„Wenn alle sagen das geht nicht, dann kommt irgendwann einer, der weiß das nicht und macht es einfach!“
(Alte Volksweisheit)

Ein Fruchtsaft wird in einer Pfand-Glasflasche gekauft. Die leere Flasche geht zurück, wird gereinigt und wiederverwendet: Ein stofflicher Kreislauf. Der ist nachhaltig. Strom wird aus Sonnen-, Wellen- oder Wasserenergie gewonnen und zur Wasserelektrolyse verwendet. Es entstehen Wasserstoff und Sauerstoff. Der Wasserstoff wird an anderer Stelle wieder mit dem Sauerstoff zu Wasser verbrannt und mit der dabei gewonnenen Energie können Motoren angetrieben werden: Ein Kreislauf. Der ist nachhaltig. Ein Windrad erzeugt sauberen Ökostrom. Schöne Sache. Aber nach spätestens zwei Jahrzehnten ist das Teil hinüber und muss demontiert werden. Wo bleibt der Schrott; was macht man mit den Rotoren? Wiederverwertung gibt es nicht: Kein Kreislauf. Stattdessen Sondermüll. Nicht gerade nachhaltig.

Ist das wirklich „Öko“? Tantal in den Elektronik-Bauteilen von Handys, Laptops, Spielekonsolen usw. sowie Cobalt in den den Elektroden von Lithium-Batterien: Gewonnen aus Coltan- und Cobalt-Erz – Konflikt-Rohstoffen, denn die Gewinnung geht mit Kinderarbeit und Umweltzerstörung einher. Hinsichtlich der Lithium-Gewinnung sieht es nicht viel besser aus. Man verbaut das in den Akkus von E-Autos. Das E-Auto ist nach acht, spätestens aber nach zehn Jahren Schrott und zugleich obendrein auch noch Sondermüll. Wohin damit? Außerdem muss der Strom ja auch noch irgendwoher kommen: Kein Kreislauf. Nicht wirklich nachhaltig.

Worauf ich hinaus will: Produkte kann man nur dann umweltneutral – also nachhaltig – herstellen, wenn von vornherein ein kompletter und zum Produkt passender stofflicher Recyclingkreislauf mit konzipiert wird. Dabei steht völlig außer Frage, dass jeder Kreislauf zwangsläufig unvollständig sein muss – etwas Müll wird daher immer anfallen. Das ist unvermeidlich. Besagter Kreislauf ist jedoch genauso wichtig wie das Produkt selbst, sei es beim E-Auto, bei Unterhaltungselektronik, Stromerzeugung oder was auch immer. Das wäre dann echte Nachhaltigkeit. Daraus folgt, dass Nachhaltigkeit bereits bei der Produktentwicklung anzusetzen hat. Leider ist das aber i. d. R. immer noch die große Ausnahme. Was wir z. Zt. betreiben und als Umwelt-, Klima- oder wie auch immer Schutz betiteln ist reine Flickschusterei, einzig dazu bestimmt, die „Heilige Kuh“ namens Wirtschaft nicht anfassen zu müssen.

Auf diese Weise werden Probleme bestenfalls verlagert – auf weit entfernte Gegenden, in eine gar nicht mal allzu ferne Zukunft. Aber sie werden nicht gelöst! Wie das abläuft lässt sich gut am Beispiel der Kernenergie demonstrieren. Am 17. Juni 1961 ging der Reaktor Kahl als erstes deutsches AKW ans Netz. Das liegt gut 60 Jahre zurück – 60 Jahre in denen man es nicht geschafft hat, ein sicheres Endlager für die radioaktiven Abfälle zu finden. Das gibt es nicht und das wird es auch niemals geben weil es das gar nicht geben kann. Auch so eine nicht zu Ende gedachte Sache: Hauptsache Profit, Hauptsache schnelles Geld! Von Nachhaltigkeit keine Spur.

Am 27. September 1994 trat das Kreislaufwirtschaftsgesetz (KrWG) in Kraft, ein erster Schritt in die richtige Richtung. Doch was ist daraus geworden? Es geht eigentlich gar nicht um stoffliche Kreislaufwirtschaft. Es geht hauptsächlich um mehr oder weniger geregelte Entsorgung mit dem Ziel, Schadstoffe in Abfällen zu isolieren. Das Gesetz an sich gibt alle Rahmenbedingungen von nachhaltiger Bewirtschaftung (Abfallvermeidung, stoffliche Verwertung, thermische Verwertung etc.) vor. Doch in der Praxis bleibt nicht mehr allzu viel davon übrig und es sind eher wenige Unternehmen, die den Abfallmarkt unter sich auftgeteilt haben. Man spricht in diesem Kontext auch gerne von „Müllmafia“ – warum wohl? Das Beispiel zeigt, dass Gesetzgebungen allein auch nicht der Weisheit letzter Schluss sein können, insbesondere dann nicht, wenn es an Kontrollen mangelt und wenn sich Bundes- und Landesrechte aneinander reiben.

