Für den nun folgenden Beitrag muss ich voraus schicken, dass ich (da ich selbst mal einen chemischen Beruf erlernt und über ein Vierteljahrhundert in dem Job gearbeitet habe) ein wirklich solides chemisches Grundwissen für unerlässlich halte. Jeder sollte wissen was es mit dem PSE auf sich hat und wie und warum es so und nicht anders funktioniert. Das ist der Bereich der „Allgemeinen Chemie“ und der gehört in ausnahmslos jede schulische Bildung. Warum? Weil Leben Biologie ist. Biologie ist Chemie. Chemie ist Physik. Und Physik ist Mathematik. Damit ist auch so ziemlich der gesamte Bereich dessen umrissen worden, was auf jemanden zukommt, der oder die sich für eine wie auch immer geartete Ausbildung im Bereich der Chemie interessiert. Die Zeiten, in denen es hieß „Biologie ist, wenn es grün ist und sich schlängelt“ oder „Chemie ist, wenn es knallt und stinkt“ sind schon lange – sehr lange! – vorbei. Spätestens dann, wenn einem mit der Einführung in die Orbitaltheorie die Quantenphysik um die Ohren gehauen wird, beginnen viele zu (ver)zweifeln …

Chemie heute, das ist „Allgemeine Chemie“, „Anorganische Chemie“, „Organische Chemie“, „Physikalische Chemie“, „Synthetisch-Präparative Chemie“, „Polymerchemie“, „Umweltchemie“, „Stöchiometrie“, „Mathematik“, „Chemometrik“ und-und-und sowie in jedem dieser Bereiche noch zig Unterteilungen und Spezialisierungen. Jobs sind nur mit den Spezialisierungen erhältlich, ganz egal ob in der Wirtschaft oder in der Forschung. Chemie scheint anfangs recht einfach zu sein: Zwei oder drei reine Substanzen reagieren nach einem festen, berechenbaren Schema miteinander. Man weiß, was man haben will und errechnet was rein muss, damit am Ende das Gewünschte dabei rauskommt. Wohlgemerkt: Bei zwei oder drei reinen Substanzen. Sobald es aber mehr sind oder noch irgendein Schlunz in dem technischen Produkt mit rumschwimmt ist der Kriminalist der bessere Chemiker! Weil dann gänzlich unerwartete Sachen passieren können …

Spätestens an der Stelle kommt man mit den teils echt komplexen Formeln des chemischen Fachrechnens nicht mehr weiter und muss zur Beschreibung des ganzen Vorgangs auf die mathematische Schiene ausweichen. Das bedeutet aber auch: Man muss (gezwungenermaßen und nicht selten in Rekordzeit) den ganzen Mathe-Mist nachholen, um den man sich in der Schule früher so erfolgreich gedrückt hat. Werden die Berechnungen zu komplex, dann muss man einen Computer dafür einsetzen und die Software u. U. auch noch selbst basteln – Informatik gehört folglich auch noch mit dazu. Hat man am Ende irgendwann berechnet, wie der Versuch zu laufen hat und ist er zudem noch exotherm, dann geht man mit sehr gemischten Gefühlen an die Realisierung. Denn der kleinste Rechen- oder Gedankenfehler könnte durchaus dazu führen, dass sich das Problem schlagartig und für alle Zeiten löst: BUMMM!!! Aber OK, andere machen Bungee-Jumping …

