Leben mit dem Lockdown in Corona-Zeiten … Social Distancing ist angesagt. OK, ich lebe im Norden. Wenn da einer in zwei Metern Entfernung vorbei geht und „Moin“ nuschelt, dann ist das bereits eine überaus herzliche Begrüßung, denn wir hier im Norden haben das Social Distancing ja quasi erfunden. Geht man durch den Ort, dann geht man durch eine Geisterstadt. Es sind kaum noch Menschen unterwegs und auch der Autoverkehr hält sich in engen Grenzen; zum Ausgleich dafür sieht man leere Parkplätze und das ist nun ein völlig ungewohntes Bild. Nur noch die lebensnotwendigen Geschäfte haben geöffnet, wenngleich auch mit z. T. verkürzten Öffnungszeiten: Lebensmittel-, Getränke- und Drogerieläden, Tankstellen o. ä. So ziemlich alles andere ist geschlossen, Ämter und öffentliche Einrichtungen inklusive. Selbst die Postzustellung ist offensichtlich reduziert worden und auch das normalerweise zweimal wöchentlich erscheinende Werbeblättchen gibt’s nur noch einmal – wenn überhaupt.

Das Schild „Wir haben geöffnet“ vor der Bäckerei wirkt geradezu deplaziert und wie aus einer anderen Zeit. Der Begriff „Einkaufserlebnis“ erhält aktuell, wo sich (fast) alle an das Social Distancing halten und viele hamstern, eine ganz neue Bedeutung. Das beginnt schon vor dem Betreten der Märkte. Die Anzahl der Einkaufswagen ist drastisch reduziert worden und das Betreten der Märkte nur noch mit Einkaufswagen gestattet. Damit begrenzt man die Anzahl der Kunden. Um das zu überwachen ist ein Angestellter aus dem Markt beauftragt worden, der an der Tür steht. Ist man erst einmal drinnen, dann stellt man fest: Brot und Brötchen gibt’s nach der Mittagszeit nicht mehr – alles leergekauft. Leer sind auch die Regale mit Konserven jeglicher Schattierung, mit Klo- und Küchenpapier sowie mit Mehl. Die Kühltruhen weisen nur dann noch Inhalte auf, wenn kurz zuvor Ware angeliefert worden ist. Aber auch ganz punktuelle Waren wie bspw. Hefe sind nicht mehr zu bekommen. Unübersehbare Schilder weisen darauf hin, dass pro Kunde je nach Ware nur ein oder zwei Teile mitgenommen werden dürfen.

Bei den Kunden selbst sind zwei Gruppen zu unterscheiden. Diejenigen, die mit Handschuhen und Atemschutz bewaffnet immer noch vergeblich zu hamstern versuchen, wie an den übervollen Einkaufswagen unschwer zu erkennen ist – wobei man bei 120 Nanometer großen Viruspartikeln über Sinn oder Unsinn von so einer 08/15-Maske durchaus geteilter Meinung sein darf. Und diejenigen, die ganz irritiert auf besagte Gruppe schauen und die nur die gerade für den betreffenden Tag benötigten Waren einpacken – so sie die denn noch finden.

Ich kaufe für zwei Haushalte ein, nämlich für uns und für unsere drei Pflegefälle, die schon seit Monaten das Haus nicht mehr verlassen haben. Ich koche auch für zwei Haushalte, und zwar nahezu täglich. Meine Frau und ich allein könnten so rein vorratsmäßig wohl durchaus gut eine Woche überbrücken, aber bei zwei Haushalten gehen die Sachen schnell weg. Um die Zutaten für das Essen zusammen zu stellen ist folglich Improvisationstalent gefragt: Was kann man womit strecken, um auf die gewünschte Menge zu kommen? Ich rechne pro Nase und Mahlzeit so um die 300 Gramm (vor der Zubereitung; da geht natürlich noch das Wasser raus). Die Portionen sind dann eher klein. Aber fünf Personen mal dreihundert Gramm sind schon anderthalb Kilo. Das Meiste ist nur in 450g-Tütchen abgepackt: Arschkarte, wenn man nur maximal zwei Packungen mitnehmen darf! Folglich muss gemischt werden was irgendwie zusammenpasst, damit man an der Kasse keinen Aufruhr verursacht.

