Alle Jahre wieder – wenn nämlich Weihnachten unaufhaltsam droht, also spätestens im Dezember – spielt sich in unzähligen deutschen Haushalten ein Drama von ganz besonderer Art ab. Nein, ich meine nicht das unvermeidliche Keksebacken, welches gar nicht mal so selten in der Notwendigkeit einer vollständigen Küchenrenovierung mündet. Und, nein, ich meine auch nicht die verzweifelte Suche nach irgendwelchen SOS-Geschenken (SOS bedeutet Schlips, Oberhemd, Socken), die sowieso nur nutzlos die Kleiderschränke verstopfen. Ich meine etwas viel, viel heimtückerisches. Ich meine die fiesen Lichterketten!

Blicken wir mal zurück zum Jahresanfang, so etwa um den Dreikönigstag herum und manchmal auch erst kurz vor Ostern. Dann muss das braun-kahle Gerecke, das einst mal ein Weihnachtsbaum gewesen ist und welches jetzt nur noch Brandmasse allererster Güteklasse darstellt, endgültig weichen. Nachdem der ganze Baumschmuck runter und in den Kisten verstaut worden ist („Warum passt das nicht da rein – war doch vorher alles da drin, verdammt nochmal!“) bleiben noch die Lichterketten übrig. Wenn schon nicht am Baum, dann sicherlich doch aber draußen. Ich will hier gar nicht in Abrede stellen dass so etwas mitunter ganz hübsch aussehen kann, auch wenn manchmal die Grenze zu „Willkommen im Nachbarschaftspuff!“ geringfügig überschritten wird oder wenn manchmal Piloten die weihnachtliche Illumination mit einer Landebahnbeleuchtung verwechseln – das aber nur am Rande.

Kommen wir also auf die Lichterketten zurück. Man montiert sie ab – schön vorsichtig, damit nichts kaputt geht – und packt sie gut aufgerollt in die dafür vorgesehenen Behältnisse. Damit man bei der künftigen Benutzung keine Probleme mit dem Entwirren hat. Nur Vandalen plundern die Dinger achtlos in die nächstbeste Kiste oder Tüte! Die Zeit vergeht. Zuerst beim Abmontieren, denn eine Stunde ist gar nichts und auch rasend schnell vergangen. Es folgen Frühjahr, Sommer und Herbst – Monate! – in denen die Lichterketten ihr kümmerliches Dasein auf irgendeinem Dachboden oder in Kisten eingesperrt unter irgendeinem Bett fristen. Der unbarmherzige Mensch nimmt keinerlei Rücksicht auf den natürlichen Freiheitsdrang einer Lichterkette!

Es kommt wie es kommen muss. Der Teil der Lichterkette, der sich oben befindet, beginnt im heißen Sommer zu schwitzen und bewegt sich daher ganz, ganz langsam in tiefere, kühlere Gefilde. Von unten her streben wärmeliebende Komponenten nach oben. Irgendwo begegnen sich beide Fraktionen – die Bewegungsenergie entnehmen sie wahrscheinlich der Corioliskraft und der Einfluss der Corioliskraft auf Strömungen ist sogar ziemlich gut berechenbar – und damit beginnt unausweichlich die unvermeidliche Durchmischung. Monatelang geht das so und Würmer könnten die Bewegung nicht besser machen!

Irgendwann droht schließlich erneut Weihnachten und man kramt das Behältnis mit den Lichterketten wieder hervor. Was einst sortiert und bestens aufgerollt hinein gegeben worden ist, das hat sich jetzt aufgrund der Eigenbewegung in ein schier unentwirrbares Knäuel verwandelt! Das zu entwirren – so es denn überhaupt noch möglich sein sollte – dauert Stunden. Es soll dabei sogar schon zu Nervenzusammenbrüchen und Herzinfarkten gekommen sein! So mancher Insasse einer geschlossenen Psychiatrie verdankt seinen Aufenthaltsort einer ganz ordinären Lichterkette! BTW: Zumeist kündigt sich die Erkrankung durch den mittelpanischen Schrei nach einem Saitenschneider an. Kommt man dem frühzeitig genug nach, dann lässt sich i. d. R. noch das Schlimmste vermeiden. Der o. e. Vandalismus ist in diesem Punkt deutlich zeckmäßiger: Was schon völlig durcheinander ist, das kann nicht mehr schlimmer werden – ganz im Gegenteil sogar! Die mathematische Wahrscheinlichkeit spricht dann sogar FÜR ein selbständiges Entwirren …

Jedenfalls ist hinsichtlich der eigenen Gesundheit bei der Verwendung von Lichterketten äußerste Vorsicht geboten! Nicht unerwähnt bleiben soll dabei, dass es sich nicht mal rechnet, so eine verfic… Lichterkette überhaupt wieder zu verwenden! Ich meine, so ein Teil kriegt man für 10-20 Teuronen. Für das Entwirren einer gebrauchten Lichterkette muss man mindestens zwei Stunden einkalkulieren (zumeist mehr), was beim Mindestlohn auch schonmal mindestens um die 20€ sind. Hinzu kommen noch der Liter Wodka und die halbe Palette Baldrian zur Beruhigung während und nach der Aktion. Das Zeug gibt’s schließlich auch nicht umsonst! Rein rechnerisch ist es somit sehr viel günstiger, das Knäuel einer gebrauchten Lichterkette nach der Entsorgung des Weihnachtsbaumrudiments zur nächsten Müllannahmestelle zu schaffen und sich für die kommende Weihnachtssaison eine neue Kette zu besorgen. Kann man ja – gerade unter Berücksichtigung etwaiger gesundheitlicher Folgen – auch mal so sehen, nicht wahr? 😉