„Wieviel Megapixel hat deine Kamera – 24? Was hast’n dir da für’n Schrott andrehen lassen?!? Kauf‘ dir lieber mal ’n ordentliches Handy mit ’ner eingebauten 108MP-Kamera – dann brauchst du keinen zusätzlichen Fotoapparat mehr!“ Soviel zu der Äußerung eines Menschen, dem ich einerseits zwar lieber aus dem Wege gehe, dem ich aber andererseits hin und wieder begegne, weil die Arschlöcher ja strategisch so verteilt sind, dass man jeden Tag mindestens eins davon trifft. Besagte Person fällt für mich in die Kategorie der männlichen Mitbürger, welche Minderwertigkeitskomplexe hinsichtlich eines gewissen Körperteils wenn schon nicht durch ein dickes Auto, dann doch wenigstens durch gelebten Megapixelwahn auszugleichen versuchen. Megapixelwahn ist nämlich das Stichwort und genau darum soll es in diesem Beitrag auch gehen. Weil der Megapixelwahn tatsächlich gar nicht mal so selten in einem furchtbaren Pixelbrei endet …

Es hat sich bei den Herstellern von Digitalkameras und Smartphones eingebürgert, sich gegenseitig mit immer höher auflösenden Sensoren übertrumpfen zu wollen. Sehr viele Menschen ziehen daraus den völlig blödsinnigen Fehlschluss, dass ein Foto qualitativ umso besser und schärfer ausfällt, je mehr Megapixel der Sensor aufweist: Es kommt nämlich nicht auf die Anzahl der Megapixel an! Entscheidend für die Bildqualität sind drei gänzlich andere Dinge, nämlich die physische Sensorgröße, die Bildstabilisierung gegen Verwackeln und die Optik vor dem Sensor, sprich das Objektiv. Ein mit gutem Objektiv inklusive Bildstabilisierung und großem Sensor aufgenommenes Foto wird qualitativ immer besser ausfallen (müssen) als ein Bild mit Monster-Megapixel-Sensor ohne Stabilisierung mit einer winzigen Plastikscherbe davor! Warum ist das so? Beginnen wir mal mit der Sensorgröße.


Größenvergleich der gängisten Bauformen von Kamerasensoren.

Wenn der Sensor in Bezug auf seine Maße dem KB-Format in der früheren Analogfotografie entspricht, dann spricht man von einem Vollformat-Sensor. Häufig werden in den Kameras aber kleinere Sensoren verbaut, also bspw. APS-C u. ä., weil ein Vollformat-Sensor für das betreffende Gehäuse einfach zu groß ausfallen und somit eine Veränderung der Gesamtkonstruktion nach sich ziehen würde. Auf die Spitze getrieben wird die physische Sensorverkleinerung bei den Smartphones, denn dort kommen winzige Sensoren und ebenso winzige Optiken zum Einsatz: Wer wäre schon bereit, andernfalls ein Handy von Backsteingröße mit sich rumzuschleppen?

Bringt man bei einer vorgegebenen Sensorfläche nur sehr wenige lichtempfindliche Pixel auf, dann wird das Bild grob gerastert und sieht aus wie Stonehenge von oben. Es bedarf daher einer gewissen Mindestanzahl von Pixeln und das sind eben Pixelangaben wie 16MP, 24MP, 48MP usw. Nehmen wir jetzt mal bspw. die 24MP. Man kann diese Pixelanzahl auf einer großen ebenso wie auf einer winzigen Sensorfläche unterbringen; das ist heute technisch problemlos möglich. Auf der großen Sensorfläche baut man die Pixel eben einfach größer und auf der kleinen Sensorfläche entsprechend kleiner, geht alles.