An der Kasse sind Markierungen auf dem Fußboden angebracht, die vorgeben, wo man sich hinzustellen hat – damit der Sicherheitsabstand gewahrt bleibt. Die Kasse ist von einer eilig errichteten Plexiglashülle umgeben. Manche Verkäuferinnen tragen Handschuhe. Manche Atemschutzmasken. Bezahlen soll man mit Karte, möglichst kontaktlos. Und wenn die Karte das nicht kann??? Dann wird man schon seltsam angeschaut, wenn man die PIN einzutippen hat. Und wenn man bar bezahlen will – cash Kralle? Dann wird man angeguckt als wäre man ein Alien. Manche Märkte nehmen gar kein Bargeld mehr. Manche schon – aber das Geld ist dann in eine Schale zu geben und auch das Wechselgeld gibt’s in einer Schale zurück. Die Schale wird anschließend desinfiziert. Bei manchen Märkten werden von den dort Beschäftigten auch die Griffe der Einkaufwagen nach dem Einkauf desinfiziert. Ein solcher Einkauf dauert deutlich länger als gewohnt; das fängt schon mit dem Schlangestehen beim Warten auf einen freien Einkaufswagen an. Außerdem bekommt man nicht alles und muss sich auf die Suche machen: Im zweiten Markt, im Dritten, im Vierten – und u. U. sogar noch in den Nachbarort fahren! Inzwischen kalkuliere ich für’s tägliche Einkaufen hier auf dem Dorf zwei bis drei Stunden ein. Das ist gut doppelt soviel wie in normalen Zeiten.

Irgendwann hat man zusammen was man braucht und kommt nach Hause. Die Pflegefälle warten schon. Sie sehen, wie man die Einfahrt reinfährt, sehen wie man das Auto auslädt und bringen es dennoch fertig zu fragen, kaum dass man das Haus betritt: „Haste Essen gemacht?!? Wir ham Hunger!“ Äh, nein … – beim Autofahren Kochtöpfe zu schwingen kommt nämlich nicht wirklich gut. Und früher losfahren bringt aufgrund der veränderten Öffnungszeiten nichts. Man versucht, denen das zu erklären, doch bei fortgeschrittenem Alzheimer und fortgeschrittener Frontotemporaler Demenz stößt man nur auf totales Unverständnis und massive Ablenhung. Wenn es zu allem Überfluss das, was die haben wollten, nicht gibt, dann wird’s richtig haarig. Begründet man den Versorgungsengpass mit der Corona-Krise, dann kommt doch tatsächlich ein realitätsverweigerndes: „E-e, du lügst ja; das hast du dir nur ausgedacht!“ Das Kochen des Essens dauert anschließend auch noch seine Zeit.

Die Kaputten nehmen die sich ergebende Verzögerung selbstverständlich persönlich: „Du wilst uns verhungern lassen! Du faule Sau; du tust ja nie was!“ Reine Nervensache. Zum einen Ohr rein, zum anderen wieder raus. Außer wenn sie in ihrem demenzbedingten Wahn physisch aggressiv werden. Dann lässt man sie eben ins Leere laufen. Wenn die sich dabei auf die Fresse legen ist das deren Problem – jeder hat ein Recht auf Sturz – und Selbstschutz geht vor! Erste Hilfe leisten oder einen RTW rufen kann man ja hinterher immer noch. Alles schon dagewesen. Vor allem aber ist es überaus erstaunlich, wie blitzartig die Pflegefälle von ihrem Aggrotrip wieder runter kommen, sobald Fremde das Haus betreten. Die Sache mit den bargeldlosen Zahlungen denen klarmachen zu wollen ist ein Ding der Unmöglichkeit: „Wieso??? Is‘ doch Geld!“ Während über die Karte nur gesagt wird: „Das is‘ so’n Ding da!“

Dazu kommt noch das ständige Gejammere. Einerseits hatten die sich – als sie einen lichten Moment hatten – jegliche Besuche von außen aufgrund der Infektionsgefahr verbeten. Anderereits vergeht kein Tag, an dem nicht lautstark-brüllend gejammert wird, dass die keiner besuchen kommt. Ja, watt denn nu‘? Die einfachste Lösung besteht darin, abzuwarten, bis die Kaputten sich wieder eingekriegt haben. Nach Stunden – oder wenn sie sich heiser geschrien haben. Einfach ist es jedenfalls nicht. Einfach ist es mit Demenzkranken nie – das ist immer ein Horrortrip für alle beteiligten Parteien. Doch beim Corona-bedingten Lockdown verschärft sich die häusliche Pflegesituation noch einmal ganz extrem, denn die Alten sind in vielfacher Hinsicht viel schlimmer als Kinder. Ein Kind begreift irgendwann was los ist. Ein Demenzkranker hat es nach zehn Sekuden wieder vergessen und nimmt alles persönlich. Dann bricht sich der demenzbedingte Egoismus seine Bahn, i. d. R. mit grundlosen Unterstellungen und daraus abgeleiteten Beschimpfungen. Da kann man sich nur immer wieder sagen: Die sind krank. Die raffen das nicht. Die sind unzurechnungsfähig. Sonst reagiert man irgendwann selbst aggressiv. Und man muss auf seinen Selbstschutz achten … 😦