„Du hattest doch da mal vor ein paar Jahren in deinem alten Blog so einen Beitrag über die biologische Schneckenbekämpfung im Aquarium …“ – so begann eine E-Mail, die mich kürzlich erreichte und deswegen kommt der Beitrag hier jetzt nochmal in überarbeiteter Form. Ja, hatte ich. Das war im Januar im 2015 und seinerzeit kämpfte ich mit einer ekligen, pflanzenkillenden Schneckenplage. Mit Absammeln u. ä. war ich gescheitert – die Schnecken erwiesen sich nämlich nicht nur als in der Überzahl, sondern darüber hinaus auch noch als äußerst vermehrungsfreudig. Klar, gegen Schnecken im Aquarium gibt’s genügend chemische Keulen. Aber machen wir uns nichts vor: Schnecken sind verdammt zäh, vermehren sich beinahe schon durch Teilung und wenn man genug von der chemischen Keule reingeschüttet hat um die Schnecken umzunieten, dann kann man immerhin noch den Bodengrund retten. Der Rest ist nämlich hinüber! Deswegen hatte ich auch den Rat eines früheren Arbeitskollegen, der mir die indonesische Raubschnecke „Clea Helena“ empfohlen hatte, begeistert befolgt.

„Vier Stück auf ein 180l-Becken reichen dicke aus!“ hatte er gesagt. Ich packte zwei Stück in ein 60l-Becken. Das geschah im Juni 2014. Der Händler, von dem ich die Tiere bekam, hatte gerade aufgegeben und war umgezogen. Seine übrig gebliebenen Becken sahen verheerend aus. Die Raubschnecken waren weitestgehend abgestorben. Lediglich zwei Tiere, mehr tot als lebendig, hatte er noch. Die nahm ich mit, für 50 Cent das Stück. Acht Wochen später war eins der beiden Gehäuse leer: Schnecke definitiv tot! Das andere Tier war verschwunden. Wahrscheinlich auch hinüber, dachte ich … – Irrtum! Sie haben sich heimlich vermehrt gehabt. Aber bis das augenfällig wurde verging ein halbes Jahr.

Hier jetzt mal für alle Interessierten ein paar Infos zu den Raubschnecken. Als Raubschnecken werden räuberisch lebende Arten bezeichnet, die nicht miteinander verwandt sein müssen. Im Süßwasser-Aquarium kennt man nur eine Art, nämlich Clea helena, im Handel und in der Literatur meist noch unter dem veralteten Namen Anentome helena zu finden. In Aquarianerkreisen wird das Tier einfach als Raubschnecke, „Helena“ oder als Raubturmdeckelschnecke bezeichnet. Sie ernähren sich u. a. zur Not von Futterresten (Futtertabletten), hauptsächlich aber von Fleisch (Würmer, aber auch FD-Futter), Aas, Laich sowie anderen Schnecken und machen sogar Jagd auf die. Im Regelfall – gerne auch bei Störungen – gräbt sich die Raubschnecke im Bodengrund ein, ist dadurch unsichtbar, und lauert auf Beute. Die Beute wird mit Hilfe eines Rüssels gewittert, ausgesaugt und anschließend gefressen, wobei auch vor größeren Schnecken nicht haltgemacht wird – dann sitzen mehrere Raubschnecken auf der größeren Schnecke. Einzeltiere gehen nur andere Schnecken an, die maximal so groß sind wie sie selbst.

Die bis zu 4 Jahre alt werdenden Raubschnecken stammen aus dem Gebiet um Thailand und Malaysia bis Indonesien. Sie werden erst seit wenigen Jahren importiert. Sie werden nur etwa 1,5-2 (höchstens 3) Zentimeter groß und ihre Form erinnert an die altbekannte Turmdeckelschnecke. Im Unterschied zur Letztgenannten ist das Gehäuse ähnlich wie bei einer Biene schwarz und gelb gestreift. Den Jagdtrieb kann man beobachten, wenn man Raubschnecken in ein Aquarium mit anderen Schneckenarten einsetzt und auf zu starke Fütterung mit zusätzlichen Futtermitteln verzichtet: Raubschnecken machen jeder Schneckenplage den Garaus! Die Helena ist im Gegensatz zu sonstigen Schneckenarten wahrscheinlich getrenntgeschlechtlich; Unterschiede sind jedoch nicht bekannt. Das Weibchen legt nur hin und wieder einzelne Eier ab, so dass die Art sich nur sehr langsam vermehrt. Bevorzugt gehen sie dazu an Wasserpflanzen oder an glatte Oberflächen der Aquariendekoration.

