„Geht nicht gibt’s nicht!“
(Norddeutsche Alltagsweisheit)

Ich habe ja mal in so einer Art von „früherem Leben“ rund ein Jahrzehnt lang u. a. am Rasterelektronenmikroskop (kurz „REM“) gearbeitet. Es handelte sich um eine Tätigkeit, die mir wirklich Spaß machte. Als ich den Job aus gutem Grund wechselte – nach einer Unternehmensberatung durch McKinsey, woraufhin „wirklich nur rein zufällig“ Scientology im Unternehmen Fuß fasste – da war Schluss mit der Arbeit am REM. Schade drum – obwohl: Das war vielleicht angesichts der Röntgenstrahlung, die man sich bei so einer Tätigkeit zwangsläufig einfängt (weil die mit 10-20% Lichtgeschwindigkeit auf das Präparat schießenden Elektronen zur kräftigen Röntgenemission führen) auch ganz gut so. Doch meine Faszination für den Mikroskosmos um uns herum hat niemals nachgelassen. Dann kamen das Internet und die verschiedenen Windows-Versionen. Vor zwanzig Jahren besorgte ich mir für zwanzig Mark auf einem Flohmarkt ein Digitalmikroskop für Windows 95. Um’s kurz zu machen: Ich habe die Krücke niemals zum Laufen gekriegt und später irgendwann als Elektroschrott entsorgt.

Vor ein paar Wochen stieß ich dann auf ein Angebot – halber Preis – für ein aktuelles Digitalmikroskop, ein koreanisches Produkt (wie ich vermute – jedenfalls kommt die zugehörige Software aus Korea). Was mich dabei ganz besonders reizte: Das Mikroskop soll auch am Smartphone unter Android 5-9 laufen. Daneben noch unter Windows 7-10, aber das interessierte mich weniger. Deswegen soll es hier in diesem Beitrag auch ausschließlich um die Kombination aus Mikroskop und Smartphone gehen. Vor ein paar Tagen erfolgte die Lieferung: Es handelt sich um ein typisches Plug-And-Pray-Teil! Aber immerhin: Ich hab’s mit viel Rumprobieren und Internetrechechen am Handy zum Laufen gekriegt und finde die damit gemachten Bilder eigentlich ganz ordenlich.


Ein textiler Mund-Nasen-Schutz (MNS) gegen Corona: Stell‘ dir einfach mal vor, das Bild wäre bei einer Auflösung von 1366*768 Pixel formatfüllend auf dem Bildschirm. Dann wäre das Virus ungefähr ein Pixel groß und würde, wenn es nach gewissen fachlich unbeleckten Politclowns geht, nicht durch die Löcher zwischen den Maschen passen. Genial, nicht wahr? Ob das Virus das auch weiß?

Aber der Reihe nach. Geliefert wird eine kleine Pappschachtel von 13*14*5cm. Da ist das Mikroskop drin. Samt Anschlusskabel, welches allesdings nicht steckbar, sondern fest integriert ist. Der weitere Lieferumfang besteht aus einem klapprigen Wackelhalter (der wirklich einen Award für den am billigsten hingepfuschten Murks der Welt verdient), einer Mini-CD, aus einem Adapter USB 2.0 auf USB 3.0 und aus einem Kalibierungsstreifen für Messungen im Mikrobereich. Das Anschlusskabel ist insofern pfiffig konstruiert, als dass man einen USB2-Stecker hat, der z. T. weggeklappt werden kann und wobei dann ein Micro-USB-Stecker zum Vorschein kommt. Den kann man als OTG-Kabel direkt in das Handy nageln. Was hier positiv auffällt, das fällt beim Halter negativ auf: Billiger und klappriger hätte der nun wirklich nicht ausfallen können und mit eingesetztem Mikroskop fällt er auch oft und gerne um, weil der Schwerpunkt ganz woanders liegt. Da werde ich mich künftig mal auf Flohmärkten nach Laborstativ mit Stativklemme umsehen müssen, um einen wirklich brauchbaren Halter basteln zu können.

