebst Gummiwagen nach Hause gebracht. Dort wanderte es auf den Hof und lag da, bis der Förster es irgendwann mal in Augenschein genommen und den Preis festgelegt hatte. Erst danach durfte die Endverarbeitung erfolgen, also Holzhacken usw. Ich bin zu der Zeit wochen-, wenn nicht sogar monatelang mit ekligem Muskelkater rumgelaufen, denn wir Kinder mussten selbstverständlich auch immer mit ran – schon von Kleinauf, sobald Handreichungen möglich waren.

Das Heizmaterial brauchten wir auch dringend – was war das doch für zweifelhafter Spaß, das ständig in die Wohnung schleppen zu müssen und nachts aufzustehen, um den Ofen zu kontrollieren – denn die Winter hatten es in sich, und zwar mit Bergen von Schnee und verdammt niedrigen Temperaturen. Ich weiß, dass uns zweimal die Quecksilberthermometer eingefroren sind, wir daher Temperaturen von unter -39°C hatten. Der Schnee brachte es mit sich, dass jeder schon von Kindesbeinen an auf Skiern (Langlaufbrettern) stand. Das war einfach das übliche Winter-Fortbewegungsmittel zu der Zeit; damit ging’s zum Kindergarten (1km), später zur Schule (2km) oder zum Bahnhof (3km). Der Bahnhof war wichtig, denn ganz im Gegensatz zu heute auf dem Land fuhren damals wirklich noch viele Züge, auch wenn’s nur „Triebwagen“ der Holzklasse waren.

Der Schlitten – stabil und aus Holz gefertigt – stellte den Lastentransporter, bspw. für Getränkekisten, dar. Milch bildete die Ausnahme, denn die wurde noch direkt vom Bauernhof, um nicht zu sagen direkt aus dem Euter, geholt. Alle Kinder wurden zur Arbeit mit herangezogen, oft und gerne auch das Schneeschaufeln betreffend. Im Winter geschah es öfters mal, dass man von der Außenwelt abgeschnitten war und so von vornherein in die Vorratshaltung hinein wuchs; das ganzjährig völlig instabile Stromnetz schulte darüber hinaus gewisse Survival-Fertigkeiten. Getrocknete Wurst fand sich zu der Zeit noch in so ziemlich jedem Haus. Eine Toilette hatten längst nicht alle. Stattdessen war da das Plumpsklo im Stall nebst alle Jahre wieder leerzupumpender Klärgrube. Im Winter mit ’ner Kerze in der Hand überlegte man sich zweimal, ob man unbedingt auf’s Klo musste; oft genug tat’s dann auch der Pinkelpott unter’m Bett.

Fernsehsender gab’s zwei in akzeptabler Qualität, nämlich ARD und DDR1. Nachdem ich eigenmächtig an der Antenne rumgefummelt hatte, kamen auch noch das ZDF in meist akzeptabler Qualität hinzu. NDR3 und DDR2 sahen aber immer wie ein Schneesturm auf dem Brocken bei zwanzig Grad Kälte aus. Nun hatte natürlich längst nicht jeder einen Fernseher. Bei uns war das mein Onkel aus St. Petersburg, der zusammen mit meiner Tante das Erdgeschoss bewohnte (im Obergeschoss lebten meine Familie und meine Großmutter). Oft genug schlich ich mich heimlich in deren Wohnzimmer und schaute bei der schrankgroßen Maschine mit der kleinen Schwarzweißröhre auch zu. Was ich nicht durfte und wofür mein Vater mich regelmäßig zur Rechenschaft zog. Aber da liefen so verlockende Serien – „Fury“, „Lassie“, „Rin-Tin-Tin“, „Fuzzy“, „Flipper“ usw.

Prügelstrafen (auch in der Schule!) waren damals ja noch ein übliches, erlaubtes Erziehungsmittel und wenn mein Erzeuger es beim Windelweichschlagen beließ, dann hatte ich wirklich noch großes Glück gehabt. Aus heutiger Sicht würden viele der damals üblichen Erziehungsmethoden heute wohl den Straftatbestand der Kindesmisshandlung erfüllen. Irgendwann aber – so gegen Ende des Jahrzehnts, als mein Vater unbedingt einen Kampf von Cassius Clay sehen wollte (er weigerte sich zeitlebens, den als Muhammad Ali zu bezeichnen und das, was heute Rassismus genannt wird, war seinerzeit gesellschaftsfähig), da bekamen wir dann auch einen Fernseher, ein uraltes SW-Gebrauchtgerät. Aber um den Raum mit dem Fernseher betreten zu dürfen, musste ich um Erlaubnis fragen. Ich weiß noch, wie Willy Brandt den Schalter umlegte, der das Farbfernsehen einläutete und wie maßlos enttäuscht ich war, als alles schwarzweiß blieb.

