Es erhöht die Lebensdauer eines Handys, wenn man hin und wieder mal seine Apps ausmistet und von vornherein nur die Apps drauf hat, die wirklich nützlich sind – jedenfalls so rein gefühlsmäßig. Im Hinblick auf den Akku sogar ziemlich real. Deswegen versuche ich immer, mit einem Minimum an Apps auszukommen und überlege mir ziemlich genau, ob ich eine neue App wirklich brauche oder ob nicht. Ein Mitglied unserer hiesigen Freiwilligen Feuerwehr hat unlängst die kostenlose App What3Words oder kurz W3W vor dem Hintergrund, im unwegsamen Gelände außerhalb der Ortschaften um Hilfe rufen zu können, empfohlen – und zwar als nützliches Nischenprodukt für den Notfall.

Das klang recht interessant und daher habe ich mir W3W bei Google mal etwas näher angeschaut. Hinsichtlich der Bewertungen und Beurteilungen gewann ich den Eindruck, dass da möglicherweise Missverständnisse vorliegen könnten. Deswegen hier vorab und zur Differenzierung ein paar Worte. Zunächst zur Fuktionsweise: W3W ist die patentierte Erfindung eines privatwirtschaftlichen Startups aus England. Dort hat man die Weltkarte in 3*3m-Quadranten aufgeteilt und jedem Quadranten eine aus drei Wörtern bestehende Adresse zugeteilt. D. h. jeder Quadrant kann anhand seiner Adresse weltweit eindeutig identifiziert werden. Die betreffenden Wörter sind der jeweiligen Landessprache entnommen. Eine W3W-Adresse hat folglich z. B. die Form von „///gelbes.beinen.freudige“. Die Nutzungsmöglichkeiten sind entsprechend vielfältig. Mercedes, BP, die DB, der E-Scooter-Verleiher Lime, etliche Rettungsleitstellen u. a. haben das System daher übernommen. Der große Vorteil von W3W-Adressen ist insbesondere darin zu sehen, dass sich auch Orte adressieren lassen, für die es weder Straße noch Hausnummer gibt – also auf der Wiese, auf dem Wasser, in der Wüste, im Wald usw. Sicher, mit GPS-Koordinaten kann man das noch wesentlich genauer hinbekommen. Aber drei Worte lassen sich am Telefon leichter übermitteln. Genau an dem Punkt entsteht nämlich das Missverständnis.

Was W3W (noch) nicht ist: Kein richtiges Routing-Programm, kein GPS-Ersatz, kein Bewegungstracker, keine Navigationslösung o. ä.
Was W3W (schon) ist: Ein System um jeden Ort auf der Welt punktgenau (mindestens in Rufweite) zu beschreiben, auch dann, wenn diese Orte abseits der Zivilisation liegen. Genau das aber macht W3W zu einem nützlichen Nischenprodukt für Rettungsdienste: Gibt man bei einem Notfall die drei gezeigten Wörter der Leitstelle durch, dann können Einsatzkräfte den Unfallort gezielter und schneller erreichen. Drei gängige Wörter der Landessprache sind viel leichter zu merken und aus dem Gedächtnis widerzugeben als GPS-Koordinaten von Längen und Breitengraden.

So, genug der Vorrede. Wie funktioniert das jetzt und welche Erfahrungen habe ich beim Antesten damit gemacht? Runterladen aus dem Google Play Store und Installieren verlaufen wie gewohnt automatisiert. Da muss man nur warten bis das fertig ist und hinterher das Icon der App dahin schieben, wo man es haben will. Beim Erststart ist ein nachzuinstallierendes Sprachpaket (im vorliegenden Falle also Deutsch) auszuwählen. Auch dessen Nachinstallation geschieht automatisch und erfreulicherweise meldet sich die App danach umgehend mit der neuen Sprachversion. Es folgt eine kurze Einführung in die Funktionsweise über drei Bildschirmseiten hinweg. Anschließend muss man sich noch bei W3W registrieren, was – da man das bei Android ohnehin schon über Google getan hat – auch direkt über das Google-Konto möglich ist. Man muss also kein neues Konto extra anlegen (was man aber dennoch machen kann). Zuletzt bittet die App um das Festlegen eines Heimatstandortes. Hierzu nimmt sie eine ungefähre Ortung vor. Mit der Umschaltung auf Satellitenansicht (mittels des Buttons links unten) gelangt man in die übliche Google-Maps-Ansicht (W3W setzt übrigens auf Google Maps auf) und kann durch Antippen des infrage kommenden Quadranten die ungefähre Ortung noch deutlich verfeinern. Dieser Standort wird abgespeichert. Damit ist die App einsatzbereit.