Im Falle einer leitenden Funktion (ich habe mehrere Jahre den Forschungsleiter in einem Industriebetrieb gemacht) hat man sich darüber hinaus noch mit gänzlich fachfremden Problemen rumzuärgern. Dazu zählen Management, Logistik, Personalwesen, Buchhaltung, Budgetplanung, Beschaffung etc. Etwaige Weiterbildungen (die im Grunde genommen regelmäßig erfolgen müssen, da sich das Gebiet rasant entwickelt) legt man in die karge Freizeit; für ein eigenes Leben bleibt kein Platz mehr – spätestens durch den Druck von oben wird man bis zum Burnout angespornt, denn Zeit ist ja bekanntlich auch Geld. Das wäre vielleicht halb so schlimm, wenn diejenigen ganz oben, die das Sagen haben, in chemischer Hinsicht auf das eingangs angeführte Grundwissen zurückgreifen könnten. Können sie aber i. d. R. nicht und dann kommen so hirnrissige Forderungen wie z. B. „Dann erfinden Sie eben einfach ein neues Element!“ auf. Wenn man darauf mit „Gerne; stellen Sie mir dazu einen guten Fusionsreaktor zur Verfügung!“ antwortet – u. d. h. so, wie es der fachlich unbeleckte Fordernde verdient hat – dann ist man ganz schnell unten durch. Oder wenn man jemanden angesichts seines bekloppten Verhaltens mit den Worten „Unbeschriftete Flaschen haben im Labor nichts zu suchen, also raus!“ des Raumes verweist und ausgerechnet der sich dann als der neue Vorgesetzte erweist – Fettnäpfchen, ich komme!

In solchen Fällen ist man bei der Feldarbeit besser aufgehoben, also bei der Arbeit alleine draußen vor Ort. Nehmen wir als Beispiel mal die Beprobungen. Sicher, es ist durchaus verlockend, bei strahlendem Sonnenschein an irgendeinem Bach oder an irgendeiner Talsperre seine Probenahmeeinheit aufzubauen und während das Ding läuft ein gutes Buch zu lesen oder Sonnenbad mit Nickerchen zu verbinden. So kann man sein Geld im Schlaf verdienen. Aber das ist doch eher die ganz seltene Ausnahme, zumal nicht immer schönes Wetter ist. Wenn man sich nämlich nach oder während einer Regenperiode mit einem dafür eigentlich ungeeigneten Fahrzeug die Richtung zum Einsatzort auf einem unbefestigten Weg im Grunde genommen erkämpfen muss. Oder wenn eine Probe wirklich mal oben auf der Krone des Fabrikschornsteins zu nehmen ist, wenn man ein Flachdach erklimmen muss, auf dem ein halber Meter Wasser steht oder wenn man nicht weiß, ob der Schacht, in den man runter muss, frei von Gas ist. Klar, wenn da unten die Ratten ’ne Party feiern, dann ist das kein Thema. Leben bedeutet kein Gas. Aber wenn da keine Ratten sind …

BTW (weil mir das mal bei einer unbeabsichtigten Giftgasfreisetzung durch Kollegen passiert ist): Wie weit kannst du eigentlich mit angehaltenem Atem um dein Leben rennen? Was ich damit sagen will ist Folgendes: Zusätzlich zum Wissen und zu den praktisch-handwerklichen Fähigkeiten benötigt die angehende Chemiefachkraft auch noch ein anständiges Maß an körperlicher Fitness. In jungen Jahren mag das noch ja vorhanden sein, aber jünger wird nunmal keiner im Verlauf seines Lebens. Völlig unabhängig davon bedeutet eine Tätigkeit im Chemiesektor auch, Rückschläge ohne Ende einstecken zu können. Auf ein Erfolgserlebnis kommen mindestens 99 Fehlschläge u. d. h. eine Frustrationstoleranz irgendwo in der Größenordnung von unendlich sollte schon gegeben sein!

Berücksichtigt man all das, dann bleiben eigentlich nur noch Menschen für Chemieberufe übrig, die ganz bestimmten psychischen Grundmustern entsprechen, nämlich Lebensmüde, Masochisten und hyperneugierige Nerds. Die Erstgenannten sind aus verständlichen Gründen schnell weg vom Fenster. Die Zweitgenannten satteln irgendwann im Verlauf ihres Berufslebens um und wenn sie die Menschheit so richtig von Herzen hassen, dann werden sie Lehrer und unterrichten Chemie. Oder aber sie gehen zum Fernsehen. Nur die Letztgenannten ziehen den Chemiejob bis zum bitteren Ende durch. Wenn du auch dazu gehören solltest: Willkommen im Club! Für alle anderen aber habe ich den gut- und ernstgemeinten Rat: Chemie? Lieber nicht!