Ich bin ja nur ein kleiner Techniker, der keine Ahnung hat. Na ja, um ein paar Jahre lang eine Hochbegabtengruppe zu leiten oder unsere Infrastruktur während des harten Lockdowns im vergangenen Frühjahr am Laufen zu halten hat’s immerhin noch gereicht. Jedenfalls zähle ich mich zu der Minderheit in diesem Lande, die sich noch selbst Gedanken macht und die nicht blind hinter irgendwelchen „Experten“ her rennt. Gedanken habe ich mir über das bisherige Pandemie-Handling gemacht.

Seien wir doch mal ehrlich: Da blickt keiner mehr durch. Eine klare Linie gibt es nicht und die Bestimmungen sind derart verworren, dass inzwischen selbst die Mitläufer der Regierung kaum noch Vertrauen schenken. Wenn dann noch gewisse Ministerpräsidenten dazu kommen, die „erstmal nachdenken“ müssen oder die grundsätzlich ihr eigenes Ding durchziehen, weil sie sich nicht nach den „Saupreissn“ richten wollen, dann gerät das Pandemiehandling zur Lachnummer. Kein Wunder, wenn in diesem Zusammhang inzwischen auf der Straße nicht mehr vom Kabinett in Berlin sondern stattdessen vom Kabarett in Berlin gesprochen wird.

Doch zurück zum Pandemie-Handling: Der nun folgende Vorschlag beschreibt, wie ich persönlich das Problem aus rein technischer Sicht angehen würde. Wie könnte man da – völlig unabhängig von Corona – eine klare Linie reinbringen, die grundsätzlich für Pandemien gilt? Dazu muss man berücksichtigen, was alles eine Rolle spielt. Das ist erst einmal die Inzidenz. Der Inzidenzwert gibt an, wieviele Neuansteckungen es binnen der vergangenen 7 Tage pro hunderttausend Einwohner gegeben hat. Aussagekräftig wird dieser Wert allerdings erst dann, wenn man mit ihm die Situation in den einzelnen Landkreisen betrachtet. Der Inzidenzwert allein ist aber noch nicht das Gelbe vom Ei, denn etwas mehr muss schon berücksichtigt werden.

Von ausschlaggebender Bedeutung ist nämlich auch der aktuelle Auslastungszustand des Gesundheitssystems. Darüber gibt das Dashboard DIVI-Intensivregister auf Landkreisebene Auskunft. Bleiben noch die Anteile derjenigen, die immunisiert worden sind – sei es aufgrund einer Impfung oder aber aufgrund einer überstandenen Erkrankung. Zusammen sind das die vier wichtigsten Parameter, welche das Pandemie-Handling beeinflussen.

Es reichen drei der vier Grundrechenarten, nämlich Addition, Multipikation und Division, vollkommen aus, um alle diese vier Parameter in eine Kennzahl einfließen zu lassen. Eine Kennzahl – hier Q-Wert genannt – nach der sich sowohl die jeweilige Warnstufe (bei der ich mich an den Unwetter-Warnstufen orientiert habe) und daraus folgend auch die AUF KREISEBENE zutreffenden, einheitlichen Maßnahmen zur Seuchenbekämpfung ableiten lassen. Die Berechnunsformel meines Vorschlages ist simpel. Betrachten wir daher zunächst einmal die Formel und die sich daraus in der Praxis ergebenden Szenarien:

Q=I*A/(G+R), wobei:
Q Quotient „Q-Wert“, nach dem sich die Warnstufen und die Maßnahmen richten,
I Inzidenzwert (Infizierte pro hunderttausend Einwohner binnen 7 Tagen),
A Auslastung Intensivbetten (%),
G Anteil Geimpfter (%) und
R Anteil Rekonvaleszenten (%).

– Szenario 1, Warnstufe Violett (Worst Case):
Es gibt keinen Impfstoff (G=0), der Anteil der Rekonvaleszenten liegt bei 2% der Bevölkerung (R=2), die Inzidenz beträgt 150 und die Intensivbetten sind zu 80% ausgelastet. Dann folgt Q=150*80/(0+2)=6600 u. d. h. das Gesundheitssystem steht unmittelbar vor dem Zusammenbruch. In dem Falle wären ein harter Lockdown zzgl. Ausgangssperren inklusive der Aufrechterhaltung nur der allernötigsten Infrastruktur wohl durchaus angebracht. Kitas und Schulen bleiben natürlich geschlossen.

