„Wenn die Stillen Tage vorbei sind wird es auch wieder ruhiger!“
(Karl Valentin)

Alle Jahre wieder kommt die Adventszeit. Eingeläutet wird sie mit dem Black Friday, an dem die Leute irgendwelchen nie wirklich benötigten Plunder kaufen, der das ganze Jahr über billig war, dann hochgesetzt wurde und am Black Friday etwas preisreduziert für deutlich mehr als den normalen Preis zu haben ist. Boa, ey – was man dabei spart! Man spart sogar noch viel mehr, wenn man gleich drei Teile von dem überflüssigen Ramsch kauft! Dann geht es so langsam an’s Eingemachte. Überall werden so Weihnachtsdekos angebracht, um weihnachtliche Stimmung zu verbreiten. Die will aber bei -2°C und Regen, gepeitscht von einem steifen Nordwest, nicht wirklich aufkommen. Wer panische Angst davor hat, zu Weihnachten ohne Tannenbaum dazustehen, marschiert zu Rudis Resterampe und kauft sich da die Nordmannstanne im Wahnsinnsangebot für schlappe 9,99€ – allerdings an der Kasse bitte das Teil nicht zu stark auf den Boden stellen, sonst fallen alle Nadeln ab und man braucht noch einen Rieseneimer mit Klebstoff für die Reparatur, was den Preisvorteil gleich wieder zunichte macht. Immerhin: Bastler kommen dabei voll auf ihre Kosten und es macht sich so eine Art von stundenlangem IKEA-Feeling breit.

Spätestens jetzt ist die Adventszeit voll ausgebrochen! Auf das Kaufrausch-Konsumterror-Event des Black Friday folgt der durch und durch hektische Samstag vor dem ersten Advent. Der besten Ehefrau von allen fällt urplötzlich ein, dass ja noch Weihnachtsgebäck gebacken werden muss und in einem Anfall von Torschlusspanik werden ganz schnell die Regale mit den Backzutaten leergekauft. Was selbstverständlich eigentlich gar nicht vorgesehen war, denn im Keller lagen ja noch die übrig gebliebenen Zutaten vom vergangenen Jahr – nur hat an denen der Zahn der Zeit genagt und aus „mindestens haltbar bis“ ist gar nicht mal so selten „absolut tödlich ab“ geworden. Wenn das Zeug nicht zuvor schon durch seltsame Neuschöpfung aus eigener Kraft die Flucht ergriffen hat. Gut – alle Zutaten sind jetzt da! Wo ist die *#?!$%&!-Backform hingekommen??? Die wurde doch letztes Jahr noch ins Kellerregal gelegt! Die Suchaktion nach diversen Backformen und weiteren Teigzerstörungsutensilien zieht sich bis zum Abend hin; anschließend wird der Frust mit Jagertee, Geelen Köm, Grog (Rum muss sein, Zucker kann sein, Wasser braucht nicht sein) oder schnödem Glühwein ersäuft.

Während die bessere Hälfte im Tagesverlauf auf diese Weise unaufhaltsam einem Nervenzusammenbruch entgegen steuert hat der Herr des Hauses anderweitig zu tun. Der Adventskranz will nämlich zusammengebaut gemacht werden. Klar, sowas kann man natürlich auch fertig kaufen, aber seien wir doch mal ehrlich: Die persönliche Note lässt bei derartiger Massenware doch sehr zu wünschen übrig! Außerdem ist so ein selbstgebastelter Adventskranz i. d. R. doch viel schicker und preiswerter als der käuflich zu erwerbende Krempel! Den als Grundlage dienenden Kranz hat man schon vor dem Totensonntag billig als Grabschmuck erstanden. Der Rest findet sich dann; sind ja hinreichend viele Kisten mit Weihnachtsdeko auf dem Dachboden. Oder im Keller. Oder im Stall. Oder in der Garage. Oder ganz woanders. Bloß wo sind die verdammten Scheißkisten denn eigentlich hingekommen? Während die Hausfrau ihre Teigwarenvernichtungswerkzeuge zusammen sucht, sucht der Gatte die Kisten mit der Weihnachtsdeko.

