Mir scheint, als gäbe es bei Pandemien – und Corona ist nur ein Beispiel dafür – auch einen ganz ausgeprägten sozialen Aspekt, der leider nur allzu gerne unter den Teppich gekehrt wird. Nehmen wir mal ein Schwellenland. Wenn ein dortiger Bauer Land benötigt und keins hat, dann muss er ein Stück Urwald selbst urbar machen. Tut er und züchtet draufhin vielleicht Schweine. Ein großer Baum ist stehen geblieben. Obendrin hängen Flughunde. Die lassen was fallen. Das landet im Schweinetrog. Die Schweine fressen das und im Schwein entsteht durch Mutation ein neues Virus. Der Mensch schlachtet das Schwein um es zu essen: Die Infektionskette steht. Anderes Beispiel: Du kaufst dir ein Handy. Darin ist Tantal verbaut. Das gewinnt man aus Coltan-Erz. Coltan-Minen gibt es weltweit nicht viele. Die, die es gibt, befinden sich immer in der Nähe von Ur- und Regenwäldern. Das Erz wird durch ausbeuterische Kinderarbeit abgebaut. Die Kinder müssen dazu aber ernährt werden. D. h. irgendwann geht irgendwer in den Wald und schießt ein Wildtier, welches im Anschluss gegessen wird: Die Infektionskette steht.

Bleiben wir noch etwas bei den Schwellenländern. Für die dortige Bevölkerung lässt sich Geld nur in den Städten verdienen. Das zieht (wie z. B. in Indien) Wanderarbeiter an. Irgendwann schafft es das neu entstandene oder aus dem Tierreich importierte Virus, seinen Weg auf einen Markt in der Stadt zu finden, vorzugsweise auf einen „Wet Market“. Das kommt der Zündung einer biologischen Bombe gleich, denn jetzt springt es auf Menschen, die dicht gedrängt leben und die viele Kontakte untereinander haben, über. Wenn der Wanderarbeiter irgendwann die Stadt verlässt, dann verteilt er den Erreger im ganzen Land. Wenn der Flugreisende – ganz egal ob Tourist, Geschäftsmann, Wissenschaftler, Politiker oder wer auch immer – das Land verlässt, dann verteilt er den Erreger weltweit. Je ansteckender der Erreger und je länger seine Inkubationszeit ist, desto größer ist die folgende Durchseuchung.

Auf diese Weise gelangt der neue, gefährliche Erreger in eine Industrienation. Zunächst unerkannt breitet er sich auch dort aus. Nun kommt der Punkt, an dem differenziert werden muss. Existiert in dem hochentwickelten Land ein für alle gleiches und gutes Sozialsystem, dann geht derjenige, dem es schlecht geht, zum Arzt. Eine Krankheit wird diagnostiziert. Er wird krank geschrieben, bleibt zuhause, kommt u. U. ins Krankenhaus, wird vielleicht sogar isoliert: Infektionsgefahr für andere gebannt! Bei einer Zweiklassenmedizin jedoch verhält es sich grundlegend anders. Wer wirtschaftlich nicht besonders gut aufgestellt ist, der arbeitet weiter – irgendwie, weil er die paar Kröten unbedingt zum (Über)leben braucht. Bis er umfällt. Keine großartige Diagnose oder gar Ursachenforschung, dafür aber viele Kontakte mit anderen Menschen und ergo auch viele Neuansteckungen. Oder der Betreffende stirbt zuhause langsam vor sich hin. Wer würde da schon Ursachenforschung betreiben und auf die neue Krankheit tippen? Derartige Fälle fehlen anschließend in der offiziellen Statistik, so das die falsche Zahlen liefert. Zahlen allerdings, auf deren Grundlage sich die Verantwortlichen, die im Grunde genommen versagt haben, auf die Schulter klopfen und als Krisenmanager präsentieren können.

Aber das ist nur die eine Seite der Medaille. Die andere sieht so aus, dass der Betreffende aus der Unterschicht auch vorher aus Kostengründen die Arztbesuche so gut es eben geht vermieden hat – hat vermeiden müssen um nicht sein ihm nach H4 und Minijobs verbliebenes, winziges Bisschen an Lebensstandard auch noch einzubüßen. Im Laufe der Zeit hat er genau dadurch ein paar unbehandelte Vorerkrankungen angesammelt – hier eine Allergie, da ein Blutdruck-, Kreislauf-, Nieren-, Darm- oder Herzproblem usw. Je mehr Vorerkrankungen, desto empfänglicher ist er gegenüber dem neuen Erreger. Der hat in der Unterschicht eben deswegen nämlich freie Bahn: Das ist der soziale und sozialmedizinische Aspekt einer Pandemie in einem neoliberalen Wirtschaftssystem! Da braucht sich im Grunde genommen auch kein Mensch mehr zu wundern, wenn die Unterkünfte der Arbeiter von Schlachthöfen oder wenn die Paketzusteller bzw. -sortierer zu Hotspots werden.

Das Berücksichtigen solcher sozialmedizinischen Aspekte jedoch geht gar nicht, denn das würde ja die neoliberale Pseudoreligion mit ihrem Mantra von der Umverteilung von unten nach oben in Frage stellen. Das will selbstverständlich kein Politiker! Jedenfalls keiner mit dicken Beraterverträgen und fetten Nebeneinkünften aus der Wirtschaft. Stattdessen versucht man, die verfahrene Situation für die Wirtschaft so bequem wie möglich zu gestalten. Sprich: Man schüttet Geld aus – ganz viel Geld! Das bekommt aber nicht derjenige, der es wirklich nötig hätte – also der kleine Mittelständler um die Ecke oder der Minijobber oder der ausgebeutete Zeitarbeiter oder gar der H4-Abhängige (die erhalten gar nichts und können zusehen, wie und wovon sie überleben) – sondern stattdessen das Unternehmen, welches seinen Managern der Krise zum Trotz dicke Boni und seinen Aktionären satte Dividenden zahlt. Anders gesagt: Diejenigen, die die eigentliche Arbeit machen, gehen im Grunde genommen leer aus. Das verbessert ihre Situation nicht wirklich – ganz im Gegenteil sogar, denn durch Insolvenzen schwillt die Unterschicht der Habenichtse (und damit der ersten Opfer des Erregers) jetzt nur noch mehr an.