Werfen wir nun einen Blick auf die Software (Stand März 2017, also nicht wirklich aktuell), sprich: Auf die CD. Darauf sind zu finden: Die Software für Windows (habe ich noch nicht ausprobiert, erfordert aber NET-Framework 2.0), PDF-Bedienungsanleitungen in Englisch, Französisch und Portugiesisch sowie eine App „camerafi.apk“ für Android-Handys. Also nichts mit Google-Play-Store, sondern eine APK-Installation. Wie geht das? APK-Datei per PC auf die Speicherkarte des Smartphones kopieren, unter „Einstellungen/ Sicherheit/ Unbekannte Herkunft“ die Installation von Apps aus unbekannten Quellen zulassen (dabei alle damit einher gehenden Sicherheitswarnungen ignorieren), dann die zum Smartphone gehörige App „Downloads“ aufrufen, zum Ordner mit der APK-Datei navigieren und die von der Downloads-App aus starten (dabei selbstverständlich wieder alle Warnungen ignorieren).


Eine unserer Tischdecken – und die ist offensichlich sehr viel dichter gewebt als der o. e. MNS.

Habe ich gemacht. Die Mikroskop-App „CameraFi“ wurde anstandslos installiert. Es trat dabei nur ein klitzekleines Problem auf: Sie funktionierte nicht! Bedeutet, dass sie das angeschlossene Mikroskop nicht erkannte. Da konnte ich machen was ich wollte! Allerdings erschien ein kleines Fenster, welches darauf hinwies, dass es eine neuere Version der App im Google-Play-Store gibt. Praktisch dabei war der Button um die direkt herunterladen zu können. Versuchte ich: Google konnte die App allerdings nicht finden – Mist! Ich schaute mir die APK-App auf dem Handy genauer an und recherchierte deren Hersteller. Das war VaultMicro in Seoul. Anschließend suchte ich im Google-Play-Store nach einer App mit ähnlich lautendem Namen vom gleichen Hersteller und wurde mit „CameraFi2“ fündig. Der Hersteller liefert auf seiner Webseite auch eine Kompatibilitätsliste. Mein Handy, ein Motorola Moto G4+, steht nicht drauf. Also: „Versuch macht kluch …“ Die APK-App „CameraFi“ deinstalliert und durch die Google-Play-Store-App „CameraFi2“ ersetzt. Und … – hurra, das Mikroskop wird erkannt!

Betrachten wir nun aber erst einmal das Mikroskop selbst. Es ähnelt dem Griff eines ordentlich großen Schraubendrehers. Am einen Ende kommt das Anschlusskabel raus. Am anderen Ende befindet sich eine transparente Plexiglaskappe, dahinter die Optik und rings um die herum kreisförmig angeordnet acht verdammt helle LEDs zum Ausleuchten des Objekts. Dann gibt es am Korpus noch einen Drehring für die Vergrößerung von 40-fach bis 1000-fach. Daneben sind noch zwei rote Knöpfe, beschriftet mit „Zoom“ und „Snap“ zu finden. „Snap“ soll das Bild aufnehmen, bis hin zu Full HD respektive 1920×1080px. „Zoom“ soll einen 5-fach elektronischen Zoom bereitstellen. Soweit die Beschreibung auf der CD. Kann sein, dass sich das mit der Windows-Software auch wirklich so verhält, doch das habe ich – wie schon gesagt – nicht bzw. noch nicht ausprobiert. Am Android-Smartphone jedoch läuft alles anders.


Irgendein Wildgras aus dem Garten: Man beachte die Blüte des Grases! Mit bloßem Auge sieht man so etwas nicht.

Zuerst muss man die App starten und wird mit Werbung abgenervt. Manchmal kann die beseitigt werden; manchmal muss man die App aber auch mehrfach beenden und neu starten, weil sich die ätzende Werbung nicht wegwischen oder überspringen lässt. OK, irgendwann läuft’s schließlich. Erst jetzt – NIEMALS VORHER – das Mikroskop anstöpseln. Warum? Hält man die Reihenfolge nicht ein, dann kann man das Mikroskop zwar als Taschenlampe verwenden, aber das war’s dann auch schon. Nun muss noch zweimal der USB-Zugriff auf das Mikroskop bestätigt werden. Gesagt, getan. Jetzt funktioniert’s! Jedenfalls so halbwegs. Die beiden roten Knöpfe des Mikroskops funktionieren am Handy überhaupt nicht – sie sind Makulator. Auch eine 1000-fache Vergrößerung gibt’s nicht, denn der Einstellring für die Vergrößerung dient jetzt nur noch dem Fokussieren bei einer unveränderbaren Vergrößerung. Die schätze ich anhand des mitgelieferten Kalibirierungsstreifens auf ungefähr 40-fach.