Echte Nachhaltigkeit ist nur durch ein Umdenken zu erreichen und dieses Umdenken setzt neben sozialer Absicherung eine solide Bildung, insbesondere in den so genannten MINT-Fächern (MINT = Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften, Technik), voraus. Exakt das ist aber in den vergangenen Jahrzehnten rapide zurückgefahren worden, allein schon daran erkennbar, dass den meisten Leuten der Unterschied zwischen CO2 und Co2 völlig unklar ist (CO2 = Kohlendioxid und Co2 = Kobaltquadrat, was für ein ausgemachter Blödsinn!). Wenn dann noch auf höchster Ebene von einem Kobold anstelle von Cobalt in der Autobatterie gefaselt wird dann lässt das eindeutige Rückschlüsse auf das Bildungsniveau zu und Pumuckl kriegt einen Kotzanfall.

Klar, die technische Entwicklung schreitet rapide voran und nichts hält ewig. Aber warum funktioniert meine beinahe vierzig Jahre alte Küchenmaschine vom Typ Eierkohlenschredder trotz ständiger Benutzung immer noch reibungslos, während neue Produkte für eine Lebensdauer von zwei bis drei Jahren konzipiert werden und mit Ablauf der Garantie gar nicht mal so selten ein Fall für den Müll sind? Warum macht die Wirtschaft den Mt. Kippe immer größer? Warum macht der Verbraucher da mit? Muss das wirklich sein? Wir hatten schon einmal langlebige und wartungsfreundliche – reparierbare! – Produkte. Es geht also! Es muss auch nicht immer das neueste und angesagteste Produkt sein.

Mitunter kommen sogar Produkte auf den Markt, die dermaßen absolut nutz- und sinnlos sind, dass die Welt sie garantiert nicht braucht. Ich erinnere in diesem Kontext nur mal an Tamagotchi oder Furby aus den 1990er Jahren. Der Plunder nützte keinem – aber er wurde ein Riesengeschäft. Meinen alten PC habe ich satte elf Jahre lang verwenden können, bevor die Hardware definitiv nicht mehr ausreichte. Langlebigkeit von Produkten ist folglich möglich! Nachhaltigkeit bei den Produkten bedeutet somit, langlebige, reparierbare und in einen Stoffkreislauf eingebundene Waren herzustellen. Das könnte man gesetzlich so regeln. Es wäre eine Aufgabe der Poliik.

Aber die Produkte sind nicht alles. In einer Terra-X-Sendung des Jahres 2019 wurde gesagt, dass wir allein in Deutschland jährlich 600 Milliarden KWh allein an Strombedarf haben (die Zahlen mögen heute höher liegen, aber da mir keine aktuelleren Daten zur Verfügung stehen bleiben wir ruhig einmal dabei). Davon entstammen 240 Milliarden KWh den regenerativen Energiequellen, was zufällig der Summe aller vorhandenen Photovoltaik-Dachflächen in Deutschland entspricht. Die Differenz von 360 Milliarden KWh kommt aus Kohle- und Ölverstromung und aus dem Atomstrom. Der regenerative Anteil ist nicht Grundlast-fähig u. d. h. wenn abends der Strom zur Beleuchtung gebraucht wird und die Sonne nicht mehr scheint dann gehen die Lichter aus. Man müsste, um die regenerative Energie Grundlast-fähig zu machen, den Strom irgendwie zwischenspeichern – doch an den Speichern fehlt es.

Ganz topaktuell ist jetzt der Elektro-Hype für Verkehr und Heizung, denn der Strom kommt ja bekanntlich aus der Steckdose. Dieser Stromanteil zählt aber zur oben noch gar nicht berücksichtigten Primärenergie und deren Bedarf beläuft sich auf etwa 3,6 Billionen KWh jährlich allein in Deutschland. Um diesen Bedarf allein aus regenerativen Quellen decken zu können (das Speicherproblem bleibt bestehen) müsste man halb Deutschland mit Solaranlagen und Windkraftparks zupflastern. Was bliebe dann noch von der Natur übrig? Ist das wirklich „Öko“? Aber so weit scheint keiner von denjenigen, die heute zugunsten der Autoindustrie einseitig die Elektromobilität fördern, denken zu können. Oder denken zu wollen …

Hinsichtlich der Energieversorgung haben wir also zwei Kernprobleme, nämlich die Speicherung des Stroms aus regenerativen Energiequellen und die Menge des benötigten Stroms. Das Problem der Speicherung ist im Land selbst lösbar, wenn man mit dem Strom Wasserstoff erzeugt und zunächst einen Teil des deutschen Gasnetzes (zu gegebener Zeit alles) zur Wasserstoffspeicherung verwendet. Erste Ansätze zur Umrüstung von Gasbrennern in Heizungsanlagen existieren bereits. Auch Automotoren können prinzipiell direkt als Verbrenner mit Wasserstoff betrieben werden. Beides zusammen würde zumindest in Bezug auf den Strombedarf auch die Menge an Primärenergie entlasten. Allerdings frage ich mich gerade bei den Automotoren, warum hier deutsches Know How erst in Japan zur Praxisreife entwickelt werden muss … Ob das vielleicht mit der oben angesprochenen Bildungsmisere zusammenhängt?