Zu Zucht und Haltung: Die Haltung ist in einem weiten Bereich möglich. Zur Zucht hingegen sollten Idealbedingungen herrschen. D. h. regelmäßige (Teil-)Wasserwechsel fördern Wohlbefinden und Paarungsbereitschaft. Beckengröße ab 15l aufwärts, bei Temperaturen von 18-30°C (Haltung) bzw. 24-27°C (Zucht). Der pH-Wert muss zwischen 6 und 8,5 liegen (Haltung), ideal bei 7,0 bis 8,0 (Zucht). Die Wasserhärte sollte zwischen 4 und 25°GH mit bis zu 16°KH liegen. Für die Zucht benötigt man sehr viel Geduld – vor Ablauf eines halben Jahres braucht man m. E. nicht mit Erfolgen zu rechnen – auch muss das geeignete (Fleisch-)Futter reichlich zur Verfügung stehen: Also entweder FD-Futter oder andere Schnecken im Übermaß.

Das Wirken der Raubschnecke erkennt man daran, das sich irgendwann am Beckenboden die leeren Gehäuse anderer Schnecken ansammeln. Selbst wenn diese anderen Schnecken zu groß sein sollten, dann wird deren Nachwuchs zuverlässig ausgedünnt und je nach Fütterungsgewohnheiten u. U. sogar vernichtet. Die Helena ist daher m. E. das beinahe perfekte biologische Bekämpfungsmittel für Schneckenplagen. Beinahe deswegen, weil es aber leider auch ein zweischneidiges Schwert ist. Raubschnecken sind gnadenlose Killer; sie können jede andere Schneckenpopulation restlos ausrotten. Im Falle einer Freisetzung und Adaption an hiesige Wassertemperaturen könnte so eine Schnecke nach meinem Dafürhalten u. U. durchaus eine ökologische Katastrophe auslösen!

Es dauerte, wie schon erwähnt, rund ein halbes Jahr, bis mir im Becken die zahllosen, toten Posthornschnecken auffielen. Überall am Boden lagen deren leere Gehäuse rum. Zu Hunderten, wenn nicht sogar zu Tausenden. Merkwürdig nur, dass das Wasser dabei stabil blieb, denn wenn soviele Tiere auf einmal absterben, dann bewirkt das eine kritische Sauerstoffzehrung. Das aber war nicht der Fall – wo also blieb das Fleisch der Posthornschnecken? Lange und genaue Beobachtung förderte schließlich die Ursache zutage: Die Raubschnecken hatten sich wider Erwarten still, leise und heimlich vermehrt und machten die Posthörner gründlich fertig!

Wie gründlich, das erfuhr ich zufällig, denn ich hatte Gelegenheit, die Raubschnecke in Aktion zu beobachten: Einem gnadenlosen und unersättlichen Killer bei der Arbeit zugeschaut … Helena macht Beute! Und zwar eine recht große Posthornschnecke Planorbarius corneus. Da es sich um reinen Zufall handelte und ich die Jagd mal dokumentieren wollte (ich habe keine Ahnung, ob so etwas zuvor überhaupt schon mal dokumentiert worden ist; jedenfalls konnte ich dazu nichts finden), musste alles ganz schnell gehen. Keine Zeit, um im Supermakrobereich die Kamera noch großartig irgendwie einzustellen, sondern stattdessen nur frei Hand und drauf! Insgesamt lief die Jagd nach folgendem Schema ab: Helena witterte die Beute und schlug einen Bogen darum, griff von hinten an. Das dauerte drei Minuten. Es folgte der eigentliche und eine Minute in Anspruch nehmende Zugriff. Nochmal eine Minute benötigte der Killer, um seine Beute zu überwältigen. Danach schloss sich eine Viertelstunde an Mahlzeit und Verdauung an. Anschließend wurde die Jagd fortgesetzt – und die Raubschnecken jagen und fressen ständig! Hier ist die Fotosequenz (aber wie schon gesagt, bitte nicht zuviel erwarten).


