Im „Spiegel“ ist da ein recht interessanter Artikel erschienen, nämlich „Deutschland ist Frustweltmeister„. Worum geht’s dabei? Es geht darum, dass die deutschen Arbeitnehmer lustlos zur Arbeit gehen und dass etwa jeder Vierte seinen Arbeitgeber NICHT weiterempfehlen würde. Im Gegenzug allerdings hat jede zweite Führungskraft Spaß an der Arbeit. Da fragt man sich doch unwillkürlich, wie diese Diskrepanz zustande kommt und warum ausgerechnet die deutschen Arbeitnehmer am unzufriedensten sind. Die betreffende Untersuchung wurde übrigens global von der dänischen Firma PEAKON durchgeführt – man hat mehr als 40 Millionen Angestellte aus 125 Ländern befragt – und PEAKON hat auch Ursachenforschung betrieben. Allerdings stellt sich meiner Meinung nach die Frage, ob man so eine Ursachenforschung durch ein Unternehmen überhaupt durchführen muss oder ob es nicht vielleicht doch schon ausreichen würde, als Manager einfach mal selbst darüber nachzudenken? Die Antwort fällt einfach, wenn man einmal zurück blickt.

„Es gibt viel zu tun – packen wir’s an!“
(Werbespruch in den 1970ern.)

Als ich in den 1970er Jahren zu arbeiten anfing, da war es noch gang und gäbe, dass bei Bedarf auch die Führungskraft im Betrieb mit Hand anlegte – dass auch sie Kittel, Sicherheitsschuhe und Handschuhe benutzte und von Zeit zu Zeit im Produktionsprozess aushalf. Derartige Führungskräfte wussten irgendwann aus eigener Erfahrung, wie der Hase läuft, wo es welche Probleme gab und welches Personal sie wo und wie am erfolgversprechendsten einsetzen konnten. Sie hatten – genau wie ihre Mitarbeiter – durch eigene Erfahrungen gelernt. Sie erachteten in Folge solche Erfahrungen auch für wichtiger als bspw. Scheine und Zeugnisse. Scheine und Zeugnisse konnte jeder vorweisen, Erfahrungen dagegen nicht. Deswegen legten sie großen Wert darauf, erfahrene – verdiente! – Mitarbeiter zu halten, sei es durch Weiterbildung, bessere Entlohnung, Sonderleistungen oder eben, kurz ausgedrückt, durch Zukunftsperspektiven. Die Mitarbeiter ihrerseits hörten auf die Worte der Vorgesetzten, denn ihnen war durchaus bewusst, dass diejenigen, die da sprachen, auch wussten, wovon sie redeten.

Die nachhaltige und durchgreifende Veränderung in der deutschen Arbeitswelt begann in den 1980er Jahren mit der Machtergreifung der dicken Birne aus Oggersheim und seinem gerade erst im Entstehen begriffenen, neoliberalen Kurs, denn plötzlich standen nicht mehr Kenntnisse und Fähigkeiten an erster Stelle, sondern Seilschaften, Beziehungen und Herkunft – bis dato zwar auch schon wichtig, aber eben doch noch eher etwas untergeordnet – machten den „Boss“, den „Manager“ aus. Das von unten nach oben im Rahmen des Bewährungsaufstiegs etwas durchlässige System der deutschen Arbeitswelt wurde undurchlässiger, wurde sogar sozusagen abgedichtet. Bedeutet: Man bekam einen Job, seinerzeit nach kurzer Probezeit (vier bis zwölf Wochen) noch unbefristet und konnte in diesem Job alt werden. Auch das war noch eine Art von Lebensperspektive, denn man wusste, dass auch im nächsten oder übernächsten Monat das Gehalt kommen würde. So etwas gab Planungssicherheit – man konnte den Kauf eines Autos, den Bau eines Hauses, die Gründung einer Familie oder ganz einfach den nächsten Urlaub planen und brauchte sich keine Gedanken darüber zu machen, ob das binnen der nächsten paar Jahre noch finanzierbar sein würde. Karriere würde man allerdings ohne den richtigen „Stallgeruch“ niemals mehr machen können. Das stellte den ersten, gravierenden (und demotivierenden) Einschnitt dar.

„Es gibt viel zu tun – fangt schonmal an!“
(Persiflage in den 1980ern.)

In den 1990er Jahren begannen sich befristete Jobs durchzusetzen: Planungssicherheit adé! Wenn eine Führungskraft aber davon ausgeht, dass sie einen Mitarbeiter in durchaus absehbarer Zeit wieder los wird, dann lohnt es sich für das betreffende Unternehmen auch in keinster Weise, in die Weiterbildung eben dieses Mitarbeiters zu investieren oder Anreize in Form von Sonderleistungen zu schaffen. Manche Unternehmen hatten ihren Mitarbeitern in der Vergangenheit noch betriebseigene, vergünstigte Ferienreisen geboten. Das fiel jetzt weg. Weihnachtsgeld und dreizehntes Monatsgehalt? Vermeidbare Kosten! Erschwerend kam hinzu, dass die Tarifabschlüsse zu dieser Zeit kaum noch die Inflationsrate ausgleichen konnten, weil die Gewerkschaften zahnlos und handzahm gemacht (gekauft?) worden waren. Zur Jahrtausendwende hatte der typische Arbeitnehmer in Deutschland an Planungssicherheit eingebüßt, nur selten noch einen unbefristeten Job, keine Weiterbildung mehr, keine Sonderleistungen mehr, keine schlagkräftige Arbeitnehmervertretung mehr und für mitunter mehr Arbeit weniger Kaufkraft als je zuvor. Zugleich verlangten die Chefetagen, die schon längst keine eigenen Erfahrungen hinsichtlich des geleiteten Betriebs mehr vorweisen konnten, überproportionales Engagement: Motiviert so etwas etwa?

