Heute, beim Einkaufen, sprang mir ein Werbeslogan ins Gesicht: „Heute schon vivilisiert?“ Was ist das für ein Land, dachte ich mir, in dem die Werbung immer neue Wörter erfindet und es hinreichend viele Verrückte gibt, die voll auf so einen Ultraschwachsinn abfahren? Als ich den Slogan sah, da stand ich gerade an der Kasse und wartete. Mir fiel ein, dass ich ja eigentlich mal so einen richtigen Auskotz-Beitrag über all das, was mir an diesem Land mittlerweile nicht mehr gefällt, machen könnte. So über Armuts-Mindestlöhne, Schlaglochpisten, Bildungskatastrophe, Politspacken ohne Schulabschluss oder Ausbildung, Seilschaften anstelle von Leistung, Altersarmut, angehobene Besserwisserei aufgrund der sozialen Schicht, in die jemand hinein geboren wird, usw. Und über all das, was daraus resultierend schief läuft. Über Arbeitgeber, die ihren Arbeitnehmern nicht mal die Butter auf’m Brot gönnen und selbst bei einer marginalen Mindestlohnerhöhung ein Riesengeschrei anstimmen. Die verdiente, erfahrene Mitarbeiter ohne mit der Wimper zu zucken vor die Tür setzen und zeitgleich über einen Fachkräftemangel lamentieren, simultan keinerlei Perspektiven bieten, dafür aber völlig realitätsfremd Engagement im Unternehmen einfordern. Über korrupte Volksvertreter, deren Haupttätigkeit darin besteht, während der Politlaufbahn einigen Geldsäcken den Weg zu ebnen, um hinterher fett mit Beraterverträgen absahnen zu können etc.

Wie bemerkte doch einmal Robert Lembke (Zitat): „Die Fähigkeit eines Chefs erkennt man an seiner Fähigkeit, die Fähigkeiten seiner Mitarbeiter zu erkennen.“ Ist lange her … Ich möchte heute oft genug nur noch die Hände über dem Kopf zusammenschlagen. Fragt einfach mal irgendwen, wieviel ein Halb geteilt durch ein Halb ist. Geht gar nicht – ’ne „hochmathematische“ Textaufgabe, und dann auch noch mit Bruchrechnung: Daran scheitert sogar so mancher Abiturient! So weit ist es schon gekommen … Doch bei weiterer Überlegung musste ich mir eingestehen, dass es im Grunde genommen ja die Menschen in „diesem unseren Lande“ gewesen sind, die es soweit haben kommen lassen: Die Verrückten! Was sind das für Menschen? Menschen, denen man mit Verblödungsmedien das eigene Denken abgewöhnt hat. Menschen, die eben dadurch beliebig lenk- und beeinflussbar geworden sind. Willig mitlaufende, obrigkeitshörige Untertanen. Auch darüber ließe sich ein Beitrag verfassen. Allerdings: Den gibt’s schon sehr, sehr lange. Der erschien nämlich bereits im Jahr 1982, und zwar in Liedform – als B-Seite der Single „Kristallnaach“ von BAP. Der Song nennt sich „Wellenreiter“ und hat seither nichts von seiner Aktualität eingebüßt. Ganz im Gegenteil sogar … Da Kölsch als Mundart nicht jedem geläufig ist, habe ich an den eigentlichen Songtext noch die hochdeutsche Übersetzung mit drangehängt.

Wellenreiter

N’abend, Wellenreiter, saach wie jeht et dir?
Höchstens ald ens zweiter oder dritter
ävver miehßtens nit ens Nummer vier
läuvs do pausenlos dä Trends wie ’ne Komparse hingerher
echt, dat däät mich öden un zwar schwer.

Wie e Wetterfähnche driehßte dich em Wind.
Woher dä jraad weht ess dir ejal,
de Haupsaach ess, et ess der neuste Wind
vun dir selvs blieht kaum jet övvrich, nur op dat wat ahnjesaat
fährste aff, als bröötste en Schublaad.

Wat ess bloß passiert, dat do su mutlos bess,
dat ding Power fott ess,
dat do dich dermaßen selver opjejovven häss,
ratlos römmläuvs wie ’ne Schatten, dä sich kleinmäht wie ne Zwerch,
der mir vüürkütt, wie ’ne Ohß vüürm Berch.

Hühr ens, Wellenreiter, t’ess nit alles Driss
t’süht zwar baal su uss,
doch et künnt sinn – dat jenachdem – noch jet ze ändre ess
nur, wie du jetz bess, pass du dänne janz prima ent Konzept
die dich su hann wollte – halt als Depp.

Übersetzung

Guten Abend Wellenreiter, sag mal wie geht es dir?
Höchstens schon mal zweiter oder dritter
aber meistens nicht mal Nummer vier.
läufst du pausenlos den Trends wie ein Komparse hinterher
echt das würde mich anöden und zwar schwer.

Wie eine Wetterfahne drehst du dich im Wind.
Woher der gerade weht ist dir egal,
die Hauptsache ist, es ist der neueste Wind.
Von dir selbst, bleibt kaum etwas übrig,
nur auf das was gerade angesagt, fährst du ab,
als brauchtest du eine Schublade.

Was ist bloß passiert, das du so mutlos bist,
das deine Power weg ist,
das du dich dermaßen selber aufgegeben hast,
ratlos rumläufst wie ein Schatten,
der sich kleinmacht wie ein Zwerg,
der mir vorkommt, wie ein Ochse vor dem Berg.

Hör mal, Wellenreiter, es ist nicht alles Scheisse,
es sieht zwar bald so aus,
doch es könnte sein – das je nachdem – noch etwas zu ändern ist.
Nur, wie du jetzt bist, passt du denen ganz prima ins Konzept,
die dich so haben wollten – halt als Depp.