Er wird fündig. Sie zunächst nicht. Er findet allerdings nicht das Gesuchte. Sondern stattdessen die Kartons, die im zurückliegenden Jahr bereits unauffindbar verschwunden waren – macht nichts, dann eben Plan B und andere Deko. Oder auch nicht, denn jetzt stehen erstmal Batteriewechsel, Kleben, Reparieren, Durchmessen und Austauschen an! Die Deko hat nämlich gewisse Auflösungserscheinungen – um nicht zu sagen: Sie hat sich in Zerfallsprodukte verwandelt! Und alles ist selbstverständlich wieder verbunden mit der Suche nach den passenden Ersatzteilen. Das ist jedes Jahr zum ersten Advent traditionell der gleiche Mist. Am schlimmsten sind dabei die Lichterketten. Gerade Lichterketten sind ganz extrem hinterhältig. Das ist eine Lebensform, die extra deswegen entstanden ist, um die Menschheit zum Wahnsinn zu treiben! Weil: Die kann man noch so gut aufgerollt oder sortiert in eine Kiste gepackt haben – das bleibt nicht so! Im Jahresverlauf und in Zeitlupe bewegen sich die Mistdinger in der Kiste heimlich aus eigener Kraft bis ein unentwirrbares Knäuel entstanden ist. Eins, bei dem wirklich nur noch der Saitenschneider hilft!

Jedenfalls werden auf diese Weise jedes Jahr zur gleichen Zeit Dachboden und Keller entrümpelt und das Gerümpel in der Wohnung verteilt. Die angedachte Deko auf dem Adventskranz hält natürlich so wie man sich das vorgestellt hat um’s Verrecken nicht, doch mit ein paar Schrauben vom Format 80*6mm ist das Problem schnell behoben und Höhenunterschiede zwischen innen und außen lassen sich recht gut mit einer umgedrehten Schale des ohnehin nutzlos die Schränke verstopfenden Mikrowellen-Geschirrs ausgleichen. Zum Abend hin ist es dann vollbracht: Die Küche steht voller Backutensilien (zum Backen ist es jetzt zu spät), alle Fenster sind mit einem Schwibbogen bestückt (keiner ist an weil überall irgendwelche Birnen kaputt sind) und der Teller für den Adventskranz ist unauffindbar geblieben (eine Tortenplatte darunter tut’s ja schließlich auch).

Dann: Sonntag, erster Advent! Im Radio dudeln permanent Weihnachtslieder, etwa zwanzigmal am Tag „Last Christmas“, gefolgt von noch zwanzigmal „Driving Home For Christmas“ und nur aufgelockert durch die schlimmsten Weihnachtsschnulzen von Helene Fletscher, Florian Blechlöffel und Wastl Untermoser – oder wie die Erzeugnisse des Baziklonlabors alle heißen – bloß anspruchsvolles Kulturgut a la „Leise pieselt das Reh“ oder „Atemlos durch die Weihnachtszeit“ hört man da nie. Sei’s drum! Wird eben Rock oder Metal aus der Konserve eingeschaltet bevor Tinnitus und Ohrenkrebs mit Macht zuschlagen! Während der Herr des Hauses die eigene Werkstatt nach passenden Birnen für jeden Schwibbogen durchsucht und im Idealfalle manchmal sogar fündig wird heißt es im Wohnbereich „Advent, Advent, die Küche brennt!“, denn parallel zur Zubereitung des normalen Mittagessens wird jetzt gebacken was das Zeug hält! Platz ist ein rares Gut geworden und und zum Essen verzieht man sich am besten in den Keller oder auf den Dachboden, weil diese Räumlichkeiten jetzt ja entrümpelt worden sind.

So vergeht der Tag und am späten Nachmittag (draußen ist es bereits dunkel) wandern auch die Kisten und Kartons wieder auf den Dachboden bzw. in den Keller: „Aber nicht zu weit wegstellen; wir brauchen das bald wieder!“ Das hat zur Folge, dass man sich wochenlang mit Stolperfallen abplagen muss. Alle Schwibbögen sind jetzt eingeschaltet, aber von draußen sieht das keiner, weil die Jalousien aufgrund des ätzend kalten Windes runter sind: Wozu hat man sich eigentlich die ganze Arbeit gemacht? Das erste Lichtlein des Adventskranzes ist entzündet worden und wird seitens der besseren Hälfte mit einem von Herzen kommenden „Sieht aber mickrig aus!“ gelobt. Das Backchaos geht mittlerweile auch dem Ende zu und die Küche sieht aus wie ein Truppenübungsplatz. Als der gebeutelte Ehemann die Backerzeugnisse einer eingehenden und umfangreichen Qualitätskontrolle unterziehen will wird er von seiner Ehefrau barsch angefahren: „Ey – das soll bis Weihnachten reichen!“ Grummeld versuchen beide die Küche wieder in einen bewohnbaren Zustand zu versetzen, denn die Adventszeit hat ja gerade erst angefangen. Man kann das aber auch positiv betrachten: Jetzt sind erstmal vier Wochen an relativer Ruhe, bevor sich das Ganze in leicht variierter Form – Weihnachtsbraten anstelle von Backwaren und Tannenbaum anstelle von Adventskranz – einen Tag vor Heiligabend wiederholt! Genießt die Ruhe vor dem Sturm!