AAAABER: Wenn ich ein elektronisches Bauteil habe – und bei den lichtempfindlichen Pixeln handelt es sich darum – und wenn das Strom zieht, dann wird es umso heißer, je kleiner ich es baue. Bedeutet: Je kleiner der Sensor bei gegebener Pixelanzahl gebaut wird, desto heißer wird er. Damit aber produziert der Sensor auch thermisch bedingte Störsignale (Pixelrauschen) und ab einem gewissen Punkt ist das Störsignal gleich groß oder sogar größer als das Nutzsignal (d. h. als die Bildinformation). In diesem Fall werden die Bilddetails nicht mehr vernünftig aufgelöst und an ihre Stelle tritt ein verschwommener Pixelbrei, umgangssprachlich auch „Matsch“ genannt. Soviel in aller Kürze zur zugrunde liegenden Physik.

Wenn ich also einen Monster-Megapixel-Sensor habe, dann ist der eigentlich nur dann wirklich sinnvoll, wenn er auch physisch hinreichend groß ist, weil das Foto andernfalls im Matsch absäuft. Na ja, vielleicht an dieser Stelle noch ein kleiner Einschub zur Ehrenrettung des Megapixelwahns: Je mehr Megapixel der Sensor hat, desto größer wird auch das Bild (und desto mehr Speicherplatz benötigt es) und desto größer kann ich auch die Abzüge machen – aber wer macht schon metergroße Abzüge von seinen Bildern? Eigentlich ist ein großer Sensor mit vielen Megapixeln nur in der Natur- und Tierfotografie einigermaßen sinnvoll, doch das hat einen gänzlich anderen Grund. Dort schneidet der Fotograf nämlich normalerweise alles weg, was den Motiveindruck stören könnte, womit das Foto naturgemäß kleiner wird und auch nur noch für kleinere Abzüge taugt. Übrigens: Wenn nach dem Zuschnitt vom Bild nichts mehr übrig sein sollte, dann hat es von Anfang an nichts getaugt! 😉

Doch zurück zu Sensorgröße, Optik, Stabilisierung und Pixelanzahl. Erst deren optimale Kombination gestattet das qualitativ brauchbare Foto. Wie das zu verstehen ist will ich einmal anhand von ein paar Beispielaufnahmen demonstrieren. Nun habe ich hier kein optisches Testlabor und deswegen müssen unter Realbedingungen aufgenommene Bilder herhalten. Das heißt: Bei Schmuddelwetter, zugezogenem Himmel mit Regenschauern und dem dazu gehörigen Sturm in Norddeutschland habe ich vom Balkon aus die lt. Google Maps ziemlich genau 200m weit entfernten Bäume am Mühlgraben als Motiv gewählt. Da ich dabei obendrein unterschiedliches Equipment einsetzen musste ist mir völlig klar, dass die Vergleiche etwas hinken. Mir kommt es aber auf die Kernaussagen an und die dürften sich auch bei hinkenden Vergleichen ableiten lassen. BTW: Alle nun folgenden Testbilder sind unbearbeitete 1:1-Ausschnitte, lediglich zwecks korrekter Darstellung hier im Blog etwas verkleinert.

Testbild 1:


Gerät: Handy Moto G4+
Sensor: 16MP, ca. 4,5×3,4mm, stabilisiert
Blende: F/2
Belichtung: 1/573Sek.
Empfindlichkeit: ISO 64
Brennweite: 4,7mm

Testbild 2:


Gerät: Bridge Nikon P510
Sensor: 16MP, ca. 6,2×4,6mm, stabilisiert
Blende: F/5.9
Belichtung: 1/160Sek.
Empfindlichkeit: ISO 800
Brennweite: 1.500mm

Testbild 3:


Gerät: Sony A6000 mit für diese Kamera passendem Automatik-Objektiv
Sensor: 24MP, ca. 23,5×15,6mm, stabilisiert
Blende: F/6.3
Belichtung: 1/500Sek.
Empfindlichkeit: ISO 800
Brennweite: 350mm

Testbild 4:


Gerät: Sony A6000 mit Danubia-Altglas und manueller Fokussierung (Stativ + Fernauslöser)
Sensor: 24MP, ca. 23,5×15,6mm, unstabilisiert
Blende: F/8
Belichtung: 1/100Sek.
Empfindlichkeit: ISO 1.600
Brennweite: 1.500mm

