„There is a theory which states that if ever anyone discovers exactly what the universe is for and why it is here, it will instantly disappear and will be replaced by something more bizarr and inexplicable. There is another theory which states that this has already happened.“
(Douglas Adams)

Der Mensch hat üblicherweise zwei Füße. Da passt ein Paar Socken drauf. Das sind dann zwei Stück. Die kauft man zusammen und die trägt man zusammen. Die packt man auch zusammen in die Wäsche. Für die Socken gilt dann: Jeder passt auf seinen Nachbarn auf! Und exakt an dieser Stelle beginnt ein Mysterium, ein absolut unerklärlicher Vorgang. Nach dem Waschen, Trocknen usw. sortiert man die saubere Wäsche wieder in die Schränke ein. In meinem Kleiderschrank habe ich einen Halter für Krawatten. Der wird kaum benutzt, weil ich Krawatten nicht ausstehen kann. Entsprechend Wenige sind da auch nur drauf. Irgendwann habe ich mal angefangen, diesen Halter auch mit einzelnen Socken zu bestücken – also mit den Teilen, die nicht vollständig aus dem Waschvorgang wieder zurück gekommen sind. Jetzt ist der Krawattenhalter voll. Aber nicht mit Krawatten. Sondern mit einzelnen Socken. Und deswegen habe ich begonnen, mir meine Gedanken über dieses Phänomen zu machen.

Socken treten normalerweise nicht einzeln auf. Sie leben seit jeher in einer festen, innigen Paarbeziehung. Aber irgendwie muss die Waschmaschine so eine Art von Scheidungsinstanz sein. Spaßeshalber habe ich – um dem Rätsel auf den Grund zu gehen – bei Google mal den Suchbegriff „verschwundene Socken“ eingegeben. Und siehe da: Rund 95.000 Treffer! Es scheint sich also um ein recht weit verbreitetes Phänomen zu handeln. Im Web fand ich dann irgendwo irgendwann mal eine mathematisch-wissenschaftliche Abhandlung, aus der hervor ging, dass die fehlenden Socken sich primär in die Ecken von Kissen- und Bettbezügen verkrümeln würden.

Nicht, dass ich die Beweisführung verstanden hätte. Integral- und Differentialrechnung sind nicht unbedingt mein Ding. Aber an der Idee war was dran. Deswegen suchte ich alle Kissen- und Bettbezüge durch. Aber Fehlanzeige: Da war nicht eine einzige Socke in irgendeiner Ecke versteckt. Soviel zur regulären Mathematik: Alles nur graue Theorie! Folglich sagte ich mir, die Socken müssen ja irgendwo bleiben. Mit Zigaretten und Getränken bewaffnet überwachte ich die Waschmaschine, den ganzen Waschvorgang von Anfang bis Ende, als wären es die Goldvorräte in Fort Knox. Ich wusste: Da sind die Socken paarweise reingekommen. Immer zu zweit. Als die Wäsche fertig war, fand ich wieder Einzelsocken.

Irgend etwas völlig Unheimliches geschieht also im Innern der Waschmaschine. Als naturwissenschaftlich gebildeter Mensch dachte ich mir, dass die fehlenden Socken noch in der Maschine drin sein müssten – vielleicht hatte sie die gefressen und vielleicht ernähren sich Waschmaschinen ja von Socken – und zerlegte das Ding, soweit es mir möglich war. Dabei ging ich ziemlich gründlich vor. Nach dem ich in der Laugenpumpe und im Fusselsieb nichts fand, nahm ich die Abdeckung ab – doch nur um festzustellen, dass der eigentliche Waschraum absolut dicht verkapselt ist. Und der war leer. In der Maschine jedenfalls waren die fehlenden Socken definitiv nicht mehr.

Jetzt bleiben eigentlich nur noch zwei Lösungsvarianten für das Problem übrig. Beide gefallen mir nicht sonderlich. Entweder ich bemühe das Gebiet der Esoterik und gehe davon aus, dass irgendwelche geheimnisvollen Voodoo-Kräfte auf die Socken einwirken und sie selektiv wegzaubern. Oder aber ich bemühe die Wissenschaft. Da gibt’s dann auch wieder zwei Möglichkeiten. Entweder, einer der Socken löst sich beim Waschen schlichtweg auf. Das nun aber widerspricht der physikalischen Chemie und würde bedeuten, dass während des Waschvorgangs im Maschineninnern bestimmte Naturgesetze außer Kraft gesetzt worden sind. Oder aber – die quantenphysikalische Erklärung – durch die Rotation der Waschtrommel wird das Raum-Zeit-Gefüge verzerrt, so dass winzige Wurmlöcher entstehen, durch die einzelne Socken hindurch passen, die auf diese Weise verschwinden können.

Wäre das denn überhaupt denkbar? Ich glaube schon. Betrachten wir dazu einfach mal das Tribar, also ein rechtwinkliges Dreieck mit einer Winkelsumme von 270°. Im normalen, rechtwinkligen Dreieck mit einer Winkelsumme von 180° lautet der Satz des Pythagoras „a²+b²=c²“. Im Tribar müsste er „½a+½b=c“ lauten u. d. h. dort wäre eine gänzlich andere Art von Mathematik vonnöten. Wenn man diesen Ansatz einmal intensiv verfolgen würde, dann dürften sich mit ziemlicher Sicherheit komplett neue Erkenntnisse einstellen und auf deren Grundlage würde sehr wahrscheinlich auch die zur Wurmlochbildung führende Verzerrung der Raum-Zeit-Struktur erklärbar sein: QED!

Gerade diese letztgenannte Variante verdient wirklich eine genauere Betrachtung, denn sie ist durchaus zukunftsweisend. Nicht genug, dass die 1977 gestartete Raumsonde Voyager auf ihrer einsamen Reise durchs All wahrscheinlich irgendwann mal einen von einzelnen Socken besiedelten Planeten vorfinden wird (auf dem dann vielleicht auch noch andere Spezies leben, also Schlüssel, Kugelschreiber, Brillen und andere auf rätselhafte Weise verschwindende Sachen) – nein, gerade auch mit Hinblick auf interstellare Reisen könnte es durchaus lohnenswert sein, die Vorgänge im Innern der Trommel einer Waschmaschine mal genauestens zu untersuchen. Und wer weiß: Vielleicht führt das ja irgendwann mal zur Entwicklung einer Enterprise, auf der Miele draufsteht. Bis dahin allerdings ist es noch ein weiter Weg. Bis dahin werde ich wohl gezwungen sein, unterschiedliche Socken tragen zu müssen. Und es bleibt unerklärlich und geheimnisvoll: Richtig unheimlich! 🙂