Echte Volksvertreter sollten sich folglich bemühen, große soziale Unterschiede und Zweiklassenmedizin allein schon im Sinne der Volksgesundheit zu vermeiden. Die anderen aber gehen einen anderen Weg. Um Milliardenhilfe vorzugsweise für diejenigen, die solcher Hilfen gar nicht bedürfen, finanzieren zu können, wollen sie neue Steuern einführen oder aber sogar diejenigen, die jetzt nichts oder so gut wie nichts bekommen haben, unverschämterweise für die Reichen zur Kasse bitten. Sie sehen nicht, dass sie alles dadurch nur verschlimmern würden. Oder aber sie sehen es und es ist ihnen gleichgültig. Möglicherweise gibt es aber auch noch andere Varianten: Entweder sie sind zu inkompetent um die Konsequenzen ihrer Forderungen abschätzen zu können oder aber sie sind so skrupellos, dass ihnen Otto Normalverbraucher scheißegal ist. In allen vier Fällen muss man sich allerdings ernsthaft fragen, ob solche Typen wirklich Volksvertreter sein können. Oder ob nicht vielleicht der Begriff „Volksverräter“ viel zutreffender wäre!

Ein echter Volksvertreter würde aus der Corona-Pandemie seine Lehren ziehen und alles daran setzen, soziale Unterschiede in der Bevölkerung, für die er verantwortlich zeichnet, zu minimieren – durch gute Löhne, Wohnraum, Vermeidung von Umverteilung etc. Er würde auch „sein“ Gesundheitssystem auf Vordermann bringen und einen Aktionsplan für künftige Ereignisse ähnlicher Art aufstellen. Er würde auf Fachleute hören, nicht auf Seilschaften in Politik und Partei. Er würde insbesondere auch darauf hinarbeiten, dass der Mensch wo auch immer der Natur nicht zu sehr auf die Pelle rücken muss – durch humanitäre Programme, Bildungsprogramme, nachhaltige Wirtschaft mit Recyclingprodukten usw. Leider fällt mir zu dieser Idealvorstellung eines kompetenten Politikers gerade kein passender Name ein. Der Betreffende wäre dann, wenn man Winston Churchills Ausspruch zugrunde legt („… ein Politiker blickt auf die nächste Wahl – ein Staatsmann auf die nächste Generation …“) wohl auch eher ein Staatsmann als ein Politiker. Doch es scheint mir, als wären Staatsmänner inzwischen ausgestorben.

Aktuell dreht sich – verständlicherweise – alles um die Bekämpfung der Seuche, eine Seuche mit Ansage, doch die Ansage ist ignoriert worden. Irgendwann in den kommenden Jahren wird es wahrscheinlich ein Gegenmittel geben, auf welcher Grundlage auch immer. Doch Corona wird uns auch unter Garantie dauerhaft erhalten bleiben. Mir ist nur eine einzige Krankheit bekannt, die auftrat und von selbst wieder verschwunden ist. Das war Lethargica in den 1920er Jahren. Alle anderen Erreger, die einmal den Einbruch in die menschliche Spezies geschafft haben, sind uns erhalten geblieben – Pest, Cholera, Masern, Typhus, Mumps, Polio, Gelbfieber, Ebola, Tetanus, Tuberkulose, Windpocken, Diphtherie, Marburg, HIV, EHEC und wie sie alle heißen. Es ist allein schon die Wahrscheinlichkeit, die ganz massiv dagegen spricht, dass Corona wieder von selbst verschwindet. Und doch tun unsere Verantwortlichen gerade so, als ob genau das der Fall sein wird. Können die denn in die Zukunft blicken? Oder schöpfen die ihre Weisheit vielleicht doch nur aus dem Bodensatz eines leeren Bier- bzw. Wein- oder Schampusglases?

Wenn wir aber so weiter machen wie bisher – wenn wir uns also so verhalten, als hätten wir einen zweiten Planeten in Reserve, von unten nach oben umverteilen und dem Wahnsinn des unbegrenzten Wachstums im begrenzten System anhängen – dann (und da bin ich ganz sicher!) ist Corona nur der vergleichsweise harmlose Anfang. Dann ist es die erste Pandemie von vielen und jede davon dürfte mit irgendeinem neuen Erreger irgendwo aus einem Ur- oder Regenwald kommen. Wenn wir dann NICHT in sozialmedizinischer Hinsicht, in Bezug auf Bildung und Forschung und – selbstverständlich – wirtschaftlich gewappnet sind, dann war’s das für unsere Zivilisation. Sicher, ein paar Mitglieder der Spezies Mensch werden immer irgendwo überleben. Aber unter welchen Bedingungen? Eine Pandemie kann für uns genauso gründlich und final sein wie der Asteroideneinschlag in Yucatan es vor 66 Millionen Jahren für die Dinosaurier gewesen ist. Dazu brauchen wir nicht mal ein Virus aus irgendeinem Waffenlabor. Dazu reicht es völlig aus, das „Immunsystem“ von Mutter Erde zu aktivieren .