Ich lese viel – sehr, sehr viel! Wenn andere sich von der Berieselungsglotze beeinflussen lassen dann stecke ich meine Nase in ein – hoffentlich gutes! – Buch. Lesen bildet nämlich. Und es erweitert den Horizont. Leider verhält es sich mit Büchern aber auch wie mit den Perlen in einer Auster: Man muss schon ziemlich viele aufschlagen, bevor man eine Perle findet! Ich habe eine gefunden, ein wahres Meisterwerk! Das Buch nennt sich „Die Sprache des Lichts“ und stammt von der Autorin Katharina Kramer. Es handelt sich um einen historischen Roman. Zunächst ein paar Anmerkungen zum Inhalt, verbunden mit dem Versuch, nur das Notwendigste von der Handlung zu verraten.

Das Jahr: 1582 und damit 65 Jahre nach der Reformation. Es ist die Zeit unmittelbar nach dem Ende des Mittelalters. Die Kirche hat noch immer größten Einfluss und Europa ist hinsichtlich der Glaubensfragen in zwei grundsätzliche Lager gespalten, nämlich in das der Protestanten und in das der Katholischen Liga. Religiöse Fanatiker existieren auf beiden Seiten, nicht selten mit handfesten politischen Ambitionen und dazu gewaltbereit. Politisch gab es das Heilige Römische Reich Deutscher Nation, ergänzt um viele Kleinstaaten und den Ton in Europa gaben Spanien und England an, wobei Engand sich gerade auf dem aufsteigenden und Spanien auf dem absteigenden Ast befand. Politische wie religiöse Ränkespiele und Intrigen waren ebenso wie Kleinkriege an der Tagesordnung. Wen man dauerhaft und sicher aus dem Weg schaffen wollte, der bzw. die wurde als Hexe, Zauberer oder Teufelsanbeter denunziert und landete über kurz oder lang – nach „fairem Prozess“, versteht sich – auf dem Scheiterhaufen. Die Bibel wurde wortwörtlich ausgelegt und wer dieser Auslegung nicht Folge leistete geriet in Gefahr, zur vorgenannten Gruppe zu gehören.

Vor diesem Hintergrund (der im Übrigen durch ein umfangreiches Glossar und durch einen Anhang mit einer Faktensammlung zu den damals tatsächlich lebenden Personen ergänzt wird) spielt Katharina Kramers Roman – eine Geschichte frei nach dem Motto „es hätte wirklich so sein können, ist aber nur nicht überliefert“. Im Verlauf der Geschichte kristallisieren sich drei Hauptpersonen heraus: Ein kleiner Gauner der zum Ritter geschlagen wird, eine Spionin die zur Lehrerin für behinderte Kinder wird und ein Lehrer, der (zumindest zeitweise) zum Spion wird. Drei Leben, die das Schicksal zusammenführt und die sich grundlegend verändern. Welches Schicksal? An dieser Stelle kommen Religion und Machtpolitik ins Spiel. Es ist nur logisch, dass jede Seite ihre Pläne vor den anderen Seiten geheim zu halten gedachte. Folglich kommunizierte man über verschlüsselte Nachrichten. Die Krytographie erwies sich für die einzelnen Machtblöcke als geradezu überlebenswichtig. Kryptologen – heute Kryptoanalytiker bzw. Codebreaker genannt – suchten die jeweiligen Herrscher um fremde Nachrichten ausspionieren zu können und wenn ein Kryptologe zudem noch mehrere Sprachen beherrschte (d. h. wenn er ein „Polyglotter“ war) dann konnte er im Erfolgsfalle auf eine hohe Stellung bei Hofe hoffen – oder aber auf den Tod durch Scheiterhaufen, sofern die Gegenseite ihn zu fassen bekam.

Der eigentliche Protagonist des Buches ist Jacob Greve – zunächst eigentlich nur Lehrer, doch zugleich auch ein Sprachgenie sowie ein Hobby-Kryptologe. Beide Fähigkeiten gehen letztlich auf die gleiche Ursache zurück, nämlich auf eine etwas andere Wahrnehmung – Jacob Greve ist Synästhet. Die Synästhesie hilft ihm, Sprachen erlernen und perfekt sprechen zu zu können und sie hilft ihm auch, verborgene Muster in verschlüsselten Texten ausfindig zu machen. Die Synästhesie hat aber auch einen Nachteil: Sie kann zur Reizüberflutung führen. Bei Jacob geschieht das unvermittelt und sehr stark, was sich sowohl seine Schüler wie auch gewisse Lehrerkollegen, die ihm sein Wissen neiden, zu Nutze machen. Letztlich bleibt ihm gar nichts anderes übrig, als die Schule, in der er sein ganzes bisheriges Leben verbracht hat – zunächst als Schüler und später als Lehrer – zu verlassen. Die Welt draußen kennt er nicht. Da er über profundes Sprachwissen verfügt und die Bibel (noch) wörtlich auslegt, macht er sich auf die Suche nach der Ursprache, nach einer Sprache, in der die Worte etwas erschaffen können. „Und Gott sprach: Es werde Licht! Und es ward Licht.“ Diese fiktive Ursprache wird zu der Zeit als Sprache des Lichts oder auch als Sprache Gottes bezeichnet. Soviel sei vorweg genommen: Er findet diese Sprache nicht weil sie nicht existiert.