Nach der Jahrtausendwende kamen Schröder und Merkel mit ihrem vorsätzlichen Ausverkauf des einst recht gut funktionierenden Sozialstaates. Die Schere zwischen arm und reich klaffte ganz weit auseinander (Tendenz stark steigend). Der Arbeitnehmer zählt seither nicht mehr zum Know How eines Unternehmens, sondern ist zum unbedingt zu verringernden Kostenfaktor verkommen. Unbefristete Arbeitsverhältnisse stellen die ganz große Ausnahme dar und mit schier endlosen Probezeiten wird der Kündigungsschutz de facto ausgehebelt, von unzureichenden Löhnen gar nicht erst zu reden: Geld kommt von allein zu Geld und Armut wird zementiert. Aus dem Qualitätssiegel „Made In Germany“ ist eine reine Abstiegsgesellschaft geworden, in der die Arbeitnehmer bloß noch mit der Drohung einer Menschenrechtsverletzung namens Hartz-IV (und damit der Existenzvernichtung) zu prekären Jobs gezwungen werden. Bosse und Manager kennen – von einigen ganz wenigen „Fossilien“ einmal abgesehen – nur noch Zahlen und nicht mehr ihr Unternehmen, geschweige denn die dort zu erledigenden Arbeiten. Sie wechseln von einem Chefsessel auf den nächsten – warum sollten sie sich Erfahrungen hinsichtlich des gerade zeitweise geleiteten Betriebes überhaupt aneignen? Da reicht es doch völlig aus, die Bude mal gesehen zu haben, um nicht nur mitreden, sondern auch um Entscheidungen fällen zu können. Und die Arbeitnehmer (die sich auskennen) fragt sowieso keiner, denn die haben aufgrund ihrer niedrigen Position in der Hierarchie von Haus aus blöde zu sein!

„Es gibt viel zu tun – nehmen wir zeitweise einen neuen Mann!“
(Realität heute.)

Besagte Entscheidungen sind nicht selten – vielleicht sogar in der Regel – weltfremd hoch drei und daher nicht befolgbar. Als Konsequenz davon mauschelt jeder Arbeitnehmer vor sich hin und versucht zeitgleich, sich irgendwie den Rücken frei zu halten – was man auch niemandem verdenken kann. Denn ein Fehler (und Menschen machen nun einmal hin und wieder Fehler) wird seitens der neoliberalen Pseudoreligion, in der man das Geld anbetet, nicht toleriert. Ungeachtet bisheriger, u. U. Jahrzehnte langer erfolgreicher Arbeit, kann heute jeder noch so kleine Fehler tödlich sein und die eigene Existenz kosten – jedenfalls beim Arbeitnehmer. Denn was nützt dem ein hypothetischer Rechtsweg, wenn er in der einen Hand ein ihm Recht zusprechendes Urteil und in der anderen Hand die reguläre Kündigung als Lohn für das Durchsetzen seiner Rechte hält? Erfahrene Leute sind schnell entlassen. Falls das nicht klappt, dann mobbt man sie eben raus: „Kreatives Personalmanagement“ nennen sich die betreffenden, steuerlich absetzbaren Seminare. Anschließend bejammert der Arbeitgeber einen vermeintlichen „Fachkräftemangel“, dadurch verursacht, dass er niemanden (mehr) findet, der ihm für viel zu miese Bedingungen seine Taschen füllt.

Unternehmen können der Frustration nur punktuell entgegen steuern – durch (früher selbstverständliche) Sonderleistungen, unbefristete Verträge, gute Löhne, Karrierechancen, Weiterbildungen etc.: Alles schonmal dagewesen und es hat gut funktioniert! Dazu allerdings bedarf es eines Umdenkens in den Führungsetagen. So ein Umdenken müsste auf ganz breiter Front einsetzen, was allerdings dem elitären Gehabe von so manchem Boss zuwider laufen dürfte und was im Grunde genommen auch mit der neoliberalen Pseudoreligion unvereinbar ist – denn dann müsste der Mensch (wieder) im Mittelpunkt stehen und eben nicht das Geld. Bis das allerdings eintritt, werden die Arbeitnehmer wie gehabt reagieren: Ein Job ist Arbeitsleistung gegen Entlohnung auf vertraglicher Grundlage. Nicht mehr und nicht weniger. Wenn es ein schlechter Lohn ist dann resultiert daraus auch eine schlechte Arbeitsleistung. Wer es am längsten schafft, auf diese Weise zu überleben, der gewinnt! Wen wundert’s unter diesen Bedingungen dann noch, wenn die deutschen Arbeitnehmer als Frustweltmeister bezeichnet werden? Der Frust ist seitens unserer vielgepriesenen Wirtschaft hausgemacht mehr als nur berechtigt!