Den bereits erwähnten Kindergarten besuchte ich bis 1964, die Grundschule bis 1968 und wechselte dann gegen den erklärten Willen meines Erzeugers (aber auf den Druck der Pädagogen hin) auf das Gymnasium Seesen, wo Herkunftspädagogik in Reinkultur ablief (O-Ton Deutschlehrer Dr. Brandt: „Arbeiterkinder haben auf dem Gymnasium nichts zu suchen und ich werde dafür sorgen, dass das auch so bleibt!“ – diese Worte vergesse ich nie!). Dann war da noch Kurt „Kutte“ Böhme als Französischlehrer, der verdammt gut mit seinem Schlüsselbund werfen und auch treffen konnte – Blut floss häufiger. Da die Eltern i. d. R. beide berufstätig waren, blieben die Kinder nach Kindergarten oder Schule zumeist auf sich gestellt. Ich machte da keine Ausnahme. Das bedeutete Abenteuerspiele im Wald, im Steinbruch, im Bergwerk, im Moor, in der Seesener Kanalisation usw. Klar, manchmal passierte dabei was. Musste man eben beim nächsten Mal vorsichtiger sein.

Klar, wir schlugen uns. Auch mit Knüppeln und Stöckern. Aber allzuviele Augen stachen wir dabei auch nicht aus. Klar, wir übten heimlich schießen, mit den von den Eltern „ausgeliehenen“ und ohnehin illegalen Waffen. Dabei durfte man sich eben nicht erwischen lassen. Aber welche Polizeistreife kontrolliert schon Müllkippen, auf denen Karnickel-große Ratten die Ziele bildeten? Überbehütete Kinder wie heute und Helikopter-Eltern gab’s nicht! Ärger bekam man nur, wenn man erst nach Einbruch der Dunkelheit zuhause aufschlug und die zu erledigenden Hausaufgaben hielten sich noch sehr im Rahmen. Sie beanspruchten alle zusammen kaum mehr als eine halbe Stunde. Na gut, bei mir etwas länger, weil das mit der Zwangsumschulung vom Links- zum Rechtshänder einher ging. Damals zog man derartigen Wahnsinn noch konsequent und brutal durch. Das mit den Hausaufgaben änderte sich erst – allerdings gravierend – mit dem Gymnasium, zumal da ja auch jeweils 15km hin und wieder zurück mit dem Fahrrad zu bewältigen waren. Zu jeder Jahreszeit. Bei jedem Wetter.

Die Müllkippen erwiesen sich als wahre Schatzgruben. Wer etwas auf sich hielt, der musterte sein altes, röhrenbetriebenes „Dampfradio“ aus und schaffte sich so ein schickes und schwer angesagtes Transistorteil an (die ICs waren noch nicht erfunden). Deswegen fand man auf den überall präsenten Müllkippen neben den Giftmüllfässern immer mal wieder Dampfradios und so manches davon karrte ich auf dem Bollerwagen kilometerweit nach Hause. Das hatte einen simplen Grund. Zuhause lief immer nur diese bayerische Humpa-Musik, so die Schiene „Ernst Mosch und die Oberkrainer“ oder die „Original Egerländer Musikanten“. Jedenfalls dieses widerliche Volksmutanten-Zeugs. Wenn ich die Beatles, Stones, CCR o. ä. hören wollte, dann brüllte mein Vater lauthals los: „Mach‘ bloß die verfluchte Niggermusik aus! Sowas kannst du hören, wenn du ein eigenes Radio hast. Mein Radio beschmutzt du mit dem Gammlergeschrei nicht!“ Deswegen brauchte ich ein eigenes Radio. Deswegen interessierte ich mich für die Dampfradios.

Die Dampfradios hatten ja auch unbestreitbare Vorteile, denn gewissermaßen nahmen sie die erst sehr viel später entwickelte Digitaltechnik schon vorweg. Wenn man so ein Teil aufschraubte und die Wollmauspopulation darin beseitigte, dann leuchteten die Röhren wie ein Weihnachtsbaum. Was nicht leuchtete, dass war i. d. R. auch kaputt. Alle Röhren saßen in Stecksockeln, was bedeutete: Röhre raus, Bezeichnung ansehen, zweites Radio aufmachen und nach einer glimmenden Röhre mit eben dieser Bezeichnung suchen, umstecken, fertig. Dann der Digitaltest: Läuft oder läuft nicht? Mitunter waren ja mehrere Röhren zu tauschen. Aber so nach ’ner halben Stunde bis Stunde lief’s dann zumeist – sehr zum Leidwesen meines Erzeugers – und der Sound der „Niggermusik“ war um Welten besser als jedes Transistorgequäke oder als die akustische Umweltverschmutzung durch die Volksmutanten. Kurz bevor ich fünf Jahre lang in Büsum lebte – das muss ungefähr so um 1968 herum angefangen haben – schleppte mein Vater ein gebrauchtes Tonbandgerät vom Typ „Philips Magnetophon (irgendwas)“ an, weil er damit was aufnehmen wollte (Kompaktkassetten gab’s noch nicht). Er kam mit dem Ding nicht klar. Ich dagegen nach einigem Rumprobieren schon und irgendwann saß ich damit vor dem Dampfradio, das Mikrofon trickreich vor dem Lautsprecher befestigt, und fing an, meine Lieblingsmusik aus dem Radio auf Tonband mitzuschneiden.