Was er findet ist ein kleiner Gauner, Betrüger, Dieb oder wie immer man es nennen will namens Edward Kelly alias Edward Talbot. Der unterstützt Jacob, denn im Falle des Auffindens besagter Sprache würde das Wort Gold in der Ursprache ausgesprochen ihn reich machen. Auf der Suche nach dieser Sprache hat Jacob viele verschlüsselte Texte – manche davon sind seitens der Kirchen verbotene Texte – zu entschlüsseln. Damit weckt er das Interesse der Spionin Margarète Labé. In Folge versuchen sowohl die Katholische Liga wie auch das protestantische Lager auf unterschiedliche Weisen Jacob für sich zu vereinnahmen – doch sie scheitern, womit es für Jacob immer gefährlicher wird, denn schließlich hält man ihn aufgrund seiner Synästhesie, seiner überragenden Sprachkenntnisse und seiner Kenntnisse der Kryptographie sowie Kryptologie für einen mit dem Teufel im Bunde stehenden Zauberer. Der Scheiterhaufen ist ihm sicher, doch mit Hilfe von Edward und einer inzwischen immer nachdenklicher gewordenen Margarète kann er in allerletzter Minute gerettet werden. Die Reise der Drei verläuft über viele Irrungen und Wirrungen bis sie schließlich einen sicheren Platz in Prag am Hofe von Rudolf II. finden. Dabei zeigt sich: Der Weg ist wichtiger als das Ziel.

Soviel zum Inhalt des Buches. Geschrieben ist es in einem leicht verständlichen, gut lesbaren Stil. Die 42 Kapitel sind jedes für sich von erfrischender Kürze; nichtsdestotrotz kommen knapp 500 Seiten zusammen – Seiten die geradezu süchtig machen, denn das Buch ist einziger Page Turner, selbst dann, wenn man – wie ich – diese Art von Literatur normalerweise nicht liest: Spannend von der ersten bis zur letzten Seite! So spannend, dass man es gar nicht mehr aus der Hand legen mag – ein Meisterwerk eben! Ich habe „Die Sprache des Lichts“ mit durchschnittlich hundert Seiten täglich geradezu verschlungen. Sicher, es bleibt nicht aus, dass man sich mitunter fragt, was an diesem Text jetzt historisch verbrieft und was der Phantasie der Autorin entsprungen ist. In derartigen Fällen hilft es ungemein, Glossar und Anhang zu Rate zu ziehen. Doch das tut der Lesefreude keinen Abbruch! Auf einer Skala von einem bis hin zu fünf Sternen würde ich dem Buch eine ganz klare Fünf-Sterne-Bewertung u. d. h. eine uneingeschränkte Leseempfehlung geben.

Abschließend soll aber auch noch etwas Kritik angebracht werden. Mit „Die Sprache des Lichts“ schreibt eine Nichtsynästhetin über Synästhesie. Ein schwieriges (eigentlich fast unmögliches) Unterfangen, denn sich in eine Wahrnehmung hinein zu versetzen, die man selbst nicht teilt, ist durchaus problematisch. Ich selbst bin seit jeher Synästhet (u. a. per fMRI-Untersuchung bestätigt; ich habe oft genug „Meerschweinchen“ oder „Laborratte“ gespielt) und daher seien mir diese Kritikpunkte gestattet. Das Aussehen der Laute, so wie ihr Protagonist Jacob es empfindet, ist zwar mehr oder weniger authentisch, aber nicht verallgemeinerbar und somit individuell unterschiedlich. Einen entsprechenden Hinweis habe ich vermisst. Jacobs Reaktion auf die synästhetische Reizüberflutung ist gleichfalls glaubhaft, erscheint mir jedoch maßlos überzogen (denn Synästheten lernen damit umzugehen), ebenso überzogen wie seine auf die Synästhesie zurückzuführenden Fähigkeiten bei der Kryptologie. Das die Synästhesie bei ihm in Rekordzeit zum Erlernen neuer Sprachen führt ist schlicht unglaubhaft, wenngleich auch nicht völlig ausgeschlossen (mich selbst hat das übrigens beim Erlernen von Fremdsprachen immer gewaltig behindert). Zuletzt dann, als Jacob im Auftrag von Rudolf II. seine Forschungsreise in die Neue Welt antritt, liest es sich so, als sei ihm die Synästhesie mehr oder weniger abhanden gekommen: So funktioniert das nicht! Entweder man ist und bleibt Synästhet oder man ist Nichtsynästhet. Verlieren kann man die Synästhesie nur durch eine Gehirnschädigung. Last but not least nicht zu vergessen wäre da noch die Sache mit dem Mandragora: Synästhesie wird durch Drogen nicht wirklich verstärkt. Sie wird nur fürchterlich verfälscht! Doch trotz dieser Kritikpunkte: Uneingeschränkt lesenswert!