Doch auch für die Elektrolyse von Wasser zwecks Waserstofferzeugung muss der Strom ja irgendwo herkommen. Man könnte ihn dort erzeugen, wo immer die Sonne scheint – nämlich in der Wüste. Dazu gab es im Jahr 2003 mal das Projekt „Desertec“, welches von hochrangigen Politikern (namentlich zu nennen wären Altmaier, Westerwelle und Rösler) quasi gegen die Wand gefahren und somit als unpraktikabel betrachtet wurde. Traurig – und bezeichnend! – dass ausgerechnet ein Entwicklungsland wie Marokko uns vormachen muss wie es dennoch funktioniert. Traurig – und bezeichnend! – auch, dass so etwas ein typisches Beispiel dafür ist, was deutsche Politiker unter Nachhaltigkeit verstehen.

Bleiben wir ruhig noch einen Augenblick beim Beispiel Marokko. Eine Solaranlage wie dort erfordert reichlich Wasser, und zwar zum Kühlen und Reinigen der Komponenten, was gegen den Wüstenstandort spricht. Aber könnte man nicht Kanäle zur Versorgung derartiger Anlagen bauen? Und wäre das nicht auch eine Form von praktizierter Entwicklungshilfe? Eine Form, von der wir profitieren könnten, wenn der Strom dort vor Ort zur Wasserstofferzeugung eingesetzt und besagter Wasserstoff zu uns exportiert wird? Woran es mangelt sind entsprechende politische Vorgaben und langfristige Vereinbarungen. Mit in welcher Form auch immer importiertem Wüstenstrom jedenfalls könnte so ziemlich jedes Land der Welt seine Energieprobleme lösen.

An Ideen zur Nachhaltigkeit mangelt es keineswegs; dazu nur ein paar aktuelle Beispiele: Wie schwimmende Solarzellen zur Energiewende beitragen, „Blitz-Verdampfen“ recycelt Metalle, Wasserstoff aus „faulen Eiern“, Förder-Abwässer als Lithiumquelle?, Kerosin und Co aus Plastikmüll, Einweggeschirr aus Zuckerrohr und Bambus, Anlage in Werlte produziert CO2-neutrales Kerosin und-und-und. Woran es mangelt ist die Umsetzung in eine sozial verträgliche u. d. h. von jedermann bezahlbare Form. Denn nur eine sozial verträgliche Umsetzung führt zur Akzeptanz und nur dann setzt auch das eingangs beschriebene, erforderliche Umdenken ein.

Es wäre die Aufgabe der hohen Politik, hier die Weichen in Form von verbindlichen Richtlinien zu stellen. Konzepte dazu lägen im Zuständigkeitsbereich der verschiedenen Ministerien. Nachhaltigkeit lässt sich nicht von heute auf morgen erreichen und schon gar nicht diktieren; das ist ein Lern- und Wachstumsprozess, der sich über Jahrzehnte hinweg erstrecken wird. Aber haben wir diese Jahrzehnte überhaupt noch Zeit? Der Mangel an Pflegekräften, an LKW-Fahrern, an Holz und Papier, an Halbleiterbauteilen, die immer weiter auseinander klaffende Schere zwischen Arm und Reich usw. belegen doch nur, dass ein „Weiter-so!“ nicht funktioniert, dass unbeschränktes Wachstum im begrenzten System unmöglich ist.

Doch genau das – dieses „Weiter-so!“ – ist das, was bisher praktiziert wurde und was auch garantiert weiterhin praktiziert werden wird – bis hin zum bitteren Ende! Damit das nicht so auffällt streut man Otto Normalverbraucher (Zitat Winston Churchill: „Das beste Argument gegen die Demokratie ist ein fünfminütiges Gespräch mit einem durchschnittlichen Wähler!“) Sand in die Augen, beschwört die vermeintliche Umweltfreundlichkeit von E-Autos ohne zu sagen wo der Strom herkommt oder der künftige Schrott hin soll, verteuert alles im Namen des Umweltschutzes und zockt weiter ab wie gehabt. Nee Leute: Verarschen kann ich mich alleine! Nachhaltigkeit geht anders! 😦