– Szenario 2, Warnstufe Rot (auf dem Weg):
Es gibt einen Impfstoff, jedoch zuwenig davon, so dass nur 3% der Bevölkerung geimpft werden können (G=3). Die Inzidenz liegt bei 100 und die Intensivbetten sind zu 70% ausgelastet (A=70). Zusätzlich haben weitere 3% der Bevölkerung die Infektion überstanden (R=3). Als Quotient errechnet sich Q=100*70/(3+3)=1167. Hier wäre ein harter Lockdown angebracht, der Sinn von Ausgangssperren aber äußerst fraglich. Kitas und Schulen bleiben geschlossen.

– Szenario 3, Warnstufe Orange (langsam wird es):
Die Impfkampagne läuft und 15% der Bevölkerung sind geimpft worden (G=15). Zusätzlich haben 2% der Bevölkerung die Infektion überstanden (R=2). Die Auslastung der Intensivbetten beträgt 60% (A=60). Die Inzidenz liegt bei 90. Es errechnet sich Q=90*60/(15+2)=318. Es bedarf nur noch eines „weichen“ Lockdowns, d. h. Homeoffice wo es möglich ist, Kita- und Schulbesuch nach Test, Öffnung der Außengastronomie u. ä.

– Szenario 4, Warnstufe Gelb (fast überstanden):
Massenimpfungen haben zu 60% Durchimpfung geführt (G=60) und darüber hinaus haben 5% die Erkrankung überstanden (R=5). Die Auslastung der Intensivbetten beträgt 50% und die Inzidenz liegt bei 80. Damit ergibt sich Q=80*50/(60+5)=62. Hier wäre somit beinahe schon eine gewisse „Herdenimmunität“ erreicht, so dass nur noch allgemeine Hygienemaßnahmen (Desinfektion, medizinische Masken, Lüftung, Kontaktnachverfolgung bzg. Infektionsketten etc.) vorzuschreiben sind.

– Szenario 5, Warnstufe Grün (geschafft):
Es sind 80% der Bevölkerung geimpft worden (G=80) und 15% haben die Erkrankung überstanden (R=15). Die Intensivbetten sind nur noch zu 30% ausgelastet (A=30) und die Inzidenz hat sich bei 40 eingependelt (d. h. die Seuche persistiert). Daraus folgt Q=40*30/(80+15)=25. In diesem Falle könnte das öffentliche Leben wie gewohnt ohne Einschränkungen weiterlaufen.

Die praktische Anwendung dieses Verfahrens brächte den Vorteil, dass einerseits eine klare Linie vorhanden ist, an die sich die Länder zu halten haben. Andererseits aber wird hinreichend differenziert, so dass gerade auch die Situation in jedem einzelnen Bundesland – und dort sogar auf Kreisebene – den gerade aktuellen Gegebenheiten und Erfordernissen angepasst werden kann. Ich halte es durchaus für möglich, dass eine entsprechende Regelung uns allen zum Vorteil gereichen würde. Die detaillierte Ausarbeitung dahingehend, bei welchem Q-Wert welche Warnstufe greift und die einzelnen Maßnahmen pro Warnstufe (also dessen, was ich hier nur grob skizziert habe) überlasse ich getrost den hochdotierten Fachleuten auf diesem Gebiet, denn ich bin natürlich kein Politiker und auch kein Gesundheitsexperte, sondern – wie schon gesagt – nur ein kleiner Techniker …

[Nachtrag]

Ich habe es mir übrigens nicht nehmen lassen, Frau Merkel, Herrn Spahn und Herrn Weil per Kontaktformular oder per Mail auf diesen Beitrag hinzuweisen:

Sehr geehrte Frau Bundeskanzlerin/ Sehr geehrter Herr Gesundheitsminister/ Sehr geehrter Herr Ministerpräsident, hinsichtlich des Handlings der Corona-Pandemie wäre eine klare Linie wünschenswert. Dabei halte ich es für verfehlt, einzig den Inzidenzwert zu beachten. Für eine realistische Einschätzung müsste zusätzlich noch die Intensivbettenbelegung, die Durchimpfungsrate sowie der Anteil derjenigen, welche die Erkrankung überstanden haben, berücksichtigt werden. Verrechnet man alle diese vier Parameter miteinander, dann ist ein verbindliches Fünf-Punkte-Programm denkbar, welches den Ländern dennoch hinreichend viel Spielraum lässt. Die detaillierte Ausarbeitung dazu finden Sie unter https://quergedacht40.wordpress.com/2021/04/10/szenarien/

Eine Antwort oder gar ein Aufgreifen des Vorschlags erwarte ich selbstverständlich nicht …