Die Obrigkeitshörigkeit war in diesen Jahren extrem ausgepägt. Ganz egal, wer in hoher sozialer Position welchen Mist absonderte, er musste Recht haben – weil er ja ganz weit oben stand. Der Vater war noch uneingeschränkter Hausherr und vor dem hatten alle zu kuschen. In der Gesellschaft wurden Hierarchie und Hackordnung gelebt; Kritik galt als Querulantentum. Schon allein das Hinterfragen der bestehenden Verhältnisse wurde mit Aufruhr gleichgesetzt. Ich weiß noch, als mein Vater von den Studentenunruhen erfuhr und lauthals absonderte, dass man (O-Ton) „die ganzen faulen, langhaarigen Gammler vergasen müsste“ und „die Polizei müsste das ganze faule Studentengesindel mit Peitschen zusammentreiben und in ein Arbeitslager stecken“. Er lebte eben seine etwas merkwürdige Auffassung von Demokratie und stellt damit wahrlich keinen Einzelfall dar.

Das Attentat auf Rudi Dutschke kommentierte er mit „Richtig so!“, weil das BLÖD-Geschmiere das so vorgab. So wie er – wenngleich vielleicht nicht in dieser extremen Ausprägung – dachten seinerzeit offensichtlich viele meiner Mitmenschen. Als ordentlicher Deutscher galt ohnehin nur, wer sich seine Meinung von der BLÖD machen ließ. Die Freiheit meiner Kindheit, also der selbstbestimmte Aufenthalt in Wald, Moor usw., neigte sich so langsam dem Ende entgegen. Die Arbeit hingegen blieb nicht nur, sondern wurde auch immer mehr und härter, gerade auch beim Umbau des Hauses. Denn da war ich zehn Jahre alt und das bedeutet, dass ich regelmäßig die schwere Schubkarre mit Steinen zu bewältigen hatte.

So ungefähr die beiden Jahre vor dem Ende des Jahrzehnts waren dann aber auch die Zeit, in der das Wirtschaftswunder endlich im Zonenrandgebiet ankam. Da wurden die Holz-Kohle-Öfen in die Küchen verbannt und die anderen Räume mit Ölöfen ausgestattet. Mein Onkel hatte gebaut und war ausgezogen, was etliche Umbauarbeiten am Haus zur Folge hatte. Kaninchen, Hühner, Gänse, Schweine und Ziegen, die zuvor noch tagtäglich im Stall zu versorgen waren, wurden nach und nach abgeschafft. Die Toilette und Dusche drinnen stellten für mich einen bis dato unbekannten Luxus dar, während viele meiner Mitschüler es bereits gar nicht anders kannten und niemals in den Waschzuber gestiegen wären, der im Sommer immer bei uns auf dem kleinen Hof hinter dem Haus rumstand. Das Haus erhielt ein neues Dach und fortan mussten bei Regen keine Töpfe und Eimer mehr zum Abhalten des Regenwassers unter die undichten Stellen gestellt werden.

Mit den Umbauarbeiten verschwanden auch die Legionen von Ratten und Mäusen, die zuvor ständige (und verdammt bissige!) Mitbewohner gewesen waren. Der seit dem Zweiten Weltkrieg gebrochene (weil durch Bombensplitter in Mitleidenschaft gezogene) tragende Balken in der Küchendecke wurde ersetzt und fortan rieselte es nicht mehr auf den Essenstisch, auch konnte man endlich mal den Dachboden betreten, ohne Gefahr zu laufen, durch die Decke zu brechen. Da oben richtete ich mir ein Zimmer mit meinen beiden verbliebene Dampfradios und vielen Marke-Eigenbau-Lausprechern (vom Sperrmüll) ein und wenn ich da die „Niggermusik“ aufdrehte, dann störte das keinen. Denn von den alltäglich gedudelten Oberkrainern und Egerländern bekam ich so langsam aber sicher ’nen Tinnitus. Der DKW-Faltenrock musste einem gebrauchten Ford Taununs 12M weichen. Es wurde schonmal Campingurlaub an der Weser oder an der Nordsee mit einem geliehenden Zelt gemacht. Damit gingen die 1960er Jahre für mich persönlich zu Ende.

Erinnerungen eines Zeitzeugen an vergangene Zeiten … – was würden eigentlich Kids von heute dazu sagen, wenn sie nur zwei Fernsehsender in Schwarzweiß hätten? Wenn statt der Dusche in einer größeren Aktion einmal wöchentlich der nicht wirklich ungefährliche Badeofen befeuert werden müsste, um warmes Wasser zu haben? Wenn für den weiteren Schulweg kein Auto, sondern stattdessen nur ein Fahrrad zur Verfügung steht? Wenn die Stromversorgung nicht gewährleistet ist? Wenn sie Holz hacken und Bäume fällen müssten, um im Winter keinen kalten Ar… zu haben? Wenn sie ohne Handy und ohne Internet auskommen müssten? Sehr vieles von dem, was heute als selbstverständlich erachtet wird, ist m. E. alles andere als selbstverständlich …