Morgens am Frühstückstisch: Im Radio wird von einem schweren Verkehrsunfall berichtet, bei dem der Verursacher – ein Fahranfänger – ums Leben gekommen ist. Ein anderer Tag und wieder läuft das Radio: Es wird ein schwerer Verkehrsunfall mit Toten erwähnt, bei dem ein Senior aus der Alterskategorie 75+ der Verursacher ist. Derartige Meldungen sind Standard. Unfälle, Alter und die Erfahrung seit dem Erwerb eines Führerscheins – all das scheint miteinander zusammen zu hängen. Da könnte man ja mal nach entsprechenden Statistiken suchen … – doch Fehlanzeige!

Man findet zwar Statistiken zu Verkehrsunfällen, doch die betrachten immer nur einzelne Altersgruppen – also Fahranfänger, die „mittlere“ Altergruppe oder Senioren oder einzelne Unfallarten. Was man nicht findet sind Zahlen, welche das Ganze berücksichtigen. Warum eigentlich nicht? Was man stattdessen findet, sind vereinzelte und i. d. R. auch veraltete Zeitungsmeldungen – so bspw. aus dem Jahr 2011 oder aus dem Jahr 2015. Die Zeitungs- und Radiomeldungen legen den Verdacht nahe, dass die meisten Unfallverursacher im Straßenverkehr in den Gruppen der Fahranfänger und der Senioren zu finden sind.

Muss das eigentlich so sein? Und was wird dagegen unternommen? Solche Sachen wie Abschreckungsmaßnahmen durch immer neue und immer teurere Bußgeldkataloge sind doch letztlich nur ein Herumkurieren an Symptomen und greifen die Problematik nicht ursächlich auf. Wenn man etwas verbessern will, dann muss man an der Ursache ansetzen – und eben da ist der Gesetzgeber gefragt. Nämlich einer, der Verkehrsminister und keine lobbygesteuerten Verkehrsministerdarsteller hat. Wird an dieser Stelle allerdings schon schwierig, ich weiß …

Aber was könnte man, von den politischen Querelen mal ganz abgesehen, wirklich tun, um das Fahren für Fahranfänger und Senioren sicherer zu machen? Alle Welt schließt sich gerade dem Hype mit den selbstfahrenden Autos an. Punktuell mag das vielleicht hinhauen, insgesamt aber betrachte ich das als einen Irrweg – und jeder, dessen Navi schonmal die Orientierung verloren hat, wird mir darin sicherlich zustimmen. Womit wir wieder beim Fahrzeugführer, beim Fahrer, wären. Das ist m. M. nach der Punkt, an dem angesetzt werden muss.

Ich selbst fahre jetzt seit über vierzig Jahren. Da ist schon einiges zusammengekommen, also so rein kilometermäßig ein Mehrfaches der Entfernung zwischen Erde und Mond. Es wird aber zunehmend schwieriger, weil die Anzahl der sich rücksichtslos verhaltenden und sich selbst überschätzenden Idioten rein gefühlsmäßig stark im Anstieg begriffen ist. Was einem da so unterkommt, das glaubt man nicht, wenn man es nicht selbst erlebt hat! Ein paar Beispiele gefällig? Hier sind mal die Top 5 meiner ganz perönlichen Hitliste:

Platz 1: Mir kommt ein Wohnmobil entgegen. Hinter dem Steuer eine junge Mutter mit ihrem Kind locker im Arm. Sie stillt es gerade.

Platz 2: Auf der A7 fahre ich an an einem LKW vorbei und der Trucker ist während des Fahrens damit beschäftigt, sich die Fußnägel zu schneiden.

