Im Rahmen der häuslichen Pflege von Demenzkranken durch Angehörige „knirscht“ es häufiger zwischen dem Kranken und dem Pflegepersonal. Ich möchte heute mal einen Aspekt davon beleuchten, der normalerweise nur am Rande Erwähnung findet, nämlich den krankheitsbedingt zunehmenden Egoismus des Erkrankten. Dazu muss ich allerdings vorausschicken, dass alles das, was nun folgt, auf reiner (jahrelanger) Erfahrung basiert und KEIN medizinischer Report ist. Bei der Demenz verhält es sich so, dass der Erkrankte jeden Tag ein kleines Stückchen seines Gedächtnisses verliert ohne es zu bemerken. Mal mehr und mal weniger, nicht selten schubweise. In dem Maße, in dem sein Gedächtnis nachlässt, wird er aber auch immer ichbezogener. D. h. sein Egoismus nimmt gewaltig zu! Der kann durchaus unerträgliche, ja geradezu schikanöse Formen annehmen. Wenn jemand dabei die Beherrschung verliert, dann wird das – so es bekannt wird – seitens der Medien reißerisch ausgeschlachtet und immer so dargestellt, als hätte ein Angehöriger sich nie um den Pflegefall gekümmert. Doch diese Darstellung ist m. M. nach grundfalsch und befriedigt nur die Sensationsgier von Menschen, welche keine Ahnung von der Materie haben!

Der Kranke hat im Normalfall kein Zeitempfinden mehr. Wenn er einen Wunsch äußert, dann erwartet er dessen sofortige, unmittelbare Erfüllung. Das aber bspw. das Kochen des Essens eine gewisse Zeit beansprucht, kann er mangels Zeitempfinden gar nicht mehr begreifen und da er das nicht begreift, beschuldigt er die Pflegekraft, sich nicht um ihn zu kümmern oder er unterstellt ihr gar, sie verhungern lassen zu wollen. Wenn der Erkrankte die Körperhygiene schleifen lässt oder verweigert, dann wird der Hinweis des Pflegepersonals, sich doch zur Abwechslung mal umzuziehen oder zu waschen, als beleidigender Affront aufgefasst und entsprechend unkooperativ-ablehnend (mitunter sogar beleidigend) fällt die Reaktion des Erkrankten auch aus, gar nicht mal selten äußerst lautstark und sich der Fäkalsprache bedienend. Hat der Kranke Wahnvorstellungen, dann sind die für ihn Realität und er erwartet, dass andere auf diese seine ureigene Realität eingehen – dass sie also seine Wahnvorstellungen teilen. Wer das nicht tut erfährt brüske Ablehnung. Wenn der Kranke stundenlangem Putzen auf Hochglanz zum Trotz seine Wohnung binnen höchstens zwei Stunden wieder in ein absolutes und für zivilisierte Menschen unbewohnbares Dreckloch verwandelt hat, dann hat er die schier endlose Putzaktion längst vergessen und gibt der Pflegekraft die Schuld an der selbstverursachten, stinkenden und von Fliegen oder Maden bewohnten Messie-Höhle. Diese Beispiele könnten noch beliebig erweitert werden; Demenzkranke erweisen sich diesbezüglich als wirklich sehr erfinderisch!

In allen diesen – leider alltäglichen – Fällen „knirscht“ es zwischen Pflegepersonal und Erkranktem gewaltig! Letzterer kann sich zwar nicht mehr daran erinnern, worum es im konkreten Fall gerade gegangen ist, sehr wohl aber baut sich angesichts der Häufung derartiger Zusammenstöße in ihm eine gewisse Abneigung gegen den pflegenden Anhörigen auf. Da die Demenz über kurz oder lang aber immer auch die sozialen Fähigkeiten beeinträchtigt, gerät der pflegende Angehörige irgendwann für den Kranken de facto zu einer Art von Feindbild – ein Feind, der ihm Vorschriften macht, der sich vermeintlich nie um ihn kümmert, der sich einmischt, ihn übergeht und-und-und. Den man daher gerne verbal und mitunter auch physisch angreifen kann – wobei der Kranke es paradoxerweise als vollkommen selbstverständlich voraus setzt, dass er kostenlos rund um die Uhr in ausnahmslos jeder Hinsicht rundum versorgt wird (putzen, Wäsche waschen, Essen kochen, Einkäufe, Behördengänge, Arztgespräche etc.). All das, so meint er, steht ihm zu und deswegen erfährt die pflegende Person auch so gut wie niemals ein Wort des Dankes. Das eine solche Pflege seitens des Angehörigen gar nicht sein muss – da sie freiwillig aus Altruismus heraus geschieht – und der Kranke auf sich selbst gestellt lebensunfähig geworden binnen Rekordzeit verwahrlosen sowie den Löffel abgeben würde kann der Demenzkranke mental gar nicht mehr erfassen. Auch diese Diskrepanz führt zum „Knirschen“.

Gänzlich anders hingegen verhält der an Demenz Erkrankte sich gegenüber Dritten oder gegenüber Angehörigen, welche nicht in den Pflegealltag eingebunden sind – die ihn vielleicht nur hin und wieder einmal kurz besuchen. Solche Personen zieht er den pflegenden Angehörigen unbesehen vor, weil sie eben NICHT tagtäglich darauf achten, wie sehr sich der Kranke daneben benimmt. Daraus folgt, dass diejenigen, welche die Arbeit mit ihm haben, instinktiv abgewertet und diejenigen, die nur einen lästigen Pflichtbesuch machen und die ansonsten keinen kleinen Finger rühren, entsprechend hoch angesehen sind. Zum fehlenden Dank für die pflegenden Angehörigen gesellt sich folglich auch noch deren Missachtung und Diskriminierung. Erst in sehr fortgeschrittenen Phasen der Demenz kann es vorkommen, dass der Kranke diesbezüglich überhaupt nicht mehr differenziert. Bis dahin allerdings sorgt er für eine äußert undankbare Vollbeschäftigung bei den pflegenden Angehörigen. Und wenn der Kranke dann irgendwann und unausweichlich einmal abtritt? Dann werden von ihm selbstverständlich diejenigen begünstigt, die er hoch angesehen hat und eben nicht diejenigen, welche jahrelang die ganze Arbeit mit ihm hatten. Dann „knirscht“ es in der ganzen Familie … 😦