Eine Ortung irgendwo in der Feldmark: Karten- und Satellitenansicht.

Eine zweite Ortung, nur wenige Meter weiter: Die Dreiwortkoordinaten sind völlig andere.

Beim Einschalten ortet die App den Standpunkt automatisch und führt ihn bei Bewegung nach – immer voraus gesetzt, dass man sich nicht gerade in einem Funkloch befindet (s. u.). Zusätzlich lässt sich die Ortung auf Anforderung durchführen, indem man auf den oberen Button links unten (über der Umschaltung zwischen Karten- und Satellitenansicht) tippt. Die zugehörigen Dreiwortkoordinaten erscheinen umgehend auf dem Bildschirm. Im Falle von Funklöchern – auch mit sowas bin ich „gesegnet“ – kann die App selbstverständlich nicht funktionieren. Anstelle der Feldmark verortete sie mich daher im Hühnerstall eines der Anwohner, ein paar hundert Meter entfernt – das war nahe des letzten noch erfassbaren Standortes. D. h. im Funkloch liefert W3W naturgemäß nur Blödsinn und man sollte schon wenigstens eine ungefähre Vorstellung davon haben, wo man sich gerade befindet, wenn man bei der Alarmierung eines Rettungsdienstes mit den Dreiwortkoordinaten agieren will. Kennt man den eigenen Standort hingegen genau genug, dann lässt er sich wie bei der Einrichtung der Heimatadresse auch manuell ermitteln und die App liefert zumindest für die Rufweite hinreichend genaue Resultate: Man teilt der Leitstelle also die Koordinaten mit und wenn die Einsatzkräfte vor Ort erscheinen kann man sich durch Rufen bemerkbar machen.


Routing kann man mit der App auch machen.

Nicht unerwähnt bleiben soll, dass W3W auch ein Routing bzw. eine Navigation ermöglicht; hierbei wird auf die Funktionalität von Google Maps zurück gegriffen. Mit dem Navi eines Autoherstellers ist das zwar in den meisten Fällen genauer, doch gerade bei Wander- oder Radtouren scheidet das ja aus naheliegenden Gründen aus – ein nettes Gimmick nebenbei …

Fazit, Vor- und Nachteile: Nachteilig an der App sind die Missweisung beim Betreten eines Funklochs und das „Stehenbleiben“ der Ortung auf dieser Missweisung. Das kann im Ernstfall böse Folgen nach sich ziehen. Hier sind die Entwickler gefordert, einen Hinweis auf aktuell fehlende Ortungsmöglichkeit zu schalten. Aufgrund dieses Mankos ist es unerlässlich, wenigstens halbwegs genau zu wissen, wo man sich gerade befindet. Auch werden mit 139MB Speicherbedarf gerade Handys mit relativ wenig Internspeicher u. U. schon überfordert sein (kommt auf die App-Bestückung des jeweiligen Handys an). Schön wäre es auch, wenn man die App abschalten könnte, denn in ihrer derzeitigen Form läuft sie im Hintergrund weiter und saugt den Akku leer (Abschalten geht nur über die „Einstellungen“ und „Beenden erzwingen“). Dann wäre noch erwähnenswert, dass die Entwickler offensichtlich selbst nicht so genau wissen, unter welchem Android und auf welchem Smartphone ihre App wirklich störungsfrei läuft – das muss der Anwender eben selbst ausprobieren. Bei mir mit einem Motorola Moto G30 gab es keinerlei Probleme. Vorteilig ist, dass bei bestehender Netzverbindung auch im unwegsamen Gelände fernab von Wohngegenden mit mehr als ausreichender Genauigkeit sicher Hilfe angefordert werden kann – und genau deswegen möchte ich auf die App auch nicht mehr verzichten!