Eine Woche waren meine Frau und ich mal raus. Eine Woche praktisch nur zum Chillen. Wenn man 358 Tage und 358 Nächte im Jahr zweimal Pflegegrad 4 am Hals hat, dann geht es auch nicht anders als einfach mal eine Woche einfach abzuhauen (und selbst das ist schon schwer genug). Den Urlaub verbrachten wir in Kappeln an der Schlei. Warum in Kappeln, zumal da diese ewige, endlos-ätzende Großbaustelle mit eigenem Kfz-Kennzeichen „HH“ durchfahren werden muss? Nun, Kappeln kannten wir noch nicht. OK, einmal war ich da schon mal gewesen. Auf Klassenfahrt. Das war damals, als „Seasons In The Sun“ von Terry Jacks den Hit des Jahres bildete und Englischlehrer Peter May (seinerzeit Gymnasium Seesen) sich gepeinigt die Ohren zuhielt, als wir das laut und falsch im Bus mitgrölten. Ist also schon ein paar Tage her. Und meine Frau wollte an die See. Aber wegen Corona im Land (verständlich) und irgendwo hin, wo nicht alle sechs Stunden beim Wasser der Stöpsel gezogen wird. Und in eine nicht touristisch überlaufene Gegend. Damals schlug ich die Schlei vor, den vermeintlichen „Ostseefjord“, der in Wirklichkeit aber bloß eine glaziale Abflussrinne ist. Selbstverständlich klingt „am Ostseefjord gelegen“ in touristischer Hinsicht viel besser als „an der Abflussrinne gelegen“.

Jedenfalls begannen wir schon im Februar nach einem Urlaubsziel zu suchen. Zuerst an der Schleimündung (alles bis 2023 ausgebucht) und von da aus mangels Unterkünften weiter in Richtung Landesinnere. Schließlich waren wir bereits in Schleswig angelangt und ich dachte schon, das wir notfalls in Haithabu nach Vorfahrensitte bei Rollo übernachten müssten, als meine Frau sagte, ich solle doch mal nachsehen, ob nicht irgendwo vielleicht irgendwer abgesagt hätte. Machte ich, wieder in Richung auf die Mündung der Schlei zu und so fanden wir die Wohnung in Kappeln: Ganz weit oben direkt unter dem Dach und alles schräg. Meine bessere Hälfte begeisterte das nicht gerade, doch dann las sie: „Hier wurde ‚Der Landarzt‚ gedreht.“ Das gab den Ausschlag! „Das machen wir!“, meinte sie sehr bestimmt und ließ keinerlei Widerspruch zu. So wurde es ein Urlaub auf den Spuren des Landarztes.

Die Wohnung erwies sich als geräumig (mit Flur schätzungsweise 80m²), gut ausgestattet, preisgünstig (8 Tage für 507€ inkl. Endreinigung, Bettwäsche etc.) und sauber, knapp einen Kilometer von der Kappelner Innenstadt und auch knapp einen Kilometer von den Discountern (ALDI und REWE) entfernt gelegen – also alles noch bequem zu Fuß zu erreichen. Kappeln selbst … – das erinnerte mich an das Büsum von vor 50 Jahren: Also ohne Schwimmbad, ohne Phänomania, ohne Museum, ohne Riesenrad, ohne Kartbahn, ohne-ohne-ohne und ab 18:00 Uhr werden die Bürgersteige hochgeklappt. Ab 18:30 Uhr ist Totentanz und die Besucheranzahl hielt sich in erträglichen Grenzen. Angesichts der unzähligen Ostsee-Ferienressorts, die da ringsherum gerade aus dem Boden gestampft werden befürchte ich allerdings, dass Kappeln sein Flair binnen der nächsten paar Jahre einbüßen wird. Zu besagtem Flair gehören Fischerei, kleine Läden und auch die Pflasterung. Kopfsteinpflaster herrscht vor und so mancher Senior hatte deswegen mit seinem Rollator sichtliche Probleme. Dennoch haben die vielen, engen Gassen ihren ganz eigenen urtümlichen Reiz und schrien geradezu danach, erkundet zu werden.

Was wir auch reichlich machten – die dabei verlorenen Kalorien hat allerdings die Schokoladenfabrik äußerst fürsorglich für uns aufbewahrt. Gastronomisch betrachtet fand ich Kappeln durchaus bemerkenswert. Von den Restaurants am Gastanlegerhafen mal abgesehen – wer sich eine teure Yacht leisten kann, der kann auch beliebig viel für das Essen ausgeben – rangierten die Preise immer irgendwo so in der Kategorie „Bahnhofseck“, wohingegen die Portionen nicht nur sehr umfangreich, sondern auch äußerst schmackhaft ausfielen. Wobei wir beinahe immer etwas einpacken ließen und mit nach Hause genommen haben. Kappeln ist ein Paradies für Segler. Ich segle nicht (höchstens mal auf die Klappe). Eine Badestelle gab es zwischen Fischerei- und Yachthafen. Die erschien mir allerdings eher wenig einladend und wurde nicht ausprobiert – zumal das Wasser kalt und von sehr unangenehmem Glibber-Viehzeug bewohnt war. Vieles, auf das in anderen Urlaubsorten überdeutlich hingewiesen wird (Badestelle, Fahrradverleih usw.) muss man hier erst suchen, was auf einen in der Entwicklung befindlichen Ferienort hinweist. Eine Bootstour mit der „Nordlicht“ nach Schleimünde und eine Radtour ließen die eine Woche eigentlich viel zu schnell vergehen: Wo ist der Urlaub gelieben?

Nach unserer Rückkehr schrie (neben den Pflegefällen) der Garten um Aufmerksamkeit. Im Aquarium hat der Bestand an Roten Schwertträgern bis auf ein einziges Paar rapide abgenommen – zum Ausgleich dafür ist ein übrig gebliebener Vielfraß jetzt quasi schlachtreif. Es war wohl doch keine so gute Idee, den Kindern zu sagen, dass sie nur alle paar Tage mal sparsam füttern sollten. Meine Chilis haben die auch gegossen – ziemlich gut sogar. So gut, dass ein Topf überlief. Oder, mit anderen Worten: Der Alltag hat uns wieder. Hier ist mal ein Dutzend Bilder von dem Urlaub in Kappeln. Draufklicken zur Großdarstellung in einem separaten Tab!