Kommen wir nun zum Zusammenspiel von Smartphone, App und Mikroskop. Das Mikroskop frei Hand zu bedienen ist unmöglich. Einen Halter dafür braucht man zwingend. Ergo wird es in den klapprigen Wackelhalter eingesetzt. WICHTIG: Nicht vergessen, die ganz leicht zu übersehende Staubschutzkappe vor der Optik abzunehmen! Das Bild erscheint auf dem Screen des Smartphones – allerdings um 180° gedreht (jedoch NICHT spiegelverkehrt). Macht aber nichts, denn erstens kann man das mittels Bildbearbeitung korrigieren und zweitens tut die Lage des Objekts im Mikrobereich sowieso nichts zur Sache. Video funktioniert zwar (irgendwas im MP4-Container), aber wer braucht das schon? Ich jedenfalls nicht. Bilder werden mit der App geschossen (da das Kamerasymbol antippen). Theoretisch soll man die Bilder auf der SD-Karte ablegen können. Habe ich ausprobiert: Geht nicht – sie sind hinterher einfach nur weg! Standardmäßig wandern sie in den Internspeicher des Smartphones (da unter „DCIM/CameraFi2/image“ zu finden; Videos liegen unter „DCIM/CameraFi2/video“) und da sollte man den Speicherort auch tunlichst belassen.


Ein ganz normales Gänseblümchen …

Für die Bilder sind die Formate SD (640×480px) und HD (1280×720px) vorgesehen. SD geht eher so in Richtung auf Thumbnail, daher UNBEDINGT HD wählen – zumal HD nach dem Wegschneiden des schwarzen Trauerrandes links und rechts vom Bild auf popelige 960*720px zusammenschrumpft. Für einen Abzug irgendwo zwischen 18*13cm und DIN A5 reicht das aber noch aus. Soll es größer werden, dann empfiehlt sich die spätere Bildbearbeitung mit dem SAR Image Processor, der – realistisch gesehen – immerhin für eine Verdoppelung der Bildgröße gut ist (läuft via WinE auch unter Linux). Wenn man ein Bild machen will, dann braucht man zwei Hände – jeweils eine am Mikroskop im Wackelhalter und eine am Smartphone zum Bedienen der App. Das haut aber hin! Da kann man mikroskopieren bis die Handgelenke quietschen … Oder bis der Handy-Akku „TILT!“ sagt. Weil das Mikroskop volle 500mA zieht. D. h. 5% Akkuverlust pro zehn Minuten sind die Regel und das Handy fängt an zu glühen. Irgendwann ist Feierabend! Ist die App dann nach dem Beenden abgeschaltet? Mitnichten! Unter „Einstellungen/ Apps/ CameraFi2“ muss das Beenden des Stromfressers erzwungen werden. Die aufgenommenen Bilder müssen selbstverständlich nachbearbeitet werden, aber mit dem Image Analyzer (Win-Freeware, per WinE auch mit Linux) zwecks Dekonvolution und mit dem JPG Illuminator (dito) für alles andere klappt das ganz gut.

Fazit: Mit den Entwicklern der App und dem Designer des Mikroskophalters würde ich mich ganz gerne mal unter vier Augen unterhalten – aber mit ’nem Baseballschläger in der Hand! Der Rest ist eigentlich ganz OK, denn schließlich habe ich das Ding ja (nach verdammt vielen Versuchen) zum Laufen gekriegt. Ein absoluter Fehlkauf ist es somit nicht. Würde ich es mir nochmal kaufen? Nein, definitiv nicht. Verglichen mit dem Teil von vor zwanzig Jahren (s. o.) ist das aber schonmal ein riesiger Fortschritt. Da muss ich wohl, um für wenig Geld ein wirklich voll funktonsfähiges Digitialmikroskop zu erhalten, bloß nochmal schlappe zwanzig Jahre warten – dann bin ich 82 Jahre alt. Wenn’s weiter nichts ist … Jedenfalls wird das ein herrliches Spielzeug für die grau-verregneten Wochenenden werden, an denen sonst nichts anderes anliegt.


Der gezackte Rand eines für das bloße Auge vermeintlich „runden“ Kleeblattes.