Das Jahr 2020 war für mich persönlich (und auch für meine Frau) weniger durch Corona als vielmehr durch die Pflegetätigkeit geprägt. Zugegeben: Corona hat die ganze Geschichte nochmal enorm erschwert, und zwar durch die ganzen Einschränkungen und vor allem aber durch die Tatsache, dass demenzkranke Menschen nicht mehr dazu fähig sind, die Tragweite einer solchen Pandemie auch nur annäherungsweise zu erfassen. Wenn aufgrund eines Lockdowns irgendwas nicht eingekauft werden kann, irgendein Frisuerbesuch flachfallen muss oder irgendein Besuch bei ihnen nicht stattfinden kann, dann raffen die das einfach nicht mehr und nehmen es umgehend als persönlichen Affront gegen sich selbst. Seit 2017 führe ich mehr oder weniger stichwortartig ein Pflegetagebuch. Also auch für 2020. Nachfolgend kommt daher für 2020 die Pflege in Zahlen – die verbleibenden zwei Wochen hochgerechnet auf’s Jahresende und ich hoffe inständig, dass das nicht noch mehr wird. Aber man weiß das vorher ja nie …

Pflegefälle: 3 (alle Pflegegrad 4)
Pflegekräfte: 2 (beide berufstätig)
Summe geleisteter Pflegestunden 2020: 4128
Pflegestunden pro Pflegekraft 2020: 2064
Pflegestunden pro Pflegekraft monatlich: 172
Pflegestunden pro Pflegefall 2020: 1376
Pflegestunden pro Pflegefall monatlich: 115
Pflegestunden gesamt täglich pro Pflegekraft: 6
Reparaturen wg. Zerstörungen durch die Pflegefälle 2020: 124
davon Handwerkereinsätze: 7
Reparaturhäufigkeit: 1 Reparatur/ 3 Tage
Häufigkeit Handwerkereinsätze: 1 Einsatz/ 7 Wochen
Erste-Hilfe-Leistungen bei Unfällen: 48/a
Häufigkeit Erste-Hilfe-Leistungen: 1/Woche
davon RTW-Einsätze: 8/a
Häufigkeit RTW-Einsätze: 1 Einsatz/ 6 Wochen
verhinderte Unfälle: 380
Häufigkeit verhinderter Unfälle: 1/d
Angriffe der Pflegekräfte durch die Pflegefälle 2020: 91
Häufigkeit der Angriffe: 1 Angriff/ 4d
Verletzungen durch die Angriffe 2020: 26
Häufigkeit der Verletzungen von Pflegekräften: 1/ 2 Wochen
Nächtliche Ruhestörungen 2020: 186
Häufigkeit nächtlicher Ruhestörungen: 1/ 2d

Nackte Zahlen: Wenn man allerdings mal drüber nachdenkt … Nicht berücksichtigt sind Beschimpfungen der Pflegenden inklusive verbaler Aggression durch die Pflegefälle. Das resultiert daraus, dass Demenzkranke immer mehr zum Mittelpunkt ihres beständig schrumpfenden, geistigen Universums werden, nichts mehr begreifen und in Folge eine ganz gehörige Portion von für sie völlig selbstverständlichem Egoismus an den Tag legen. Diejenigen, die sich tagtäglich aufreiben, sind dann „die Bösen“, weil sie den Forderungen der Kranken nicht umgehend nachkommen. Tun das allerdings Außenstehende zur Abwechslung mal, dann sind besagte Außenstehende „die Guten“.

Wobei die Forderungen der Kranken nicht selten vollkommen paradox sind: Einerseits wird jegliche Form von Hilfeleistung mit einer geradezu menschenverachtenden Selbstverständlichkeit zu jeder Tages- oder Nachtzeit eingefordert und andererseits zugleich in durchaus selbstschädigender Weise brüsk zurückgewiesen. Erschwerend kommt hinzu, dass Demenzkranke durch krankheitsbedingte Fehleinschätzung der Situation fehl- und Vorurteile aufbauen. Dazu drei immer wiederkehrende Bespiele aus dem täglichen Wahnsinn:

  • Der Kranke ist gestürzt, liegt in einer Lache von Glassplittern und Blut, ist bewegungsunfähig. Erste Hilfe wurde geleistet, anschließend ein RTW gerufen. Der nimmt ihm zur Untersuchung mit ins Krankenhaus. Auf dem Weg zum RTW brüllt der unzurechnungsfähige Verunfallte: „DÄRANGÄHAIRATÄTÄWÄLLMÄCHLOSWEAN!!!“ Hinterher stellt sich raus, dass die Situation durchaus lebensbedrohlich war. Dennoch sieht der Kranke im Helfer nur das personifizierte Böse.
  • Man macht Einkäufe für den Kranken und kocht ihm das Essen – täglich. Der Kranke aber sieht das so: „BÄNDOCHRÄNTNAAA!!! KRIEGÄCHALLÄSOMSONZT! HATDOCHDESPDSOAINGÄRÄCHTÄÄÄT! DÄRHOLTDASÄSSNBLOSSIRGÄNDWOAP! DERFÖLLTSÄCHSOGASÄLBAWASDAVONAPP! DÄRLÄPTAUFMAINÄKOSTN!“
  • Man teilt dem Kranken seine Medikamente zu und versucht, sie ihm zu verabreichen. Das provoziert die Reaktion: „NAIIIN!!!! DASWÄLLÄCHNÄCH! DASBRAUCHÄCHNÄCH! BINKÄRNGÄSONT! DAMOSSÄCHÄASTMAMÄDDMAAAZTRÄDN!!!“ In Anschluß werden die Medikamente quer durch den Raum gespuckt.

So in der Art ist mein Jahr 2020 verlaufen. Als Pflegekraft hat man dann nur zwei Möglichkeiten. Entweder man dreht selbst ab und wird gewalttätig. Damit kommt man immerhin schonmal in die Medien – aber auch in den Bau. Oder aber man lässt sich nicht aus der Ruhe bringen und wird zum Stoiker. Dann bleibt der Kranke eben mal für eine Weile in seinen Fäkalien liegen, wenn er es denn unbedingt will. Richtig ist das aber auch nicht und ich kenne viele Leute – Nichtpflegende! – die sich über sowas tierisch aufregen können. Wie man’s macht man macht’s verkehrt! Egal … – ich habe mich für die zweite Variante entschieden. Klingt vielleicht herzlos, ist aber reiner Selbstschutz! Häusliche Pflege ist nun einmal ein Horrortrip für alle Beteiligten. Wäre schön, wenn diesbezüglich unser vielgelobter, so genannter „Sozialstaat“ mal unterstützend tätig werden würde. Tut er aber nicht. Weil die häusliche Pflege keinen Medienbericht wert ist. Und was nicht berichtet wird, das ist bekanntlich auch nicht passiert … 😦