Testbild 5:


Gerät: Handy Moto G30
Sensor: 64MP, ca. 5,3*3,9mm, unstabilisiert
Blende: F/1.7
Belichtung: 1/348Sek.
Empfindlichkeit: ISO 100
Brennweite: 26mm

Übrigens: Die physischen Sensorgrößen habe ich aus den technischen Daten der jeweiligen Aufnahmegeräte im Web recherchiert. Selbstverständlich spielt in allen Fällen auch die Brennweite eine Rolle, denn bei kleineren Brennweiten wirken Fotos meist schärfer – das ist zwar einschränkend für die folgenden Vergleiche anzumerken, ändert im Grunde genommen aber nichts an den Folgerungen. Und nun vergleichen wir mal. Den Anfang machen die beiden Handy-Aufnahmen, also Testbild 1 und Testbild 5. Bei weniger Megapixeln, dafür aber stabilisiert, wirkt Testbild 1 schärfer. Testbild 5 liefert trotz deutlich höher auflösendem, aber unstabilisiertem Sensor dagegen überwiegend Matsch. Die Folgerung ist eindeutig: Eine Stabilisierung des Aufnahmegerätes gegen Verwackeln ist wesentlich effektiver als ein höher auflösender Sensor.

Betrachten wir anschließend die beiden 1.500mm-Aufnahmen, also Testbild 2 und Testbild 4. Bild 2 wirkt bei weniger hoch auflösendem Sensor, aber mit Stabilisierung arbeitendem Gerät insgesamt etwas schärfer als Bild 4. Letzteres allerdings zeigt bei größerem Sensor mehr, wenngleich auch verwackelte, Details. Die Folgerung daraus lautet, dass sich in Bezug auf die Stabilisierung der erste Vergleich bestätigt hat. Allerdings kann der größere und empfindlichere Sensor bei geeigneter Optik durchaus mehr Details abbilden.

Kommen wir nun zu den mit Stabilisierung aufgenommenen Fotos, nämlich Testbild 2 und Testbild 3. Hier zeigt sich, dass ein physisch größerer Sensor bei angepasster Optik mit mehr Megapixeln sowohl zu mehr Schärfe wie auch zu mehr Details führt. Daraus lässt sich folgern, dass sich mehr Megapixel nur bei physisch größeren Sensoren mit zugehöriger, dafür optimierter Optik lohnen. Bleibt noch ein letzter Vergleich, nämlich der zwischen Totale und Ausschnitt (Eingangsbild dieses Beitrages und Testbild 4). Bei beiden Bildern handelt es sich um die gleiche Aufnahme. Die Totale jedoch wirkt hinreichend scharf u. d. h. unabhängig vom Sensor sollte man Zuschnitte, sofern möglich, immer vermeiden.

Und das Fazit meines kleinen Vergleichstests? Bei einem Aufnahmegerät, ganz egal ob Smartphone oder Kamera, alleinig auf die MP-Angabe zu schielen ist voll daneben! Viele Megapixel sind wirklich nur dann – eine entsprechende Optik voraus gesetzt – von Nutzen, wenn der Sensor auch rein physisch groß genug und somit rauscharm ist. Grundsätzlich ist eine Stabilisierung wesentlich sinnvoller als ein höchstauflösender Sensor und zuschneiden sollte man die Bilder auch wirklich nur dann, wenn es unvermeidlich ist. Wenn euch also auch mal so ein Megapixel-Freak eine Blase ans Ohr sabbeln will, dann übt euch in Nachsicht: Der Betreffende hat im Grunde genommen von der Materie keine Ahnung und ist obendrein noch zu dumm, um zu bemerken, dass er das mit seinem unqualifizierten Gelabere sogar noch belegt! Ich weiß, das klingt jetzt ziemlich böse, ist aber meine Meinung … 😉