Helena hat die Beute gewittert (man erkennt gut den ausgefahrenen Rüssel) und ist auf dem Weg.


Sie schlägt einen Bogen um die Beute.


Die Posthornschnecke wird von hinten gepackt. Für die Beute noch günstig – sie hält sich mit aller Kraft an der Scheibe fest – und für den Jäger eher ungünstig.


Helena versucht, über das Gehäuse von hinten an das eigentliche Tier heran zu kommen, scheitert aber. Die Posthornschnecke hingegen hat die Gefahr bemerkt, die Scheibe losgelassen und versucht, sich in ihr Gehäuse zurück zu ziehen.


Helena hat ihre ungünstige Position bemerkt, losgelassen und startet einen zweiten Angriff – wieder von hinten. Die Beute versucht immer noch, in die Sicherheit des Gehäuses zu gelangen.


Helena hat ihre Beute wieder erreicht und jetzt auch unmittelbaren Zugriff auf das eigentliche Tier.


Sie attackiert die Beute mit dem Saugrüssel. Was genau dabei geschieht, weiß ich nicht. Aber die Posthornschnecke zieht sich nicht mehr weiter zurück. Vielleicht ist sie bereits verletzt worden.


Mit ihrem Fuß hält Helena die Beute fest und knickt sie ab, um einen Rückzug auszuschließen. Der Saugrüssel ist dabei eingefahren.


Der Saugrüssel wird wieder ausgefahren und wittert nach der sicher gepackten Beute.


Der Saugrüssel wird in der Beute versenkt.


Nach und nach verschwindet die Beute unter Verwendung des Saugrüssels im Magen der Helena.

 


Die Posthornschnecke ist tot, aufgefressen. Man erkennt das rein optisch schon am heller gewordenen Gehäuse. Die Helena ist gründlich und greift mit ihrem Saugrüssel soweit in das Gehäuse rein, wie es ihr nur möglich ist. Was von der Posthornschnecke übrig bleibt ist ein leeres Schneckenhaus.

 

Eine Clea Helena kann also – rein rechnerisch – alle 20 Minuten eine Posthornschnecke killen. Das sind drei Posthörner stündlich oder 72 täglich. Bei zehn Helenas 720 Posthörner pro Tag und bei hundert Helenas 7.200 Posthörner täglich. Das ist so ungefähr die Größenordnung, die man zugrunde legen kann: Nach vier Wochen gibt es im Aquarium nicht eine einzige Posthornschnecke mehr! Aber die Helenas haben sich wie wild vermehrt. Dann fallen sie übereinander her, bringen sich gegenseitig um und fressen sich gegenseitig auf. Bis eine stabile Population übrig bleibt.

Ich würde mal vorsichtig schätzen, dass ich hinterher vielleicht noch so um die zwanzig Helenas hatte. Was ich auch noch beobachtet habe – die Helena geht auch Jungfische (Guppys und Schwertträger) an, hat dabei aber eigentlich keine Chance, weil die Fische sehr viel schneller sind. Obwohl die Helena für eine Schnecke im Grunde genommen ein Sprinter ist, denn ich habe die Geschwindigkeit der Raubschnecke auch mal gestoppt. Auf der Jagd erreicht sie hochgerechnet glatt ’nen halben Stundenkilometer! Auch Apfelschnecken werden attackiert und bei denen ist die Helena auf das Atemrohr scharf. Wenn das geschädigt ist, dann geht die Apfelschnecke ein und vergiftet aufgrund ihrer Größe in Rekordzeit das Wasser – daher also besser keine Helenas und Apfelschnecken zusammen halten.