Habt ihr euch schonmal Höhlenmalereien angeguckt? So richtig, im Detail, meine ich? Die Historiker sehen darin Jagdszenen und sowas. Könnte theoretisch auch so sein. Ich vermute aber eher, dass es sich um etwas gänzlich Anderes handelt. Es könnten nämlich genauso gut auch prähistorische Verwaltungsvorschriften sein. Jedenfalls so die Anfänge davon. Denn wie hätte die Menschheit bis heute überleben können, wenn die nicht schon seit Jahrzehntausenden an derartigen Schwachsinn gewöhnt wäre? Ich bin nämlich aktuell auch mal wieder mit Verwaltungsvorschriften konfrontiert worden. Seien wir doch mal ehrlich: Die UN-Antifolterkonvention beruht auf der der Erklärung über den Schutz aller Personen vor Folter und anderer grausamer, unmenschlicher oder erniedrigender Behandlung oder Strafe. Mag mir mal jemand erklären, warum offensichtlich die deutsche Verwaltung davon eine Ausnahme bildet??? *grrrr*

Kam so: „… und es begab sich zu einer Zeit, als durch Corona-Lockdowns keiner mehr so richtig durchblickte, welche Ämter nun wann oder unter welchen Auflagen geöffnet waren, als ein Personenbeförderungsschein verlängert werden sollte …“ Um nicht falsch verstanden zu werden: Es geht hier nicht um den Passierschein A38 und ich halte die ärztliche Untersuchung für die Verlängerung des P-Scheins auch für durchaus sinnvoll. Was mir dabei den Schaum vor’s Maul treibt ist (neben den nicht unbeträchtlichen Kosten in dreistelliger Höhe) der irrsinnige und hirnrissige Verwaltungsaufwand, der damit verbunden ist. Das habe ich vor fünf Jahren schonmal alles durchexerziert und seinerzeit – der Verwaltung sei Dank – nur ein halbes Jahr gebraucht! Anschließend war ich reif für die Insel und bin nach Langeoog gefahren. Jetzt gesteht man mir ein Vierteljahr dafür zu und Langeoog ist fern. Anders ausgedrückt: Es eilt!

OK, damals, vor fünf Jahren, musste ich mir zuerst den Antrag auf Erteilung … – lassen wir das. Jedenfalls musste ich mir so ’nen Zettel vom Straßenverkehrsamt in der Kreisstadt besorgen – 25km hin und 25km zurück. Heute sind wir viel weiter. Da funktioniert das alles digital-bürgerfreundlich. Also im Internet die betreffende Seite rausgesucht. Na ja, für den Formulardownload hatte man wohl keinen Speicherplatz mehr übrig. Kostet ja auch alles Steuergeld, nicht wahr? Das lässt sich doch anderweitig viel publikumsträchtiger verbraten. Immerhin fand ich auf besagter Seite – obgleich sehr gut versteckt und das erinnerte dann doch etwas an die Ostereiersuche – die Telefonnummer der zuständigen Stelle. Dort also angerufen (schon beim vierten Versuch durchgekommen) und mich wegen des „Wann“ und „Wo“ zum Abholen des Antragsformulars erkundigt. Fachlich kompetente Antwort: „Gar nicht! Den Antrag geben wir gar nicht mehr raus! Machen Sie einen Termin und kommen Sie her wenn Sie alle erforderlichen Unterlagen beisammen haben und füllen Sie den Antrag hier vor Ort aus!“ Na, das ist doch mal ’ne klare Ansage: Bürgerfreundlicher geht’s kaum noch! 😦

Nächster Punkt auf der Liste: Der für derartige Untersuchungen zuständige Mediziner. Davon gibt’s hier in der Gegend drei und die sitzen alle in einer gewissen Landeshauptstadt – 50km hin und 50km wieder zurück. Zwei davon sind für eine Organisation tätig, welche die Buchstaben „T“, „Ü“ und „V“ im Namen trägt. Mit der Organisation habe ich in der Vergangenheit schon die eine oder andere Erfahrung machen müssen und es handelte sich nicht um schöne Erfahrungen, sondern mehr so um traumatische Erlebnisse. Blieb noch Nummer drei. Dessen Telefonnummer war mir angegeben worden. Dort angerufen und es kam ’ne Bandansage bzg. einer neuen Telefonnummer. Die angerufen und schon beim zweiten Versuch bin ich – nach vorausgehender, fünfminütiger Corona-Belehrung frei nach dem Schema „bla-bla-bla-laber-seier-sülz-fasel“ – durchgekommen, YEAH! Allerdings nur, um zu erfahren, dass es sich um die falsche Nummer handelt und ich möchte mir doch die richtige Telefonnummer aus dem Internet raussuchen, bitteschön – deren URL konnte man mir allerdings nicht nennen!