Platz 3: Kolonnenverkehr auf der A2 und der Truck vor mir bremst. Ich bremse auch und mein Hintermann muss sich zwangsläufig anschließen. Als der Verkehr wieder fließt masturbiert der Schwachmat hinter mir mit seiner Lichthupe, zieht vorbei und versucht absichtlich, mich gegen die Leitplanke zu drängen. Hält an, steigt aus, schlägt auf die Motorhaube und brüllt mich an. Steigt wieder ein, setzt ohne Rücksicht auf Verluste rückwärts in den laufenden A2-Verkehr und verpisst sich.

Platz 4: Auf einer mehrspurigen Bundesstraße sehe ich im Gegenverkehr den Papi, der den Sohnemann auf dem Schoß hat und lenken lässt. Nicht angeschnallt und bei Tempo Hundert.

Platz 5: Auf einer mehrspurigen Bundesstraße sehe ich im Gegenverkehr den Hundebesitzer, dessen bester Freund ihm die Pfoten über die Schulter gelegt hat und der mich interessiert durch die Windschutzscheibe anguckt. Bei Tempo 120.

Werfen wir daher mal einen Blick auf die Fahreignung derer, die ein Fahrzeug führen. Sie benötigen einen Führerschein. Dessen Erwerb setzt eine Schulung in Theorie und Praxis sowie die jeweilige Prüfung voraus. Schön und gut, aber spätestens dann, wenn sich jemand hinter’s Steuer setzt, ist die Theorie wirklich nur noch graue Theorie und somit weitestgehend verzichtbar. Bei einigen Schwachmaten geht der Verzicht sogar soweit, dass sie rechts vor links nicht begreifen, eine Rettungsgasse mit einem Klettverschluss verwechseln und mit dem korrekten Blinken überfordert sind. Solche Menschen gehören m. M. nach aber auch nicht hinter’s Steuer!

Kommen wir nun zu den anderen – immer noch aus der Gruppe der Fahranfänger – welche die o. e. Fertigkeiten beherrschen. Durch Theorie sammeln die keine Erfahrungen. Die sammelt man nur durch die Praxis. Was spricht denn dann eigentlich dagegen, die Theorie zu reduzieren und stattdessen zwingend ein Fahrsicherheitstraining vorzuschreiben? Bei dem lernt man nämlich was man NICHT kann! Das wirkt der Selbstüberschätzung entgegen und fördert vorsichtiges Fahren. Selbstverständlich soll das Sicherheitstraining auch nicht mit dem teuren Fahrschulauto erfolgen – nein, die alte Rostschlurre mit zig Macken ist dafür viel geeigneter und macht dem Fahranfänger von vornherein klar, dass jedes Auto „irgendwie anders“ ist. Wer seinen Führerschein auf diese Weise macht, der weiß gleich von vornherein, womit er zu rechnen hat und worauf er sich einlässt.

Betrachten wir nun mal die Gruppe der Senioren. Da ich ü60 bin zähle ich mittlerweile vielleicht sogar selbst schon dazu. Doch ich fahre beruflich und muss alle fünf Jahre einen Gesundheits-Checkup nachweisen, der mir die Fahreignung bestätigt. Warum kann man das nicht allgemein für alle so handhaben? Sagen wir eine Überprüfung mit 60, 65 und 70. Danach bis 80 im Zweijahresturnus und ab 80 im Jahresturnus. Der Checkup umfasst Seh-, Hör- und Reaktionstest sowie Blutdruck-Kontrolle. Wer den Test nicht besteht oder verweigert wird seinen Führerschein zwar nicht los, aber versicherungsmäßig deutlich höher eingestuft – so, wie es bei Fahranfängern bereits heute schon der Fall ist. Wer den Test besteht fährt wie gewohnt weiter. Und wer vernünftig ist, einsieht, dass er gesundheitlich nicht mehr zum Fahren in der Lage ist und daher seinen Führerschein abgibt, der erhält im Gegenzug ab einem bestimmten Alter ein lebenslang gültiges, kostenloses Öffi-Ticket für ganz Deutschland. Wären das nicht mal Maßnahmen, die einer Überlegung wert sind?