Also wieder gesucht und die Seite auch gefunden. Die dort angegebene Telefonnummer angerufen und gleich durchgekommen! Man teilte mir mit, dass es sich um eine Gemeinschaftspraxis für Allgemeinmedizin und Verkehrsmedizin handelt – gleicher Ort, gleiches Gebäude, gleicher Chef, allerdings irgendwie doch getrennt und deswegen hat man mir beim vorausgehenden Anruf die richtige Nummer nicht geben können. Na ja, flexibel wie ’ne Brechstange – kennt man ja irgendwoher, auch wenn einem dabei für gewisses Personal unwillkürlich gewisse Gedanken an Käfig-Einzel-Haltung durch den Kopf gehen. Bleibt festzuhalten: Ich war an der richtigen Stelle um einen Untersuchungstermin machen zu können. Doch das wäre ja viel zu einfach gewesen – nee, nee, so nich‘! Den Termin gibt’s nämlich nur nach Vorkasse. OK, auch kein Thema. „Dann geben Sie mir ihre Bankverbindung und ich überweise das!“, meinte ich. „Nein, das dürfen wir aus datenschutzrechtlichen Gründen nicht tun! Unsere Bankverbindung finden Sie auf der Internetseite!“ Das war der Moment, in dem ich die Stirn auf die Tischplatte gekloppt habe.

Ging aber noch weiter, denn ich wurde informiert: „Wenn die Zahlung hier bei uns eingegangen ist, dann melden wir uns telefonisch bei Ihnen und dann geben wir ihnen den Termin.“ Hörte sich zwar gut an, bloß … „Auf der Überweisung kann ich meine Telefonnummer aber kaum angeben“, wagte ich einzuwerfen. „Ja, dann müssen sie uns zusätzlich noch eine E-Mail schicken; das können Sie über die Internetseite machen. Aber besser ist es, wenn Sie gleich hier vorbei kommen und bar bezahlen. Dann können wir den Termin gleich machen.“ Ich machte der Dame klar, dass ich von außerhalb komme und sich mit „gleich hier vorbeikommen“ nichts abspielt. „Sie sind nicht hier aus der Stadt?“ „NEIN!!!“ Längeres Schweigen – Leben außerhalb der Landeshauptstadt war offensichtlich neu für ihr Weltbild und das musste sie erst einmal sacken lassen – und dann die messerscharf-logische Schlussfolgerung: „Ja, dann müssen Sie uns wohl doch die Mail schicken!“ Boa ey, da wäre ich von selbst nie drauf gekommen!

Theoretisch also die Mail. Praktisch funktionierte das Mailformular der Seite allerdings nicht. Macht nichts; man kann so ’ne Seite ja auch hacken. Machte ich und kam so an die Mailadresse, an die ich nach erfolgter Vorkasse-Überweisung mein Anliegen schickte. Vorsichtshalber aber erbat ich eine Lesebestätigung. Erhielt ich auch, und zwar in ziemlich merkwürdiger Form. Ein Standardtext informierte mich dahingehend, dass es sich um eine automatische Lesebestätigung handele, was nun nicht gleichbedeutend damit ist, dass auch ein Mensch die Mail gelesen hat. Dann kam noch ’ne Lesebestätigung. Und noch eine. Beiden ließen sich Systeminterna entnehmen – und auch, dass ein Mensch die Lesebestätigung abgeschickt hatte. Nicht, dass die da vielleicht ein „klitzekleines Sicherheitsloch“ hätten, nein … – Computer machen doch keine Fehler! Es grenzt fast schon an ein Wunder, dass mir nicht gleich noch der komplette Sourcecode von deren System übermittelt worden ist!

Ja, und jetzt warte ich auf deren Anruf. Wird aber vermutlich nicht kommen, so dass ich da nächste Woche nochmal nachhaken muss. Wenn der Doc durch ist folgt das Beantragen des erweiterten polizeilichen Führungszeugnisses. Selbstverständlich auch wieder mit dem Üblichen „Wann“ und „Wo“ welches Amt geöffnet hat und natürlich kostenpflichtig. Das wird dann gleich an die zuständige Stelle in der Kreisstadt geschickt, die mich über den Erhalt des Dokuments nicht in Kenntnis zu setzen braucht und das somit auch nicht tun wird. Da darf ich dann auch immer und immer wieder hinterher telefonieren. Und irgendwann einen Termin machen, damit (nach Vorkasse, versteht sich) auf meinen bisherigen P-Schein Stempel und Unterschift draufgekloppt werden. Heute habe ich für den Ämter- und Arztterror vier Stunden gebraucht. Es wird noch sehr viel mehr werden. Es lebe die bürgernahe, bürgerfreundliche und digital modernisierte Verwaltung in Deutschland! Irgendwie muss ich dabei aber immer an ein kleines Gedicht denken, dass ich neulich im Web fand:

Muttis Lampenladen
Der Bundestag ist voller Leuchten
wovon wir nur die Hälfte bräuchten,
doch Deutschland zeigt dem Rest der Welt:
Um Armleuchter ist’s gut bestellt!